hinnerk beschützt Hamburger Schwule vor Tony Duvert

Drucken

hinnerkEin seltener Fall: Nachdem der Hamburger Monatsanzeiger "Hinnerk" die Besprechung des Romans "Als Jonathan starb" abgelehnt hat, wollte der Verlag das Buch durch die Schaltung einer Anzeige im Heft bewerben, einer Anzeige, die den Text einer für die Arbeitsgemeinschaft Schwuler Monatsblätter geschriebenen, aber nicht gedruckten Rezension verwendet. Nachdem die Anzeigenschaltung rechtsgültig vereinbart war, weigerte sich der Herausgeber, die vom Verlag gelieferte Anzeige abzudrucken und auch, die Gestaltungskosten dieser Anzeige zu übernehmen. Als Begründung wurde angeführt, manche Leser des "Hinnerk" würden auf jede Auseinandersetzung mit Pädophilie im Heft wütend reagieren. Wenn man bedenkt, dass das Blatt von seinen Anzeigenkunden, und nicht von seinen Lesern finanziert wird, wundert man sich über diesen Mangel an Zivilcourage.

Hier der Text der Besprechung:


Eine unmögliche Liebe: Als Jonathan starb

Diese Neuübersetzung des 1978 in Frankreich erschienenen Romans polarisiert. "Als Jonathan starb" ist ein Roman, der nur in den 1970er Jahren geschrieben werden konnte, als man noch Dinge denken und schreiben durfte, für die man heute an den Pranger gestellt würde oder schlimmeres: Die Geschichte der unschuldigen Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem achtjährigen Jungen. Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht. Vielleicht gerade deshalb. Explizit, aber weder schlüpfrig noch voyeuristisch.


"Als Jonathan starb" ist kein Plädoyer für Pädophilie - im Gegenteil, Jonathan ist sich aller Fragwürdigkeiten vollkommen bewusst. Was auf dem Spiel steht ist vielmehr die Ganzheit und die Reinheit dieser Freundschaft. Ganzheit, weil Körperlichkeit selbstverständlich zur Nähe dazu gehört, und Reinheit, weil sie das Bild des Autors vom Kind zentral prägt: "Alle Kinder sind Menschen. Wenige Erwachsenen bleiben es." So sind vielleicht die atemberaubendsten Szenen des Buches jene, wenn Serge mit einer schmutzigen Gier auf Jonathan zugeht, ihn quasi vergewaltigt - und Jonathan seinerseits für das Kind "nur Ort, Fleisch, Spiegel" sein will. Abstruse Konstruktionen eines kranken Pädohirns, höre ich jetzt, ein Jahrtausend später, die PsychologInnenriege aufschreien - aber ich rate allen, denen es gelingt, die Schere im Kopf für 220 Seiten mal geschlossen zu halten (und das ist zugegebener Maßen nicht immer leicht), das Buch einfach mal zu lesen. Man mag das Buch kopfschüttelnd ablehnen, man mag es goutieren oder preisen. Man kann es aber auch ganz einfach lesen mit der Neugier dessen, der auch in Zeiten von Odenwaldschul-Bashing und Mirko-Tragödien den Atem anhält beim Lesen einer Geschichte, für die das André Heller-Zitat gesprochen scheint: "Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt!" rgk

Tony Duvert, Als Jonathan starb. Gebunden, 224 Seiten, 19,00 EUR.

Joachim Bartholomae auf schwule-literatur.de