Leuchtzeichen aus der Vergangenheit
Wenn ein erfolgreicher Werbemann plötzlich Pause macht und die Orte und Personen seiner Kindheit besucht, dann stimmt etwas nicht. Carl macht sich auf den Weg in die Vergangenheit, trifft Jugendfreunde, Großmutter und Mutter, schließlich sogar den gehassten Vater. Doch in dieser "Rückblende" ist heute nichts mehr so, wie es damals war. Carl findet nicht das, was er gesucht hat. Schließlich verlässt er die schicke Wohnung in Hamburg und versucht etwas vollkommen Neues.
Mit der Schilderung dieser Reise in die Vergangenheit erzählt Aadlon eine in vielem typische Biografie der 1960er Generation. Der Roman entfaltet sich vor einem Hintergrund aus genau beobachteten, bezeichnenden Details und ist von Figuren bevölkert, die so eigentümlich, verschroben und liebenswert sind, dass man gern ein Teil dieser Welt werden möchte.
Das sind farbige Leuchtzeichen aus der Vergangenheit, das ist Stillstand, das ist die Hoffnung auf eine hellere Zukunft, ein glücklicheres Miteinander.
Walter Foelske über die Originalausgabe in Queer
In knapper Sprache, die durchaus Witz zulässt, erzählt der Autor von einer Findung. Schön.
Mario Reinthaaler in XTRA
PROVINZ
Er schwingt hinüber in den Schlaf.
In der Dämmerung eines Halbschlafes wird er hören, wie das Haus mit Oma und ihren Gewohnheiten langsam aufwacht, die Fensterläden, die Kaffeemühle, Stimmen, wenn es Samstag ist und Onkel Jochen zum Frühstück kommt. Es ist nicht Samstag, als er aufwacht. Es ist hell.
Es ist sogar ungewöhnlich hell. Er legt sich von der Seite auf den Rücken und schaut zum Fenster. Jetzt müsste er eigentlich die Wipfel der Zwillingsbäume in Nachbars Garten sehen. Es sind Nadelbäume. Aber er sieht sie nicht. Er steht auf und geht ans Fenster. Es sind keine Nadelbäume. Es sind nur noch zwei kurz abgesägte Baumstümpfe.
Er lässt sich auf einen Stuhl fallen. In Nachbars Garten, früher verwildert, hat sich viel verändert und nichts zum Besseren. Auf seinem nächsten Album wird David Bowie "All the pretty things are going to hell" singen und Recht haben. Sie verschwinden, wie die Zwillingsbäume, wie sein Lieblings-Wienerwald in Hamburg am Eppendorfer Baum, der jetzt ein "Fast-food-chicken-to-take-away" ist.
Nicht nur die Nadelbäume sind weg, auch der knarzige, alte Birnbaum, der das Fenster auf der rechten Seite eingerahmt hat. Vom alten Nussbaum sind große Äste abgebrochen und hängen hinunter, quer über dem verrosteten Gestänge einer alten Hollywood-Schaukel. Wenn das, was er da sieht, zu irgendwas auf der Welt der diametrale Gegensatz ist, dann zu Hollywood. Ein paar hohe Ziergräser stehen vertrocknet in die Luft. Mehrere Haufen mit Verbundsteinen sind auf der braungrünen Wiese verstreut, aufgelockert durch alte Autoreifen, eine zerbrochene alte Fensterscheibe, von deren Rahmen der Lack abblättert. Es sieht aus wie "Trailer-park-heaven". Über diese Tundra hinweg sieht man auf die Rückseiten anderer umgebauter alter Bauernhäuser. Die Fenster sind zugemauert und schlecht verputzt, oder durch Glasbausteine ersetzt. In den Hinterhöfen Schuppen aus alten Latten und Plastikfolie. Die einzige Farbe liegt auf windschiefen Gestellen mit Kinderschaukeln und Babyrutschen, umgefallenen Gartenstühlen, die kleineren Modelle in bunt für die bis zu Sechsjährigen, einem luftleeren Ball, zwei azurblauen Muscheln als Sandkästen, in denen jetzt das Wasser steht.
Kurz, eine Stimmung wie bei Al Bundy mit Familie auf Sozialhilfe.
Er kommt sich alt vor und schiebt eine Hand vorne in die Unterhose, hat aber gerade kein Sofa mit Fernseher und weder zwei Kinder mit Hund noch eine rothaarige, hochtoupierte Ehefrau zur Hand.
Er ist alt.
Er zieht sich an, sucht und findet Mutters Autoschlüssel auf dem Schuhschränkchen und stiehlt sich aus dem Haus, ungewaschen, mit ungeputzten Zähnen. Wenn man zu McDonald's frühstücken geht, braucht man das nicht. Es ist seine McDonald's-Frühstücks-Premiere. Wenn schon, denn schon das ganze Programm.
In der kleinen Kreisstadt gibt es jetzt auch einen McDonald's an der Einfahrt zur Schnellstraße, und der ist brechend voll. Aus irgendeinem Grund bekommt er sogar um zwei Uhr nachmittags noch Frühstück; Tee, Croissants, Marmelade. Vielleicht der Vorzug, den man hat, wenn man immer noch den Dialekt dieser Gegend spricht und einen doch niemand kennt.
Kinder rutschen draußen auf der kalten Rutsche. Die Eltern sind froh, dass sie ihre Ruhe haben. Aber bald werden die Kleinen mit nassen Hosen von der feuchten Rutsche wiederkommen und greinen. Zu kurz gedacht.
McDonald's scheint alle seine Räume so ausleuchten zu wollen, dass es keine Schatten gibt, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Alles passiert nur jetzt, in Echtzeit, sofort.
Als er zurückkommt liegt das Haus seltsam ruhig, Mittagsschlaf.
Oma ruht wahrscheinlich sitzend in ihrem Lieblingssessel, die überkreuzten Bügel der Brille in der Hand, den Kopf zur Seite geneigt, vielleicht schnarcht sie sogar ein bisschen und "gommt", wie sie es nennt.
Aber noch während er über den Hof läuft, sieht er, wie sich der Vorhang am Fenster links neben der Tür bewegt.
Omas Wohnzimmer.
Dass sie jetzt da steht ist nicht nur Neugier, mehr Fürsorge, um zu wissen, was mit einem los ist, damit man helfen kann, wenn's drauf ankommt.
Er schaut kurz zu ihr hinein, wie sie da am Fenster steht, mit der Strickjacke über der Schulter, und irgendwie geschäftig tut, als hätte sie gerade die Blumen gießen wollen, oder die Heizung höher stellen.
Und wie sie ihn vor allem nur anschaut und nichts fragt.
Sie schaut wieder zum Fenster hinaus, hinunter zur Bushaltestelle gegenüber.
"Weißt du, ich kenne bald niemanden mehr. Ich steh so oft hier und schau, wer mit dem Bus fährt, und ich kenn die Leute nicht mehr, ich seh nur noch Gestalten."
Er geht hinauf, legt sich aufs Bett zum Lesen und kann sich nicht konzentrieren. Er steht auf, geht hinüber zum alten Schrank, öffnet die Türen, zieht die Schubladen auf, und plötzlich wehen ihm Erinnerungen seiner Kindheit entgegen. Er fängt an, die Schachteln und Kisten herauszuräumen, auf den Boden rings um sich zu stellen, er will etwas zusammensetzen aus dem Mosaik seiner Erinnerungen.
Seine alten Spielsachen, die alten Legos, die Matchbox-Autos, die ganzen Schachteln und Schächtelchen; sein altes Briefmarkenalbum. Von allen Briefen und Postkarten wurden die Marken ausgeschnitten, Mutter brachte noch Kuverts aus dem Büro mit, und alle paar Wochen wurde mit Opa zusammen ein Nachmittag lang mit einer Schüssel voll Wasser und alten Zeitungen zum Trocknen die Zeit vertrieben.
Die werden bestimmt mal viel wert.
Ein Kistchen mit kleinen Kieselsteinen: Er entsinnt sich sogar noch an einzelne Namen, die er ihnen als Kind gegeben hatte, Tigerlily, Peter Pan; im nächsten stapelweise alte Postkarten, Eintrittskarten, Kinokarten, auf deren Rückseite Film und Datum notiert ist, Zugbillets, Heftchen für Rabattmarken, dann kleine Schildchen, mit Namen und Bildern von Städten im Allgäu, die waren als Beschläge für den Wanderstock gedacht, die Nägelchen extra in einer kleinen Plastiktüte ...
Es waren noch die ersten Jahreswagen ohne Schiebedach. Die Scheiben konnte man nicht runterdrehen, weil dann Mutter Kopfweh bekam, und der Lüftungsventilator wurde nicht eingeschaltet, weil er so laut war. Es waren Passstraßen mit engen Kurven.
Die Männer, Opa und Vater, sitzen vorne. Hinten sitzen die Frauen; Oma, Mama und er.
Oma hat soeben nach langem Kramen in ihrer Handtasche endlich das Spitzentaschentuch und dieses ominöse Fläschchen gefunden und fängt an, sich mit kölnisch Wasser zu besprengen.
"Hach, das erfrischt. Willst du auch mal?"
Zu spät, das Kind bekommt schon den vollen Schwall ab, indem ihm zärtlich aber bestimmt das getränkte Taschentuch wie zur Anästhesie vor Mund und Nase gedrückt wird. Opa keucht auch schon.
Mutter ist moderner, hat den Tosca-Eis-Stift - der stinkt zusätzlich noch nach Minze - und seift sich damit ein.
Der Duft tanzt durch die Luft wie ein Sonnenstrahl durch den dunklen Dachboden einer Kindheit.
Ihm wird noch jetzt fast übel.
Er kniet auf dem Boden, inmitten dieses seltsamen Archivs, alles fein säuberlich geordnet, mit Bändchen drum oder in Kartons geschichtet, als wäre es der auskristallisierte Wunsch nach einer geordneten Vergangenheit, wie es sie für ihn einfach nicht gegeben hat. Was hat er früher eigentlich nicht gesammelt? Eine kleine Figur von Eduscho fällt ihm in die Hand. Usch, für sie hatte er Oma vor dreißig Jahren überredet, den Kaffee nicht mehr bei Tchibo zu kaufen, sondern eine neue Sorte zu probieren. Allerdings fehlen Ed und O, die hat er letztes Jahr auf dem Flohmarkt verkauft.
Scheiße.
Keine Erinnerung ohne Verlust.
Er wird langsam schrullig. Kein Wunder, dies war früher auch das Zimmer seines kauzigen Urgroßvaters.
In der letzten Schublade ganz hinten unten, ein altes Fotoalbum. Daran hat er überhaupt nicht mehr gedacht.
Schöne Zeiten im Allgäu oder in Tirol, Vaters erster Trachtenanzug und der Sohn in entzückender Lederhose, mit rot-weiß-kariertem Hemd, Filzhütchen, Stricksocken und Wadenschonern mit Edelweißstickereien und diesen Schuhen, die auf der Seite zugebunden werden ...
Haferlschuhe
... Also kurz: sportlich und damenhaft zugleich. Oma im Dirndl und Mutter in lila Strickhotpants und Schmetterlingsoberteil, Opa mit Stock und Hut und, nicht zu vergessen, Vater mit der riesigen Fototasche, damit man auch aus der Ferne sehen konnte, dass diese Familie nicht alle beieinander hat.
So ging es los, zu lustigen Spaziergängen immer rund um den See, meistens nach dem Essen ...
"Cordon bleu, paniertes Schnitzel -"
"Ach, heute nehm ich mal was Ausgefallenes, ein Zigeunerschnitzel."
"Dann nehm ich Jägerschnitzel."
"Mama, was sind denn Kroketten?"
"Kinder, nehmt euch Sachen, die es zu Hause sonst nicht gibt."
"Man muss alles mal probiert haben."
Kein Wunder, das Mondänste, was man sich in seiner Familie vorstellen konnte, war ein Nachmittag mit Minigolf, und abends schön essen gehen, und das Höchste der Gefühle war Leber mit gebackener Banane.
Abends steht er ausgehfertig mit Jacke im Flur vor dem Spiegel. Ein ernstes Gesicht schaut ihn an. Wie soll er mit so einem Gesicht einen schönen Abend haben? Vielleicht sollte er die Brille abnehmen und hier lassen, aber auch keine Kontaktlinsen einsetzen. Kurzsichtig, wie er ist, würde er dann aussehen wie ein weidwundes Reh am Straßenrand, geblendet von Halogenscheinwerfern.
Aber noch besser wäre natürlich, dass alle um ihn rum, sobald sie aus dem verschwommenen See seines Gesichtsfeldes auftauchen würden, auch besser aussähen.
Die ganze Welt um ihn wäre ein spätimpressionistisches Bild, Farben und Licht. Wäre wahrscheinlich leichter dann.
Omas Stimme dringt durch die Tür:
"Ach du lieber Gott!!!"
Sie redet wieder mit dem Fernseher.
"Nichts wie Intrigen auf der Welt!"
Sie geht völlig mit.
"Pass auf", schreit sie plötzlich, "da steht einer!"
Er lauscht noch an der Tür, aber jetzt bleibt es still und dann steht sie selbst in der Tür.
"Du gehst doch nicht mehr fort?"
"Ich geh einen trinken."
"Ach, doch jetzt nicht mehr."
"Warum denn nicht?"
"Ach, bei Nacht mit dem Auto unterwegs, da hab ich keine Ruhe."
"Oma, ich bin fünfunddreißig."
Dann geht oben eine Tür auf.
"Gehst du noch weg?"
"Ja."
"Ich hab gedacht, wir spielen mal was zusammen."
"Vielleicht morgen."
Da hilft es nur noch, schnell die Tür aufzumachen und ins Auto zu springen, schnell weg, sonst gibt es einen mittleren Menschenauflauf. Sein Cousin kommt aus der Garage, wo er noch ein bisschen Autofelgen poliert hat, und von seinen Lippen kann man die Frage ablesen: "Wo fährt er denn hin?", während sich in der Tür und auf der Treppe der Familienchor bildet und "Komm-nicht-so-spät-heim" singt.
Immerhin ein Grund, sich jünger zu fühlen.
Er wundert sich auch nicht darüber, als er kurz nach eins wieder zurückkommt, dass Oma, noch während er seine Jacke auszieht, im Nachthemd über den Flur geht und beiläufig meint:
"Bist du zurück, dann bin ich ja beruhigt. Man hört so viel zurzeit."
"Oma."
"Was ist denn? Ich hab nicht gewartet, ich muss nur eben aufs Klo."
"Gute Nacht."
"Gute Nacht, mein Schatz."
Auf dem oberen Treppenabsatz singt leise Sinead O'Connor "I do not want what I haven't got" durch die Tür.
Was soll das jetzt wieder?
Mutter sitzt gedankenverloren am Kiefernimitat-Tisch in dem heimeligen Licht, das Neonröhren hinter Gardinenleisten abgeben, und scharrt wie ein Huhn nach Körnern in einer Schachtel.
Vierter Advent daheim.
"Was machst du denn?"
"Ich puzzele."
"Ah."
Er kann sich nicht erinnern, dass sie jemals ein Puzzle zu Ende gemacht hätte, geschweige denn eins mit tausend Teilen und dem Bild eines französischen Loire-Schlosses im Wasser, bei dem man wasser- und himmelblau nicht unterscheiden kann und diese Blautöne alleine ungefähr 950 Teile ausmachen. Ihre Aufforderung mitzumachen ist denn auch wenig überzeugend.
Die Stimmung ist anders, gelöst, nicht wie sonst, bei kurzen Wochenendbesuchen. Auch nicht so ausgelassen und hitzig wie beim Karten spielen, wenn sie in letzter Sekunde doch noch gewinnt und so lange lacht, bis ihr der Bauch weh tut, ihr Tränen in den Augen stehen und sie sich mit dem Aus-atmen ein glückliches "Aua" abringt.
Sinead ringt verzweifelt um Gehör.
Mein Gott, wenn Sinead sie jetzt sehen könnte, wo sie doch schon den Papst beschimpft und die amerikanische Flagge auf der Bühne verbrannt hat. Man will sich gar nicht vorstellen, was sie in dieser Situation machen würde. Wahrscheinlich würde sie endgültig und unwiederbringlich mit Mutters Porzellannippessammlung aufräumen, mindestens.
Nachdenklich und scheinbar konzentriert wühlt sie ohne jedes System in der Schachtel. Sie sortiert und legt Teile nebeneinander, nach Kriterien, die nur sie kennt.
"Heute hab ich beim Einkaufen jemanden getroffen."
"Sag nur."
"Ja, zuerst hab ich den gar nicht erkannt."
Seine Mutter hat zwei Erzählvarianten: a) schlagwortartig, üblich im engeren Familienkreis zur Wiederbelebung von Anekdoten und damit man lacht, und b) eine Strategie, die sich in weiten Kreisen nur unmerklich dem Thema nähert.
Es scheint sich um die Variante b) zu handeln.
"Also beim ersten Mal, meine ich, inzwischen habe ich den ja schon öfter getroffen. Den kennst du auch. Das ist der Vater von dem Jungen, der früher mit den Kindern gegenüber gespielt hat. Die haben dann neu gebaut. Erinnerst du dich noch?"
Er nickt, damit er schneller ins Zentrum der Geschichte vorstoßen kann.
"Der steht immer an der Grillwursttheke hinter den Kassen, dort neben Tchibo. Weißt du wo?"
Wieder nickt er, aus dem gleichen Grund.
"Ja, mit dem war ich auf der Schule."
Von der Geschichte hatte er sich aber eigentlich mehr erhofft. Enttäuschend, genau wie sein Vater, der immer sofort nach dem Abendessen im braunen Lederfernsehsessel lag, fingernagelkauend und ab und zu die Schauspieler im "Tatort" oder in "Der Kommissar" mit: "Der ist genau so alt wie ich" oder: "Das ist mein Jahrgang" kommentierte. Das war einfach nicht genug.
Er gibt noch nicht auf, dafür sind solche Momente zwischen ihnen zu selten.
"Und weiter?"
"Und heute war ich ja allein einkaufen, und da konnte ich mich mal ein bisschen mit ihm unterhalten, weil, wenn Wolfgang dabei ist geht das ja nicht, der ist ja so eifersüchtig. Und da kamen wir halt ins Gespräch. Der ist inzwischen auch geschieden, schon lange. Die leben aber noch im gleichen Haus; er hat sich das Dach ausgebaut und sie wohnt unten. Und von seinen drei Kindern hat er auch nicht viel. Eins ist in den USA, die Tochter in München und der zweite Sohn redet nicht mehr mit ihm. Dabei ist der so gutmütig."
Seine Mutter beschreibt mit Worten wie "gutmütig" oder "das ist ein guter Ehemann" Menschen immer knapp aber treffend. Das mag er an ihr.
"Ja und?"
"Na ja, ein ganz schön verkorkstes Leben, oder?"
Wie zur Bestätigung drückt sie mit einiger Erleichterung und etwas Gewalt vier Teile ineinander, die nun mit Sicherheit nicht zusammen gehören.
"Wieso, ist doch auch nicht so viel anders als bei dir", liegt ihm auf der Zunge, aber er verkneift es sich mit einiger Mühe.
Fast dreißig Jahre mit dem falschen Typ zusammen, zweimal mit ihm verheiratet und wieder geschieden, jetzt in Frührente, ein Sohn, der in Hamburg lebt und zu dem der Gesprächsfaden eigentlich schon seit langem zumindest sehr dünn geworden ist.
Eigentlich seit der letzten Scheidung. Plötzlich gab es niemanden mehr, dem er alles in die Schuhe schieben konnte, plötzlich erschien ihm seine Mutter im harten Licht einer neuen Realität.
Auch ihr Auto wurde plötzlich wöchentlich geputzt und gesaugt, auch sie wollte plötzlich eine Ruhe und Ordnung, die er gar nicht verstand.
Dann presst sie wieder mit sanftem Druck unpassende Teile ineinander.
"Ach guck, wieder eins."
(...)
"HEIM UND GARTEN!!!
Was bisher geschah:
Nach jahrelanger harter Arbeit im Werbebusiness leidet Carl unter einem schweren Burnout-Syndrom. Auf seiner ersten Urlaubsreise seit acht Jahren erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Er stürzt in eine tiefe Sinnkrise. Aus lauter Verzweiflung fährt er über die Weihnachtsfeiertage nach Hause zu seiner Mutter und Großmutter. Er denkt sich, dass er dort den Fehler in seinem System finden kann oder ein Stück Zuhause, aber auch dort ist nichts mehr wie es einmal war. Carl weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er ahnt, dass ihn nur die Auseinandersetzung mit seinem Vater, mit dem er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesprochen hat, weiterbringen wird, und er fängt an, seinen Vater zu suchen."
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