Olympia Press wiederbelebt

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Im Winter 2010/2011 startet die Olympia Press neu mit sechs Titeln.

Bis in die siebziger Jahre stand der Name "Olympia Press" fast als Synonym für anspruchsvolle Einhandliteratur, sowohl heterosexuellen als auch schwulen Inhalts. Der Verlag wurde von Maurice Girodias 1953 in Paris gegründet. Er veröffentlichte als erster Samuel Becketts Romane, William S.Burroughs Naked Lunch, Junkie und Soft Machine, Vladimir Nabokovs Lolita, Jean Genet wurde ins Englische übersetzt und Raymond Queneaus Zazie in der Metro. Der deutsche "Ableger" wurde von Jörg Schröder 1969 gegründet und die Erotikbücher brachten das Geld, um den literarisch und politisch anspruchsvollen März Verlag zu finanzieren.

Maurice Girodias war ein Sohn des Schriftstellers und Verlegers Jack Kahane, der in den 1930er Jahren in seiner Obelisk Press Henry Miller, Anais Nin oder Lawrence Durrell, aber auch weniger ambitionierte Erotika (und sich selbst) verlegt hatte. Vater und Sohn gaben der in Paris lebenden amerikanischen Künstlerkolonie Publikationsmöglichkeiten. Als Kunden hatten sie dabei in erster Linie amerikanische und englische Touristen im Auge; die dünnen grünen Reisebegleiter der Traveller's Compagnion Series konnten leicht im Reisegepäck versteckt werden.

Als die harten Zensurbestimmungen in den USA gelockert wurden, ging Girodias zurück in die USA, wo er als Verleger noch bis 1974 arbeitete; bald darauf beendete auch der deutsche Olympia Press Verlag seine Tätigkeit. Die deutsche Olympia Press veröffentlichte bis dahin Übersetzungen aus dem englischen Programm, aber auch viele Originalausgaben. Zu den Originalausgaben zählten u.a. Stefan Davids "Berührungen", die vor nicht allzu langer Zeit in der Bibliothek rosa Winkel bei Männerschwarm wiederöffentlicht wurden - diesmal nicht pseudonym, sondern unter dem wirklichen Namen des Verfassers, Felix Rexhausen.

Mehr Infos zum Titel Berührungen bei gaybooks.

Als Girodias in die USA zurückkehrte, nahm er nicht seine gesamten Lagerbestände mit; in Pariser Kellern schlummerte noch mancher Schatz. So waren die schwulen Buchläden in den 80ern mehr als erfreut, als in einem dieser Keller etliche Kisten der deutschen Erstausgabe von Jean Genets Roman Querelle auftauchten, die 1958 bei Olympia Press (!) erschienen ist. Wir haben uns die Reste gesichert und dann damals für 10 Mark "verscherbelt". Wir hätten's wissen können: Die Erstausgabe wird heute zu Preisen von 170 EUR gehandelt.

sookeyNachdem die englischen Titel mittlerweile als eBook wieder verfügbar sind, startet im Herbst auch die deutsche Olympia-Press mit einem neuen (alten) Programm, sechs Titel sind für die erste Auslieferung vorgesehen, darunter de Sades Philosophie im Boudoir und Angelo d'Arcangelos Roman Sookey und die anderen. Dieser erschien zusammen mit einem humoristischen Handbuch für Schwule von d'Arcangelo 1969 in der englischen Traveller's-Companion-Reihe und 1970 erstmals auf Deutsch in der Lavendel Reihe der Olympia Press.

"Dieses Haus hier in Cherry Grove, das ich gemietet habe, ist für mich ganz nach Maß. Von ihm aus kann man fast alles übersehen - nur: es hat keinen Namen. Vielleicht war es der Umstand, der mich dazu bewogen hat, es zu nehmen; vielleicht war es auch die verrückte, reizvolle Vorstellung, hier, mitten auf dem berühmtesten Homosexuellen-Sammelplatz der Welt, einen Unterschlupf gefunden zu haben. Cherry Grove ist im Hochsommer, selbst in dieser schlechten Saison noch, bei bewölktem Himmel und schwülen Temperaturen, ein Hafen voll sonnengebräuntem Fleisch (mit einigen "marmornen" Ausnahmen), mit viel Tanzvergnügen, Lachen, Alkohol und jeder Menge Sex. Überall." (Klappentext)

Angelo d'Arcangelo
Sookey und die anderen
Gebunden, 224 S., 19,95 EUR

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