Die Sehnsucht nach dem Freund fürs Leben
Mit 35 Jahren und zurückweichendem Haaransatz ist Carl ein alter Hase in der schwulen Szene. Auch wenn die Sehnsucht nach der großen Liebe nicht totzukriegen ist, stellt sich ihm hartnäckig die Frage, welchen Preis er für das traute Beisammensein zu zahlen bereit ist. Als er den charmanten François trifft, bekommt diese Frage unverhoffte Aktualität.
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"In Hamburg ist Sex haben wirklich weniger aufwendig als Pfandflaschen wegzubringen. Im Grunde reicht es, die Tür aufzumachen und die Zunge rauszustrecken." Daran liegt es also nicht, daß Carl sich irgendwie unausgefüllt fühlt. Was fehlt, ist nicht Sex, sondern Liebe. Aber diese Leerstelle in seinem Leben fällt ihm erst auf, als es da diesen François gibt, der sie ausfüllt. Ein junger Franzose auf Besuch in der Hansestadt, der Carls Leben auf beruhigende Art und Weise ins Wanken bringt, und sein Davor, zwischen Designermöbeln, Funktelefon, Laptop und Philipp-Starck-Lampen wenigstens für einen Moment infrage stellt.
Da lag Carl noch mit nervöser Unruhe im Bett, „weil ich heute zu wenig gemacht habe, noch nicht einmal einen Freund fürs Leben oder die nächsten zwei Wochen gefunden". Während auf der Straße, kaum aus dem Haus hinausgetreten, die Bürgersteige aussehen „als hätten alle Sportstudenten auf einmal Vorlesungsschluß, …als würde Joop für eine neue Fotoproduktion casten". Lag da und sinnierte. Ein Mann von 35 Jahren auf dem besten Wege zur Midlife-crisis. Langeweile sei das falsche Wort. Floating klingt moderner. Sich treibenlassen, sagt Carl, als sei das ein neuer Trend.
Victor Aadlon schreibt mit einem Ton, der von der ersten Seite an überzeugt, unterhält und den Leser bei der Stange hält. Dabei erweist sich der 35jährige Hamburger nicht nur als souveräner Erzähler, sondern liefert mit „Alles im Fluß" das sicherlich überraschendste und gelungenste Debüt des schwulen Bücherherbstes in diesem Jahr. Mit cooler Nonchalance läßt er seinen Anti-Helden aus seinem Leben erzählen, mit feiner Ironie: ein salopper Plauderton, der unaufdringlich den Zeitgeist unserer 90er Jahre widerspiegelt und die Leere dieses Yuppie-Lebens jenseits der Designerlabels, Trends und Moden offenbart.
Denn hinter der unterhaltsam und witzig erzählten, lässigen Lebensart zeigt sich bald die Melancholie und unerfüllte Liebessehnsucht eines Mannes, der sich ja eigentlich ganz glücklich und zufrieden fühlt.
François könnte die entscheidende Wendung in seinem Leben bringen. Mal nicht „diese Drei/Vier-Wochen-Beziehungen" und „danach immer dasselbe miese durchschnittliche Gefühl, daß es wieder nicht geklappt hat". Carl ist verliebt, und François ein Glücksfall. Mit der grenzenlosen Naivität eines Teenagers stürzt er sich in die Beziehung, fährt nach Paris, und traut doch der Sache selbst nicht so ganz: „Wie lange wird es dauern, bis nur noch einmal am Tag das Telefon klingelt und man sich nachlässig nach dem Befinden des anderen erkundigt? Bis aus der selbstverständlichen Gewohnheit ein Zwang wird? Und dann Schluß, wie immer? Das geht schon zu lange gut. Und man kann ja nicht die ganze Zeit nur glücklich sein. Oder doch?"
Knappe 190 Seiten dauert Carls Liebesglück vom ersten Blick bis zum letzten Abschied. Dann wartet schon ein Neuer in der Stammkneipe in Hamburg darauf, angesprochen zu werden. Eben „Alles im Fluß".
Axel Schock in "Hinnerk"
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