Bruno Vogel
Alf. Eine Skizze
und ausgewählte Kurzprosa
Bibliothek rosa Winkel Band 59
Herausgegeben von
Raimund Wolfert
Hardcover
248 Seiten,
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-86300-0359-2
Leseprobe
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Lustvolle Vernunft
Felix und Alf, Gymnasiasten im Wilhelminischen Deutschland, entdecken ihre Sexualität, erleben die Liebe; doch Felix fügt sich schließlich den Geboten von Kirche, Schule und Staat. Enttäuscht meldet sich Alf als Kriegsfreiwilliger: Heldentod statt Liebe und Glück.
Bruno Vogel wurde 1898 in Leipzig geboren. Gleich sein erstes Buch, Es lebe der Krieg! (1924), brachte ihn wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" bis vors Reichsgericht. Als Homosexueller engagierte er sich an der Seite von Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller. Schon früh emigriert, lebte er nach Stationen in Norwegen und Südafrika ab 1953 in London, wo er 1987 starb.
Die Neuausgabe von Alf erscheint zum 25. Todestag des Autors. Sie bietet den Text der Erstausgabe von 1929 in einer vom Autor durchgesehenen Fassung. Beigegeben sind einige Erzählungen, vor allem aus der Sammlung Ein Gulasch und andere Skizzen von 1928.
Aus dem Nachwort von Raimund Wolfert:
Als Bruno Vogel 1977 auf die erfolgreichen Jahre seiner literarischen Karriere um 1929 zurückblickte, wurde er von Wehmut erfüllt. "Zeiten der Hoffnung waren das", schrieb er im Nachwort zur Neuauflage seines homoerotischen Antikriegsromans Alf. "Vielleicht war es doch möglich, es mußte möglich sein, durch Wort und Werk den wirren Wahnsinn irrationaler Aggression zu wandeln in lebensfreundliche, lustfrohe Vernunft . . ." Für Manfred Herzer wie für viele Leser Vogels war Alf eine "optimistische Tragödie", die zwar für den titelgebenden Helden Alf Maartens mit dem Tod endet, für dessen Freund Felix Braun aber den Weg aus Einsamkeit und Unterdrückung weist. Zusammen mit anderen klebt der 17-Jährige heimlich Antikriegsplakate in seiner Heimatstadt und schwört seinem an der Front gefallenen Freund: "Ich will mitkämpfen gegen Bosheit und Dummheit, mithelfen, daß andere Menschen nicht, wie wir beide, aus Unwissenheit so Schweres durchmachen müssen. Das verspreche ich Dir, Alf." Felix erwacht durch den Tod seines Freundes politisch, wird erwachsen und erkennt die Notwendigkeit, sich solidarisch mit anderen zu organisieren.
In der Tat ist der Roman Alf trotz aller Leiden und Verzweiflung, die er schildert, von einer positiven Grundhaltung geprägt. Die eigentliche Hauptperson der "Pubertätsgeschichte", Felix, trägt unverkennbar autobiographische Züge. Er ist der Sohn eines sächsisch-böhmischen Ehepaars, dem es vor allem um die Aufrechterhaltung der sozialen Fassade geht. "Wer auch nur einen Tag im Gefängnis gesessen hatte, der war doch für meinen Vater ein Lump und Schuft, mit den Gesetzen in Konflikt kommen, das ist doch für diesen Paragraphennarren das Schlimmste, was es überhaupt geben kann", schreibt Felix abfällig über seinen Vater, den Gerichtsaktuar Wilhelm Braun. Diesem ist Homosexualität ein Greuel. Als er hört, daß sein Sohn Umgang mit dem Nachbarn Herrn Brugkhein pflegt, der allem Anschein nach in einer homosexuellen Beziehung mit dem Jugendlichen Jan lebt, untersagt er weitere Begegnungen, und als er Verdacht schöpft, daß zwischen Felix und Alf "etwas" ist, droht er damit, Felix totzuschlagen.
Bruno Vogels Verhältnis zu seinen Eltern war lange Jahre gespannt. Sie hatten ihn um 1920 mit einem Freund im Bett erwischt und auf die Straße geworfen. Nicht besser wurde es, als Vogels literarisches Debüt, eine Sammlung mit satirischen Erzählungen, die 1924 unter dem Titel Es lebe der Krieg! erschien, Anlaß einer Zensuraktion wurde, die bis vor das Leipziger Reichsgericht führte. Im Gegenteil: Insbesondere für den Vater müssen die Vorgänge eine ungeheure Provokation gewesen sein. Vogel verfaßte sämtliche seiner Werke unter seinem Klarnamen, und er schrieb immer auch unter Rückgriff auf selbst Erlebtes. Schon in Es lebe der Krieg! gab er sich unmißverständlich als homosexueller Mann und Schriftsteller zu erkennen. Mehrere seiner Erzählungen in seinem zweiten Buch Ein Gulasch (1928) spielen im Milieu der Obdachlosen und Stricher, und in Alf verarbeitete er nicht zuletzt seine Erfahrungen mit der geistigen Enge im kleinbürgerlichen Elternhaus. Gleichwohl widmete er das Buch seinen Eltern - "in Dankbarkeit"; denn im Laufe der Jahre war es zu einer Versöhnung mit den Eltern gekommen. Vogels Credo als Schriftsteller lautete, durch sexuelle Aufklärung zu einer besseren Welt beizutragen. Die familiären Umstände bestärkten ihn in der Auffassung, daß der eingeschlagene Weg richtig und das Fernziel keine Utopie sei.
Als Alf 1929 erschien, war Bruno Vogel Obmann des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) in Berlin, und noch im selben Jahr wurde er zum Beisitzer in den Vorstand dieser Vereinigung gewählt, die Magnus Hirschfeld 1897 als weltweit erste Organisation für Homosexuelle gegründet hatte. Laut Vogel wurde Alf denn auch als "Roman unserer damaligen Befreiungsbewegung" gelesen. Das Buch wurde in den Mitteilungen des WhK und in der Zeitschrift Der Eigene hymnisch besprochen, aber auch außerhalb der Homosexuellenpresse wurde es für seine Authentizität und Seriosität gelobt.
An dem Tag, da Alf und Felix einander begegnet waren, gab es zwischen Felix und Frau Braun wieder mal einen der gewohnten Krachs. Erstens hatte Felix sich die Füße nicht sauber abgetreten, zweitens war er überhaupt zu spät nach Hause gekommen, drittens hatte er früh wieder seine Pantoffeln nicht an den ihnen gebührenden Platz getan - "zu was anderm is ja eure Mutter nich da, als euch eure Lumpen nachzuräumen!" -, viertens fing er beim Essen schon wieder mit Schlürfen an, wo er doch ganz genau wußte, daß sie das nicht vertragen konnte, fünftens war er überhaupt in der letzten Zeit liederlich und frech wie noch nie, sechstens . . ., siebentens . . ., achtens . . . und dann kam noch das Theater mit dem Zopf dazu:
Frau Braun befand sich im Besitze eines falschen Zopfs, ein stattlicher aschblonder Zopf, der nur den einen Nachteil hatte, aller paar Tage mal "weg" zu sein. Dann mußte Felix "mit suchen helfen". Viel Ärger hatte dieser kosmetische Artikel im Lauf der Jahre angerichtet, es wurden seinetwegen häufig heftige Worte zwischen den Ehegatten gewechselt, die Kinder bekamen Prügel, weil sie sich sträubten, suchen zu helfen - "und wer wird ihn denn anders versiebt haben wie ihr!" - manchmal war Frau Braun felsenfest davon überzeugt, daß Felix ihn versteckt hätte, aus Niedertracht, um ihr eins auszuwischen; so bekam sie einen Anlaß zu weinen. Ob der Zopf jemals auch nur die geringste Freude bereitet hat - sehr unwahrscheinlich.
An jenem Tag hatte das Unbewußte der Frau Braun den verhaßten Zopf ganz besonders raffiniert versteckt, er war und war nicht zu finden. Nachdem Felix fast eine halbe Stunde erfolglos gesucht hatte, erklärte er, daß er nun Schularbeiten machen müsse und sie ihren falschen Wilhelm alleine suchen solle. Woraufhin Frau Braun feststellte, wie wahr doch die Geschichte sei, daß eher eine Mutter sieben Kinder ernähren könnte, denn sieben Kinder eine Mutter - womit, mein Gott, hatte sie das verdient, so einen Sohn zu haben . . . Ihre Erregung war im großen und ganzen schon wieder abgeflaut, nur dann und wann gab sie noch eine sentimentale Sentenz von sich, da klingelte es. Frau Braun ging zur Tür.
Alfs Stimme: "Guten Tag, Frau Braun! Ich möchte mit Felix zusammen Schularbeiten machen." "Ach, du gehst wohl in Felix seine Klasse?" "Ja, ich sitze neben Felix." "Na, da komm nur mal rein!" Felix war Alfs unerwarteter Besuch etwas unbehaglich: Sicher würde seine Mutter nun wieder anfangen, zu tratschen, was für einen schrecklich unfolgsamen Sohn sie hätte . . . Das war so üblich, wenn mal ein Schulfreund ihn besuchen kam. Der betreffende Schulfreund versicherte selbstverständlich auf die Fragen der Frau Braun, daß er viel braver sei als Felix, tat ganz entsetzt, das Felix solche Schandtaten begehen könne, und gab die Mitteilungen von Felix' Mutter bei Gelegenheit an die Klasse weiter.
Es war auch diesmal nicht anders. Noch ehe Felix sich mit Alf in sein Zimmer verdrücken konnte, begann Frau Braun: "Sage mal, Alf, ärgerst du denn deine Eltern auch so? Mit dem Felix . . ." - und dann betete sie das Sündenregister ihres Sohnes her. Alf sagte kein Wort. Immer eindringlicher wurde Frau Brauns Beredsamkeit. Alf sagte kein Wort. Schließlich war Frau Brauns Reminiszenzenschatz erschöpft. Erwartungsvoll sah sie Alf an. Der sagte kein Wort. Sie mußte ihn fragen: "Machst du deinen Eltern auch solche Sorgen? Doch sicher nicht! Ist das nicht häßlich von Felix, wie der sich benimmt?" "Ach, wissen Se, das is bei allen Jungs so, bei mir ooch. Da dürfn Se sich nich so aufregn!" Felix war baff. Frau Braun sagte: "Na, du bist ja erst einer!", lächelte und ging hinaus. "Mensch, das war ja schlimmer wie beim Bietsch!" meinte Alf. Felix antwortete: "Tja. Aber du hast mir fabelhaft imponiert!"
"Ach, du lieber Himmel, das is ja schon sechse durch!" rief Alf, als sie mit Arbeiten fertig waren. "So schnell is mir die Zeit bei den elendn Schularbeitn überhaupt noch nich vergang. Das hat direkt Laune gemacht, nee? Mer wern die Schularbeiten immer zusamm machn, willst de?" Felix wollte.
In der Schule hießen die beiden von den ersten Tagen ab gleich ›Kastor und Pollux‹.
Sie waren fast den ganzen Tag hindurch zusammen. Brauns hatten kaum Mittag gegessen, da kam Alf bereits an. Meist gingen sie dann erst für Frau Braun Wege besorgen, und sogar wenn Felix die Erika im Sportwagen spazieren fahren mußte - Alf ging mit.
Bei einer dieser Spazierfahrten waren sie von Ranzig beobachtet worden, und am nächsten Tag fing der in der Klasse an zu sticheln: "Wißt ihr schon das Neuste von dem edlen Freundespaare Kastor und Pollux? Sie fahren mit einer Ehestandslokomotive durch das Leipziger Land und -" Oh, wie hat ihn Alf vermöbelt!
Schularbeiten machten sie am liebsten bei Maartens', dort war es gemütlicher als bei Brauns. Alf hatte ein nettes Zimmer, mit einem schönen, großen Diwan, auf dem man sich so herrlich balgen konnte. Sie durften überhaupt alles machen, was sie wollten, ohne daß Frau Maartens geschimpft hätte, daß sie die Möbel schonen müßten oder was die Leute zu dem Lärm sagen sollten oder sonst was. Alf war das einzige Kind, sein Vater war Buchdrucker. Er war nicht so mürrisch und finster wie Herr Braun; manchmal unterhielt er sich mit den Jungens, gar nicht von oben herab belehrend, sondern wie ein Kamerad. Oft schenkte er den beiden ein paar Pfennige, damit sie sich einen Wunsch erfüllen könnten. Eines Abends hatte er eine Weile zugehört, wie Alf und Felix über einen Aufsatz diskutierten. Als er dann hinausging, sagte er zu Felix: "Na, daß Alf mal so hinter seinen Schularbeiten sitzen würde, hätte ich mir in meinem Leben nicht träumen lassen. Er muß dich sehr gerne haben . . ." "Hab ich ooch!" antwortete Alf.
Frau Braun fiel an ihrem Sohn bald manche Veränderung angenehm auf. Er ›hielt viel mehr auf sich‹ als früher: Vergaß nicht mehr, abends seine Schuhe zu putzen, war nicht mehr ›schlampig im Anziehen‹, wusch sich immer sauber . . . Überhaupt war er nicht mehr so ›widerspenstig, wenn sie ihm was sagte‹, nicht so verdrießlich und gereizt, daß man immer Ärger und Verdruß mit ihm hatte. Vor allem hörte Frau Brauns "Hauptärger" auf: sie brauchte ihn morgens nicht stundenlang zu wecken. Kaum hatte sie gerufen: "Felix, es ist gleich viertelacht!" - da stand er schon am Waschbecken.
"Es scheint dem Felix hier in der Schule doch viel besser zu gefallen als in Dresden," meinte sie zu ihrem Mann. "Is ja auch eine anerkannt hervorragende Schule!" begründete Herr Braun, und dann zählte er ihr die Namen aller der berühmten Männer auf, die dort bepädagogikt worden waren. Daß die meisten von ihnen teils vor Erreichung des Lehrziels mehr oder weniger freiwillig abgegangen waren, teils ihre Schule später mit Äußerungen bedacht hatten, die kaum als Wandsprüche für die Aula geeignet waren, das wußte Herr Braun nicht.
Felix gefiel es auch viel besser hier als in Dresden. Er saß ja neben Alf Maartens. Oft berührten ihre Knie einander. Sehr schöne Hände hatte Alf. Und seine Augen waren gut. Wie sanfte Musik in der Dämmerung.
Zusammen mit Alf war alles viel leichter. Auch die Schule.
Das Personal der Obertertia B - "Personal" war die bei den Schülern übliche Bezeichnung für Lehrkörper - bestand aus den folgenden Herren:
Klassenlehrer war der Bietsch, ein feiges Sadistchen. Er gehört zu den dümmsten Menschen, denen Felix je in seinem Leben begegnete. Seine größte Seligkeit war, Schüler bei etwas zu erwischen und zu bestrafen. Er trug einen langen Rock, der ihm bis kurz über die Knie reichte und zu verbergende Funktionen verbarg, und eine Brille; wenn er sich mal zur Wandtafel umdrehte und unterdes ein Schüler ›Unfug trieb‹, fuhr der Bietsch mit einem Freudengeheul herum: "Jetzt hab ich dich! Ich sehe alles! jetzt kann ich dich einschreiben!" - er zückte sein Taschentuch aus seiner Busentasche, eine Wolke süßlichen Parfüms quoll über die vorderen Bankreihen, er hielt sich das Taschentuch unter seine lechzende Nase und schrieb ein.
Griechisch und Geschichte hatte die Klasse bei ihm. Wenn er ein Wort, das er gerne finden wollte, nicht finden konnte, sagte er: ". . . gewissermaßen, sozusagen . . ." - er sagte häufig "gewissermaßen, sozusagen". "Ja, wenn ihr mich zwingt, euch als meine Feinde zu betrachten, bitte, ich habe nichts dagegen. Die Folgen freilich werdet ihr tragen!" - war eine der häufigsten Sentenzen seines erzieherischen Repertoires. Und es kann nicht geleugnet werden, daß er sich recht erfolgreich Mühe gab, den Jungens das Leben zu verekeln. Andererseits aber: sie haben es ihm nach Kräften heimgezahlt. Aller paar Wochen erreichte er eine tobende Massenrebellion in seinen Stunden; geschrieen, gejohlt, gepfiffen, getrampelt wurde, aus den Nachbarklassen kamen die Lehrer und steckten den Kopf zur Tür herein: "Ah, Verzeihung, Herr Kollege Pieschke, ich dachte, die Klasse wäre ohne Aufsicht, und wollte mal nach dem Rechten sehen. Entschuldigen Sie tausendmal!" - Tür zu, und der Bietsch schimpfte weiter von seinem Katheder herab und merkte sich die "Haupträdelsführer". Er wagte jedoch nicht, beim Rektor sich zu beschweren, denn man wußte ja, was der Kollege Pieschke für ein Kollege war. Doch rächte er sich dafür an den einzelnen Schülern.
Braun war noch nicht lange in der Klasse, als er sich den besonderen Haß des Bietschs zuzog: Nachmittagsunterricht, die letzte Stunde. Xenophon wurde übersetzt, die Gaslampen summten das Schlummerlied dazu. Auf einmal fängt der Bietsch an zu schreien: ". . . tragodia, he tragodia, die Tragödie - die beiden Bestandteile, wer weiß es?! Laschke! Heruweit! Maartens! Braun! Ploczyk! Na, dich braucht man ja überhaupt nicht erst zu fragen, du weißt ja nie was. - Wuprek! Auch nicht aufgepaßt! Wo du immer mit deinen Gedanken bist, möchte ich nicht wissen! - Laschke!" "Mich hatten Sie bereits gefragt, Herr Professor!" "Ja, gewußt hast du's aber nicht! - Maartens, setz dich gerade hin! - Also: tragodia, wer weiß? Koschonski!" "Der zweite Teil ist he ode, der Gesang." "Na, das wundert mich aber, daß du mal was gewußt hast!" "Mich auch, Herr Professor!" "Laß deine Frechheiten! Wie heißt das Verbum zu ode? Das weißt du natürlich nicht! Wer weiß?! Tallig!" "Verzeihung, worum handelt es sich, Herr Professor?" "Wuprek! Ihr habt wohl alle Stroh in euren Köpfen. Oder was?! Einer muß doch wenigstens wissen, wie das Verbum zu adein heißt. Eine Schande ist das?! - Ploczyk! Man sollte von rechts wegen die ganze Klasse nachsitzen lassen! Ich weiß gar nicht, wozu ihr auf ein humanistisches Gymnasium geht. Holzhacken solltet ihr gehen! - Van Eekhem!" "Das Verbum zu adein heißt ode." "Du meintest das wahrscheinlich gerade umgekehrt: Das Verbum zu ode heißt adein, singen. - Und der erste Bestandteil? Wer weiß das?! Wieder niemand? Tragos, was heißt tragos?! - Ranzig! Tischler! Ihr seid ja auch eine ganz ausnahmsweise dumme Klasse, der dümmste Untertertianer weiß, was tragos heißt, aber von euch kann man ja nicht verlangen, was man von Untertertianern verlangen kann. - Braun, lege die Hände auf die Bank! - Knausch! Tragos! Was heißt tragos! Niemand?! Na, dann lassen wir's eben. Also wir fahren fort im Text: Nachdem das Heer von dort aufgebrochen war . . ." Felix begriff: Dem Bietsch ist eingefallen, daß er selber nicht weiß, was tragos heißt. Er hob nun die Hand bei jeder Frage, die der Bietsch stellte, doch der hatte Lunte gerochen und nahm den Braun nie dran. "Ach, du Ekel, dich kriege ich doch noch!" dachte Felix und tat nun so, als läse er unter der Bank in einem Buche. Dabei paßte er aber ganz genau auf, was dran war. Der Bietsch fiel auf den Trick herein; zumindest würde er den Braun bei einer Unaufmerksamkeit, vielleicht sogar bei "verwerflicher Lektüre" erwischen. "Braun! Fahre fort im Text!" Braun fuhr fort, und nachdem er fortgefahren war und sich wieder setzen durfte, fragte er freundlich: "Entschuldigen Sie bitte, Herr Professor, ich habe vorhin nicht genau verstanden, als sie erklärten, was tragos auf deutsch heißt?" Der Bietsch: "Tragos?! Tragos?!!! Nun - Tragos ist eben tragos." Und es war ein Gelächter in der Obertertia zwei Minuten lang.
(Übrigens: In Festreden und den Jahresberichten der Schule fiel so was unter die Rubrik: ". . . Vermittlung der unvergänglichen, ewigen Bildungswerte des Griechentums, jenes einzigen Volkes, in dessen Kultur Menschentum im vollen und edelsten Sinne: die Ganzheit des Menschen, die durch harmonische Entwicklung und Vollendung der vorhandenen Kräfte erlangt wird und . . .")
Religion gab's bei Professor Gondeliusz, einem faden Fanatiker, der hinter jedem Satz, den er sprach - die Natur läßt ihrer mit nichten spotten - "hum, hum" stöhnen mußte. Sonst ist von ihm nichts Besonderes zu berichten. Zuerst versuchte er, sich um das Seelenheil Brauns zu bemühen, das mißlang; darauf versuchte er, ihn mit Schikanen klein zu kriegen, doch Brauns Haß war kälter und elastischer, so mißlang auch der zweite Versuch. Dann ließ er den Braun "einfach links liegen".
Ein feiner Kerl war Dr. Hein, bei dem hatten sie Lateinisch. Er konnte auch mal kräftig lospoltern, dann setzte es sogar hin und wieder Ohrfeigen - aber die Jungens merkten, daß er es gut mit ihnen meinte, daß er sie als Menschen betrachtete und behandelte und nicht - wie die anderen Pauker - als unangenehme Begleiterscheinung des Berufs. Er konnte Kritik vertragen und ließ einen guten Witz gelten, auch dann, wenn er dessen Objekt war. Der Unterricht bei ihm war interessant, er wagte es, oft von dem ministeriell genehmigten Lehrplan abzuweichen und ganz andere Dinge zu erzählen, dafür konnte er auch sehr viel Hausarbeiten aufgeben, ohne daß allgemeines Murren meuterte.
Ganz gut auskommen konnte man auch mit dem Französischlehrer Dürbasch, wenn man halbwegs seine Schularbeiten machte und ihn nicht "allzu sehr irritierte". Er war gutmütig, hielt schriftliche Übersetzungen während der Schulstunden für besonders förderlich, weil er da in Ruhe seine italienischen Romane lesen konnte, nach Schulschluß tippelte er in den Thüringer Hof, gut essen und ein Glas Pilsner trinken. Viel mehr Spaß hätte ihm der Unterricht gemacht, wenn er während der Schulstunden hätte rauchen dürfen.
Mathematiklehrer war Professor Flöhte: ein trübseliger Tyrann, pedantisch hoch drei, langweilig hoch sechs.
"Is det en Leben, jeden Tach hier rinkomm und sich mit euch Hammeln rumzuärjern?! Det is keen Leben!" - mit dieser Klage pflegte sich Professor Robinet hinterm Pult niederzulassen, wenn er seine guten Tage hatte. Dann sprach er über Briefmarken, die Entwicklung der chinesischen Schrift, über Michelangelo, Musik bei den afrikanischen Negern, Sanskritliteratur, erzählte von seinen Reisen, die er in den Ferien unternommen hatte - kurz bevor es klingelte, fiel ihm ein, daß er die Klasse in Deutsch unterrichten sollte, und er holte das rasch nach. Robinet war ein lebendiges Konversationslexikon, auf alles, was man ihn fragte, konnte er Auskunft geben, doch daß er Gymnasiallehrer war, das hatte er in den zwanzig Jahren, die er es war, noch nicht begriffen. Oft hatte er ›seinen gemeinen Tag‹, dann war er bösartig, strafsüchtig und hetzte die Jungens wie besessen durch die deutsche Grammatik. Er hatte eine Haushälterin.
In der Nähe der Aborte, am finsteren Ende des Parterrekorridors, lagen die dürftigen Appartements der Naturwissenschaften. Als hätten sie sich dorthin verkrochen vor dem Geiste Platons, der ansonsten durch die Räume schwebte. In dieser Gegend des Gymnasiums gab es sogar so unmoralische Dinge wie Ursache und Wirkung. Aber auch nur in den Reagenzgläschen. Studienrat Drötschl machte dort die Obertertia (wöchentlich 2 Stunden, nur im Winter) mit dem elementarsten aus der Chemie vertraut und behandelte einzelne besonders wichtige Mineralien und die einfachsten Kristallformen. Manchmal flog ihm eine der Papierkugeln, mit denen die Knaben kämpften, in den Bart, dann konnte es passieren, daß er sein Reagenzgläschen auf den Boden schleuderte und dann die Scherben wieder auflesen ließ.
Ein Turnlehrer, ein Singelehrer und ein Zeichenlehrer waren auch noch da.
Auf dem Schulweg einmal, Felix hatte ein paar Paukergeschichten aus Dresden erzählt, fragte Alf: "Willst du hier auch wieder Primus werden?" "Nee! Unter keinen Umständen! Dann hast de bloß immer zu tun, daß de dich als Primus hältst, und wirst de nachher wieder mal Zweeter oder Dritter, dann geht derheeme das Gemeckere los: Du hast ja gezeigt, daß de kannst, du willst bloß nicht, du bist zu faul, du hast's ja ooch nicht nötig, deinen Eltern enne Freude zu machen . . . Nee, danke, da laß ich meine Finger davon! Ich hab das Theater schon erlebt." "Hm. Da hast de ja recht. Schade is es aber trotzdem. Mensch, ich hätte mich ja riesig gefreut, wenn das Ekel, der Ranzig, der olle schäbige Streber, mal eens offn Hut bekäme. Da is er dir nämlich empfindlich, vor nischt hat der Kerl doch mehr Angst, als daß er mal nich mehr Primus spielen könnte. Was denkst de denn, wie du in de Klasse gekommen bist, hat's der Dussel doch fertiggebracht, zu mir zu kommen und mich zu fragen, ob ich nich wüßte, der wievielte du in Dresden gewesen wärst! Wo er doch ganz genau weeß, wie ich zu ihm stehe. Brr! Ekelhaft, wie man so e Streber sinn kann!" Felix überlegte noch ein paar Sekunden, dann: "Würdest du dich sehr freuen, wenn der Ranzig nich mehr der Erste wäre?" "Und wie!" "Tja, da will ich mal zusehn, daß ich zu Ostern Primus werde . . ." Alf versetzte Felix einen Hieb in die Rippen: "Junge, Junge, wäre das fein! Denkst de denn wirklich, daß du's schaffst?" "Nu, wenn du dich so darauf freust, warum denn nich?!" (Zu Ostern war Felix Primus der Untersekunda B.
Etliche Tage danach holte Alf den Felix zum Baden ab. Frau Braun wollte ihren Sohn zuerst nicht mitgehen lassen: Jetzt im Dezember, Felix würde sich ja den Tod holen, und außerdem hat Felix zweimal Blinddarmentzündung gehabt, da muß er ganz besonders vorsichtig sein . . . aber schließlich gab sie dem Zureden der beiden nach.
Es waren wenig Leute im Bad, und sie konnten lange von der wohlig heißen Brause sich berieseln lassen, ohne daß der Bademeister kam und schimpfte: "Aber nu raus! Ihr könnt wohl nich lesen: Drei Minuten ist das Benutzen der Duschen gestattet!" Schließlich fragte Alf: "Na, wolln wir jetz ins Bassin? - Mensch, was hast denn du? Du siehst ja ganz verdattert aus?" Tiefste Erlebnisse wehren sich gegen das Wort. Felix konnte nur sagen: "Ich? Ich . . . Du bist sehr schön, Alf . . ." Alf lächelte, ein wenig verlegen, meinte: "Häßlich bist du ja gerade ooch nich!", gab Felix einen Klaps hintendrauf und stürmte davon ins Schwimmbassin.
Auf dem Heimweg, Felix wußte selber nicht, wie er darauf kam, erzählte er Alf vom Václav und Kurt. Auch was er geträumt hatte, als er Kurt nicht mehr sah, und den Traum von dem Gespenst mit dem Licht. Alf erzählte von seinen Träumen, sie stellten Ähnlichkeit fest und debattierten, ob Träume Sinn und Bedeutung hätten oder nicht. Statt nach Hause waren sie in den Eutritzscher Park gekommen. Ein mürrischer Regen begann zu sprühen. Von den Straßen her funzelten mißmutige Gaslaternen bleiches Licht. Alf und Felix gingen langsam um den kleinen Teich herum, immer um den Teich herum, sie merkten nicht, daß unterdes Stunde um Stunde verging. ". . . Was ich dich noch fragen wollte, Alf: Weißt du, was Onanie ist?" "Aber sicher." "Onanierst du?" "Nu, natürlich. Du etwa nich?" "Doch." Eine Weile war Schweigen. Dann sagte Felix: "Weißt du, man müßte eigentlich mal ein Buch schreiben, in dem alles steht, was wir Jungens so tun und denken, und wo die Großen nichts davon wissen. Wo alles ganz wahr erzählt wird, so wie es wirklich ist. Und gar nichts weggelassen. Ob es so ein Buch schon gibt?" "Ach, nich dran zu denken. Gucke dir doch den Mist an, den se uns an Büchern vorsetzen, wo von Jungs die Rede is - das is doch einfach lächerlich - weeßt de was?! Wir zwee, wir müßtn mal zusammen so e Buch schreiben - das würde enne dufte Sache . . ." Sie sprachen noch lange darüber, was alles in diesem Buch gesagt werden müßte. Spät kamen sie nach Hause, gelassen nahm Felix seine Prügel hin.
"Du bist der einzige Mensch, Alf, mit dem ich über alles reden kann," - sagte Felix, als sie am andern Morgen zur Schule trödelten - "mit jemand andern könnte ich das nich. Auch nich, wenn ich's wollte." "Denkst de etwa, mir geht das mit dir anders? Mit mein beedn Altn kann ich ja über allerhand sprechn, aber über alles ooch nich." "Hm, deine Altn sind fein. Solche möchte ich ooch hamm!"
Zu Weihnachten fuhr Alf mit seinen Eltern zu Verwandten nach Berlin, die Eltern kamen nach den Feiertagen zurück, Alf blieb bis zum Ende der Ferien. Vierzehn unendlich langsam verschleichende Tage - qualherbe Symphonie der Sehnsucht . . .
Felix holte Alf vom Bahnhof ab. Zwei "Du!" jauchzten einander entgegen, so aus tiefster Erlösung aufgeschrieen, daß die Leute in der Nähe sich umsahen. Felix aß mit bei Maartens Abendbrot. Er hatte seiner Mutter Haus- und Korridorschlüssel und die Erlaubnis abgerungen, ausnahmsweise erst um Mitternacht heimkommen zu dürfen. Herr Maartens sagte nach dem Nachtmahl: "Ihr werdet uns nicht böse sein, wenn wir zwei Alten heute abend mal ins Kino gehen. Ihr habt euch ja sicher viel zu erzählen, wo ihr vierzehn Tage auseinander wart, und werdet euch auch alleine ganz gut unterhalten, ja?"
Als die Eltern dann gingen, gab Frau Maartens ihrem Sohn einen Kuß auf die Stirn. Das tat sie sonst nie.
Lange saßen die beiden Jungen in Alfs Zimmer auf dem Diwan, eng aneinandergedrängt die triebgestrafften Körper.
Felix fragte: "Alf, was ist eigentlich Liebe . . ." Alf antwortete bald: "Ach, das ist ganz einfach: Liebe ist der Wille, dem anderen Gutes zu tun." Scheu, ganz sacht streichelte Felix seinem Alf übers Haar. Alf Maartens sagte: "Du, ich hab dich lieb." Und er packte Felix und küßte ihn auf den Mund . . . . . . Erleben tiefster phallischer Lust!
* * *
Köstliche Monate kamen den beiden, Monate, erfüllt von all den herrlich heidnischen Freuden einer bedingungslosen Hingabe an den anderen Menschen.
In dieser Zeit geschah zwischen Herrn und Frau Braun etwa folgende Unterhaltung: "Marie, ich möchte mit dir mal was besprechen." "Hm?" "Sage mal, fällt dir mit unserm Jungen und dem Kerl da, dem Maartens, nischt off? Ich weeß nich, mir kommt die Sache nich so ganz koscher vor . . . Da is doch was los mit den Beedn . . ." "Ach, was du immer hast!" "Weeßt du denn überhaupt, was ich meene?" "Ich kann mir's schon denken. - Ach wo! Da hätt ich doch längst was merken müssen. Ich hab doch auch meine Augen im Koppe!" "Na, ich weeß nich . . . Wie ich in Straßburg bei dn Soldatn war, da is mir ooch mal so eener gekomm. Zuerst war er scheißfreindlich und hat mich zu en Glas Bier eingeladen - und nachher kommt die Sau mit sowas!
Na, dem Luder hab ich vielleicht meine Meinung gegeigt! Hättst de mal sehn solln, wie der gemacht hat, daß er wegkommt! Ich kann mir nich helfn, mir kommt das manchmal so vor, als wenn mit dem Maartens und unserm Jung ooch . . ." "Ach, du bist ja verrückt, Mann! Ich verstehe gar nich, wie du überhaupt auf den Gedanken komm kannst, daß dein Junge solche Schweinereien machen könnte! Wir könn zufrieden sinn, daß er so en anständigen Freund gefundn hat wie den Alf. Das hast du doch selber schon gesagt, daß Felix e ganz anderer Kerl geworden is, seit er mit dem Alf zusammen is. Nich mehr so miesepetrig und schlapp. Na, und daß Alf manchmal ein bißchen vorlaut is, das is das Schlimmste noch lange nich! Wie du bloß den beiden Jungens das antun kannst, sowas zu denken!" "Ach, ich bin wohl deim Alf zu nahe getreten?!" "Ja, nu komme nur noch von der Seite! Du solltest dich schämen, sowas zu sagen!" "Ach, das war ja nich so gemeent. Wie du das gleich wieder auffaßt! Jedenfalls, das kann ich dir sagen: Wenn ich einmal erfahren würde, daß da mit dem Felix und dem Maartens was los is - ich bringe mich um! . . ."
Herr Braun hat einmal erfahren, daß mit Felix und Alf ›da was los‹ war. Herr Braun hat sich nicht umgebracht.
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