Buchladen Männerschwarm

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Zwanzig Jahre schwuler Buchladen

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20 Jahre Buchladen Männerschwarm
Der Buchaden Männerschwarm wurde im Juni 1981 gegründet.
Was bedeuten "Zwanzig Jahre schwuler Buchladen" für Hamburg, für Hamburgs Schwule und für die Buchhändler im Männerschwarm?

Literatur:

Ein Anliegen der Ladengründer ist es gewesen, literarische Aufarbeitungen schwulen Lebens zugänglich zu machen. Das war vor zwanzig Jahren keine Selbstverständlichkeit und ist es auch heute noch nicht. Die Mehrzahl der Buchhändler in Deutschland versteht sich vom Angebot schwuler Literatur offenbar überfordert und stellt keine erkennbar homosexuellen Bücher ins Regal. Die einfache Begründung: "Unsere Kunden sind nicht homosexuell und interessieren sich nicht dafür." Traut sich ein Kunde dennoch, nach solchen Büchern zu fragen, können sie natürlich bestellt werden. Die Möglichkeit, sich vor dem Kauf einen Eindruck zu verschaffen oder sich gar beraten zu lassen, besteht auch nach zwanzig Jahren - von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen - nur in schwulen Buchläden wie dem Männerschwarm.

Literatur sollte den Zeitgenossen Auseinandersetzungen über alle Fragen des eigenen Lebens, über damit verbundene Sinnfragen und Konflikte sowie die Möglichkeit der Selbstverortung in einer vielfältigen Welt ermöglichen. Ein solches Verständnis würde ein gegenseitiges Interesse heterosexueller und homosexueller Menschen für die Teilwelten der jeweils anderen mit einschließen. "Schwule Literatur" ist insofern kein Gattungsbegriff irgend welcher Art, sondern lediglich eine Art Restkategorie, die den Kanon der ausschließlich heterosexuellen Gegenwartsliteratur um Aspekte des Alltags ergänzt, die sonst Scheuklappen zum Opfer fielen. Dieses Verständnis wird allerdings weder vom Buchhandel noch vom Feuilleton geteilt; beide sind hauptsächlich an Widerspiegelungen ihrer eigenen Lebensweise interessiert.

Hin und wieder erscheinen Bücher mit homosexuellen Motiven auch in bürgerlichen Verlagen. Dort setzen die Presseabteilungen alles daran, diesen Aspekt in der Buchankündigung und auf dem Klappentext unter den Teppich zu kehren. Der schwule Leser hat es nicht leicht, die Bücher zu finden, die ihn besonders interessieren könnten. Aus diesem Grund haben wir direkt nach der Gründung des Buchladens damit begonnen, in Kundenprospekten diejenigen Informationen nachzuliefern, die die Verlage für verkaufsschädigend halten. Später wurde gemeinsam mit Kollegen aus anderen Städten ein aufwändig gestalteter und redaktionell sorgfältig verfasster Katalog erstellt, der mehrmals im Jahr über Neuerscheinungen und auch ältere Titel informiert.

Darüber hinaus haben wir von 1987 bis 1992 die Literaturzeitschrift "Literatussi" herausgegeben, um vierteljährlich ausführlichere Kritiken schwuler Literatur und Features zu übergreifenden literarischen Themen zu veröffentlichen.

Seit 1993 lobt die Arbeitsgemeinschaft der Schwulen Buchläden regelmäßig den "Literaturpreis der Schwulen Buchläden" aus, der als Förderpreis jungen Autoren den Schritt zur ersten Veröffentlichung erleichtern will. Wir sind unzufrieden damit, dass der überwiegende Teil unseres Buchangebots aus Übersetzungen aus anderen Sprachen besteht; amerikanische Romane mögen unterhaltsam sein, haben mit schwulem Leben in Deutschland aber wohl nur wenig zu tun. Die vierte Preisverleihung fand im März 2000 im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe statt.

Den unmittelbaren Kontakt zwischen Leser und Autor haben wir durch zahllose Autorenlesungen hergestellt, die übrigens, ebenso wie Prospekte und Zeitschrift, ausschließlich aus den Mitteln des Ladens finanziert wurden. (In den letzten Jahren gelingt es hin und wieder, Fördermittel der Kulturbehörde einzuwerben.) Neben bekannten und unbekannten deutschen Autoren, darunter Felix Rexhausen, Detlev Meyer, Christoph Geiser, Walter Foelske, Wissenschaftlern wie Richard Isay, Rüdiger Lautmann, Martin Dannecker, Bernd-Ulrich Hergemöller und Kultstars wie Evelyn Künnecke und Lilo Wanders waren die wichtigsten ausländischen Autoren im Männerschwarm: Edmund White, David Leavitt, Tony Fennelly, Aldo Busi und viele andere.

Wir sind überzeugt, dass allein die räumliche Zusammenstellung der Literatur homosexueller Autoren aus allen Zeiten und Ländern, von Wissenschaft, Sachbuch, Kunst- und Fotobänden - insgesamt zirka 10 000 Titel - für schwule wie für interessierte heterosexuelle Besucher des Ladens eine äußerst spannende Angelegenheit ist. Bei der Lagerhaltung richten wir uns nach wie vor kaum nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten: Wichtige Bücher müssen nun einmal vorrätig sein, egal, wie oft sie sich verkaufen.

Schwules Leben




Video









CD

Bei gegebenem Anlass verlassen wir auch schon einmal die Räume des Buchladens, um mit Büchertischen unser Sortiment an den Mann zu bringen. Die letzte wirklich große Aktion dieser Art (neben den Kirchentagen) war unser Stand bei der Hans Henny Jahnn Tagung zu dessen einhundertsten Geburtstag. Wir dachten, dort auf Spezialisten zu treffen, die "schon alles kennen"; tatsächlich war die Nachfrage nach der zum Teil ausgefallenen und schwer zu beschaffenden Sekundärliteratur überwältigend.

Anfang der Neunzigerjahre haben wir eine Art "ständigen Büchertisch" auf der anderen Seite der Alster eingerichtet: unsere Buchabteilung im "Blendwerk" in der Langen Reihe 73. Da vielen Kunden der Weg zum Neuen Pferdemarkt offenbar zu weit ist, haben wir dort eine Buchabteilung mit zirka einem Zehntel unseres Sortiments aufgebaut, die überwiegend aus Neuerscheinungen und viel nachgefragten Büchern besteht. Obwohl dort keine Buchhändler arbeiten, wurde das Konzept von den Kunden sofort angenommen.

Seit fünf Jahren arbeiten wir daran, den Kernbereich unseres Sortiments auf EDV zu erfassen. Anlässlich unseres Jubiläums soll diese Bibliografie als Buch veröffentlicht werden.
Neuestes Projekt ist der Ausbau unseres Internetangebots. Unter dem Namen www.maennerschwarm.de existiert bereits ein vielfältiges Informationsangebot im Web, und zurzeit arbeiten wir verstärkt am Aufbau eines Webshops.
Seit 1992 hat sich aus dem Buchladen zudem der Verlag MännerschwarmSkript entwickelt, der inzwischen eine spannende Bibliothek deutschprachiger und internationaler Autoren publiziert hat. Um es kurz zu sagen: wir arbeiten an der Rundumversorgung schwulen Lesers.

Schwulenbewegung:

Die Schwulenbewegung orientierte sich in der Anfangszeit stark an der Frauenbewegung und teilte deren Anliegen, den eigenen Anteil an Kultur und Geschichte kennen zu lernen und für andere deutlich zu machen. Insofern war das Zusammentragen schwuler Kultur an einem Ort per se ein politisches Anliegen. Die linke Schwulenbewegung fand es normal, Klassiker wie Marcel Proust, Henry James, Thomas Mann und andere zu vereinnahmen; die eher bürgerlichen Kunden fanden es herabsetzend, dass wir solche Autoren zwischen hin und wieder durchaus explizit erotische neuere Literatur einreihen. Der Grundsatz, sämtliche Aspekte schwuler Kultur zu sammeln, unabhängig davon, ob sie einem gefällt oder nicht, ist bis heute für uns maßgeblich. Arno Breker und Ernst Röhm waren Nazis, aber homosexuell: sie gehören ins Regal. Für lange Zeit wurde eigens ein Regal für "Gift & Galle" gepflegt, das besonders schwulenfeindliche Literatur präsentierte, und im Aidsbereich stehen auch Abweichler wie Duesberg. Wer immer sich mit speziellen schwulen Themen beschäftigt, ob beruflich, privat oder zu Forschungszwecken, findet viele Bücher nur bei uns. Die Staatsbibliothek weist im Bereich (schwuler) Sexualwissenschaft offenbar einige Lücken auf.

Über diese privat finanzierte schwule Dokumentationsstätte hinaus, die in vielem über die üblichen Ansprüche an eine Buchhandlung hinausgeht, war der Laden auch immer wieder Treffpunkt für politische Gruppen, von CSD-Vorbereitung bis "Clause 28". Die Hamburger Aktionen gegen diese Verschärfung der Schwulenverfolgung in Großbritannien wurden maßgeblich von Mitarbeitern des Männerschwarm vorbereitet, und Ende der 80er-Jahre wurde ein CSD vom Männerschwarm organisiert.

Für auswärtige Schwule ist der Buchladen nach wie vor erster Anlaufpunkt, um sich über schwules Leben in Hamburg zu informieren, und neben unserer Arbeit leisten wir Beratungsgespräche jeder Art. Besonders deutlich wurde das mit Ausbruch der Aidskrise, als viele Menschen sich nicht in die expliziten Beratungsstellen trauten. Junge Schwule holen sich nach wie vor Rat beim Coming-out, und sicherlich hat auch manches Coming-out als Transe oder Lederkerl im Buchladen stattgefunden.

Die zunehmende Akzeptanz schwulen Lebens Ende der 80er-Jahre führte dazu, dass unliebsame Randgruppen auch von den Schwulen ausgegrenzt wurden. Das betrifft vor allem die Pädophilen. Abgesehen von Ärger mit der Staatsanwaltschaft wollen auch viele Schwule mit den "Säuen" nichts zu tun haben, und kritisieren uns dafür, dass wir nach wie vor auch Literatur für Pädophile anbieten. Wir sind der Meinung, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt sein müsste, und reizen diesen Spielraum so weit als möglich aus. Tatsächlich wurden wir deshalb von einem schwulen Kunden angezeigt; nur dumm, dass die Polizisten nichts finden konnten, was gegen gesetzliche Vorschriften verstieß. Bei anderen Anlässen kamen wir weniger glimpflich davon. Die Auslegung der rechtlichen Vorschriften ist leider nur wenig eindeutig und hängt zum guten Teil von der Tageslaune eines Richters ab. - Ähnliches gilt für Literatur zum Thema SM.

Im Angebot des Männerschwarm nimmt (Unterhaltungs-)Literatur inzwischen den weitaus größten Raum ein. Statt Sachbücher und wissenschaftliche Literatur werden zunehmend auch Videos und CDs nachgefragt. Insofern sind wir von der selben Entwicklung betroffen, die aus CSD-Demonstrationen "Paraden" gemacht hat. Ob man diese Entwicklung als Ausdruck von größerer Selbstverständlichkeit des schwulen Lifestyles oder im Gegenteil von Entpolitisierung der "Konsumhuschen" sehen will, wird wohl umstritten bleiben. Tatsache ist: der Buchladen wird heute von vielen als Servicepoint gesehen und genutzt, und das kommt unserem Verständnis sehr entgegen. In erster Linie geht es uns immer darum, einen kompetenten, eigentlich altmodischen Buchladen zu betreiben, der Kunden nicht mit oberflächlichen und falschen Auskünften abwimmelt, wie es in der Branche leider immer öfter vorkommt, sondern sich dahinter klemmt, wirklich jedes gewünschte Buch aufzutreiben.

Schwules Geld:

Von gastronomischen Betrieben einmal abgesehen war der Männerschwarm die erste "schwule Firma" in Hamburg. Der Buchladen wurde 1981 entsprechend dem Zeitgeist als Schwules Projekt gegründet und ist dementsprechend als GmbH organisiert: Alle Mitarbeiter sollen auch Mitinhaber sein (das heißt dann Gesellschaftergeschäftsführer). Selbst die strenge linke Szene behandelte uns dennoch wie eine Schwulengruppe, und das mit Recht.

Als sich Anfang der 90er-Jahre immer mehr schwule Firmen gründeten, kam diese eigentlich ganz einfache Weltanschauung in die Schieflage: Der Hinnerk und andere Werbeträger schickten uns Anzeigenacquisen, in denen die Vorzüge homosexueller Männer als Konsumenten von was-weiß-ich gepriesen wurden, und wir haben uns gefragt: "Wollen die uns veräppeln?" Wir mussten uns daran gewöhnen, als "Wirtschafts-unternehmen" gesehen zu werden, nachdem wir Jahr für Jahr froh gewesen sind, überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen. Wir hatten kleine Initiativen durch Anzeigen in ihren Broschüren unterstützt, und jetzt sollten wir als Sponsoren auftreten. Nach einigem Überlegen haben wir uns entschieden, dass viel eher wir selbst einen Sponsoren bräuchten, und lehnen solche Ansinnen mit freundlichen Worten ab.

In gewisser Weise sind wir also ein Gegenmodell zur aktuellen Thematisierung von "Schwulem Geld": Dort sollen "Homogewinnler" Geld in die Szene zurückfließen lassen, die allerdings ohnehin öffentlich subventioniert ist (oder haben wir da jemanden übersehen? ich glaube nicht). Der Männerschwarm kombiniert diese beiden Aspekte in sich selbst: Erträge aus Bestsellern werden gleich in andere, weniger gut verkäufliche Bücher oder "unrentable" Projekte wie Literatussi, Autorenlesungen etc. gesteckt. Das hat dazu geführt, dass das Finanzamt noch nie viel Geld von uns bekommen hat.

Der Männerschwarm ist zurzeit der einzige schwule Buchladen in Deutschland, der ausschließlich mit eigenen Mitteln gegründet wurde und betrieben wird. Aus eigener Lust und Laune bieten wir den daran interessierten Kunden ein Stück Infrastruktur und bedienen uns dabei kräftig der beliebten Selbstausbeutung. Wer wissen will, wie sich ein streng betriebswirtschaftlich betriebener Buchladen von uns unterscheidet, kann sich in Berlin und Köln die Läden von Bruno Gmünder anschauen. Wir sind überzeugt, dass es für schwule Buch-/Video-/CD-Käufer keine gescheite Alternative zum Männerschwarm gibt, und viele Kunden wissen das auch immer wieder zu würdigen. Dass wir darüber hinaus auf die vielen Kunden angewiesen sind, die auch ihre Fachliteratur und Geschenke für die Eltern bei uns kaufen, wollen wir allerdings auf keinen Fall verheimlichen. Wir hoffen, dass das lange so bleibt, damit wir keine englischen oder amerikanischen Zustände bekommen, wo zwar die großen Ladenketten schwule Regale anbieten, in denen aber überall die gleichen hundert Mainstream-Titel zu finden sind.

Biografien:

Eine Menge Leute haben im Männerschwarm gearbeitet. Der Buchladen wurde von Dieter Telge und Henning Rademacher gegründet. Dieter Telge ist anschließend in die Aidsarbeit gewechselt, war Abgeordneter der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und ist heute Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Berliner Aidshilfen. Henning Rademacher entdeckte sein Interesse für den Hamburger Hafen und leitet heute das private Speicherstadtmuseum. Andere Kollegen wurden Buchhalter, Krankenschwestern, Buddhisten oder wanderten in den IT-Bereich. Man sieht also: wir sind Menschen wie du und ich. Vor dem Männerschwarm waren sie Schuhverkäufer, Studenten, Kellner, Seefahrer und vieles mehr. Manche suchten ganz einfach einen schwulen Arbeitsplatz. Später stellte sich dann heraus, dass Buchladen nicht gerade das war, was sie wollten. Andere waren vom Stress überfordert oder konnten ganz einfach von unseren Gehältern nicht leben.

Seit 1992 bilden wir aus, momentan ist der vierte Auszubildende in Arbeit. Zwei der Vorgänger sind zumindest für einige Zeit bei uns geblieben, Tobias Völker ist nach einem Abstecher zum Buchladen "Gay's the Word" in London wieder zu uns zurückgekehrt.

Die heutigen Buchhändler sind Joachim Bartholomae (Jg. 1956) seit 1985, Hans-Jürgen Köster (Jg. 1958) seit 1986, Tobias Völker (Jg. 1967), 1992-1997 und seit 2000, und das Nesthäkchen André Prange (Jg. 1972) seit 2000. Seit dem Jahreswechsel ist Detlef Grumbach (Jg. 1955), der bisher nur im Verlag mitgearbeitet hat, auch Gesellschafter des Buchladens. Weiteres im Who is who auf diesen Seiten.

Wir hoffen, dass es uns gelingen wird, den Männerschwarm unbeschadet durchs Internetzeitalter in eine abwechslungsreiche Zukunft zu führen.

 

Kommentare  

 
0 #1 RE: Zwanzig Jahre schwuler Buchladendieter telge 2011-08-18 07:56
schöner text - aber die biografischen angaben müssten mal aktualisiert werden...
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