Stadtschreiber

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Ob Krimi oder Architektenbiografie: Hamburgs Homogeschichte inspiriert die Buchautoren

Noch vor wenigen Jahren blickten Hamburger Schwule und Lesben neidvoll nach Berlin, München oder Köln, wo regelmäßig Bücher und Broschüren zur schwulen und lesbischen Geschichte publiziert wurden und die Szene engagiert Lücken in der Geschichtsschreibung ihrer eigenen Stadt schloss. In Hamburg: Fehlanzeige.

Doch dann brachten Bernhard Rosenkranz und Gottfried Lorenz ihren Band zur Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt heraus (Hamburg auf anderen Wegen, 2005, kartoniert, 382 Seiten, 29,80 EUR) und alle Türen standen offen. Das erste Werk der beiden Autoren bot ein Kaleidoskop von geradezu Erstaunlichem und Unbekanntem aus 80 Jahren schwuler Geschichte der Elbmetropole.

In ihrem zweiten Buch, gemeinsam mit Ulf Bollmann, widmeten sie sich der Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969 (2009, kartoniert, 314 Seiten, 24,80 EUR) und brachten damit nicht nur den ersten Gesamtüberblick über die Homosexuellenverfolgung in einer deutschen Großstadt von der Weimarer Republik bis zur
Liberalisierung 1969 heraus, sondern beleuchteten erstmals ausführlich die Situation lesbischer Frauen in dieser Zeit.

In der Zwischenzeit erschien das von einer Vielzahl von Autoren zusammengetragene Stadtbuch für Schwule Hamburg mit anderen Augen (2007, Broschur, 256 Seiten, 6,50 EUR), das schwules Lebensgefühl der Hansestadt mit Geschichte und Szenebeschreibung verbindet, von Stephen Spender bis zum "geilsten Fußballclub der Welt". Und seitdem folgen Veröffentlichungen Schlag auf Schlag.

Was in Biographien von Künstlern, Literaten usw. längst Standard war und notwendig um das Werk zu begreifen, war in der Architektur bis vor kurzem tabu: das Thema Homosexualität. Wolfgang Voigt brach es in einer Veröffentlichung über die Stadtbauräte von Altona und Hamburg in den 20er Jahren, Gustav Oelsner und Fritz Schumacher. Beide waren Junggesellen mit absolut verdecktem Privatleben, Oelsner war schwul. Sie waren kein Paar, pflegten aber eine fürsorgevolle Freundschaft (in Burcu Dogramaci (Hg.), Gustav Oelsner. Stadtplaner und Architekt der Moderne, 2008, Broschur, 199 Seiten, 24,90 EUR).

Gottfried Lorenz setzte sich mit der Legende (?) Hamburg als Homosexuellenhauptstadt der 1950er Jahre auseinander (in Pretzel/ Weiß (Hg.), Ohnmacht und Aufbegehren,
kartoniert, 248 Seiten, 20 EUR) und Robert Brack verarbeitete einen historischen Kriminalfall der 30er Jahre und damit ein Stück vergessener Hamburger Frauen- und lesbischer Geschichte zu einem spannenden Krimi (Und das Meer gab seine Toten wieder, 2008, Taschenbuch, 247 Seiten, 7,95 EUR).

Nicht zu vergessen: Chris Lambertsens Fotochronik zu 30 Jahren CSD in Hamburg, Schwul-lesbische Sichtbarkeit (2011, broschiert, 190 Seiten, 24,00 EUR), die erst vor einigen Wochen erschien, und das von Dorothée von Diepenbroick und Skadi Loist herausgegeben
Buch zu 20 Jahren Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg (bild:schön, 2009, broschiert, 352 Seiten, 24,00 EUR). Beide spannen einen Bogen von den Anfängen lesbisch-schwuler Bewegung bis zur vielfältigen queeren Szene der Gegenwart.

All diese Bücher sind überaus lesenswert - das Fazit also: Hamburg ist in Sachen lesbisch-schwuler Geschichtsschreibung eine Perle.

Der Artikel erschien im pride magazin zum Christopher Street Day Hamburg 2011.