Eine unmögliche Liebe
Der junge Maler Jonathan lebt allein und abgeschieden auf dem Land. Immer wieder wird Serge zu ihm "abgeschoben", der Sohn einer Freundin aus Paris, die keine Lust hat, sich um ihn zu kümmern. Serge ist im wörtlichen Sinn ein "ungezogener" Junge: egoistisch, amoralisch, ohne Werte. Er brät Regenwürmer, experimentiert mit Schnecken und Kröten und spielt an seinem Körper herum. Und an dem von Jonathan. Jonathan weiß, dass das nicht sein darf. Dennoch gibt er Serge den Raum, den der sich sowieso erobert.
Mit großer Diskretion schrieb Duvert Ende der 1970er Jahre diesen komplexen Gesellschafts-, Erziehungs- und Liebesroman, der von der französischen Presse hoch gelobt wurde.
Ungewöhnliche Sinneseindrücke und tiefgehende Erinnerungen. Man lernt, dass Liebe stirbt, wenn sie gesellschaftsfähig wird.
Le Monde
Langtext:
„Als Jonathan starb“ erzählt von einer Beziehung, die es nach dem Strafgesetzbuch so nicht geben dürfte und die es sogar so, verfolgt man die aktuellen Debatten über sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen, nicht geben sollte. Aber weder das wirkliche Leben noch die Literatur richten sich immer nach dem Strafgesetzbuch – und die Literatur sollte das auch gar nicht tun. Denn sie ist doch wohl gerade der „Ort“, in dem wirklich alles verhandelt werden können muss. Mord und Totschlag sowieso, aber eben auch unmögliche Lieben.
Und darin liegt die Qualität dieses Romans:
Er schildert das Verhältnis zwischen Jonathan und Serge als „unmögliche Liebe“. Duvert stellt keine Behauptung auf über kindliche Sexualität und eine gleichberechtigte Liebe zwischen Kind und Erwachsenem, er wirbt nicht für irgendetwas (was Literatur ja sowieso nicht tun sollte!). Er entfaltet zwei Welten:
Einerseits die Welt des Pädos Jonathan der vor seine Liebe zu Serge sogar flieht, weil er weiß, dass sie nicht geht, der zwar alles Mögliche mit Serge anstellt und von diesem mit sich anstellen lässt, der dabei aber genau begreift, dass dieselben Dinge für Serge etwas ganz anderes bedeuten als für ihn. Jonathan weiß, dass Serge ihn nicht liebt so wie er ihn vielleicht liebt.
Andererseits die Welt von Serge, der ein Kind ist ohne Moral und Werte, der Regenwürmer brät und sein Kaninchen laufen lässt – mal sehen, ob es überlebt - , der mit Schnecken und Kröten experimentiert und eben auch mit seinem Schwanz. Und mit dem von Jonathan. Serge probiert alles aus, nichts hat von vornherein einen Schrecken. Er ist ein „unerzogenes“, „unzivilisiertes“ Kind, das bei Jonathan den Raum findet, sich, frei nach „Jugend forscht“, “frei” zu entfalten. Ob es dabei im Rousseau’schen Sinn auch erzogen wird?
Der Roman erzählt davon, wie diese beiden Welten aufeinandertreffen, stellt sie in einen größeren Kontext der Gesellschaft, der Erziehung, auch der Kunst (die Jonathan als Maler betreibt, in einem Umfeld, das aber gnadenlos kunstfeindlich ist, vor allem den gefälligen Moden und dem schnöden Mammon folgt).
Der Junge hat auch eine Mutter und einen Vater. Wie gehen die denn mit dem Kind um? Lieben sie es, kümmern sie sich, haben sie so etwas wie Moral oder Werte? Sie benutzen es und stellen es irgendwo ab, wenn es stört. Sie schicken es zu Jonathan (obwohl sie ahnen, was da läuft, warum es Serge zu ihm zieht). Weil die Großmutter aber eifersüchtig wird und die Mutter sich deren Druck beugt, wollen sie es am Ende zu ihr schicken, Serge und Jonathan endgültig trennen …
Duverts Roman ist ein Gesellschaftsroman, ein Erziehungsroman, die Geschichte eines Pädos und eines Kindes in einem komplexen Geflecht gesellschaftlicher Realitäten. Er wurde geschrieben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem auch in der Bundesrepublik über Indianerkommunen und freie Liebe zwischen Angehörigen jeden Alters und Geschlechts debattiert wurde. In der Pädophiliedebatte der 70er und 80er Jahre ging es um das sexuelle Selbstbestimmungsrecht auch von Kindern und Jugendlichen, das durch reaktionäre Erziehungskonzepte drastisch in Frage gestellt wurde. Darum geht es auch heute noch, doch rücken im Sinne des sexuellen Selbstbestimmungsrechts die strikten Grenzen in den Mittelpunkt der Diskussion, die sich Erwachsene im Umgang mit Kindern und Jugendlichen auferlegen müssen. Wenn aber in der gegenwärtigen "Missbrauchsdebatte" vor allem aus kirchlichen Kreisen die befreiende Wirkung der "Sexfront", des Kampfes darum, dass auch Jugendliche ein Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität haben, für das heutige Missbrauchsgeschehen verantwortlich gemacht wird, soll wohl eher die eigenen Institutionen entlasten. Es ist grotesk, so ein Argument von jenen zu hören, deren Institutionen durch das Onanieverbot und andere Formen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ihre "eigene" Geschichte haben. (vgl. dazu Manfred Kappeler: "Anvertraut und ausgeliefert. Sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen", Berlin 2010) Günter Amendt weist zudem in der Dezember-Ausgabe des Merkurs ("Sexueller Missbrauch von Kindern. Zur Pädophiliediskussion von 1980 bis heute") darauf hin, dass Missbrauchsdebatte nicht, wie oft geschehen, auf die Pädophiliedebatte beschränkt werden darf, "dass es sich bei 80 bis 90 Prozent aller Missbrauchsfälle um Gelegenheitstäter im Umfeld des missbrauchten Kindes handelt", um "ganz gewöhnliche Heterosexuelle also mit ganz gewöhnlichen heterosexuellen Präferenzen".
Die gesellschaftspolitischen Debatten kreisen um Missbrauch, sexuelle Gewalt und Pädophilie, um Moral und Strafgesetze, um die Verantwortung von Institutionen und darum, was geschehen muss, damit Institutionen ihrer Verantwortung für eine freie Sexualerziehung und (!) das Selbstbestimmungsrecht der ihnen Anvertrauten nachkommen können. Diese Debatten erklären aber nichts, sie kommen den Dimensionen eines möglichen Geschehens nicht auf die Spur. Die Literatur ist vielleicht der einzige Ort, an dem sich der aufgeklärte Mensch solchen vielschichtigen Phänomenen wirklich nähern kann, deshalb muss sie davon erzählen. Duvert tut dies zudem auf beinahe scheue, diskrete Art und Weise. „Man lernt, dass die Liebe daran stirbt, sich anpassen zu wollen, und davon lebt, das Animalische weiterzuführen,“ auf diese Formel bringt die Rezension in „Le Monde“, warum Tony Duverts Roman „Als Jonathan starb“ so herausfordernd und verstörend ist, warum der Leser sich sogar gegen ihn wehren mag und trotzdem begreifen kann: Dieser Roman geht mich etwas an.
Tony Duvert (Jg. 1945) führte ein ruheloses Leben. Mit zwölf Jahren wurde er wegen homosexueller Kontakte der Schule verwiesen, lief von zu Hause fort und unternahm einen Selbstmordversuch. Später wurde er ein hervorragender Schüler, der nach dem Abitur zunächst Maler werden wollte, bevor er zu schreiben begann. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays und Gedichtbände; mit seinem fünften Roman, Paysage de fantaisie (1973), gelang ihm der Durchbruch und er erhielt den Prix Medicis. Das Preisgeld ermöglichte ihm eine Reise nach Marokko; die Erlebnisse dort verarbeitete er im Journal d'un innocent (1976). Der Roman Als Jonathan starb wurde von einer Urlaubsreise inspiriert, die er mit einem verwahrlosten Jungen unternahm. Es ist seine einzige Übersetzung in die deutsche Sprache.
In den 1980er Jahren geriet Duvert in Vergessenheit; er zog sich in ein kleines Haus auf dem Land zurück, wo er im Juli 2008 tot aufgefunden wurde.
Hier wird nicht versucht, die Bemächtigung eines Kindes durch einen Erwachsenen als lustvolle Angelegenheit zu verkaufen, hier wird nicht verharmlosend für eine "Liebe" zwischen ungleichen Partnern plädiert. Hier geht es aus der Perspektive Jonathans um seine in in vieler Hinsicht einfache Beziehung mit Serge. Beide sind nicht gesellschaftsfähig, sie werden mehr oder weniger als "Wilde" dargestellt.
Das ist ein im Kern romantischer Topos, also wenig realistisch. Denn wender sind Künstler die freien, unabhängigen Schöpfernaturen, noch sind Kinder unschuldige, asexuelle Wesen - nur der romantische Blick sieht das gerne so. Kinder sind allwerdings nicht verantwortlich; die Erwachsenen sind es, die Grenzen ziehen müssen. ...
In der erhitzen Debatte über Kindesmissbrauch empfiehlt sich dieses Buch: Duverst Bild von Jonathan zeigt keine Fratze, sondern einen Menschen - um so fließender, feiner und gefährlicher wirken die Grenzen zwischen Liebe, Erotik und Sex.
Sabine Peters in Baseler Zeitung
Der Autor stellt schwierige Fragen über Sexualität, ihre Freiwilligkeit, ihren Beginn und ihre Planlosigkeit. Der Roman wurde in Frankreich Ende der 1970er Jahre von der Kritik bejubelt und liegt nun in einer gelungenen neuen Übersetzung auch in Deutsch wieder vor. So großartig der Text in seiner simpel-eleganten Sprache ist, sein Grundproblem bleibt: Die Figur des sexuell moralfrei agierenden jungen Helden ist ein Seventies-Kinderladen-Mythos. Der wird zwar vom Autor literarisch spannend behandelt, trotzdem ...
Paul Schulz in Männer
Dem Autor geht es um die Ganzheit und die Reinheit einer Beziehung. Ganzheit, weil Körperlichkeit selbstverständlich zur Nähe zwischen den beiden 'Jungen' gehört, und Reinheit, weil sie das Bild des Autors vom Kind zentral prägt. ...
'Abstruse Konstruktion eines kranken Pädohirns!', höre ich die PsychologInnenriege aufschreien. Aber ich rate allen, denen es gelingt, die Schere im Kopf für 220 Seiten mal geschlossen zu halten (was zugegebener maßen nicht immer leicht ist), und das Buch einfach mal zu lesen.
Rolf G. Klaiber in LEO
Ganz leise entwickelt sich hier eine Geschichte, die mein Nervenkostüm ordentlich durcheinander wirbelte: Eine ungewöhnliche Liebe zwischen einem jungen Mann und einem kleinen Jungen. ... Serge ist zärtlich, wild, phantasievoll, anhänglich, intelligent und gewitzt - ein Quälgeist mit Herz und Verstand, allerdings noch ungezähmt und ohne jegliche Moral. Er benutzt Jonathan als Freund und Liebhaber, und dieser lässt sich rückhaltlos darauf ein. Dabei übergibt er dem Kind die Führung, stellt seine eigenen Wünsche niemals in den Vordergrund. Wie verwerflich und skandalös man dieses Verhältnis findet, bleibt jedem selbst überlassen. Ich bin gespannt, wie die anderen Kritiken hier ausfallen werden...
Beim ersten Lesen erschien mir der Text etwas holprig und gewöhnungsbedürftig, beim zweiten Mal entdeckte ich erst die Schönheit der knappen, präzisen, manchmal auch derben Sprache des Autors. Einzig und allein der Schluß will mir so gar nicht gefallen und in die Geschichte passen, aber ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen.
Fazit: Wieder einmal ein Buch, das für mich noch lange nachwirkt!
Thomas Stefan, Kundenwertung auf Amazon.de
Der kleine Junge kam in die Küche, und ihm fiel auf, dass merkwürdige Dinge auf dem Boden standen.
Aber er sagte nichts. Seine Mutter unterhielt sich mit Jonathan. Also machte Serge sich auf Erkundungsreise durch das unbekannte Haus. Es gefiel ihm nicht, vom Gespräch ausgeschlossen zu sein.
Dann ging seine Mutter ohne ihn fort. Er sah ihr nach. Ein kleiner Weg führte zur Straße; dort stand ihr Wagen. Jonathan schloss die Gartenpforte, fasste das Kind an den Schultern und schob es zurück in die Küche. Es war Vesperzeit. Serge nahm ein Butterbrot mit Marmelade und ein Glas Milch. Und während es sich den Mund vollstopfte, zeigte das Kind Jonathan die seltsamen Dinge auf den Fliesen.
"Warum tust du das dahin?"
"Es ist für die Mäuse", sagte Jonathan.
Eine Schale mit Milch, eine Schale mit Marmelade und eine dicke Kruste Brot.
"Trinken sie Milch?"
"Ja, sie trinken Milch."
Serge gefiel Jonathans leichter Akzent. Ein deutscher Akzent oder ein englischer oder ein holländischer, schwer zu sagen: Jonathan war zu viel gereist, er hatte keine Herkunft mehr. Serge wollte diese Stimme nachahmen; die Worte waren sehr deutlich, ruhig, ein bisschen schüchtern, wie naive Gegenstände, die keinen Schatten warfen.
"Haben sie eine Zunge?", fragte Serge.
"Ja, sicher. Eine kleine rosa Zunge, sehr beweglich. Sie mögen das. Sie lecken auch die Konfitüre aus; es ist Himbeere, die kleinen Körner lassen sie liegen."
"Also wenn ich sowas esse, dann mag ich das lieber von Aprikosen", sagte Serge, der wohl fand, dass sein Vesperbrot den Vergleich zur Mahlzeit der Mäuse nicht standhielt. "Warum gibst du ihnen denn überhaupt zu essen?"
"Das weiß ich nicht."
Serge aß sein Butterbrot von innen nach außen. Er zerrte das Weiße mit der Butter heraus und ließ die hufeisenförmige Kruste liegen.
"Ich mag sie gern", fuhr Jonathan fort. "Sie sind hübsch, hast du schon welche gesehen? (Serge verneinte.) Ihr Schwanz ist ungefähr so lang, sie können damit wackeln, so ähnlich wie die Ohren von deinem Hund, wenn er mit dir redet (Serge sagte sehr schnell, wir haben keinen Hund mehr, Mama hat ihn weggegeben), wirklich? und Pfoten wie eine Katze oder ein Eichhörnchen, hast du schon Eichhörnchen gesehen? (Serge sagte, ja, wir haben eine Katze, es ist ein Junge und er heißt Julie), sie sind weich, ganz weich!"
"O, hast du schon welche angefasst? Meine Mutter war das, die unsere Katze Julie genannt hat, aber sag mal, hast du wirklich Mäuse angefasst?"
"Nein, sie haben zuviel Angst. Hat deine Mutter diesen Kater wirklich Julie genannt?"
"Ja, natürlich, also du hast keine angefasst."
"Doch, aber sie war tot. Ich habe sie trotzdem berührt. Sie lag neben meinem Bett."
"Hast du Mäuse im Zimmer?"
"Ja, sie kommen am Abend. Um die Zeit gehen sie spazieren, und ich lauere ihnen auf. Ich habe nämlich Butterkekse auf dem Nachttisch liegen."
"Du legst ihnen Kuchen hin?"
"Nein, nur für mich, wenn ich nachts aufwache und nicht schlafen kann, dann bekomme ich Hunger."
"Sag mal, sind Mäuse Jungen oder Mädchen?"
"Mach keine Witze, es gibt beides."
"Ach ... Also manche Mäuse sind auch Jungen?"
"Ja."
"Und kann man sehen, ob es Jungen sind, wenn sie essen?"
"Nein, das sieht man nicht. Man muss sie beim Schwanz packen und dann ganz genau dahin gucken."
Jonathan zeigte vorsichtig mit dem Finger auf den Hosenschlitz des Kleinen. Serge fing an zu lachen:
"Wie bei Julie, da kann man die Eier auch sehen! Du musst mich waschen, ich bin ganz dreckig."
Das Haus, das Jonathan gemietet hatte, lag einen knappen Kilometer vom Dorf entfernt. Auf einer schadhaften Lehmpiste entlang an Büschen, Wiesen und kleinen Bauernhäuschen konnte man diese Strecke leicht zurücklegen. So gelangte man schließlich zu einigen lichtüberfluteten Hügeln, die zum schattigen Fluss hin abfielen. Die Haselnusssträucher hingen so tief in den Weg, dass man hindurch kriechen musste, und die Kätzchen puderten einem dabei Gesicht und Nacken.
Jonathans Haus war klein, wie auch das Dorf klein war. Es lag in einem lächerlich kleinen Garten, denn Gärten auf dem Lande sind immer winzig. Jenseits des von Winden überwucherten Zauns erstreckten sich, hügelig und still, die kahlen Äcker. Die Bäume schienen aus tausend Funken zu bestehen, die unentwegt blinkten, und das feuchte Gras der Wiesen wogte nur leicht.
Es wurde Juni.
Kein Zweifel, Jonathans Haus hatte einmal zu einer kleinen Siedlung gehört: Das einzige Nachbarhaus, gleich nebenan, war ihm sehr ähnlich. Es sah eigenartig aus, der Baustil war unverfälscht erhalten, und es war schmutziger. Eine alte Bäuerin wohnte darin. Auf der Wiese stand außerdem die Ruine eines großen Gebäudes, die noch nicht von Efeu und Unkraut überwuchert war: Die Mauern, so gelb, steil und verfallen sie waren, hätten sich ebenso gut in der grellen Wüstensonne emporrecken können, wären sie nicht von Brennnesseln gesäumt gewesen, die höher und dichter wuchsen als Farn.
Ein Brief hatte Jonathan die Ankunft Barbaras und ihres Sohnes Serge angekündigt. Er hatte sie vor achtzehn Monaten durch einen Freund kennengelernt. Wegen des Jungen hatte er sie manchmal besucht. Damals wohnte er noch in Paris: Serge war damals sechseinhalb, Jonathan siebenundzwanzig Jahre alt.
Das Kind und der Mann hatten sich auf ihre Art sehr geliebt. Trotzdem hatte Jonathan, von so vielem angewidert, Paris bald verlassen und sich in dieses Nest zurückgezogen, allerdings ohne mit seinen Bekannten zu brechen.
Seitdem sprach er wenig, beantwortete selten Briefe, empfing keine Freunde, und sein Intimleben beschränkte sich auf einsame Zärtlichkeiten und weniger einsame Erinnerungen. Er arbeitete nicht mehr viel, entwarf nur einige Zeichnungen mit Tinte oder Bleistift. Seine Galerie schickte ihm dafür gutes Geld, das Jonathan gar nicht brauchte.
Der Gedanke, Serge wiederzusehen, bestürzte ihn. Barbara wollte den Jungen eine Woche bei ihm lassen, eine kleine Reise in den Süden unternehmen und ihn dann wieder abholen. Sie war nicht verheiratet und setzte Serge manchmal hier und da ab. Sie führte ein recht lockeres Leben. Als Jonathan noch in Paris wohnte, hatte er manchmal auf den Jungen aufgepasst, dann schliefen sie zusammen in einem Bett. Morgens wusch er ihn, zog ihn an und brachte ihn zur Schule. Ihre Freundschaft war so seltsam, dass Barbara erleichtert war, als Jonathan sich zurückzog. Serge war oft jähzornig gewesen, doch als er Jonathan kennen lernte, verhielt er sich ganz sanft, allerdings nur ihm gegenüber. Nach dessen Abreise wurde er verschlossen und passiv. Das gefiel Barbara.
Jonathan fragte sich, warum sie es wagte, ihm den Kleinen erneut anzuvertrauen. Es kam ihm vor wie ein Tauschgeschäft. Barbara war oft knapp bei Kasse, und Jonathan half ihr gern, wenn er konnte. Vor zwei Monaten hatte er ihr ein Darlehen gegeben, das den Namen nicht wirklich verdiente, denn er wusste nicht, wie man so etwas macht. Barbara hatte sich mit einem zweiseitigen Brief bedankt, der neben lauter Geschwätz auch einen Absatz über Serge enthielt, was ungewöhnlich war. Sonst schrieb sie ihm nie über das Kind.
Dieses unerwartete Geschenk hatte Jonathan überrascht. Ich hoffe, du erinnerst dich manchmal an meinen entzückenden Sohn!! ... Er scheint dich vollkommen vergessen zu haben!!!! ... Ich erzähle ihm von dir - wir hätten uns fast im Dezember deine berühmte Ausstellung angesehen! ... Aber das interessierte den Herrn dann nicht so sehr ... Nun, in seinem Alter vergisst man schnell, vielleicht ist es besser so, findest du nicht ... Aber du weißt nicht, wie entzückend er jetzt ist!!!!, schrieb Barbara in ihrer Sprache aus Strichen und Punkten. Sie fügte hinzu, dass Serge in der Schule endlich Disziplin lernte, sie immer mehr liebte, abends wie ein kleiner Liebhaber in ihr Bett kroch; er war eine Heulsuse geworden, aber so lieb. Ehrlich gesagt ist mir das lieber als wie er noch die ganze Bude in Stücke schlug!! Ach, diese Kinder! ...
Diese wunderbaren Nachrichten hatten Jonathan in Verzweiflung gestürzt.
Der Brief, der den Aufenthalt des Sohnes versprach, erwähnte auch die Geldsorgen, in denen die Mutter sich befand. Das Spiel war so unverschämt, dass Jonathan schon befürchtete, Barbara käme in Wirklichkeit allein.
Serge ließ sich die Hände abtrocknen.
"Du warst gar nicht schmutzig", bemerkte Jonathan.
"Nein, ich war nicht schmutzig, nur ein bisschen, damit du mich wäscht."
In Paris war das Kind mit Jonathan unter die Dusche und am liebsten sogar mit aufs Klo gegangen.
"Weißt du, ich habe hier gar keine Dusche."
"Und warum nicht?", fragte Serge. Er wandte den Kopf und sah plötzlich so jähzornig aus wie in seinen wilden Jahren.
"Warum bist du weggegangen?"
"Letztes Jahr? ... Du weißt, dass ich bei dir bleiben wollte", sagte Jonathan. "Ich hätte dableiben sollen, aber ich hatte nicht den Mut. Deine Mutter bringt mich um."
"Warum bist du weggegangen?"
Jonathan lebte sparsam. Ihm fehlten viele Sachen, die er brauchte, um das Kind aufnehmen zu können. Er hatte zu wenig Laken, nur ein Kopfkissen und einen Bezug, ein einziges Küchenhandtuch. Er wusch alles selbst. Sein einziger Luxus war Wein für traurige Stunden und ein verschlossenes Zimmer, um sie zu überstehen. An solchen Tagen brauchte er Riegel, Decken, einfach alles, das ihm half, das Leben festzuhalten und daran zu hindern, ihm zu entweichen. Wenn der Kleine ihn in wenigen Tagen wieder verließ würde Jonathan einen Schmerz erfahren, den er vielleicht nicht mehr besiegen konnte: Sein Widerstand gegen den Tod wurde schwächer und schwächer.
Er überschlug seine finanziellen Möglichkeiten und ging in den Nachbarort, um Lebensmittel, Einrichtungsgegenstände und andere Dinge zu besorgen; er fuhr sogar in die Kreisstadt. Er mietete einen Kühlschrank. Auf den Bauernhöfen kaufte er mehr Lebensmittel, als er in zwei Monaten essen konnte. Er besorgte sich auch einen Spiegel - den würde er dann später zerbrechen. Er betrachtete sich darin, musterte seine Kleider, seine Haare, seine Hände und sein Gesicht, und verbrachte dann den ganzen Tag damit, sich zurecht zu machen.
Er putzte das Haus gründlich, strich den Gartenzaun, schraubte die Riegel von der Tür seines Zimmers ab und riss die Fetzen herunter, mit denen er die Fenster verdunkelte. Er stellte eine Tischuhr in die Küche, kratzte die angebrannten Töpfe aus, wischte alle Fliesen, alle Kacheln, putzte die Fensterscheiben, legte eine frische Decke auf den Tisch, ließ sich Vorhänge nähen und ersetzte die nackten Glühbirnen durch richtige Lampen. Er besorgte Spiele, Spielzeug, Bilderheftchen, Medikamente, und er ließ sich geduldig beraten, um auch das richtige Alter zu treffen.
Beim Spielwarenhändler sagte er, er hätte einen Sohn. Kaum war er aus dem Laden, bereitete ihm diese Lüge so viel Scham und Schmerz, dass er das Paket fast auf einer Bank liegengelassen hätte.
"Hoffentlich kommt er nicht", dachte er schließlich.
© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
|