Buchladen Männerschwarm

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Start Archiv "Der gute gleichgeschlechtliche Geschmack"

"Der gute gleichgeschlechtliche Geschmack"

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Christoph Dompke schreibt in sissy über die Geschichte des Männerschwarms

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Warum sich Pornos am Pferdemarkt grundsätzlich von Lesben in der Langen Reihe unterscheiden - die Geschichte des schwulen Buchladens "Männerschwarm"

In den alten Zeiten, in denen CSD's noch "Interschwul" geheißen haben und es noch um Freiheitskampf statt um Freßbuden ging, wurde 1981 in Hamburg der Buchladen Männerschwarm gegründet. Der Zusatz Laden, der inzwischen einen so altmodisch anmutenden Klang bekommen hat, war in Deutschland der Dernier cri als nach Freiheit gerufen wurde und es ist wissenschaftlich leider noch nicht erforscht, ob diese Bezeichnung in Anlehnung an den Tante-Emma-Laden entstand - schließlich arbeiteten Tanten auch in einer der Denkzentralen des Befreiungskampfes.


Seit der Gründung des Buchladens sind inzwischen fast dreißig Jahre vergangen und vielleicht müssen dem geneigten Leser einige Erklärungen an die Hand gegeben werden. Anfang der 1980er Jahre sah die schwule Landschaft in der Hansestadt folgendermaßen aus: Beliebte Bars hießen "Götterstuben" oder "Tante Tom's Hütte" und schenkten ihre geistvolle Getränke für hoffende Herzen in damals wenig vertrauenserweckenden Vierteln wie St. Georg aus und ein CSD war ein kleiner versprengter Haufen von Männern, Frauen und Fummeltanten, die von der Ordnungspolizei mit großem Geschick an allen heterosexuellen Hanseaten vorbeigelotst wurden.

In diesen Zeiten, lange bevor das Internet die Kommunikationsmöglichkeiten revolutionierte, hatte der Männerschwarm auf St. Pauli den klaren klassenpolitischen Auftrag die Kämpfer für Kultur, Körperbewußtsein, Freiheit und Freikörperkultur mit allem Nötigen zu versorgen. Er übernahm also durchaus die Funktion eines Tante-Emma-Ladens und offerierte ein umfassendes Sortiment zwischen Proust und Porno: Eindeutige Postkarten, um die Verwandten zu erschrecken, die Tagebücher von August von Platen, anhand derer literaturhistorisch Interessierte erkennen konnten, daß die Zeiten schon schlimmer gewesen waren und Gleitcreme für die schönen Stunden zu Zweit. Ach ja, damals gab es natürlich auch noch Betamax-Videokassetten für Männer, die gerne Gleitcreme benutzen wollten, aber keinen passenden Partner gefunden hatten.

All das wurde damals im Männerschwarm angeboten, Lebenshilfe für Verdrossene und Coming-Out-Hilfe für Verschreckte eingeschlossen. Ganz im Stil der Zeit wurden Kunden auch immer wieder kräftig angeraunzt - einige der männlichen Verkäuferinnen waren natürlich versteckte Show-Queens, die den Laden ganz einfach als Bühne nutzten. Alle diejenigen, die den alten Laden am Neuen Pferdemarkt noch gekannt haben, werden sich erinnern, daß eine Showtreppe direkt in das fliederliche Boudoir der Bildung führte. Doch auch die rosa Tauben wurden irgendwann müde und so wandelte sich der Männerschwarm vom Tante-Emma-Laden des Kampfes in einen modernen Medientempel für den guten gleichgeschlechtlichen Geschmack. Wie sich die Zeiten doch geändert haben: Heute gibt es im neuen Laden in der Langen Reihe statt einer Showtreppe einen rolltstuhlgerechten Eingang und mehr Lichteinheiten pro Quadratmeter - viele der Kunden sind schließlich mit dem Laden alt geworden. Statt der gesammelten Werke von Hanns-Henny Jahn verkaufen die klugen und kompetenten Kulturhändler inzwischen "The Adventures of a Lesbian College Schoolgirl". Inmitten des nunmehr florierenden Viertels St. Georg werden in der Langen Reihe immer noch Handreichungen für Heranwachsende angeboten, eindeutige Postkarten inzwischen von Hausfrauen und Grünen-Sympathisanten gekauft, die mal was richtig Freches verschicken wollen und nur Kinder unter 18 Jahren haben das Nachsehen und müssen draußen bleiben. Dabei gäbe es gerade für staunende Kinderaugen soviel zu entdecken... Auch wenn inzwischen der eine oder andere schwule Buchladen für immer in die interschwulen Jagdgründe eingegangen ist - der Männerschwarm hält auf gut hanseatische Art und Weise Kurs in der tosenden See auf- und untergehender kultureller Koordinaten. Nicht zuletzt mit dem Frauenschwarm, der Abteilung für Mädchen auf Abwegen und in Uniform. Es verhält sich mit dem Männerschwarm ähnlich wie mit der guten alten deutschen Braunkohle: Im Wandel beständig - durch Anpassung krisenfest.

Christoph Dompke
Christoph Dompke ist nicht nur als Damenimitator deutschlandweit bekannt (Emmi & Herr Willnowsky), sondern auch studierter Germanist und promovierter Musikwissenschaftler. Buchveröffentlichungen: "Alte Frauen in schlechten Filmen", "Das verdorbene Kind im Film" (beide vergriffen), "Unterhaltungsmusik und NS-Verfolgung" (erscheint 2010).