Joachim Bartholomae (Hg.)
American Love Story
Beiträge zum Literaturpreis der schwulen Buchläden
kart., 208 S.,
Sonderpreis EUR 3,95
ISBN 3 928983 93 8
Pressestimmen
Leseprobe
zum Herausgeber
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Zum 4. Mal wurde der Literaturpreis der Schwulen Buchläden verliehen, und wieder wurden mehr als einhundert Erzählungen eingesandt. Drei Texte kamen in die engere Auswahl, elf weitere wurden für diesen Band ausgewählt.
Die Autoren stammen aus Berlin, Hamburg, Köln, Heilbronn, Graz und New York, das Themenspektrum reicht von Exzessen im Internet über Reisen in ferne Länder, perverse Kirchenfürsten und männliche Groupies, flüchtige Bekanntschaften und "eheähnliche Beziehungen" (mit bösem Ende) bis zu ganz und gar verrückten Phantasiegebilden. Hier wird keine "Problemliteratur" einer diskriminierten Minderheit präsentiert, sondern selbstbewußte und souveräne Erkundungen der eigenen Lebenswelt.
Dieser regelmäßig erscheinende Sammelband mit "frischer" Literatur gibt einen interessanten und unterhaltsamen Einblick in Themen und Probleme des heutigen schwulen Alltags, der sich erfreulicher Weise nicht im Wunsch nach Heirat erschöpft. Zur Zielgruppe gehören über die schwule Leserschaft hinaus alle Menschen, die sich für die Vielfalt von Lebensformen in unserer Gesellschaft interessieren.
Mit Beiträgen von Felix Dörstelmann, Jörg Feiertag, Markus Dullin, Arthur Knebel, Johannes Lindhorst, Pyter Carlem, Peter Rehberg, Matthias Ordolff, Jan Battista, Stephan Franck, Klaus-Dieter Diedrich, Albert Ztrebla, Klaus Mattes und Klaus Berndl.
"Zu wünschen bleibt daher, daß diese Literatur Einzug hält in die Regale aller Buchhandlungen. So daß man eines Tages die Lupe beiseite legen kann - weil der schwule Alltag in der Literatur zum Literaturalltag geworden ist."
Krista Sager, Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg, in ihrem Grußwort zur Verleihung des Literaturpreises
"Jede/r Leser/in wird ihren/seinen Favoriten küren, doch unbestritten bleibt, dass die Idee dieses Wettbewerbs sich bewährt hat und man sich auf den nächsten band freuen darf."
Martin Weber in Lambda Nachrichten 3 / 2001.
"Schwule Literatur ist immer noch erotische Literatur, deren Figuren zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und (sexueller) Freiheit pendeln, manchmal auch zerrissen werden und - wie der Herausgeber treffend bemerkt - die nur deshalb in einem Getto existiert, weil hierzulande ‚Feuilleton und Buchhandel ihre Scheuklappen immer noch nicht loswerden können'."
Sergej München Juni 2001
"So abwechslungsreich und spannend die Themen der Storys sind, so verschieden sind auch die Autoren sowie die sprachliche uns stilistische Umsetzung der einzelnen Stoffe. Alles in allem eine wirklich sehr gelungene Mischung, die sicher an den Erfolg der vorherigen Sammelbände zum Literaturpreis der schwulen Buchläden wird anknüpfen können."
Mark Prott auf der Website Eurogay.de/buch/6107.html am 12. April 2001)
"... viele der Geschichten sind originell erzählt und überzeugen fast immer durch eine klare Sprache. ...ist das Buch American Love Story dem Lesefreund ohne Frage sehr zu empfehlen."
GegenPol Dresden, Heft 63, Mai 2001
"Liest man nun die Geschichten bei einer Tasse Kaffee, bei einem Glas Rotwein oder mit Wasser: Der freiere und selbstbewusste Umgang mit Sexualität wird deutlich, wie auch die Vielfältigkeit der schwulen Lebensart, hier als Literatur."
Mathias Mahler, Amazon
"Die Kurzgeschichten sind der leserliche Beweis, dass die neue schwule Literatur die Zeit der klagenden "Problem"schilderungen endgültig hinter sich gelassen hat. Unbedingt empfehlenswert."
Thanassis Kalaitzis in "Gay-Press.de" 5 / 2001, S. 43
"Es gilt, neue Talente zu entdecken, und sich unterhalten, berühren und zum Nachdenken bringen zu lassen. Mehr kann man von Literatur - auch von schwuler - nicht verlangen. Lektüre wärmstens empfohlen."
Paul Schulz in Siegessäule 6/2001
AMERICAN LOVE STORY
Felix Dörstelmann
"Du wolltest, dass er mitkommt. Und jetzt bleibt er da."
Wir stritten uns wieder.
"Sprich leise", sagte ich, "er kann uns hören."
"Und wenn schon", sagte Nikk. "Dem ist das alles scheißegal, der kriegt doch gar nichts mit ..."
Wahrscheinlich hatte er Recht. Riot stand vor dem Fenster in der Tür des Campers, genauso nackt, wie wir ihn gerade aus dem Sturm geholt hatten, drückte sein Gesicht gegen den ovalen Glasausschnitt und hatte in Höhe der Augen seine Hände links und rechts neben die Schläfen gelegt. Er hatte sich eine Sichthöhle geschaffen, aus der heraus beobachtete er das Unwetter. Wenn es blitzte, zuckte ein kalter, weißer Lichtstrahl um seinen Kopf und erhellte das Innere des Campers für Sekundenbruchteile - als sollten wir fotografiert werden. Wenn es blitzte, stieß Riot kurze, scharfe Schreie aus, er jubelte, er feuerte das Gewitter draußen an, auf seiner verschwitzten, bleichen Haut glänzte dunkel das blaue Tattoo auf, ein siebenschwänziger Drache, der über sein Schulterblatt tanzte. Auch wenn wir nicht in seine Richtung gesehen hätten, hätte ich gewusst, dass es so war. Ich hatte dieses Tattoo inzwischen oft genug betrachtet.
Es war der definitive Tiefpunkt unserer Ferien und auch ohne Nikks Vorwürfe hätte ich mir spätestens jetzt Gedanken darüber gemacht, wie es so weit hatte kommen können.
Es lag nicht an dem Hurrikan. Wir hatten gewusst, dass er kommen würde, alle hatten das gewusst, und wir hatten zugesehen, dass wir so weit wie möglich südlich gekommen waren im Laufe des Tages, wir hatten einen halbwegs windgeschützten Parkplatz für das Wohnmobil gefunden, wir hatten Zeit genug gehabt, uns in dem kleinen Supermarkt des Ortes mit Lebensmitteln einzudecken, und wir hatten den Dorfbewohnern dabei zugeschaut, wie sie die Boote an Land gezogen, die Autos in die Garagen gefahren und die Fenster ihrer Häuser mit Brettern vernagelt hatten. Wir hatten keine Angst gehabt. Wir waren sicher gewesen, dass der Hurrikan im Norden an uns vorbeiziehen und dass es hier ungemütlich werden würde.
Ungemütlich, aber nicht gefährlich.
Natürlich lag es an Riot. Keine Frage. Warum hätte Nikk mich sonst dafür verantwortlich machen wollen, dass wir ihn mitgenommen hatten? Aber es war unfair. Ich hatte gar keine Möglichkeit gehabt, nein zu Riot zu sagen. Ich hatte am Flughafen in Frankfurt dafür gesorgt, dass wir in dem Flugzeug alle drei nebeneinander saßen. Dass das keine sehr gute Idee gewesen war, das sah ich jetzt auch. Aber was hätte ich tun sollen? Schließlich kannte ich Riot. Das heißt, ich kannte ihn eigentlich nicht, aber ich hatte ihn schon oft gesehen und wir hatten uns auch ein paar Mal miteinander unterhalten, als er mit Freddi zusammen gewesen war, und Freddi war einer meiner besten Freunde. Deshalb kannte ich Riot also von ein paar Abendessen und von ein oder zwei Feten, und natürlich kannte ich ihn, weil er jeden Samstag am Eingang zum "Tunnel" stand und jedem, der hineinwollte, seinen Stempel auf die Innenseite des Handgelenks drückte und einem dabei den Arm verdrehte. Er fand das lustig.
Weil ich mit Freddi befreundet war, verdrehte er mir den Arm nicht und das war das einzig Nette, das ich bis dahin an ihm hatte finden können. Inzwischen war ich aber schon seit Jahren nicht mehr im "Tunnel" gewesen und ich wusste gar nicht, ob er da immer noch den Türsteher machte. Manchmal hatte ich ihn mit seinem neurotischen Schäferhund im Park getroffen, wo er in Bomberjacke und Springerstiefeln auf immer denselben Wegen patroullierte, wir grüßten uns im Vorübergehen und keinem von uns wäre es eingefallen, dabei stehen zu bleiben.
"Du hättest ja nicht sagen müssen, dass wir ihn ein Stück mitnehmen können", sagte Nikk.
"Was hätte ich denn sagen sollen, wo er uns bis in die Autovermietung hinterhergelaufen ist? Ich hab gesagt: ‚ein Stück'. Ein Stück heißt bis Miami, oder so." Ich hatte Riot gefragt, wo er hinwollte. Er hatte gesagt, er wolle dahin, wo dieser Irre Versace erschossen hatte. Also fuhren wir dahin, das heißt, Riot wusste natürlich nicht, wo die Villa lag, vor der es passiert war, und so fuhren wir den ersten Abend in Miami Beach den Ocean Drive entlang, rauf und runter und noch einmal rauf und runter, und dachten, wir finden dort vielleicht eine Scheißplakette oder so. Irgendein Denkmalschild oder auch nur ein paar Blumen hätten doch wenigstens da sein können! Aber nichts. Nikk wollte anhalten, damit ich auf der Straße Passanten frage; natürlich lehnete ich das ab; ich wollte nicht, dass die von mir dachten, dass ich mich am gewaltsamen Tod eines Menschen aufgeile. Und, wie gesagt, es war nicht mein Wunsch gewesen, dort hinzufahren, sondern der von Riot.
Riot machte keine Anstalten, bei der Suche zu helfen. Schließlich wurde es langsam dunkel und wir waren auch schon aus Miami raus, darum fuhr Nikk auf den Wohnwagen-Standplatz neben einem Motel am Highway One. Es war spät und wir waren alle hundemüde, weil es für uns in Wirklichkeit ja noch viel später war, und der Flug und die Fahrerei hatten uns geschafft. Ich zog die Schlafcouch aus, für Riot, und Nikk und ich kletterten in die beiden Betten, Nikk schlief über der Fahrerkabine, ich am Heck des Wohnmobils. Ich hätte ihn doch nicht einfach rausschmeißen können.
Am nächsten Tag setzten wir unsere Fahrt nach Süden fort, in die Everglades. Ich machte einen halbherzigen Versuch, Riot loszuwerden, indem ich ihm anbot, wir würden zurück nach Miami fahren und ihn dort absetzen, aber er sagte nur: "Was soll ich da?". Nikk schaute peinlich berührt auf die Fahrbahnmarkierung, die sich schnurstracks in der Unendlichkeit verlor.
Und obwohl er mir jetzt vorhielt, ich hätte Riot gegen seinen Willen mitgeschleppt, ließ er ihn seinen Unmut nicht merken. Er hatte sich vom ersten Tag an mit ihm verstanden und es störte ihn nicht, dass Riot ziemlich schweigsam blieb die meiste Zeit. Und dass er sich für nichts wirklich zu interessieren schien, weder für den Strand noch für die Sümpfe noch für irgendetwas anderes. All das machte ihm nichts aus. Denn gegen Nikk war Riot auf seine Art nicht ungefällig. Und er erweckte bei ihm tatsächlich den Eindruck, als bemühe er sich, Nikks Begeisterung für Flamingos, Pelikane und Sumpfschildkröten zu teilen. Das genügte Nikk. Er spielte mit Riot Strandball und am Abend Karten, und so froh ich zuerst gewesen war, diesen Part an Riot abgeben zu können, desto verheerender wurde das Gezerre, als Nikk versuchte, mich als ihren dritten Mann in irgendwelche Karten- und Würfelspiele hineinzuziehen. Gesellschaftsspiele langweilen mich. Noch mehr als Strandball und Volleyball, und Kartenspiele sind überhaupt am schlimmsten. Meistens blieb ich daher bei diesen Gelegenheiten hart und die allgemeine Stimmung sank, jedes Mal wenn Nikk mich zwang, den Spielverderber herauszukehren, bis einer von uns schließlich entnervt den Camper verließ, die Wohnwagentür hinter sich zuschlug und sich schimpfend in eine neonhelle Kneipe oder an den finsteren Strand zurückzog. Der andere saß dann mit Riot in oder vor dem Camper und schwieg sich mit ihm an. So sah seit mehr als einer Woche unser Urlaub aus.
Nikk brach nach dem Frühstück mit dem Camper in seine geliebten Sümpfe auf, bewaffnet mit Fernrohr und Fotoapparat und kam erst am Abend wieder zurück, in der Regel hatte ich dann schon eingekauft, er ging zum Schwimmen ans Meer und ich begann zu kochen. Fast immer kochte ich allein, aber das machte mir nichts aus, ich war dankbar für jede Beschäftigung. Die meiste Zeit langweilte ich mich ohnehin fürchterlich und ich nahm Nikk inzwischen wirklich übel, dass wir hatten hierherfahren müssen. Obwohl ich schon verstand, dass er in seinem schwer verdienten Jahresurlaub nicht mit dem Elend von Prostitution und Mangelwirtschaft konfrontiert werden wollte, auch nicht mit bröckelnden Fassaden und Kakerlaken in Hotelzimmern, von deren Wänden sich die Tapeten lösen. Nikk konnte sich fürchterlich für Sport und Natur begeistern, aber bestimmt nicht für koloniale Altstädte in sozialistischen Entwicklungsländern, und erst recht nicht für Städte oder gar ganze Länder, in denen es keine Einkaufszentren und keine Klimaanlagen gab. Er war sogar der Auffassung, dass ich nur deshalb immer noch arbeitslos sei, weil ich mich als Architekt zu wenig mit neuen und modernen und zu viel mit alten und zerfallenden Häusern beschäftigte und obendrein zu viele, zu altmodische Bücher las. Und da Nikk den Urlaub zum größten Teil bezahlte, behielt er wie immer das letzte Wort.
Ich hatte also Kuba beiseite gelegt und einen Reiseführer über Florida gelesen. Etwas, das außer mir niemand tat. Ich hatte das auch nicht erwartet: Nikk lehnte es ab, Bücher zu lesen, wenn er dieselben Informationen auch von lebenden Menschen bekommen konnte. Menschen, deren Beruf es war, all diese Dinge zu wissen, und, was sie wussten, im Tourist Office unentgeltich und mit einem Lächeln an Nikk weiterzugeben. Bei Riot hingegen war ich mir nicht sicher, ob er überhaupt lesen konnte.
Am Anfang waren wir alle zusammen in die Sümpfe gefahren, aber schon am zweiten Tag wollte ich da nur noch raus. Die Sonne, die Mücken und die öde Weite der Landschaft mit ihren hunderttausenden von ewig gleichen Tümpeln, Wasserarmen und Sümpfen, das nicht enden wollende Vogelgekreische, das Schwüle und Schwiemelige der Luft gingen mir total auf den Geist. Ich setzte durch, dass wir unser Standquartier nördlich des Nationalparks an der Küste aufschlugen. Dort auf Chokoloskee Island konnte ich die Tage am Strand verbringen und in meinem altmodischen russischen Roman lesen. Die Geschichte allerdings war ziemlich wirr und bereitete mir Unwohlsein genauso wie die Tatsache, dass die handelnden Personen die ganze Zeit in Pelzmänteln herumliefen. Obendrein gaben sie jede Menge Geld aus, das sie nicht hatten. Mir wurde heiß und ich suchte der Sonne in den Schatten einer Palme zu entfliehen. Mittags, wenn auch dieser Schatten fast verschwunden war, schleppte ich mich in eine der zahlreichen Strandbars, aber egal wie ich es anfing, ich war von morgens bis abends am ganzen Körper nass von meinem eigenen Schweiß.
Wenn man ihn nicht dazu aufforderte mitzukommen, ging Riot weder in die Sümpfe noch an den Strand. Keine Ahnung, wo und wie er die Tage verbrachte, jedenfalls lief er die ganze Zeit nur mit freiem Oberkörper herum, wurde aber kein bisschen braun. Und um nichts in der Welt konnte man ihn dazu bewegen, seine Bundeswehrhose oder auch nur die Springerstiefel auszuziehen, trotz der Hitze. Ich fand das unsäglich und lächerlich. Sein ganzes Auftreten, das martialische Outfit, die bescheuerte Glatze, seine coole Visage, all das wäre mir wahrscheinlich vor anderen oberpeinlich gewesen, aber im Supermarkt oder auch an der Tankstelle, selbst auf dem Campingplatz begegneten wir nur wenigen Menschen, und wenn, dann waren es meistens fette amerikanische Rentner in klobigen weißen Turnschuhen.
Im Supermarkt kaufte Riot große Mengen rohes Fleisch, das er in einem schwarzen Plastiksack, so einer Art Müllbeutel, mit sich herumschleppte. Zuerst dachte ich, das wäre nur wieder eine von seinen saudummen Ideen, mit denen er uns schockieren wollte, aber dann sah ich ihn am selben Tag - Nikk hatte Riot und mich überredet, noch einmal mit in den Park zu kommen - wie er auf einem Dammweg in der Nähe des Campers stand, mit diesem Sack in der Hand. Ich fing an zu laufen und wollte Riot da runterholen, im selben Moment dachte ich mir aber, dass ihn genauso gut einer der Alligatoren fressen könnte, es stand schließlich überall, dass man sie nicht füttern durfte. Es war sogar bei Strafe verboten, denn das rohe Fleisch machte sie scharf. Wahrscheinlich hatte ihn das überhaupt erst auf die Idee gebracht.
Wenn ich abends vom Strand und vom Einkaufen zurück zum Wohnwagen kam, war Nikk schon schwimmen gegangen, aber Riot war da und lag auf der Couch vor dem eingebauten Fernseher, der nur zwei Programme empfing. Ich glaube, sie sendeten ungefähr zu fünfzig Prozent Werbung und zu fünfzig Prozent die Spendenaufrufe von religiösen Sekten und Freikirchen. Er konnte sich das stundenlang ansehen. Ich sagte "hi!" und schälte die Kartoffeln oder die Möhren, putzte die Champignons und pfefferte die Steaks. Riot sagte: "Es sind überhaupt keine Schwulen hier." Etwas an dieser Bemerkung passte mir nicht und ich versuchte, ihn zu ärgern und absichtlich misszuverstehen.
"Wieso?", fragte ich, "sind Nikk oder ich etwa nicht schwul?" Er antwortete nicht. Also sagte ich zu ihm: "Dann fahr doch die Keys runter, nach Key West." - "Und da sind Schwule?", fragte er, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. "Klar", sagte ich, "jede Menge kleine, willige Schwule gibt's da, die am ganzen Körper schon vor Geilheit zittern und nur auf dich und deinen starken Schwanz warten ..." Ich schnitt mir mit dem Messer in den Handballen, es blutete; Riot sah weiter fern und war nicht länger ansprechbar. Beim Abendessen sagte er zu Nikk: "Wir sollten nach Key West fahren." - "In welche Richtung ist das?", fragte Nikk. Ich warf ihm den Reiseführer und die Straßenkarte vor die Füße und verließ den Wohnwagen. Hinter mir klappte die dünne Kunststofftür in ihr Kunststoffschloss.
Das war vor zwei Tagen gewesen, und weil am Tag darauf die religiösen Fanatiker auf einem der beiden Horrorkanäle schon mal für die Seelen von all den armen Sündern zu beten begannen, die bei dem Wirbelsturm am nächsten Tag sterben würden, sind wir gleich am Morgen losgefahren in Richtung Keys. Wir erreichten am späten Nachmittag Sunset Point auf Key Largo. Es würde weit genug weg sein, dachten Nikk und ich.
Wir warteten auf das heraufziehende Gewitter. Es fing mit einem unheimlichen Tosen an, das überging in ein wildes Winden und Ziehen an Baumkronen, Hausdächern und Stromleitungen. Dann setzte hagelhämmernder Regen ein. Nikk und ich saßen im Camper und versuchten, das Rütteln und Saugen an dem Wohnwagen zu ignorieren, schließlich verloren wir im Fernsehen beide Programme und konnten nicht länger mitverfolgen, welche Verwüstungen der Hurrikan einige Meilen weiter nördlich anrichtete, wir atmeten auf. Dann fragte Nikk: "Sag mal, wo ist Riot?" - "Wahrscheinlich liegt er in deinem Bett oder er ist rausgegangen, Alligatoren füttern." - "Red nicht so einen Mist", Nikk wurde richtig sauer. "Das wusstest du nicht?" Nikk war ein Meister, wenn es darum ging, Dinge nicht zu sehen, die er nicht sehen wollte. In dem Fall konnte er beide Augen fest zumachen.
Nikk sah tatsächlich in seinem Bett und auch auf dem winzigen Klo des Wohnmobils nach. Riot war nicht da. Er saß auch nicht in der Fahrerkabine, wie er es manchmal tat, mit einer Dose Budweiser und der neuesten Ausgabe von "Tattoo" auf den Knien. Dieses Heft war das Einzige, womit er sich richtig gern beschäftigte, der Himmel allein wusste, was er daran fand. "Wir müssen rausgehen und ihn suchen", sagte Nikk und ich sagte: "Bist du wahnsinnig?" Wir saßen eine weitere halbe Stunde in dem Camper herum, draußen war inzwischen Nacht, das Schaukeln des Wohnwagens nahm zu, unsere Unruhe auch. Dann wurde etwas Dunkles, Langes gegen das Fensterchen geschleudert und blieb vom Wind dagegengedrückt für Sekunden dort hängen.
"Was ist das?", schrie Nikk und ich erkannte, dass der Sturm eine Gummisohle gegen die Scheibe presste. Der Wind ließ einen Moment nach, der Stiefel fiel herunter und ich öffnete die Tür, um ihn aufzuheben, kam aber nicht dazu, weil ich oberhalb der untersten Stufe ins Nasse langte, ich machte einen weiteren Schritt und merkte, der Parkplatz stand knöchelhoch unter Wasser. Einen halben Meter entfernt trieb der Stiefel, ich watete hin und fischte ihn heraus. Ich rief Nikk: "Los, komm, du musst mir helfen, Riot ist irgendwo hier draußen." Er stolperte ins Wasser, ich hielt ihm Riots Springerstiefel hin, er sagte: "O.k., aber es ist gefährlich." Ich sagte: "Ja." Mehr konnte ich nicht sagen, denn der Sturm legte wieder los und es wurde unmöglich, sein eigenes Wort zu verstehen. Ich kletterte noch einmal zurück in den Wohnwagen und nahm die Taschenlampe von ihrem Haken, dann stapften wir über den Parkplatz, eng aneinander geklammert, an Straßenschildern und Laternen Halt suchend. Wir duckten uns unter dem Ansturm von Palmwedeln, Ästen, Pappschildern, Kartons und losgerissenen Brettern und Nikk hielt eine kleine Reklametafel aus Blech als Schild über unsere Köpfe: "Welcome to Florida - the Sunshine State -, enjoy ..." - ich weiß nicht was. Wir irrten auf diesem Parkplatz umher, wagten uns vor bis zur Straße, weit und breit kein Mensch. Ich hielt mich an Nikk fest.
Mehrmals wurden wir umgeworfen und gingen zusammen in die Knie.
Wahrscheinlich waren wir nur ein paar Minuten da draußen, mir kam es vor wie eine Ewigkeit. "Ich will noch nicht sterben", sagte ich zu Nikk, "ich gehe keinen Schritt weiter." Nikk riss mich hoch, er schrie mich an: "Los, mach jetzt nicht schlapp, hörst du: Wir schaffen es, gemeinsam!" Wir sahen dahin, wo der Strand gewesen war. Es gab nur noch Meer, mannshohe Wellen, die Wasser bis auf die Straße spülten, und Wind. Aber auf der anderen Seite der Straße, bis zu den Kniekehlen im Wasser, im flackernden Licht einer Highwaylaterne sahen wir Riot, weiß und wild, er war nackt und sprang tanzend und singend in den Fluten umher: "Hoho, hoho", rief er durch die hohle Hand, als er uns sah. "Ho ho ho. Kommt her und holt mich!" - "Er hat komplett den Verstand verloren", sagte ich. "Da mach ich nicht mit." Aber Nikk war mit dem Schild schon weitergelaufen und so rannte ich hinter ihm her. Nikk erreichte Riot als Erster. Er griff nach seinem Arm und wollte ihn in unsere Richtung ziehen. Riot wehrte sich, er trat und warf Nikk um, dann war er sofort über ihm und drückte seinen Kopf unter Wasser. Ich nahm alle meine Kraft zusammen und sprang. Ich sprang in Riots Rücken und er fiel neben Nikk ins Wasser, ich drückte jetzt seinen Kopf ins Wasser und wartete, bis Nikk wiederaufgetaucht war, dann ließ ich ihn los. Riot bewegte sich nicht. Er spielte toter Mann und trieb neben uns in der dunklen Flut. Aber auch wenn er nicht markiert hätte, wäre ich in diesem Augenblick nicht traurig gewesen.
Als Nikk das Wasser ausgehustet hatte, schnappten wir uns Riot und schleiften ihn hinter uns her durch das Wasser zum Camper. Er wehrte sich nicht länger und mit dem Wind im Rücken brauchten wir keine fünf Minuten. Wir warfen Riot auf das Sofa und rubbelten ihn mit unseren Handtüchern trocken, noch bevor wir uns unsere nassen Klamotten auszogen. Ich schloss die Tür von innen ab, obwohl Riot versprach, dazubleiben und vernünftig zu sein. Die ganze Nacht stand er hinter der kleinen Fensteröffnung, schaute auf den Parkplatz und heulte mit dem Sturm, während Nikk und ich uns stritten.
Das Wetter beruhigte sich in den frühen Morgenstunden und wir legten uns hin. Obwohl ich todmüde war, konnte ich nicht schlafen und blieb lange wach. Im Mondlicht betrachtete ich Riots weißen Körper, der bäuchlings auf der Couch lag, ohne dass er sich zugedeckt hatte, Arme und Beine von sich gestreckt, wie tot, die Haut von einem fiebrigen Schweißfilm bedeckt. Im Rhythmus seines Atems hob und senkte sich der siebenschwänzige Drache. Am Ende schlief ich darüber ein.
Als ich wieder aufwachte, war es draußen schon hell und in dem Flecken Sonnenschein, der durch das Fensterchen in der Tür hereinfiel, sah ich Nikk, der neben dem schlafenden Riot kauerte und mit der Hand über die kurzen Haare auf seinem Schädel strich. Riot schlief oder tat so, als ob er schliefe, jedenfalls bewegte sich nur der Drache auf seinem Schulterblatt; nach zehn Minuten oder so stand Nikk auf, beugte sich über Riots Nacken und küsste ihn zwischen die Schultern. Ich drehte mich zur Wand.
Riot wurde krank, er bekam Fieber und konnte das Essen nicht bei sich behalten, den ganzen Tag über lag er auf seinem Sofa. Nikk und ich sahen abwechselnd nach ihm. Der Hurrikan war tatsächlich an uns vorbeigegangen und seine Ausläufer hatten sich so plötzlich verzogen, wie sie gekommen waren, der Himmel strahlte blau und wolkenlos, die Luft war klar und frisch, das Meer ruhig und einladend glasblau.
Der kleine Ort bot ein Bild der Verwüstung, aber nur auf den ersten Blick. Wenn man genauer hinschaute, sah man, dass nichts Wesentliches zu Bruch gegangen war und dass nur jede Menge Müll und loses Buschwerk in den Straßen und Gärten verteilt lag, der Strand war von Seetang und Treibgut übersät. Ich war sicher, die Bewohner von Sunset Point würden nicht lange dazu brauchen, die zwei, drei Straßenlaternen und abgerissenen Telefonleitungen zu reparieren und den Müll beiseite zu schaffen; auf unserer Rückfahrt schon würde wenig an das Unwetter dieser Nacht erinnern.
Am späten Vormittag setzte sich Nikk ans Steuer und wir fuhren geradewegs ins Blaue, die Keys runter und es kam uns vor, als leuchtete das weiß in der Sonne strahlende Band des Highways uns den direkten Weg ins Blau des Himmels und des Meeres. So als drehten wir Aufnahmen vor einer Bluescreen und die Umgebung würde erst später eingefügt. Wir fuhren ohne größere Pausen durch bis Key West, und als es nicht mehr weiterging, wendete Nikk den Wagen vor einer Boje aus Beton, rot und schwarz angestrichen: der südlichste Punkt. Wir waren angekommen.
Von diesem Tag an war alles anders. Oder besser: Riot war ein anderer geworden. Er strahlte eine Sanftheit und Ruhe aus, die ich, wäre sie vorher schon da gewesen, niemals an ihm hätte übersehen können. Sie war neu.
Ich entspannte mich, ich hoffte auf einmal, der Urlaub würde vielleicht doch nicht so endgültig den Bach runtergehen, wie ich gedacht hatte. Riot zog los, um neue Stiefel zu kaufen. Aber seine Springerstiefel gab es hier nicht, und so kam er mit ganz normalen Workingboots zurück. Er hörte auf, sich mit Sunblocker einzuschmieren, und seine Haut war nicht mehr bleich, sondern nur noch hell. Wenn wir nebeneinander auf der Fahrerbank saßen und unsere bloßen Unterarme sich berührten, schreckte ich nicht mehr zurück. Er roch nach Bier und Kaugummi und Joints und es störte mich nicht. Wir gingen zu dritt an den Strand und liehen uns Schnorchel und Flossen. Riot versuchte, auf einer Schildkröte zu reiten, und Nikk verschluckte eine Menge Wasser vor Lachen.
Am Abend waren wir in einer Bar, und als Nikk und ich schließlich zum Wohnwagen zurückwollten, sagte Riot, dass er später nachkommen werde. Er zwinkerte uns zu, wir wünschten ihm Jagdglück und gingen zurück zum Camper.
In dieser Nacht schlief ich schlecht und wachte dauernd auf. Ich versuchte, mich warm und schwer zu fühlen, aber es gelang mir nicht, ich hörte, wie Nikk leise schnarchte, und dachte an den siebenschwänzigen Drachen und das Schulterblatt, auf dem er all die Nächte getanzt hatte. Riot blieb die ganze Nacht weg. Irgendwann stand auf einmal Nikk neben meinem Bett und rüttelte heftig an meiner Schulter, ich tat, als habe er mich aus tiefem Schlaf gerissen. Er entschuldigte sich nicht. "Riot ist immer noch nicht zurück." Ich begriff nicht, sah nur, dass er sich Sorgen machte. Ich sagte: "Ihm wird schon nichts passiert sein", und schloss wieder die Augen, ich wusste, ihm würde nichts passiert sein, und ich fand, dass auch Nikk das wissen müsste. Er fing an, mich zu nerven.
Nikk fand ihn am nächsten Morgen. Riot lag vor der Tür des Campers auf dem Kies, zusammengerollt wie ein Hund.
Beim Frühstück sagte er: "Die Männer hier sind nichts für mich. Alle rasiert. Kein einziges Haar am ganzen Körper. Sie rauchen nicht und sie trinken nicht und von ihrem Duschgelaroma wird mir übel. Anfassen tun sie sich auch nicht. Sie machen es, ohne sich zu berühren." Er war vollkommen entgeistert. Nikk lachte und spottete, dass er ja wohl noch nicht alle ausprobiert haben werde. Ich lachte nicht, denn ich glaubte, dass er genau das getan hatte.
Wir verbrachten gemeinsam drei wundervolle Tage, die wirklich nach Urlaub aussahen, angefüllt mit Sonne, Meer, Schnorcheltouren und Beach-Volley-Spielen, wir hatten unseren Spaß dabei, alle drei. Es waren Tage, satt von gegrilltem Lobster und rotem Snapper, von Sun-Downers auf der Terrasse der Dolphin-Bar und trunken von endlosen abendmüden Gesprächen auf den Stufen des Campers, in deren Verlauf wir die Sternschnuppen zählten, bis uns schließlich die Wünsche ausgingen. Der hartnäckigste Wünscher aber war Nikk, es war klar, er wünschte sich immer dasselbe, so schnell konnte einem gar nicht dauernd etwas Neues einfallen.
In den Nächten vertiefte ich mich in die Betrachtung des tanzenden Drachen. Wenn die anderen schliefen, stieg ich aus meinem Bett und legte mein Gesicht auf Riots weiße Arschbacken, schlief dort wohl auch momentlang ein, ich wünschte und fürchtete zugleich, er könnte davon aufwachen, aber es geschah nicht und gegen Morgen schlich ich mich wieder in mein Bett und schlief tief, traumlos und glücklich.
Am Morgen des vierten Tages, den wir auf Key West verbrachten, machte ich mich auf zu dem Haus, in dem Hemingway gelebt hatte, nachdem sie die Amerikaner aus Kuba rausgeschmissen hatten. Als ich dort ankam, war das Museum geschlossen, einer der Hurrikans aus dem letzten Jahr hatte einen Teil des Dachs und der Veranda zerstört und das Gebäude wurde aus diesem Grund einer umfangreichen Restaurierung unterzogen. Ich lief ein paar Schritte in dem tropischen Garten umher, es wollte sich aber kein Hemingway-Feeling einstellen und ich ging zurück zum Camper, um meine Badesachen zu holen. Ich stellte fest, dass Nikk und Riot im Weggehen vergessen hatten, den Wagen abzuschließen. Ich öffnete die Tür und sah auf den wild sich gebärdenden Drachen. Unter ihm lag Nikk auf dem blauen Sofa. Er drehte sich halb in meine Richtung, aber sein Blick ging nach innen und er sah mich nicht. Ich warf mich auf Riot, um ihn von Nikk herunterzureißen, Riot lachte und Nikk rief: "Hör nicht auf, Riot, hör jetzt nicht auf!" Riot hörte nicht auf. Ich legte meine Hände um seinen Hals und würgte ihn voller Wut, aber das stachelte ihn nur an, seine Bewegungen wurden heftiger, die Stöße tiefer, er schüttelte mich beinahe ab, er grunzte und schrie, dann brach er über Nikk zusammen. Jetzt schrie Nikk auf: "Geh raus, verdammt, geh raus!" Aber das war nicht möglich, denn ich hatte mich mit meinem ganzen Gewicht auf Riot gestürzt, wir lagen alle drei übereinander und keiner von den beiden konnte vor oder zurück. Ich weiß nicht warum, aber ich blieb eine ganze Zeit einfach so liegen, betrachtete den siebenschwänzigen Drachen direkt vor meinen Augen, er glänzte nass von Riots Schweiß und meinen Tränen.
Wir warteten drei ganze Tage, aber Riot kam nicht wieder zurück. Drei Tage, in denen Nikk und ich kaum ein Wort miteinander sprachen. Ich packte Riots Sachen zu einem Bündel zusammen, sie passten in eine normale Sporttasche, und stellte sie draußen neben den Wohnwagen. "Wo wollen wir jetzt hin?", fragte Nikk. Ich antwortete, dass ich das nicht wisse, und dass es mich auch nicht interessiere. Ich wollte nur noch, dass wir nicht in die gleiche Richtung gingen. Nikk grinste und sagte, dass das hier einer der wenigen Orte auf der Welt wäre, an dem genau das nicht möglich sei. Und dass wir nur zusammen hier wieder herunterkommen würden. Ich schwieg. Nikk schlug die Hände vors Gesicht, fing an zu weinen. Ich sagte: "Ich versteh nicht, warum du weinst, du hast doch deinen Spaß gehabt." Nikk wurde ganz wild und böse, ich hatte ihn noch nie so böse gesehen. Er sagte: "Dir geht es gar nicht um mich, dir ging es die ganze Zeit nur um ihn." Ich sagte nichts. Es war nicht fair. Nikk sagte: "Du bist schuld, wenn ich es mir geholt hab", und ich musste lachen, bis er vor lauter Wut nur noch um sich schlug, meine Lippen bluteten und mein linkes Auge schwoll an, schneller als ich verstand, dass er mich verletzt hatte.
Ich konnte mich nicht wehren, ich hatte dazu keine Kraft, aber ich konnte auch nicht an mich halten, ich musste immer weiterlachen, ein hartes, freies und herzloses Alligatorlachen, wie ich es von Riot gelernt hatte. Als ich merkte, dass Nikk von selbst nicht aufhören würde, mich zu verprügeln, rollte ich mich auf allen Vieren zur Tür, er trat mich die Stufen hinunter auf den Parkplatz, dort blieb ich liegen, den Kopf auf Riots Reisetasche gebettet, sie stand noch immer da in der Sonne. Die Sonne schien wie all die anderen Tage, aber ihre Hitze war hässlich geworden, ihre Athmosphäre war fleckig und ihre Strahlen schmerzten. So lag ich, bis es dämmerte, dann schleppte ich mich hinunter zum Hafen. Mit Nikks Kreditkarte mietete ich ein kleines, offenes Motorboot und fuhr hinaus auf die weite, dunkelblaue See, in die Richtung, in der ich Havanna vermutete. Ich hatte keine Ahnung, wie weit das entfernt war, und auch nicht, was ich dort wollte, ich fuhr einfach los, immer geradeaus, immer weiter, immer tiefer in die schwarze Nacht und hinein in das Rauschen, das von der großen Insel kommen musste. Es regnete. Ich war froh, dem grausam wolkenlosen Himmel über mir entkommen zu sein, und betete, ein Wind, ein Sturm, ein Unwetter wie neulich, möge noch einmal das Meer aufwühlen und in seinem unbarmherzigen Wüten mir jene brutale und köstliche Sanftmut, Ruhe und Gleichgültigkeit schenken, nach der ich mich so sehnte.
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Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
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