Auf der Suche nach Indien
Mitten im Studium geht Arun das Geld aus. Zum Glück bekommt er einen Job als Dolmetscher für Ernst, einen Studenten aus Europa. Damit sind seine finanziellen Sorgen vorbei, aber er hat ein neues Problem: Ernst ist in ihn verliebt. Arun fühlt sich seinem Wohltäter irgendwie verpflichtet und ist ja auch nicht prüde, aber Ernst muss über alles gleich viele Worte machen, und das ist für Arun ganz einfach anstößig. Außerdem liebt er Mary.
Die beiden werden Freunde und studieren zusammen; Arun lernt, Ernst zu verstehen, und Ernst wird jeden Tag etwas indischer. Und dann begegnet Ernst Aruns Bruder Hari, dem im Leben alles so viel leichter fällt.
Martin Frank hat mit Arun eine unvergessliche Gestalt erschaffen, einen viel zu dünnhäutigen Mann, der trotz seiner Armut all seinen moralischen Verpflichtungen mit Hingabe nachzukommen versucht. Arun und Ernst führen die Leser in ein Indien, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Etwas ausführlicher:
Arun lebt in einem kleinen Dorf in der südlichen Spitze Indiens. Zusammen mit seinem besten Freund Madhu besucht er die Universität in Chidambaram, Madhu studiert dort Gesang, Arun selbst das karnatische Geigenspiel. Beide gehören der Kaste der Brahmanen an, aber Aruns Familie lebt nur von der Landwirtschaft und ist vollkommen mittellos. Arun hofft, als Musiker Geld verdienen und so zum Lebensunterhalt der Familie beitragen zu können. Erst einmal muss er jedoch einen Weg finden, um das Semester an der Universität zu finanzieren.
Es ist ein großer Glücksfall, dass ausgerechnet er einen Job als Dolmetscher für einen ausländischen Studenten bekommt, der in Chidambaram Musik studieren will. Ernst wirft mit dem Geld nur so um sich, für ihn sind die indischen Preise ein Witz, und so sind Aruns finanzielle Sorgen schnell vorbei. Dafür droht ihm nun die Schande, denn aufgrund der vielen teuren Geschenke, die Ernst ihm macht, hält alle Welt die beiden für ein Liebespaar. Arun kommt sich vor wie eine Hure, aber er kann dem guten Leben, das Ernst ihm bietet, nicht widerstehen. Obwohl er in die Studentin Mary verliebt ist, die als Christin für ihn unerreichbar ist, sind sexuelle Berührungen mit Madhu und anderen für ihn ganz normal, allerdings findet so etwas des Nachts im Schutz der Dunkelheit statt. Ernst dagegen redet offen davon, schwul zu sein, was für Arun ganz einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Martin Frank, der sich selbst lange in Indien aufgehalten hat, beschreibt in den naiven, aber sehr intensiven Worten Aruns den Alltag auf dem Land und in der Stadt, die ständige Präsenz des indischen Kastenwesens, die Ehrbegriffe im Umgang zwischen Eltern und Kindern, Schülern und Lehrern. Ernst lässt sich hinsichtlich Kleidung und Ernährung ganz auf die indischen Gepflogenheiten ein, bleibt für Arun aber dennoch so etwas wie ein Wesen von einem anderen Stern. Am Ende entfaltet sich über alle Widerstände hinweg eine zwar ungewöhnliche, aber großartige Liebesgeschichte.
Martin Frank wurde 1950 in Bern geboren, er lebt in Zürich. Sein Roman "ter fögi ische souhung" in Schweizerdeutsch war ein Bestseller und wurde von Marcel Gisler verfilmt (Schweizer Filmpreis 1999). Sein Erzählband "Blinde Brüder" erhielt 2001 den Buchpreis der Stadt Bern. Im Internet veröffentlicht Martin Frank experimentelle Romane, Film Scripts, Theaterstücke und Gedichte (www.martinfrank.ch).
Ab 1970 hielt sich Martin Frank mehrmals für längere Zeit in Indien auf, wo er Hindi, Urdu und Tamil lernte. "Aruns Geschichte" erschien ursprünglich unter dem Titel "Ocean of Love" in englischer Sprache.
|
|
 |
Franks Held ist geprägt von Widersprüchen. Erzogen an einer christlichen Schule, hat er gelernt, "fleischliche Begierden" aus dem Bewusstsein auszublenden. Gedankensünden und sündige Worte sind schlimmer als das, was einer tut, und wenn Ernst ihn vergewaltigen würde, wäre er selbst unschuldig. Die postkolonialen Klischees sind fest in seinem Kopf verankert; als Ernst ein Foto von ihnen beiden machen lässt, sieht er: "Ich stehe neben Ernst wie seine Jagdtrophäe. Ernst ist der Großwildjäger, ich der doofe tote Tiger." Arun ist aber nicht nur von Minderwertigkeitsgefühlen den Weissen gegenüber erfüllt; er ist auch in einem Kastendenken verwurzelt, das rassistische Züge hat. Im Verlauf des Studiums lernt er allerdings durch seinen charismatischen Meister, auch mit "Unberührbaren" zusammen zu arbeiten. Immer wieder ist es die Musik, die ihm Impulse gibt. Und neben diesem Glück entwickelt sich das in der Liebe, wenn auch anders, als gedacht: Aruns Bruder und Ernst werden ein Paar, während Arun selbst sich seiner Mary nähert.
Frank erzählt vom Einfluss der Ökonomie auf Liebesbeziehungen, von ungewollt hierarchischen Beziehungen - und doch ist sein Buch vor allem eine romantische Liebesgeschichte, und zwar ohne Peinlichkeit und Kitsch. (...) Arun wirkt glaubhaft, weil er ein eigenständiger Kopf, ein ruheloses Herz ist - er geht auch nicht nur in der Figur des Knechtes auf, sondern repräsentiert zwischendurch seinerseits den Herrn, der sich ein Mädchen kauft. Ganz nebenbei erfährt man in diesem Roman Einiges über den Alltag in der Stadt und auf dem Land, über verschiedene Moral- und Ehrbegriffe, und über indische Musik.
Ein Roman, den man am Ende gleich noch einmal lesen will.
Sabine Peters in der Basler Zeitung
Vor dem Büro des Kanzlers
Früh am Montagmorgen bin ich in Hosen und Hemd vor dem Büro des Kanzlers. Noch ist niemand da. Die Bank vor seinem Büro ist nass vom Regen. Ich habe kein Taschentuch und wage nicht, einen Bürodiener zu bitten, die Bank abzuwischen. Ich stehe und tue, als ob ich die Gebäude anschauen würde, die ich so gut kenne – die riesigen Säulen, die vergessenen offenen Gräben hinter den Wohnheimen, die Milane, Geier, Krähen, Ziegen, Kühe, Hunde und Katzen. Es ist der beeindruckendste und schönste Ort, den ich je gesehen habe, aber was habe ich schon gesehen? Tippu Sultans Fort, den Golden Rock Tempel, den Palani Tempel, das ist es schon, und einmal das Meer. Mein Stolz, mich in diesen schönen alten Gebäuden bewegen zu dürfen, ist ein Grund, warum ich unbedingt weiter studieren will, obwohl es mein Ruin und der meiner Familie ist.
Langsam belebt sich das Universitätsgelände. Zuerst schlurfen die Nachtwächter in ihre Decken gewickelt schläfrig nach Hause. Dann trotten kleine Jungen vorbei, die den Professoren ihr Frühstück bringen. Studenten und Lehrbeauftragte fahren langsam auf ihren glänzenden Fahrrädern durch. Schließlich kommen zu Fuß Gruppen von Studentinnen in Saris und Halbsaris, mit Blumen in den Haaren, schwatzend und lachend. Sie sehen so hübsch aus, dass ich meine Müdigkeit vergesse.
Der Kanzler kommt um Neun und sagt zu mir, "warte!"
Solange ich Mädchen anschauen kann, ist mir egal, wie lang ich warten muss. Der Kanzler ist der Hauptdrahtzieher in der Universität. Wenn er mich hereinruft, werde ich so oft wie möglich „Bitte, Sir!“ und „Vielen Dank, Sir!“ sagen. Wenn ich Glück habe, hat er irgendwas wie einen Job für mich, wer weiß?
Gegen elf Uhr, als es heiß zu werden beginnt, kommt eine Fahrradrikscha an, aus der ein junger Weißer mit einem eleganten Jackett und glänzenden schwarzen Schuhen aussteigt. Er geht gleich zum Kanzler hinein. Ein Bürodiener bringt Tee für sie, ein anderer ruft mich herein. Der Kanzler sagt, "der Sir kommt von Übersee und will im Musik-College studieren. Er braucht einen Dolmetscher, kannst du das tun, Junge?"
"Ja, Sir!"
"Er wird dich bezahlen", dann wendet sich der Kanzler wieder dem Weißen zu. Ich bleibe stehen, bis der Kanzler sagt, "warte draußen, Junge!"
"Vielen Dank, Sir", ich verbeuge mich, um meine Verwirrung zu verbergen.
Draußen setze ich mich auf die Bank. Ich habe noch nie mit einem Weißen gesprochen. In der Palghat Busstation hat mich einmal eine Angloinderin auf Englisch nach dem Bus nach Coimbatore gefragt. Ich bin so verwirrt gewesen, dass ich sie wahrscheinlich zum falschen Bus gebracht habe. Das ist meine gesamte Erfahrung mit dem Englischen. Wie kann ich übersetzen? Davon habe ich keine Ahnung.
Der Weiße und einer der Bürodiener kommen aus dem Büro des Kanzler heraus. Der Weiße fragt mich, "wie heißt du?"
Seine Stimme ist rauh, aber gefällig. Ich kann sein Englisch verstehen. "Arun, Sir!"
"Ich bin Ernst."
Soweit habe ich überlebt. Vielleicht ist der Weiße ein freundlicher Mensch.
"Kannst du ihnen sagen, dass sie mein Gepäck zum Neuen Gästehaus bringen sollen? Weißt du den Weg? Ist es weit?"
Ich schaffe es kaum, alle seine Fragen gleichzeitig zu beantworten. Der Bürodiener sagt dem Rikschafahrer, wohin er fahren soll. Ich nehme die glatte, kräftige Hand des Weißen und führe ihn zum Neuen Gästehaus hinter dem Musik-College.
An der Ecke des Musik-Colleges kreuzen wir eine Gruppe von Studentinnen. Sie starren den Weißen und mich an. Wenn nur Mary unter ihnen wäre! Sie müssen ihr berichten, dass ich mit einem Weißen zusammen bin!
Die Fahrradrikscha wartet schon beim Neuen Gästehaus. Der Weiße hebt einen schwarzen Geigenkasten von der Rikscha und gibt ihn mir, "kannst du den halten, bitte?" Der Bürodiener weiß, welches Zimmer es ist, und bringt zusammen mit dem Rikschafahrer das Gepäck hinauf, zwei wichtig aussehende Aluminiumkoffer und eine große, grüne Reisetasche aus gewachstem Tuch. Ich trage den Geigenkasten und führe den Weißen an der Hand die Treppe hoch.
Im neuen Gästehaus
Das Zimmer ist viel besser als unser Zimmer im Wohnheim der Musikstudenten. Das Gebäude ist neuer, sauberer, vor den Fenstern hängen keine Kleider, jedes Zimmer hat sein eigenes Badezimmer. Im Zimmer gibt mir der Weiße zwanzig Rupien, um den Rikschafahrer zu bezahlen, viel zu viel, und bittet mich um was zu trinken. Ich sage dem Bürodiener, "bring Tee für den Weißen, schnell!"
Der Weiße scheint nur ein paar Jahre älter zu sein als ich, vielleicht fünfundzwanzig. Er ist kräftig und groß, aber hässlich mit weißlicher, fleckiger Haut, knochigem Körper, gelben, strohigen Haaren, wässrigen grauen Augen. Er bewegt sich und spricht in dem komischen, eckigen Stil der Weißen, wie ein weißer Charakter in einem Tamil-Film.
Der Weiße trägt eine wasserdichte ausländische Armbanduhr. Ich möchte sie ansehen. Er muss reich sein. Warum ist er allein hierhergekommen? Hat er kein Heimweh, so weit weg von zu Hause? Kann er wirklich Geige spielen? Ich frage ihn, "darf ich die Violine sehen?"
"Nur zu!"
Ich habe noch nie einen Geigenkasten wie diesen gesehen, aus starkem schwarzem Kunststoff. Er sieht teuer aus. Der Weiße öffnet die Zahlenschlösser für mich, aber ich traue mich nicht, die Geige zu berühren.
"Kannst du spielen? Willst du sie versuchen?"
"Ja, gern, Sir!"
Ich nehme die Geige, stimme sie, und setze mich auf den Boden, um in unserem Stil zu spielen. Sie ist besser als die Geige meines alten Lehrers, die beste, die ich je spielen durfte. Der Weiße fragt mich, "hältst du sie immer mit dem Hals nach unten?"
"Ja, Sir!" Ich beginne mein Schaustück. Ich bin nicht gut, aber ich tue mein bestes. Dass der Weiße vermutlich von karnatischer Musik nichts versteht, ermutigt mich, wilde Ornamente und Verzierungen zu spielen, die der Meister nie dulden würde. Ich kann sehen, dass ihm gefällt wie ich spiele, und ende mit einer lauten Auflösung. Ich gebe ihm die Geige zurück. Ich schäme mich, dass ich aufgeschnitten habe, und bin gleichzeitig stolz, weil es nicht schlecht geklungen hat.
"Du spielst gut."
Der Tee kommt. Ich schenke ihm ein. Es gibt nur eine Tasse.
"Es ist nicht nötig, jetzt zu bezahlen, nur ein Trinkgeld für den Diener, Sir", ich gebe ihm fünfzig Paise.
Der Weiße fragt mich aus und weiß bald, was mein Problem ist. "Der Kanzler hat mir gesagt, ich brauche jemanden, der für mich dolmetscht. Ich wäre froh, wenn wir Freunde sein könnten …"
Chidambaram Bazar
Ich zeige Ernst den Papierladen, den Eisenwarenladen, den Konservenladen, die Läden für Bilder und Bilderrahmen und erkläre ihm, was Geldleiher und Fahrradverleiher sind. Er sagt, "wir bekommen alles, was wir brauchen, in einem Supermarkt. Wir brauchen nicht von einem kleinen Laden zum anderen zu laufen."
Ich habe schon Bilder gesehen von solchen Läden in Übersee, "aber woher wissen Sie dann, ob der Preis stimmt?"
Im Genossenschaftsladen der Tamilischen Handweber kaufe ich eine Matratze für ihn, Leintücher und Handtücher. Ernst kommt es nur darauf an, wie die Sachen aussehen, was sie kosten ist ihm egal. Er hat einen Stoffbeutel innerhalb seiner Hose, in dem er sein Geld aufbewahrt, Hunderte von Rupien. Vielleicht gibt es in Übersee auch Diebe.
Ich sage zu Ernst, "wenn wir einen kleinen elektrischen Ofen kaufen, kann ich Tee für Sie bereiten. Wir brauchen nur Teepulver und Milch."
"Ist das teuer?"
Ich zeige Ernst den Ofen im Eisenwarenladen. Der Ofen kostet nur zweiundvierzig Rupien. "Ist das zu viel? Wir sparen uns das Geld für den Gästehauswärter und ich kann besseren Tee für Sie zubereiten. Lipton Red Label ist der beste Tee."
Ernst ist einverstanden. Fast alles, was ich ihm vorschlage, kauft er. Mysore Räucherstäbchen, Radha Seife, Tata Haaröl und Shampoo, zwei Becher und einen Krug aus rostfreiem Stahl, um im Zimmer Wasser zu trinken, eine große, blitzende Taschenlampe, und sogar einen Deer Brand Regenschirm, mit dem ich ihn vor Sonne und Regen schützen kann. Ich wünsche mir einen neuen Orlastic Nylon Kamm, und er kauft ihn mir.
Die Fahrradrikscha ist beinahe voll, es bleibt uns kaum noch Raum zum Sitzen. Auf dem Rückweg zeige ich Ernst die Privatkliniken in der South Market Street. Er ist nicht beeindruckt.
In Ernsts Zimmer
Ernst hilft mir beim Hochtragen. Er will duschen und ich gebe ihm eines der neuen Tücher und die Radha Seife. Während er duscht, breite ich die Matratze aus und ziehe ein neues Leintuch darüber, stelle den elektrischen Ofen auf und richte das Zimmer etwas ein. Wie er aus der Dusche kommt mit dem Badetuch um die Hüften, sehe ich, dass er wirklich nicht viel älter ist als ich. Ich möchte sein Freund werden.
Ernst öffnet einen seiner Aluminiumkoffer, der voll neuer Kleider ist, und zieht sich an, wie man das von engen Freunden gegenüber tut. Kann ich ihn wirklich mit 'Ernst' ansprechen? Ich bereite Tee für ihn. Er legt sich hin und schläft gleich ein, ohne den Tee zu trinken.
Im Wohnheim der Musikstudenten
Ich erzähle meinen Freunden von Ernst. Ich wiederhole mit seinem ausländischen Akzent, was er zu mir gesagt hat, bis zehn Studenten um mich herum versammelt sind, die mich eifersüchtig anschauen, als würde ich morgen nach Übersee abreisen.
Die ganze Nacht spreche ich in meinem Herzen, wachend und träumend, englisch mit Ernst. Ich versuche, mich ihm zu erklären, bis ich träume, dass ich in einem Flugzeug sitze, das nach Übersee fliegt.
Obwohl meine Arme um Madhus Nacken liegen, ist mein Herz im Neuen Gästehaus mit Ernst. Was erwartet er von mir? Was ist mein Job? Kann ich ihn zufriedenstellen? Was, wenn jemand herausfindet, dass mein Englisch nicht gut genug ist? Zumindest habe ich ihn verstanden und er mich auch. In der Basel Mission High-School wollten die Lehrer, dass wir korrektes Englisch lernten.
Ernsts Geige muss zehntausend oder mehr Rupien gekostet haben. Hoffentlich lässt er mich sie noch einmal spielen. In meinem Herzen hat ihr reiner Klang schon den rauhen Ton meiner eigenen ersetzt.
© Männerschwarm 1999 - 2012 - Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
|