Buchladen Männerschwarm

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Archiv Porno und Foucault

Porno und Foucault

E-Mail Drucken PDF

Philip Eicker stellt in der aktuellen DU & ICH in einer "e-Mail aus Hamburg" den Männerschwarm vor.

 

Du & IchSeit fast 30 Jahren fischt der Buchladen Männerschwarm erfolgreich nach Literaturperlen.

 

Es gibt Fragen, auf die man nur in einem schwulen Buchladen eine Antwort bekommt. Eine Dame mittleren Alters betritt Männerschwarm in Hamburg, um eine einzige schlichte Frage zu stellen: Warum ist das neueste Werk von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ein schwules Buch? Schließlich liege es im Schaufenster. Volker Wuttke, einer der beiden Geschäftsführer, kann weiterhelfen: Gleich auf den ersten Seiten der "Atemschaukel" beschreibt Müller, wie ihre Romanfigur auf Cruising-Tour geht.

"In kaum einem Artikel wurde erwähnt, dass ihr Protagonist schwul ist", bedauert Volker, "Schwules wird in deutschen Feuilletons konsequent ausgeblendet." Einen "Denkfehler" vermutet Co-Geschäftsführer Hans-Jürgen Köster hinter dieser Ignoranz: "Schwule Themen gelten immer noch als so speziell, dass sie niemanden interessieren. Dabei geht es doch viel mehr um die Kunstfertigkeit, mit der ein Buch geschrieben wurde. Leute lesen ja auch Romane über Elfen, obwohl sie keine einzige kennen."

Seit 1981 kämpft Männerschwarm gegen diesen Denkfehler. Noch unter dem Eindruck des internationalen Homo-Treffens "Homolulu" 1979 in Frankfurt wurde im Juni 1981 ein Laden in St. Pauli eröffnet - pünktlich zum CSD, der damals noch "Stonewall" hieß. Hans-Jürgen erinnert sich an die Anfänge: "Männerschwarm hatte anfangs ein sehr intellektuelles Image, ganz nach dem Motto: Die gucken mich schief an, wenn ich statt Foucault einen Porno kaufe."

Längst sind solche Schwellenängste Vergangenheit. Spätestens 2002 mit dem Umzug in die Lange Reihe, Hamburgs unangefochtene Homo-Ausgehmeile, wurde aus dem alternativen "Buchladen" eine elegante Spezialbuchhandlung. Die Glasfront gewährt schon von außen einen Blick auf die gesamte Verkaufsfläche, aus Lampenschirmen in Altrosa fällt warmes Licht auf Tische aus dunklem Holz. In einer kleinen Sitzecke steht Kaffee für die Schmökernden bereit.

"Die Kunden wollen sehen, was es gibt und ganz ohne Beratung stöbern", berichtet Volker - ganz so, "wie sie es aus den großen Kulturkaufhäusern gewohnt sind. "Wenn es dort eine kompetente Abteilung für Schwule und Lesben gibt, ist unsere Zeit abgelaufen", sinniert Hans-Jürgen. Doch davon sind Thalia & Co. noch weit entfernt. Auch weil sie bestimmte Absatzmengen brauchen. Und die können schwullesbische Verlage - wie der aus dem Buchladen hervorgegangene Männerschwarm Verlag - nicht garantieren. "Also machen wir weiter", sagt Köster vergnügt.

Weitaus stärker spüren die Männerschwärmer die Online-Konkurrenz. Gerade der Pornomarkt schrumpft, der für Sexmagazine ist eingebrochen. "Seit dem letzten Halbjahr kommt so gut wie nichts mehr aus den USA." Dafür wächst mit "Frauenschwarm" das - nur selten pornografische - Angebot für Lesben. Bei allen Geschlechtern kann Männerschwarm beim Service punkten: "Wenn unsere Kunden einen Titel bei Amazon nicht finden, wissen wir weiter", sagt Hans-Jürgen.

Und vor allem: Männerschwarm hilft dabei, im gewaltigen Angebot der Verlage die Homo-Perlen herauszufischen. Und das ist im Jahr 2010 fast wieder so schwierig wie vor hundert Jahren: "Früher war das Schwule in der Literatur so maskiert, dass man es suchen musste", erzählt Hans-Jürgen. "Nur Eingeweihte durften Bescheid wissen." Seit Kurzem gäbe es wieder solche Romane, in die eine schwule Geschichte unauffällig eingebettet wird. "Aber das Schöne daran ist: Weil das Schwulsein einfach selbstverständlich ist."

 

Philip Eicker