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"Dieses Mädchen ist ein Knabe!""Ich werfe mich stürmisch über Dich hin In Köln verliebt sich der Primaner Herbert Wolters in den Tertianer Erich Mertens, der sich geschmeichelt fühlt, doch die Gefühle nicht erwidern kann. Noch als Student und Hauslehrer in Berlin kann der Ältere von dem Jüngeren nicht lassen. Einem literarischen Zirkel stellt er sich als Autor mit Liebesgedichten vor. Als er auf die Frage nach dem wohl heißblütigen Geschöpf, dem die Verse gelten, antwortet: "Dieses Mädchen ist ein Knabe!", tönt ihm nur ein spöttisches "Graf Platen" entgegen. Der AutorHinter dem Pseudonym Bill Forster verbarg sich der 1878 geborene Hermann Breuer, der wie der Herbert Wolters des Romans nach Berlin ging und dort u. a. zur "Gemeinschaft der Eigenen" gehörte. Er arbeitete oft und gerne als Hauslehrer; zu seinen Schülern zählte der jüngste Sohn Joseph Pulitzers. Nach 1909 verlieren sich seine Spuren. Pressestimmen
Die leidenschaftliche, aber leider einseitige Liebe des jungen Kölner Studenten Herbert Wolters zum vier Jahre jüngeren Gymnasiasten Ernst Mertens. Leseprobe: Kapitel IVEs war ein kühler Augustmorgen. Im engen Moseltal dampften die Nebel, wogten in die Höhe und sanken zusammen, kletterten an den Bergwänden empor und schleppten sich in ihrer nassen Trägheit langsam über kahle Hochflächen. Unten aber in der brodelnden Tiefe murmelte der Fluß. Verschlafen klang es und müde, und müde und verschlafen sah die große, kupferrote Sonnenscheibe dem gespenstigen Treiben zu. Aber allmählich währte es ihr zu lange, sie wurde warm vor Ungeduld, und zerriß im glühen Zorne die farblosen Schleier.Hell vom kleinen Kirchturm schlug die zehnte Stunde. Taufrisch triefte und tropfte es von Bäumen und Sträuchern. Die nassen Felsen glänzten und schillerten, und die Mosel war auf einmal gar nicht mehr verschlafen, sondern sah so blank und fröhlich aus und eilte geräuschvoll schwatzend zu Tal, gleich als dränge es sie, möglichst schnell aus der düstern Nachbarschaft der toten Ruine zu kommen, die vom Bergkegel herab sie vergebens durch ihren langen, schwarzen Schatten zu ärgern versuchte. Und doch war die Ruine nicht tot, hätte die Mosel sich nur Zeit genommen und nicht immer wieder in ihrer Eile das Bild zerfetzt, so daß es in dem klaren Wasser auseinanderfloß, vielleicht hätte sie dann auch die beiden, lustigen Gestalten gesehen, welche oben auf der moosumwachsenen Mauer standen und mit den Hüten schwenkten. Jetzt rief einer: "Hoiho! Ho - hoiho!" und langgedehnt antwortete von drüben der gehorsame Fels, und dann kletterten sie herunter, Steine klirrten und raschelndes, brüchiges Schiefergeröll. Ein kleiner, schlanker Junge sprang in Sätzen von Fels zu Fels, verschwand hinter Brombeergestrüpp und tauchte wieder auf. "Hier herunter, Herbert," rief er, "hierher!" "Komme schon," antwortete dieser, der nach einem etwas gefährlicheren Abstieg suchte, da er doch seinem Freunde zeigen mußte, was er unter Gregers' Führung gelernt hatte, aber er fand keine Stelle, die seiner Kunst würdig gewesen wäre, und so lief und rutschte er Ernst nach. "Wir wollen weiter gehen," meinte er, "dort unten ist das Echo schöner. Kurz, ehe wir nach Cochem kommen, liegt, dem Dörfchen Sehl gegenüber, ein düsterer, stumpfkantiger Felsen, den sie die Brauseley nennen, wohl als Gegenstück zur sagenumwobenen Loreley, und ich muß gestehen, die wilde Brauseley gefällt mir ebenso gut, wie ihre berühmtere Schwester, der sie nur darum nachstehen muß, weil sie noch keinen Heine gefunden." "So kannst Du sie ja besingen," meinte Ernst spöttisch. "Wer weiß, vielleicht tue ich es! Dann aber hüte Dich, denn es dürfte Dich nicht wundern, wenn mein Sang etwas anders ausfiele, oder wenn ich die Bosheit besäße, Dich als lockenkämmenden Jüngling hinauf zu setzen, der zum Schrecken aller Schüler da oben seine griechischen Verba konjugieren muß bis in die Ewigkeit!" Nun lachten sie beide, und sie lachten überhaupt fortwährend, so lange sie auf der Moselreise waren. Herbert hatte sein Versprechen gehalten, trotzdem er auf große Schwierigkeiten gestoßen war. Seltsamerweise schien Ernst bald nach jenem denkwürdigen Nachmittage gänzlich das Interesse an der beabsichtigten Fahrt verloren zu haben. Er war mürrisch gewesen und hatte sogar plötzlich erklärt, er wolle nicht verreisen. Vergebens zerbrach sich Herbert den Kopf, was die Ursache sein könne, vergebens drang er bittend in den Jungen und beunruhigte sich, - er konnte ja nicht wissen, daß Ernst täglich zur Post lief und dann verdrossen und ärgerlich zurückkam, weil noch immer keine Antwort dalag von E. R. 123, und daß er auffallend häufig in die Nähe des Königsplatzes sich verirrte und doch nie mit Ellen Ruth zusammenstieß. Wie hätte der unerfahrene Student den tiefern Zusammenhang ahnen können! Da kam es plötzlich zu einem Wendepunkt. Ernst erhielt von der Schule das denkbar schlechteste Zeugnis, und wenn er es auch bereits lange genug voraus gewußt hatte, um es bald wieder zu vergessen, so ließ sich doch nicht leugnen, daß die häusliche Stimmung in ungemütlicher Weise durch diesen Zwischenfall beeinträchtigt war. Unter diesem Drucke wurde sein Denken an Ellen Ruth zurückgedrängt, durch das lebhafte Verlangen nach einem Szenenwechsel. Auch wollte er Nachsicht mit seiner Mutter haben, und ihr Zeit lassen, Stimmung und Laune zu bessern. Und so drang er plötzlich ebenso sehr auf die Reise, wie er vorher sich mit Eigensinn dagegen gestemmt hatte. Herbert war nur zu bereitwillig, in seiner Freude, einmal die geliebte Gesellschaft des Freundes ausschließlich für sich haben zu können, und er war tolerant genug, Frau Mertens auseinander zu setzen, daß von fünf Wochen Ferien vier zur Arbeit und Buße genügten, und schon aus gesundheitlichen Gründen die erste der Erholung gewidmet werden müsse. Welche Frau könnte der zwingenden Logik eines Herzens widerstehen, und die stille Mutter gönnte ihrem Liebling trotz allen Kummers ein Vergnügen. So waren denn langsam die Schwierigkeiten überwunden bis auf eine, an der schon stärkere Naturen scheiterten: Das Geld! Doch wenn man über Gibraltar nach München fährt, läßt man sich dadurch nicht zurückschrecken. Da Herberts Mittel allein nicht ausreichten, so überlegte man, ob nicht die Gründung einer Aktiengesellschaft empfehlenswert sei, und man begab sich auf die Suche nach Teilnehmern. Es fanden sich denn auch einige gute Seelen. Die Mutter selbst stiftete seufzend ein Goldstück, Ernst erinnerte sich einer längst vergessenen Tante und entdeckte sogar den Weg zu ihr, was nicht unbelohnt blieb, selbst Fräulein Günther wurde gewonnen, und Cousinchen spendete ein Scherflein. So brachte man denn ein Vermögen zusammen, von dem keiner recht wußte, wem es gehöre. Doch war dieser Umstand nicht von besonderer Tragweite, da es sich um keine erdrückende Summe handelte. Doch was lag daran! Herbert wollte seinen Freund das fröhliche Sparen lehren! So waren sie ausgezogen. Zuerst mit der Bahn nach Trier. Dort hatten sie sich Mühe gegeben, mit ihren Geschichtslücken der alten Römerstadt gerecht zu werden, und froh aus dieser Fülle des Wissenswerten und Nichtgewußten herauszukommen, waren sie nach Bernkastel gefahren, wo der Fluß so klar und still, die Berghänge so sonnig und der Wein so köstlich ist. Von dort ging es zu Fuß moselabwärts. Ernst hatte in den ersten Tagen alle Stunden die Barschaft gezählt, es schien ihm undenkbar, daß man mit so wenigem auskommen könne, und in fortwährender Herzensangst hatte er zum Weitermarsche gedrängt, denn überall dünkte ihm das Verweilen zu teuer. Darüber hatte Herbert gespottet mit der überlegenen Miene eines Globetrotters, der die kleinlichen und doch so wichtigen Bedenken des reiseunkundigen Neulings nicht fassen kann. "Laß mich nur machen," meinte er selbstbewußt, "wir kommen schon aus!" Sie kamen auch aus, ja sie erübrigten jeden Tag noch eine gute Flasche Mosel, die sie in den Rucksack packten, um sie an einer für würdig befundenen Stelle zu leeren. Das war ein ganz besonderer Genuß, wenn sie so zusammensaßen am Rande des Weges unter dem schattigen Grün der Obstbäume, oder ausgestreckt im duftigen Wiesengras lagen und hinüberschauten über den sonnenglitzernden Fluß, hinauf an den dunklen, überhängenden Felsen und hinein in den blauen, wolkenlosen Himmel. Dann verlor selbst der kleine Ernst seine klugen Bedenken, die Schönheiten des stillen Tales zogen mit ihrem klingenden Zauber in sein junges Herz. Sie waren beide glücklich und verträumten ganze Stunden in wortloser Einsamkeit. Oder sie marschierten singend über die breite, staubige Landstraße, die im Bogen dahinzog, weiß und grell zwischen Fluß und Berghängen, oder sie standen mitten drin in der klaren, kühlen Flut, draußen auf der äußersten Spitze der Steinmole, wo es brauste und brodelte, und die Wasser sich überstürzten und vorbeidrängten mit ungeberdiger Hast. Ein anderes Mal turnten sie auf morscher Burgmauer und jauchzten hinunter in das lichterfüllte Tal und kletterten scherzend und plaudernd zwischen dem Steingeröll glühender Weinberge. Es war eine glückliche Zeit, und niemand genoß sie mit lebhafterem Bewußtsein, als Herbert. Er hatte schon so viel Schöneres und Gewaltigeres gesehen als die schlichte, innige Anmut dieses Moseltales, und dennoch nie eine beseligendere Freude empfunden! Selbst damals nicht, in der wilden, einsamen Gletscherwelt der Stubaieralpen, selbst nicht, als er auf dem Gipfel der Zugspitze stand, und eine prangende, sonnenflammende Welt zu seinen Füßen lag, - neben ihm leuchtende Firnen, tief unten die unbegrenzte Ebene, aus der mit grünen, glänzenden Augen die waldumrahmten Seen zu ihm aufschauten. Damals hatte ihm immer noch etwas zu seinem Glücke gefehlt, und dieses fehlende Etwas hatte ihn gequält, gerade in den Augenblicken reinsten Genusses. Die frohe Bewunderung des kleinen, ausgelassenen Tertianers war es gewesen, sein klingendes Lachen, seine sprühende Lebenslust. Daran hatte er damals denken müssen, und er hatte sich doppelt vereinsamt gefühlt in der großen schweigsamen Natur. Doch hier in dem engen Tale, wo er den neben sich sah, nach dem er sich sommerlang gesehnt, da fehlte ihm plötzlich gar nichts mehr, - und kannte er sie auch schon längst, die weichen Zauber, die sich um Fluß und Berge woben, - in diesen dunklen Augen hatte er sie noch nicht leuchten gesehen! Und er wandelte sich in wenigen Tagen, das Grübeln verlernte er und das Grämen, er konnte singen und jubeln, und sein Sinn stand nach lustigen Streichen, so daß Ernst, der nur zu gern dem Frohsinn huldigte, all die Tragik des Erdenlebens vergaß, das schlechte Zeugnis und Ellen Ruth, und bisweilen sogar die Sorge um das Geld. - - "Nur noch zwei Stunden, dann sind wir in Cochem," meinte Herbert. Sie marschierten rüstig flußabwärts. "Wohl auf, die Luft geht frisch und rein, Wer lange sitzt, muß rosten," intonierte der Student. "Sing nicht so falsch!" "Ich singe zu meinem Vergnügen, nicht zu Deinem!" "Den allersonnigsten Sonnen-Sonnenschein läßt uns der Himmel kosten!" - "Du," unterbrach er sich dann plötzlich, "unser Geld wird nicht reichen!" "Was?" Ernst blieb vor Schreck stehen. "Wie viel hast du denn noch?" "Ich fürchte, nicht genug!" "Dann fahre ich jetzt gleich nach Hause, und wenn es IV. Klasse wäre, so viel wird noch da sein!" "Und ich?" "Ist mir egal! Warum sorgst Du nicht für mehr? Du bist gewöhnt, ohne Geld zu reisen, ich nicht! Ich fahre!" "Einstweilen wirst Du das wohl bleiben lassen, wir gehen jetzt nach Cochem, und dort besuchen wir einen Onkel achten bis zehnten Grades, er hat guten Wein und nette Töchter und nimmt uns gern!" "Ich schnorre nicht!" "Gut, denn nicht!" - Herbert sang weiter: "Der Wald ist grün, die Saat steht gut, -" doch Ernst wurde nervös. "Du sag mal, ist es wirklich wahr, daß wir nicht auskommen?" Da mußte der andere lachen. "Ach, Du schlauer Kerl, wir haben ja mehr als genug!" Und dann versöhnten sie sich wieder, und sangen ihren Veit von Staffelstein zusammen. Wie junge Handwerksburschen marschierten sie, der weiße Staub umhüllte die heißen, wandermüden Körper und machte den Gaumen trocken und durstig. Zwischen den hohen, engen Felsen brütete eine drückende Schwüle. Ernst war erschöpft, für ihn lag im Marschieren noch eine harte, ungewohnte Arbeit, und sie waren schon seit dem frühen Morgen unterwegs. "Du," sagte er, "ich kann nicht mehr! Wollen wir rasten?" Dann suchten sie sich ein Plätzchen aus, ganz nahe am Flusse, dort, wo weicher Rasen sich hinabsenkte bis an die grünlich klare Flut. Kein Staub wehte hier von der Landstraße hinunter, es war so verlockend sich hinzustrecken und hineinzuschauen in den Himmel, der fast schwarz war in seiner wolkenlosen Tiefe. Träumerisch einsam war der Platz. Nichts, was an Menschen erinnerte und Menschennähe. Wie ein Sonntagsmorgen lag es über dem Tale. Schweigsam glühten die roten Felswände. Kein Laut, als das Summen von Insekten, - ein verlorenes Zirpen im Ufergebüsch, und das schläfrige Murmeln ruhig ziehender Wasser. - Lang ausgestreckt lagen die Freunde da, aufgelöst in matter, wohliger Müdigkeit. Der Wiesenduft umhauchte sie, und der warme Atem des Sommertages, der sich um die Schläfen legte und hineinschlich in die trägen, irrenden Gedanken. Jetzt ein leiser Windzug über den Fluß her und zugleich feuchte, sprühende Wasserkühle. Ernst hob schläfrig den Kopf vom Arm. Lichtscheu blinzelten die Augen unter dem bläulichen Halbschatten des vorgeschobenen Strohhutes. Ein Zucken bewegte die Lippen und die schmalen Flügel der Nase, als saugten sie begierig den feinen stäubenden Dunst. "Du, Herbert," sagte er halblaut, "sollen wir baden?" "Baden! -" Wie gerne hätte Herbert schon längst alles von sich geworfen, und doch antwortete er so seltsam zögernd: "Wie Du willst!" Aber Ernst hatte schon die Schuhe und die drückende Jacke abgestreift, und während der andere noch in seinem gewohnten Kampfe mit den Schnürriemen lag, stand der Knabe bereits im flatternden Linnen. Scheu und verlegen sah er den Freund an. "Glaubst Du, ich soll baden?" Dann aber schämte er sich, daß er nicht jungenhafter war. "Ach was," sagte er kurz entschlossen, "wir sind uns ja nicht fremd!" Und nun dehnte sich der schlanke, nackte Körper in der Mittagssonne. Weich und schmiegsam waren die Formen, sie flossen zusammen in keuscher, mädchenhafter Anmut. Die zarten Glieder tranken begierig das Sonnenlicht, und ein rosiger Hauch umflimmerte die weiße, blühende Jugend. Doch purpurrot flammte das Antlitz bis hinauf in die schmalen Schläfen, und für einen Augenblick senkten sich die langen Wimpern über brennende Augen. Es war nicht wegen der Tagesglut. Nein, sie waren sich nicht fremd, aber so hatten sie einander noch nicht gegenüber gestanden, und wie Schuldbewußtsein zog es durch ihre Seelen. Hastig wandte sich Ernst um, und plätschernd tastete sein Fuß die Tiefe des Wassers. Herbert fuhr auf, wie aus einem Traume aufgeschreckt. Längst hatte er innegehalten im Auskleiden, und sein Blick hing gebannt an dem Knaben, den er zum ersten Mal sah in seiner formenschönen Nacktheit. Was war das, das ihn so heiß durchrann, brennend heiß durch alle Adern, und ihm die Sinne verwirrte, was war das für ein Verlangen, das sich erhob und nach Gestaltung rang, nein, nein, und tausendmal nein! Er wollte ihn nicht ausdenken den Gedanken, und ungestüm griff er nach der abgelegten Jacke. "Ich bade nicht," sagte er rauh. Ernst schien sich nicht einmal zu wundern. "Ich auch nicht," meinte er, "es wird doch zu spät." Dann kleidete er sich an mit einer Ungeduld, als gälte es jede Sekunde nachzuholen, die sie hier verträumt. Sie gingen weiter, jeder seinen Gedanken nachhängend, schweigsam wie damals, da Herbert den ersten Kuß auf des Freundes Lippen gedrückt hatte. Jener Kuß und heute -? Aber noch war der blasse, weltfremde Träumer nicht sehend geworden, der nur die Seele liebte und die andern verachtete, die es zum Fleische zog! Noch nicht, und eine Weile noch sollte es währen. - - - - - - - - - - - Vor den Wanderern stieg in scharfer Biegung die wuchtige Felsmasse der Brauseley aus dem Flusse auf, dann wendete sich das Tal, und das bergumrahmte Bild von Cochem erschloß sich den Augen der Freunde. Vor ihnen der kühne steile Kegel mit der zinnengeschmückten Burg; stolz und gebieterisch sah sie hinab auf die kleine Stadt, die sich so zaghaft an die hohen Berge anschmiegte, als fürchtete sie sich vor der gestrengen Herrin da oben, und dann hinten in der Ferne, in der Lichtung des grünen Enderttales auf waldiger Kuppe, der schwarze, zerfallene Turm der alten Winneburg. Aus ihrer Traumesruhe war die schlafende Ruine aufgeschreckt worden, als sie es erleben mußte, daß die Feindin am Wasser stolzer denn je ihr Haupt aus den Trümmern erhob, und in ihrer Einsamkeit mußte sie das frohe Lachen als höhnende Kränkung empfinden, das nach dem Schweigen von Jahrhunderten aus den Sälen des Hochschlosses zu ihr herüber drang. Zwei Burgen auf einen Blick, im Vordergrunde die schimmernde Pracht, versteckt in den Bergen die vergessene Armut, - sie haben sich nie vertragen! Die Freunde gingen weiter. Nach und nach tauchten die einzelnen Häuser des langgestreckten Ortes vor ihnen auf, man sah das dumpfe Rot einer hohen zerklüfteten Felskette, die den Blick abschloß; auf der andern Moselseite ein ärmliches Dörfchen, leuchtende Schiefer, eine kleine, stumpfnasige Kirche, und der breite Rücken eines Weinberges, von dem ein hölzernes Türmchen ins Tal hinabschaute. Schloß Cochem wuchs auf seinem steilen, zackigen Fels empor. Über schroffem Abgrund hing die schmale Schloßkapelle, man sah zinnengeschmückte Mauern und die großen Fenster des Rittersaales, dicke Türme und luftige Giebel, das Hochschloß und darüber in abenteuerlicher Verkürzung den stumpfen, kantigen Hauptturm. In Cochem blieben die fröhlichen Wanderer mehrere Tage. Es war so gekommen, wie Herbert vorausgesagt, sie hatten wirklich gastfrohe Aufnahme bei dem wohlhabenden Weingutsbesitzer gefunden, der mit Herbert in etwas unklarer, mütterlicher Verwandtschaft stand, dagegen andererseits eine ungeschwächte Empfänglichkeit für die Ehre des Besuches besaß, die ihm die studentischen Gäste erwiesen. "Onkel" Christian rühmte sich, noch vom alten Schlage zu sein. Seine Herzlichkeit war vielleicht etwas zu derb und wortreich, da er aber in seinem erfahrungsreichen Leben zu dem Bewußtsein gekommen war, daß Soldaten und Studenten immer hungrig sein müßten, so blieb er nicht bei den Worten, sondern bot alles auf, um einmal dieses, wie er sich einbildete, unbezwinglichen Hungers seiner Gäste Herr zu werden. Daß dabei der gute Moselwein nicht ausging, war die schlichte Pflicht seiner Standesehre. Die beiden Freunde bekamen allmählich Ehrfurcht vor dieser Art der Pflichterfüllung, und es schien zwischen ihnen die stillschweigende Verabredung zu herrschen, daß man sie in keiner Weise beschränken dürfe. Ernst, der sich so sehr dagegen gesträubt hatte, fremde Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, begann sich bald behaglich in dem großen holzgetäfelten Hause zu fühlen, in dem ein eigentümlicher Duft herrschte von herbem Weinmost und süßem Obst. Dazu sah man so viele angenehme Gesichter, nicht weniger als sechs Töchter, alle rot vor Arbeit und Gesundheit! Die Namen ließen sich nicht leicht behalten, und Ernst wußte meist bei der Mittagstafel nicht mehr, wen von der verwirrenden Schar er schon begrüßt hatte, es brachte ihn bisweilen etwas in Verlegenheit, bestimmt erinnerte er sich immer nur von einer, daß er sie heute schon gesehen, und das war die Käthchen, von der er allerdings auch am meisten wußte. Er wußte vor allem, daß sie ein sehr hübsches Mädchen war, die Erkenntnis war ihm gleich am ersten Tage aufgegangen, als er das runde, pausbackige Gesicht sah, um das sich ein paar schwere blonde Zöpfe wanden, und aus dem freundliche Augen schauten, halb lustig, halb verlegen; und da ihm schien, als ob sich diese Augen gar oft verstohlen und neugierig mit ihm beschäftigten, so wußte er plötzlich noch etwas mehr, nämlich, daß er unbedingt in Käthchens Nähe sein müsse. Sie hatte ja auch so viel zu tun, bei dem man helfen konnte! Da das junge Mädchen täglich den Tisch deckte, so war sich Ernst nicht im Zweifel, daß auch er zu dieser Beschäftigung besondere Talente habe, und da er vergessen hatte, daß er zu Hause stets trotzig antwortete: ›Ich bin doch kein Dienstmädel‹, wenn die Mutter mal eine ähnliche Hilfeleistung erbat, so zeigte er jetzt viel Geschick im Anordnen von Tellern und Gabeln. Aber Glück hatte er doch keines, denn Käthchen besaß einen Charakterfehler, sie öffnete ihren Mund zwar oft zum Essen, aber fast nie zum Sprechen, und so wurde es ein gar stummes Wirken und Werben. Ernst ließ sich nicht entmutigen, er ging ihr nach in die Küche und in den Weinkeller, sie konnte doch die schweren Flaschen nicht allein tragen, und wie hätte er in der Dunkelheit sehen können, daß ihre Arme an Stärke und Umfang die seinen dreifach übertrafen! Merkwürdig oft stieß er im engen Hausflur mit ihr zusammen, und da sie auf dem Hofe stets das Vieh füttern half, so bekam das Stadtkind auf einmal reges Interesse an den grunzenden Ferkelchen und sah mit leuchtenden Augen zu, wie sie sich um die Kartoffelschalen balgten und rissen, die von ihrer Hand kamen. Er konnte das verstehen. Wie eine gabenspendende Fee kam sie ihm vor. Schade, daß er nicht dichten konnte. Herbert würde wohl ein Gedicht auf sie machen können, aber nein, der lachte ihn aus, der sollte nichts erfahren! Und Herbert erfuhr auch nichts. Er war viel zu glücklich und verträumt, um Beobachtungen zu machen, nur ärgerte er sich bisweilen, daß Ernst so wenig Interesse für das schöne Tal zeigte, es war gut, daß wenigstens Onkel Christian sein Bundesgenosse war und sagte: "Jungens, nun müßt ihr noch dieses und das sehen!" So konnte er doch seinem Ernst all die Wunder zeigen, für die er schwärmte. Zuerst wurde natürlich das Schloß besichtigt, der Stolz und die Einnahmequelle des Städtchens. Ein breitschulteriger Kastellan mit freundlich zwinkernden Augen führte sie umher. Ernst bewunderte den Geschmack dieser ihm ungewohnten Pracht, und auch Herbert, der ja nicht zum ersten Male hier war, gab sich in gleicher Weise dem Zauber hin, den die weltfrohe Behaglichkeit der Frührenaissance zu entfalten gewußt. Auch nachdem er Neuschwanstein gesehen, den Lohengrintraum eines totkranken Königs, war ihm die Burg noch immer lieb und vertraut. In seinem Herzen blieb sie das Märchenschloß, an dem vor vielen Jahren die Knabenaugen gehangen, als sie zuerst aus den dampfenden Frühnebeln vor ihm aufgestiegen. Cochem war der Platz seiner Kindheitsferien gewesen, in dieser Erinnerung lag für ihn eine duftige Poesie, und darum freute er sich, daß auch des Freundes Herz aufging bei dem, was er einst so bewundert hatte. Plaudernd schritten sie durch die weiten Säle und das Winkelwerk von Kreuzgängen und Kemenaten, und Herbert wachte mit eifersüchtiger Liebe darüber, daß nichts unbeachtet blieb. "Alles ist schön, was nur als Ganzes wirkt," meinte er, und dabei fiel ihm ein, ob das nicht eine Sentenz werden könne. "Und wenn es echt ist," fügte Ernst hinzu, der als Vollnatur einen Widerwillen gegen allen erborgten Schein hatte. So waren sie weise wie Gelehrte und ausgelassen wie die Kinder. Es wurden humorvolle Tage, die kein Nachdenken und keine Überlegung störte, und selbst Ernsts stille Verehrung zu dem rotbackigen Landkinde schien mehr seine Laune zu heben, als ihn zum Grübeln zu verleiten. Er war voll sprudelnder Einfälle und freute sich nach lauter Kinderart. Auf der Brauseley machten sie Kletterversuche, von der schwindelnd überragenden Teufelskanzel schleuderten sie Steine in die Weinberge und behaupteten jedesmal bis in die Mosel geworfen zu haben. Zwischen den Trümmern der Winneburg bekamen sie romantische Anwandlungen, stiegen in die Verließe hinab und turnten zwischen baufälligem Gestein umher. Herbert erzählte ganz ernsthaft, wie das Burgfräulein in den Sohn des Totfeindes, der auf dem Moselschlosse thronte, verliebt gewesen, wie sie voll schwindsüchtigem Sehnen hier oben in der zerfallenen Fensternische gestanden und mit dem Taschentuche gewinkt habe, weil die Väter durchaus kein Telephon hatten anlegen wollen. "Sieh, oben liegt das Taschentuch noch!" rief er plötzlich und zeigte auf etwas Weißes. Ernst war so im Banne der lustigen Geschichte, daß er wie ein Wiesel hinaufkletterte. Er brachte ein Stück Butterbrotpapier mit herunter, das der Wind in eine Lücke geweht hatte, und fühlte sich heimlich enttäuscht. Sie waren wirklich große Kinder, und Tantchen zu Hause schüttelte den Kopf über die übermütigen Ansichtskarten, welche einliefen. Selbst Gregers, der bei seinen Eltern in Bayern saß, wunderte sich, daß sein Freund so lustig sein könne. Aber es kam anders. Die Cochemer Tage gingen zu Ende, und Ernst wurde stiller und stiller, fast so still, wie das geschäftige Käthchen, das noch immer mit freundlicher Miene den Tisch deckte, und dessen Augen noch immer verstohlen auf dem schlanken Knaben ruhten, um aber hastig abzuirren, falls ein forschender Blick ihnen begegnete. Was half es, daß der Gymnasiast die schönsten Blumen von seinen Ausflügen mitbrachte, um sich, wie er zu Herbert sagte, gegen Onkel Christian erkenntlich zu zeigen, daß er sie alle dem Mädchen gab, weil man sie doch ins Wasser stellen müsse, auch der Blumensprache schien das einfache Kind nicht mächtig zu sein! Und so kam der gefürchtete Abschied, und noch immer ging es den beiden, wie den berühmten Königskindern, denen nun einmal das Wasser zu tief war. Als ob die schönen Schinkenbrote, als ob die goldschillernde Flasche Piesporter, die Onkel Christian jedem zuoberst in den Rucksack gepackt hatte, über eine solche Tragik hinweghelfen könnten! Wurde sie auch übertönt durch des alten Herrn redselige Reisewünsche, durch die zierlichen Dankesworte, die Ernst mit heldenhafter Fassung hervorbrachte, - die eine unter der ganzen Schar, die zum Abschiede die Hände streckten, sie hätte doch etwas ahnen müssen von all dem Weh, das Platz hat in einem so jungen Herzen! Weshalb besah sie sich so angelegentlich die Schürze, während sie ihm die Hand gab? Hatte sie vielleicht gar gelacht, als sie sich so rasch umwandte? Fast schien es Ernst so, und ihm war, als müsse er das gastfreie Haus hassen. Warum war man auch in dieses Nest gegangen! Das hatte er nur wieder Herbert zu verdanken! Verbissen schritt er neben dem Freunde her, der sich in banger Sorge bemühte, den Grund der überraschenden Verstimmung zu entdecken, aber jeder Versuch einer Frage wurde zurückgewiesen mit einem barschen: "Laß mich in Ruh!" Als sie auf dem Bahnhofe standen und auf die braunen Bergwände mit dem dampfenden Tunnelrachen zurückschauten, als das sonnenumglänzte Schloß von der fernen Höhe herüberleuchtete, da glänzten Tränen in den Augen des hübschen Jungen. "Ernst, - was ist denn?" "Laß mich in Ruh!" "Habe ich Dir weh getan, ich weiß ja -" "Wenn Du mich jetzt noch weiter quälst, fahre ich sofort nach Hause!" Herbert schwieg verstimmt, aber während der Fahrt grübelte er darüber nach, was wohl in aller Welt den Frohsinn zerstört habe. Hatten sie nicht köstliche Tage verlebt, und war nicht er dafür so jubelnd dankbar? Wo blieb eine Erklärung für diese Veränderung des Freundes? Ernst hatte sich während der Fahrt in die entgegengesetzte Wagenecke zurückgezogen, und so oft auch der Gefährte ihn auf besondere Schönheiten des Tales, auf wilde Felsen oder malerische Ruinen aufmerksam machen wollte, es war vergebens. Krampfhaft starrte der Knabe auf die verschwommenen, lärmenden Weinbergsmauern, an denen der Zug vorbeirasselte. Der scharfe Gegensatz zu den letzten Tagen wirkte unerträglich, und wenn diese Laune anhielte, so konnte die Rückreise genußreich werden! Und die Laune hielt an! In Loef stieg man aus, um quer über den Hunsrück nach Boppard zu kommen und die Loreley zu besuchen. Zwar wollte Ernst davon durchaus nichts mehr wissen, aber alles Sträuben half ihm nichts, diesmal war Herbert noch eigensinniger. So wanderte man denn über die schattenlosen, einförmigen Hochflächen des Hunsrück. Langweilig war der Weg, und noch langweiliger die Unterhaltung. Ernst schien eine förmliche Wut auf den Freund zu haben, denn bei jeder Kleinigkeit brauste er auf, den zartesten Versuch einer Frage empfand er als beleidigenden Hohn und erklärte mehrere Male, allein umkehren zu wollen. Da blieb nichts als Schweigen. Vielleicht wurde es anders, wenn man am Rheine war! Aber auch dieser majestätische Zauber wirkte nicht. Als sie in St. Goar die Ruine Rheinfels besuchten, und der Student seine Gelehrsamkeit auskramte, von der düstern Geschichte der verwitterten Feste erzählen wollte, da wurde Ernst grob und sagte ganz unmotiviert: "Sei doch still, was weißt Du denn!" In Goarshausen zankten sie sich ernstlich. "Ich gehe nicht mit auf die Loreley, fällt mir nicht ein!" "Aber was soll das denn heißen, es ist ja kaum eine Stunde!" "Mir gleich, muß ich Dir denn überall nachlaufen, wohin Du willst? Klettere Du doch hinauf, ich will allein sein!" Aber schließlich ging er doch mit, wenn auch, ohne eine Silbe zu reden. Es war ein wunderbarer Abend. Sie saßen auf dem äußersten Vorsprung des steilen Felsen und blickten auf den dämmergrauen Strom, der tief unten durch das dunkle Gebirgstor rauschte. Leichte, flatternde Nebel brauten in den Schlünden. Scharf glänzte aus ferner Anhöhe ein einsames Licht herüber. Die neuerbaute Burg Katz schaute mit wachsamem Auge lauernd über den Fluß und die langsam dahin schaufelnden Dampfer, deren Stöhnen hinaufklang bis in die einsame Stille. Und dunkler wurde es. Schwarz sahen die Felsen aus, und blaßblau der unermeßliche, gestirnte Himmel. Aus Weltenfernen flimmerte es, und der Duft schlafender Wälder umhauchte weich die beiden träumenden Menschenkinder. Sie schauten hinunter ins Tal, wo auf dem Wasser die roten Lampen der Schlepper zogen, und lauschten dem hastigen Stampfen eines Zuges, der drüben am andern Ufer als lange Feuerlinie sich um die Berge wand, um an der ragenden Felswand ein Licht nach dem andern auszulöschen. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Über der Katz quoll jetzt der silberne Schein des Mondes. Fahl wie Totengebein erhoben sich die Mauern von Rheinfels, und auf dem schimmernden Flusse erkannte man schwarze, schlafende Dampfer. Jetzt kam leuchtend ein Salonboot stromabwärts geschwommen. Zwischen dumpfem Rauschen hörte man helles Rufen, Lachen und Gläserklingen. Dann wurde es plötzlich still, - nur die Wasser brausten. Weich und leise erscholl von Bord der Klang einer Trompete, und wehmütig klagend hallte es in die Nacht hinaus: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin!" - - Wie Sehnsucht zitterte es zwischen den hohen Bergwänden, und eine ungestillte Sehnsucht zog durch Herberts Seele. Verstohlen blickte er zu Ernst hinüber und sah, daß diesem die Tränen über die Backen liefen. In bangem Mitleid suchte er seine Hand, aber hastig stand der Freund auf und stieg stumm den Fels hinunter. Wieder wollte er den Knaben fragen, aber dieser hörte nicht, sondern beschleunigte seinen Schritt. Da überkam Herbert ein bitterer Trotz. Ich kann ihm doch nicht nachlaufen! dachte er, und schritt langsam und traurig zu Tal. Und einsam wanderten beide nach Goarshausen durch die warme, lichte Sommernacht, einsam mit ihrem kleinen Groll in der großen, friedlichen Natur. Es war ein billiges Zimmer im Gasthof "Zur Stadt Mainz", welches die Freunde gefunden, aber die Lichtfülle des mondumschienenen Rheines flutete hinein, und sein wasserfeuchter Odem hauchte durch das offene Fenster. Von der Bergseite sah man das glühende Auge der Katz, welches starr von steiler Höhe herab blickte. Ernst lag bereits im Bett und hatte das Gesicht tief in die Kissen gedrückt. Herbert löschte die Lampe, schlich sich vorsichtig an das Lager des Freundes und horchte. Er sah im Zwielicht nur das dunkle Haar des halbverborgenen Kopfes und die schmale Hand, die auf der Decke lag. Aber täuschte er sich nicht, zitterte nicht der schlanke Körper, klang nicht unterdrücktes Schluchzen an sein Ohr? Da war es am Ende mit seiner qualvollen Geduld, "Ernst," rief er und rüttelte den Knaben, "Ernst, mein Junge, was ist Dir?" Langsam wandte dieser den Kopf, sah den Freund mit nassen Augen an, erwiderte aber kein Wort. "Ernst, sprich, sag mir, was Dir fehlt," flehte Herbert verzweifelt. Doch der hübsche Junge schüttelte mit einer hastigen Geberde die wirren Locken. "Laß mich, Du kannst mir doch nicht helfen!" und ungestüm warf er sich zur Seite, doch in der dämmerlichten Stille klang es noch immer wie halbersticktes Weinen. Leise setzte sich Herbert auf den Bettrand, und leise glitt seine Hand über das weiche Haar des Knaben. Jetzt beugte er sich zu ihm herab, ganz nahe, Ernst fühlte den warmen Hauch, der seine Wange streifte, er fühlte wie ein banger Blick sein Auge suchte, wie eine Hand tastend nach der seinen griff, sie nun umschloß und drückte, er wehrte sich nicht dagegen, es tat ihm wohl, und wieder stieg es krampfhaft in ihm auf, aber er wollte nicht weinen, trotzig preßte er die Lippen aufeinander und starrte nach der Wand, auf der halbdunkle Schatten zitterten. Da schlang sich ein Arm um seinen Nacken, und einschmeichelnd klang es, "Ernst, ich, - ich kann Dir helfen, ich habe Dich ja so lieb!" "Nein, nein, mich hat niemand lieb, niemand!" Nun war es gestanden, und das eingedämmte Weh brach los, stoßweise, schluchzend, so daß Herbert erschrak vor dieser Heftigkeit und nicht wußte, wie er ihr Einhalt tun konnte. War das der stolze Junge mit seiner vornehmen Ruhe, seinem siegesfrohen Selbstbewußtsein? Gab es denn Tiefen in dieser Seele, die er noch nicht kannte? Welche fremde, rätselhafte Macht sollte das sein, die imstande war, solche Erschütterungen hervorzurufen in einem reinen Kinderherzen? Und hilflos und gequält sah er zu, bis das erste Ungestüm gebrochen war. Als der Knabe allmählich ruhiger wurde, und er hoffen konnte gehört zu werden, da versuchte er es noch einmal mit der ganzen Innigkeit, wie sie das bange Mitleiden liebenden Herzen gibt. Ernst sah ihn müde an, er besann sich eine Weile, und leise bat er dann, fast schüchtern: "Komm etwas zu mir!" Als Herbert an seiner Seite lag, sagte er sinnend: "Weißt Du, ich glaube, daß ich Dich jetzt besser verstehe, als früher!" Überrascht blickte der Ältere zu dem Knaben. "Und dabei warst Du heute so böse auf mich?" fragte er. "Ach, ich war nicht böse! Es war etwas Anderes, - nichts mit Dir, - sicher nicht! Bitte sprich nicht mehr davon, ja, willst Du?" "Ja, mein lieber Junge, - aber nur das eine sage mir, - was fehlt Dir?" Ernst seufzte. "Ich bin unglücklich, - furchtbar unglücklich!" "Und warum denn?" "Weil mich niemand lieb hat!" "Dich niemand lieb?" Erschrocken klang die Frage. "Aber habe ich Dich denn nicht lieb?" "Weiß nicht!" meinte Ernst trotzig. "Knaben können sich überhaupt nicht lieb haben!" "O doch, das können sie!" Erregt stieß Herbert dies hervor und fester umklammerte er die Hand des Freundes. "Das können sie, glaub es mir, Ernst! Du bist doch das Einzige und Beste, was ich habe, mit jedem Gedanken, jedem Worte bin ich Dir gut, - ich bin glücklich, wenn Du nur bei mir bist, - und da sagst Du, wir könnten uns nicht lieb haben?" "Und doch fehlt mir was!" beharrte der Knabe eigensinnig." "Und was ist das?" "Ich weiß es nicht!" - - Stille war es im Zimmer, nur das Rauschen des Stromes klang dumpf. Brennende Augen bohrten sich hinein in die fahle Nacht. Jetzt ging ein Aufbäumen durch den Körper des Knaben, und schluchzend warf sich der erregte Junge an des Freundes Brust. "Ich weiß es nicht, Herbert," bat er verzweifelt, "aber sei Du mir gut, - wir beide wollen uns gut sein, - ich bin so einsam, - so traurig einsam!" Weich und wehmütig strich Herbert dem Knaben über die Stirne, wie einem kranken, verwöhnten Kinde, aber in seinem Herzen klang es wie jubelnde Freude. Einsam sollte sich sein Freund nicht fühlen, wozu war er denn da mit seiner großen Liebe! Und er beugte sich über den schluchzenden Jungen, um mit einem herzlichen Kusse all die bittern Zweifel zu zerstreuen. Aber noch hatte er den weichen, schwellenden Mund nicht berührt, da schlang der Knabe die Arme um ihn, hastig und unerwartet, und ungestüm und stürmisch schmiegte er sich an den Ältern und suchte dessen Lippen zu heißem, leidenschaftlichem Kusse. "Wir wollen uns gut sein," flüsterte er dann, und die Tränen brannten auf seinen Wangen. In Herberts Adern siedete das Blut, ihm war, als müsse er den Knaben fester und fester an sich ziehen, eine wogende Flut durchströmte ihn, - doch leise löste er die Umarmung, "Ja, wir wollen uns gut sein, Du, mein lieber Junge, - und nun gute Nacht!" "Gute Nacht, Herbert!" Der Knabe sah ihn mit glänzenden Augen an und drückte ihm die Hand, - dann schlief er ein, - tränenmüde. Lange noch lag Herbert träumend da und starrte in die Dämmerschatten. So war also sein Hoffen doch nicht vergebens gewesen! Der Knabe liebte ihn, - und er, - er wollte ihm diese Liebe danken ein Leben lang! - Dann beobachtete er den Schlafenden in sorgender Zärtlichkeit. Ein leises Lächeln lag auf den Lippen des hübschen Jungen. Was wußte Herbert, wem dieses Lächeln galt! Er freute sich seiner, und lichte Gedanken waren es, die durch seine Seele zogen. Ein schriller Pfiff durchschnitt die Stille, und ein dumpfes, dröhnendes Rollen. Langsam erstarb es im Bergesschoß. Leise nur rauschte der Rhein. Doch oben vom Felsen funkelte noch immer das wimpernlose, glühende Auge hämisch herab auf den einsamen, menschenfremden Träumer. - - - - - - © Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg |