Unser Mann in Tel Aviv?
"Der Garten der toten Bäume" ist ein Paradebeispiel dafür, was die besondere Perspektive des Außenseiters leisten kann: Auf hohem sprachlichen Niveau vermittelt Avni dem Leser ein Gefühl für den Alltag der jungen Generation im heutigen Israel, vor dessen Hintergrund melancholische Liebesgeschichten und verträumte Kindheitserinnerungen ihren großen ästhetischen Reiz entfalten.
Avni erzählt von der anstrengenden Normalität in Familie, Nachbarschaft, Beruf und Beziehungsleben. Klammernde Mütter, Lebenslügen und überraschende Begegnungen entfalten unter flirrender Sonne ihr eigenes, unverwechselbares Aroma.
2000 als Hardcover bei Männerschwarm, dann bei Suhrkamp als Taschenbuch, setzt sich die Erfolgsgeschichte dieses außergewöhnlichen Buchs jetzt fort.
Jossi Avni wurde 1962 als Sohn von Einwanderern aus Afganisthan und dem Iran in Israel geboren. Nach dem Studium von Geschichte und Rechtswissenschaften arbeitete er für kurze Zeit als Rechtsanwalt in Tel Aviv. Ein mehrjähriger Deutschlandaufenthalt hat ihn stark beeinflußt. "Der Garten der toten Bäume" ist sein erster Roman.
Avni schildert die Lust auf andere Männer in einer bildreichen Sprache. Ihre Schönheit macht es erträglicher, dass auch bei einer erfülltren Liebe Zweifel bleiben.
Peter Rehberg in Du & Ich
Mit geradezu orientalischem Überschwang ...
Hinnerk
Jossi Avni ist ein begnadeter Erzähler.
Mario Reinthaler in XTRA
Erotisches Knistern wie in der staubigen Hitze getrocknetes Laubes liegt in der Luft ... Reflexives Generationenportrait fernab jeglicher Betroffenheitsprosa.
Jonas Brollmann in Männer aktuell
Eine treffende Beschreibung schwuler Selbstfindung.
Die Besten Herbst 2006
... Erfolg eines anrührenden, dabei keineswegs gefühlsduseligen Episodenromans, der mit wohldosierter Sinnlichkeit, Melancholie, Witz und expressiver Bildhaftigkeit das Lebensgefühl der Jugend in Israel einfängt.
Du & Ich
Israelitisches Wochenblatt Zürich:
Eine nachdenkliche Lektüre für Menschen, die sich nicht scheuen, in fremde - oder eigene - Erfahrungen einzutauchen.
Dorothea Dieckmann in NDR 3:
... Denn seine sehr subjektiv komponierte, aus Erinnerung und Gegenwart, Situation und Assoziation gewebten und dennoch stets glasklaren Episoden werden trotz aller Melancholie von expressiven Bildern getragen, die von den Übersetzern - trotz einiger ungelenker Konstruktionen - mit lyrischer Einfühlsamkeit wiedergegeben werden und das Lesen zu einem oft rauschhaften Erlebnis machen. Es ist nicht nur die poetische Präzision (...). Es sind vor allem die meisterlichen Verbindungen von Gefühl und Außenwelt...
Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung: vom 23. Juni 2000:
Land der Düfte, Land des Regens - wo lebt der Traum?
Ein ungewohntes Bild von Israel und Deutschland: Jossi Avnis Roman "Der Garten der toten Bäume"
In wie vielen Welten lebt Jossi eigentlich? Da ist die Welt seiner Kindheit, seiner Eltern, die Welt frommer Juden in einem Kibbuz. Da ist alles klein und eng, viel zu über- und durchschaubar. Da ist vor allem die Mutter, die furchtbar Besorgte, die ihren Sohn am liebsten von morgens bis abends bekochen würde, besonders zum Sabbath mit großen Mengen an Rinderkoteletts und Gemüsen. Das ist alles kaum erträglich und doch wunderschön. Und als es Jossi in dieser Welt nicht mehr aushält und in die große Stadt zieht, da ist er einerseits darüber von Herzen froh und andererseits von Herzen todunglücklich.
Da ist also die große Stadt, Tel Aviv. Alles ist offen und modern und unkompliziert. Es gibt sogar Bars und Ecken im Park, wo sich schwule Männer finden können. Und manchmal hat Jossi sogar Glück und erwischt im Straßencafé ein unverhofftes Lächeln vom Tisch schräg gegenüber. Das ist alles wunderschön, und das ist unerträglich. Denn so offen und quirlig es in der Stadt auch ist, im Denken der Israeli ist Homosexualität nur irgendeine Schwäche, und viele der Männer, die da ab und zu mal ein wenig Nähe zu anderen suchen, heiraten dann doch früher oder später, selbst um den Preis lebenslanger Lügen willen. Jossi würde in dieser Stadt am liebsten fliegen und am liebsten sterben.
Deshalb fliegt er, deshalb flieht er in das ganz andere Land, von dem sein Vater nur sagt, was er um Himmels willen dort eigentlich suche. In München und in Berlin gibt es erstaunlich hohe grüne Bäume und erstaunlich viel Regen. Es gibt auch erstaunlich leichte Begegnungen mit anderen Männern. Aber die Einsamkeit und die Enttäuschung tragen nur andere Gesichter, und insgeheim sehnt Jossi sich wieder nach den tausend Düften und jenen Abenden in seiner Heimat, da die Sonne hinter dem Hochhaus versinkt und der Abend noch voller Verheißung ist.
Jossi Avni ist das Pseudonym eines israelischen Autors, Jahrgang 1962, dessen schmaler, aber ganz erstaunlicher Roman ¸¸Der Garten der toten Bäume'' nach einigen Umwegen nun endlich auf Deutsch im Hamburger Männerschwarmskript Verlag erschienen ist. Avnis Buch bietet in fünfzehn Episoden ein vielschichtiges Bild von Geschichten um Menschen aus Israel, die sich zu einem spannungsreichen Kaleidoskop zusammensetzen.
Sein großes Thema ist die Differenz zwischen Außen und Innen, zwischen Gesagtem und Gedachtem, zwischen Vollbrachtem und Gewünschtem. Seine Figuren trauern beständig darüber, sich immer gerade nach dem zu sehnen, was sie just eben aufgegeben haben. Und das alles beschreibt er in einer wunderbaren Sprache, die voller Bilder ist, aber nie überfrachtet, scheinbar leicht, aber nie über den Dingen schwebend, stets changierend zwischen Witz und Trauer.
Wenn es überhaupt eine Sorge des Lesers bei der Lektüre gibt, dann jene, irgendwann könnte sich der Autor bei der Beschreibung all dieser vergeblichen Sehnsüchte, all dieser Missverständnisse und Niederlagen in Vergeblichkeit und Niederlage gefallen, sie gar zur Attitüde verklären. Doch weit gefehlt. Zum Schluss ist eine Hoffnung - Hoffnung nicht etwa darauf, ein Traum könnte doch noch wahr werden, sondern darauf, dass die Wahrheit Platz für einen Traum hat. Ein Stein, dem das nicht nahe ginge.
Siegfried Straßner in NSP Juli/August 2000:
..., dennoch sind seine Texte weit von schmerztriefender und problembeladener Befindlichkeitsprosa anderer schwuler Autoren entfernt. Im Gegenteil: Avnis Lust am Fabulieren weckt Lust am Weiterlesen. Mit orientalischer Fülle wandelt Avni seine Worte in aromatische Gerüche und Früchte, in drückende Hitze und Staub, in spürbare Erotik und Leidenschaft. Er versteht es, knisternde sexuelle Spannung und die verlockende Schönheit seiner Männer ebenso spannend zu zeichnen wie ferne Kindheitserinnerungen aus Familie, Kibbuz und Internat oder die fatale Liebe einer Palästinenserin zu einem wunderschönen israelischen Soldaten. Mit Jossi Avni hat der MännerschwarmSkript Verlag einen excellenten Erzähler für den deutschen Markt entdeckt. Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, romantisch, traurig, poetisch, witzig, melancholisch, warm und herzlich.
Egbert Hörmann in Siegessäule Juni 2000:
Ein kaum unterdrücktes Lauffeuer unbekannter Herkunft treibt den Episodenroman "Der Garten der toten Bäume" des 1962 geborenen israelischen Autors Jossi Avni voran, der besonders den Liebhabern der Bücher von David Leavitt und Michael Cunningham zusagen wird. (Puh, was für ein Satz!) (...) Avni verwebt kunst- und eindrucksvoll das Private und das Öffentlich-Politische der israelischen Realität. (...) Avnis Roman ist zwar teilweise in München und Berlin angesiedelt, aber es ist dennoch ein durch und durch israelisches, ja sogar orientalisches Werk - betörend plastisch und reich an Düften, Farben und Formen. Und last but never least reichlich sexy. Niemand hat in der letzten Zeit Männer (besonders die in Uniform) als Objekte des drängenden Verlangens so sinnlich und so hoffnungslos verführerisch dargestellt.
Clemens Wergin im Tagesspiegel, 6. Mai 2000:
... in einer Gesellschaft, in der immer noch fast alle Schulabgänger eines Jahrgangs zur Armee gehen, hat sich ein Tabu angesichts eines machohaft übersteigerten Männlichkeitsideals hartnäckig gehalten: die männliche Homosexualität. Jossi Avni, der lange in Deutschland gelebt hat, präsentiert jetzt mit seinem Erstling einen Entwicklungsroman, der Vereinsamung und vergebliche Liebe von Schwulen zum Thema macht. Avni zeichnet das von Affäre zu Affäre, von Verletzung zu Verletzung taumelnde Leben eines Israelis nach, der dem Wunsch seiner Mutter nach Enkeln entkommt, nach Deutschland, wo er seine Identität freier ausleben kann. ... Bindungsunfähigkeit, Promiskuität und das vergebliche Ringen um Liebe machen Avnis Roman zum melancholischen Porträt einer Generation von Schwulen in Israel.
Kurt Krickler in Lamda Nachrichten 1 / 2001
Das Buch ist in jedem Fall ein dichtes, exotisches Werk in all der schwulen Literatur. (...) Der Rezensent gesteht, dass er sich schwer tut, dieses Buch zu beschreiben, aber auch, dass er es spannend und in dieser für ihn in dieser nicht wirklich festmachbaren Exotik - worin liegt sie wirklich? - faszinierend gefunden hat.
Ingo Arend im Freitag vom 30. Juni 2000
Der wahre Schriftsteller in Avni kommt eigentlich zum Vorschein, wenn er nicht über schwule Themen schreibt. Die schönste Geschichte heisst Kalte Hände und beschreibt ein Familienfest afganischstämmiger Einwanderer. Onkel Jachub mit der roten Glatze kommt zu Besuch zum Pessachfest. Und wie sich da Schwieger- und Großmutter einen Wettkampf um die besseren Gondi-Knödel aus Reis, Fleisch und Gemüse liefern, ein Festrezept ihrer Heimat, und die Großmutter ihre zum Schluss mit versteinerter Miene ins Klo wirft, legt die Zerreißprobe zwischen Modernität und Tradition in der israelischen Gesellschaft heute besser frei, als Avnis gestelzte Liebestragödien.
Schmerzen
Ärgerlich fingerten Frau Ziemels am Schloß, um es zu öffnen. Sie murrte, wie unhöflich es sei, sie so spät noch aufzuwecken. Andreas ging wortlos, während ich einen Moment verweilte, die schwachen Proteste der alten Portiersfrau ignorierend, dann stieg ich die Holztreppe zur Wohnung hinauf und fiel ins Bett.
Wie viele Stunden schlief ich so, die Ärmel meines Hemdes voller Krümel von Apfelkuchen oder was auch immer, ich weiß nicht, das Telefon klingelte und du sprachst zu mir, immer derselbe teuflische Instinkt, der mich längst nicht mehr überrascht, und im Fenster landeten dicke, wattige Schneeflocken.
Bestimmt sitzt du gerade auf dem Küchenfußboden, stumme Hühnerkadaver in der großen Schüssel zwischen deinen Beinen, du gießt heißes Wasser über ihre kalten Körper und rupfst die weißen Federn aus.
Du rupfst die weißen Federn aus und träumst von fernen Orten. Unter leuchtenden Kristallüstern dreht dich leicht ein eleganter, großer Mann zu den Klängen eines Walzers, und die geschminkten, häßlichen Gesichter der Damen drumherum verfinstern sich in ihrem Neid. Ja, du umfaßt die heiße Schüssel mit deinen nackten Knien, durch die sich wie Stricke dicke Adern ziehen, du sitzt auf dem Boden, ein dünnes, zweifelndes Lächeln über deinen runden, stumpfen Wangen, und plötzlich starrst du durchs Küchenfenster auf die staubigen Weinblätter, auf den niedrigen Himmel, um gleich wieder entschieden die nassen Federn auszureißen und in den Eimer zu werfen. Ich kann deine Sehnsucht jetzt greifen. Sie ist hier, in diesem Zimmer, in dem Kleiderhaufen auf dem Stuhl, im Wecker, in den Laken, die mir Andreas, Andreas zuraunen, in den Schneeflocken, die sich auf den Dächern türmen. Ich spüre dein Verlangen zwischen den Wänden, über meine Wimpern streichen, du bist mir so nah, unglücklich bist du, und ich hasse dich.
Diese Stille, weißes Todesraunen fallenden Schnees. Es gibt keine schönere Musik als das Pochen der weichen Berührung dieser dicht gesponnenen Tropfen, die die feuchte, nächtliche Erde kosen. Mach mir die kleine Katze, flüstere ich ins Kissen, und ich höre Andreas' genießerische Zunge miauend an meinem Ohrläppchen und meinem Hals knabbern, ich stöhne genüßlich, an die Wand gepreßt, und Andreas kichert mir das Kichern der bösen Hexe zu, das mich immer zum Lachen bringt, und bedeckt mich mit seinen Küssen.
Mach mir die kleine Katze, von meiner Nasenspitze an der Wand tropfen drei lange, salzige Tränen, und ich versuche vergeblich einzuschlafen.
Dieses Land ist schön, und es läßt mir keine Ruhe. Frische Furchen verschwinden im nassen Schoß waldiger Hügel. Hinter den Biegungen der Wege dehnen sich grünrote Ebenen, die Wipfel der Tannen, und an den Ufern von Bächen ohne Namen weiden Kühe. Irgend etwas an dieser fruchtbaren, satten Erde, an den gehobelten Holzdächern unter schweren Wolken, erweckt in mir Furcht und Staunen. Das gewaltige Grün der undurchdringlichen Wälder erschreckt mich, und Andreas hält den alten Volkswagen auf einer Anhöhe und lacht über das ganze Gesicht. Auf einer Steinbank im Hof des Schlosses Waldenburg verschlingen wir gierig belegte Brote und sammeln welke Blätter, von Rot zerfressen, die unablässig auf unsere Köpfe und Schultern und auf die dicken Stücke Apfelkuchens aus der Konditorei Michelhof fallen, die Andreas besonders liebt. Und später, in einem Café, das die Gärten von Wackersheim überblickt, bringt uns ein Kellner in weißen Handschuhen milchweiße Porzellantassen, und Andreas schaut mir leise, leise in die Augen und kichert boshaft sein Hexenkichern, ich winde mich, der Kellner dreht sich erschreckt um, es beginnt zu regnen, große Tropfen hängen sich an zurechtgestutzte Büsche und vermengen sich mit dem Wasser der Springbrunnen. Frauen spannen ihre Regenschirme auf, werfen strenge Blicke zum Himmel, und Andreas' Bein berührt kaum merklich mein Bein, so gut, es ist so gut.
Du und ich, wir müssen uns vor Männern in acht nehmen, hast du mir gesagt. Ich war ein Kind und öffnete große, schwarze Augen auf deinen warmen Leib und auf zwei dunkle blaue Flecken, die du mit deinem Handrücken nahe deiner Wange verdecktest. Alle Männer wollen dasselbe, drangen deine Worte aus dem Totenreich, du hast dir die kleine Nase geschneuzt, und ich wollte deinen Bauch fest, fest umarmen, mein Gesicht an das abgetragene Nachthemd gepreßt, um zu weinen. Iß, iß, triebst du mich zur Eile an und häuftest von allem Guten auf meinen Teller. Du mußt gesund und groß und stark sein, verstohlen sah ich auf die riesigen Löffel Reis, die in Vaters Mund verschwanden, leerte den ganzen Teller und bat um mehr. Wenn er vor dem Fernseher saß und eingeschlafen war, öffnetest du deine Verstecke und holtest Leckereien heraus – geräucherte Würste und dunkelbraune Hühnerleber mit Zwiebelringen geröstet und helle Streifen von Hühnerbrust –, du standst neben mir, bis ich alles aufgegessen hatte, und erst danach ging ich schlafen. Und die Pfirsiche. Du liebst Pfirsiche, ich weiß. Du hast große Pfirsiche gekauft und dich an der Schönheit ihrer Farbe gefreut, an ihrer gelb-samtenen Haut, und du hast sie nicht angerührt. Du hast sie tief in der Lade des Kühlschrankes verborgen, hinter den in Zeitungspapier gewickelten Stengeln Petersilie und Sellerie, hast gewartet, bis ich am Freitag nach Hause komme, um sie auf dem Balkon einen nach dem anderen aus deinem Kleid zu ziehen, weich zum Erbrechen, iß, hast du gesagt und nicht geglaubt, daß ich Pfirsiche nicht mag.
Weißt du, auf diesem Schulausflug, wir fuhren, den Sonnenaufgang in den Bergen zu sehen, saßen wir in einem Lastwagen, der uns den ganzen Weg durchrüttelte, ich saß neben Gideon, tat so, als schliefe ich ein und ließ meinen Kopf auf sein Knie sinken, von ganz nah sah ich den Reisverschluß seiner Hose; und als wir ankamen und auf einen Hügel voll kleiner Steine kletterten, sagte die Lehrerin: Augenblick mal, und schaute zurück, und alle sahen eine kleine Gestalt, in einen Nylonmantel gewickelt, die sich verzweifelt an unsere Fersen geheftet hatte am Abhang gegen den Wind, und da holte sie uns ein, kurzatmig und in ihrer Hand ein schweres Essenspaket, und die Lehrerin sagte: schaut, Jossis Mutter wacht sogar vor der Sonne auf, und alle guckten zu mir und lachten, Gideon lauter als die anderen.
Danach die Armee. Weiß gestrichene Bäume, der Geruch von verbranntem Staub, die Rennerei bei der letzten Nachtwache, das blendende Licht der kahlen Berge Samarias. Ich saß auf dem Betonboden im Zelt, die Teile der zerlegten Waffe vor mir zwischen den Beinen, ich poliere sie mit einem ekelhaften Stoffetzen und träume von fernen Orten. Nachts trieb ich mich lange in den verlassenen, dunklen Duschkabinen herum, heiße weiße Dämpfe stiegen mir in die Nasenlöcher und ich spürte, wie die reißenden Qualen mich erbarmungslos peitschten.
Und eines Abends, auf dem Höhepunkt eines Lehrgangs, erschienst du am Tor, mit einer Tüte voller Früchte und Kuchen, die du an alle verteiltest, ich schritt neben dir die Eukalyptus-Allee entlang, und du sagtest mir mit leiser, gepreßter Stimme, du wüßtest, daß ich es tun wolle, aber unter gar keinen Umständen, ich dürfte mir unter keinen Umständen eine Kugel in den Kopf schießen, und ich starrte dich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen an, zwischen den Eukalyptussen flatterten raschelnde Schwärme stummer Fledermäuse, und die Garben der Scheinwerfer spalteten ihre durchsichtigen Flügel in hauchdünne Bahnen aus schwarzer Seide.
Du und ich, wir müssen uns vor Männern in acht nehmen. Umarme ich jetzt, Andreas. Ich bin allein, und ich will dich. Laß mich deine Schulter spüren, die Finger in deinen kräftigen Nacken graben, zusehen, wie Tropfen Lichts von der Senke deines Halses geschluckt werden und vergehen.
Wo bist du jetzt, Andreas. Ob du dich, mit Schraubenschlüsseln und Kabeln, über den Motor des Volkswagens beugst, um einen ewigen Kurzschluß zu reparieren. Oder sitzt du in der Finsternis, trinkst ein Bier nach dem anderen. Wann sehe ich dich wieder. Werde ich dich wiedersehen.
Als der Offizierslehrgang zu Ende war, hast du in einer der ersten Reihen gesessen und Vater gezwungen, mir die ganze Zeit mit der Hand zu winken, und du hast vor Glück geweint. Mit dem Ende des Militärdienstes bin ich zum Studium nach Jerusalem gefahren; während der Unterrichtsstunden starrte ich auf die uralten Landschaften, die sich hinter den gläsernen Wänden ausbreiteten, auf die Berge, die Minarette, die Wüste, und ich wußte, weit von hier gibt es noch andere Orte. Ich bin selten nach Hause gefahren. Du hast am Telefon geweint und gebettelt, ich solle doch kommen, hast gesagt, eigens für mich hast du ganze Töpfe voll guter Dinge gekocht, und ich habe mir auf die Lippen gebissen, bis ich mich nicht länger beherrschen konnte, dich anschrie, du solltest endlich aufhören, und an den folgenden Schabbatabenden hörte ich unterdrücktes Schluchzen und Seufzer durch den Hörer, es ist nichts, hast du gesagt, bloß Schmerzen, es sind bloß Schmerzen, und du hast dir die Nase geschneuzt.
Wenn das Gefühl zu ersticken unerträglich wurde, fuhr ich zum Strand. Dort, auf dem Grat des Kalksteins, unter der Skulptur des schwebenden Vogels, saß ich und schaute aufs Meer. Die Weite tröstete mich und brachte die Fragen zum Schweigen. Tagsüber waren die goldenen Dünen voller nackter Badender, und Segel in sommerlichen Farben zerteilten das Meer. Mit dem Abend, wenn die Sonne immer kühler wurde, wenn sie sich nach Westen, auf die wattigen, pfirsichfarbenen Wolken am Horizont zu, entfernte, bemächtigte sich meiner wundersame Ruhe, ich schaute auf das myriadenfache dunkle Funkeln des Meeres, ließ den Wind seine angenehme Hand in den Saum meiner Kleider stecken, begleitete mit meinem Blick das verzauberte, verwunschene Licht der Dämmerstunde, das zwischen den Bäumen, den Felsen vergeht, bis es zu einer Art Wand aus trübem, staubigen Khaki wird – und ein seltsames, beinah glückliches Gefühl erfüllte mich, daß mir diese Schönheit keiner nehmen kann; daß ich immer, auch wenn es mir schlecht gehen wird, hierher kommen kann, hier sitzen, auf diesem Felsen, hoch über dem Strand. Und ich wußte, weit von hier, hinter den riesigen Wasserbecken, gibt es andere Orte. Es gibt große, fremde Städte, in denen das Laub sich rot färbt, das Licht weich ist und die Flüsse traurig und breit, und hinter den Plätzen, den Tauben und Springbrunnen gibt es ein Haus, es hat ein Fenster, und an dieses Fenster preßt gerade ein schöner, trauriger Junge seine Wange, und er wartet auf mich.
Um zehn vor zwölf Uhr stand ich auf, klopfte den Staub von meinen Hosen und nahm den letzten Autobus zurück.
Erinnerst du dich an meinen letzten Geburtstag, du hast einen riesigen Kuchen mit neunundzwanzig Kerzen, eine für das kommende Jahr, gebacken, hast bunte Ballons ins Wohnzimmer gehängt, obwohl du weißt, wie ich Geburtstage hasse, und im ganzen Haus hast du Zettel mit Segenswünschen versteckt, und danach zeigtest du mir zwei einzelne Karten, die du für eine Vorstellung am selben Abend gekauft hattest, ich schäumte vor Wut und weigerte mich auszugehen, bis ich endlich nachgab; wie wir weit auseinander im Saal saßen und versuchten so zu tun als unterhielten wir uns bestens, und ich sah, wie du mit Blicken, scharf wie Nadeln, die umarmten Pärchen mustertest, die Männer, die einen schweren Pulloverarm auf die Schultern ruhiger Frauen legten, sah, wie du gelassen um dich lächeltest, auf deiner Stirn die Einsamkeit geschrieben, und sicher hast du gesehen, wie ich auf meinem Platz sitze, in Zorn gehüllt, und verstohlen die schönen Silhouetten hellhaariger Jungen betrachte, die ihre Mädchen in Jeansmänteln umarmen. Und in der Pause wandertest du, nachdem du dich auf der Toilette geschminkt hattest, im Foyer zwischen den Menschen hin und her, bis du mit gebeugten Schritten in den Saal zurückgingst und dich allein setztest, allein, in der leeren Stuhlreihe – auf einmal verstand ich Dinge, die ich nicht verstehen wollte, und ich wollte aufstehen, deine niedergeschlagenen Schultern umarmen, dein trauriges Gesicht küssen und dir zurufen, Mutter, Mutter, ich liebe dich, du weißt doch, daß ich dich immer lieben werde, da konnte ich die Trauer nicht länger aushalten und beschloß wegzufahren.
Zwei Tage wanderte ich in München herum, am dritten Tag traf ich Andreas. Es war grau, bewölkt, eine Art Nebel zog durch die Straßen Auf dem Platz vor dem Alten Rathaus jonglierte ein alternder Clown schwarzrote Bälle in der Luft und schnitt Grimassen, und all die vielen Leute drumherum brüllten vor Lachen, schlugen sich auf den Bauch und warfen Markstücke in den umgedrehten Hut. Hoch über dem Platz erhoben sich wie Kerzenleuchter die zwei grünen Türme einer Kirche.
In einer der Gassen kaufte ich mir eine Wurst in einem Sandwich und setzte mich auf eine Bank. Nicht weit parkte ein alter, oranger Volkswagen, und irgend jemand stand gebeugt unter der offenen Motorhaube. Die Kirchenglocken gaben ein Kling-Klang-Klang von sich, das über die regennassen Pflastersteine rollte, der junge Mann hob eine Hand, um auf die Uhr zu schauen, und plötzlich trafen mich seine Augen. Auf weit entfernten, zugefrorenen Seen stießen mit Getöse zwei uralte Eisberge aneinander, und die Wurst in meinem Mund schmeckte nach nichts. Er legte den Schraubenschlüssel beiseite, langsam richtete er sich auf, strich sich mit der Hand durchs Haar und lächelte.
Dann saßen wir in irgendeinem Café, Andreas bestellte etwas Heißes zu trinken und Apfelkuchen, und er erzählte, daß er Architektur studiere und daß jetzt Semesterferien seien. Spät in der Nacht fuhren wir in seine Wohnung im Stadtzentrum, den Zorn Frau Ziemels, der alten Portiersfrau, ignorierend, dort saßen wir auf dem Bett, die Hände ineinander verschlungen, und redeten bis zum Morgengrauen. Am Tag darauf zeigte Andreas mir die Stadt und setzte mir ausführlich die unterschiedlichen Baustile auseinander, die Schwierigkeiten der Architekten bei der Wiederherstellung des Zentrums, das im Krieg völlig zerstört worden sei. Abends fuhren wir in dem holperndem Volkswagen auf malerischen Sträßchen, die allmählich von dicken Flecken des Abends zugedeckt wurden, zu seiner Großmutter Martha, die in einer Stadt am Fuß der Berge wohnte, in der er geboren war. Achtzig Jahre alt wurde sie an diesem Tag; Andreas überreichte ihr einen riesigen Strauß roter Rosen und Schokolade, und als er ihr erzählte, ich sei ein Gast aus Israel, küßte sie mich dreimal und legte ihre beiden kalten Hände auf meine Wangen. Auf dem Rückweg beobachtete Andreas mich unablässig im Spiegel und kicherte wie eine Hexe, der Volkswagen kroch mühsam einen waldigen Hügel hinauf und blieb stehen; und ich sagte: schau, soviel Lichter in der Ebene, und er sagte: «Aha» und zog mich an sich, und mir war wohl. Etwas weiter, wir fuhren schweigend zwischen dicken Nebelschwaden, das Radio eingeschaltet, ohne zuzuhören, fiel mir plötzlich ein, daß heute ja Freitag ist, und auf der Hauptstraße irgendeines namenlosen bayerischen Städtchens fütterte ich mit klopfendem Herzen Münzen in ein öffentliches Telefon, leichthin sagte ich Schabbat Schalom, Mami, wie war der Kiddusch, für einen langen Augenblick zögertest du und dann krächztest du mir mit gebrochener Stimme zu: Was ist passiert, Jossi, was genau machst du dort, aus dem Telefonhörer krochen schwarze Schlangen und der Geruch des Schabbatessens auf mich zu, ich grub die Finger in den Stamm der Tanne neben mir, bis sie schmerzten, und ich wollte aufschreien.
Im Laufe der Tage verfärbten sich die Bäume in den Alleen und in den Parks rot, entlaubten sich, bis sie nackt waren, und jetzt fällt der erste Schnee. Einen Monat und eine Woche habe ich hier gelebt. Jetzt liege ich auf unserem Bett, ich erinnere mich, wie du mir die kleine Katze gemacht hast, und gegen meinen Willen muß ich lächeln. Der Teufel tanzt in mir. Andreas. Seine begeisterten Augen leuchten, sein Mund steht offen und um ihn tanzen engelhaft reine deutsche Knaben im Feuer des Schnees. Wie seltsam, seit dem Morgen höre ich nicht auf, an den Teufel zu denken. Seit ich am Morgen vor dem Spiegel stand und mich rasierte, du umarmtest mich von hinten mit deinen kräftigen Schultern, sahst mir in die Augen und sagtest, daß die Ferien vorüber seien, daß du morgen zur Universität führest, und leise hast du hinzugefügt, morgen käme Paul, mit dem du seit einem Jahr zusammenlebst, aus den Ferien zurück. Ich hörte auf, mich zu rasieren, meine Augen im Spiegel waren rund und schwarz, du ließt seinen Kopf auf meine Schultern sinken, streicheltest meinen Hals, murmeltest noch etwas und gingst hinaus, und ich sah plötzlich mein Zimmer und die Küche voller dampfender Töpfe und den Geruch von Kümmel und simmernde Fleischbällchen, ich sagte mir, daß der Teufel sicher auch blonde Locken hat und ein ebenso schönes Gesicht wie du, und ich war sehr ruhig. Wo bist du jetzt, Andreas. Draußen fällt der erste Schnee in Deutschland. Meine Sachen sind schon gepackt. Mit dicht gesponnenen Flocken bedeckt der Schnee Wipfel und Straßen. Du hast gesagt, du müßtest für einen Moment hinausgehen, um Zigaretten zu kaufen, und wir wußten beide, du willst den Abschied vermeiden. Ich begleitete dich hinunter, sah, wie du mir verstohlen letzte Blicke zuwarfst, und ich achtete nicht auf die Proteste Frau Ziemels.
Ich fahre zum Flughafen. Ich fahre zurück nach Hause. Ich werde das Zimmer hier aufräumen, werde keine Spur hinterlassen, und auf meinem Weg nach draußen werde ich der verwirrten Portiersfrau ein paar Blumen in die Hände drücken. Dort, jenseits von Schnee und Nebel, verspottet die Sonne seit je Staub und Wüste, und die Sehnsucht brennt. Eine kleine Frau mit plattgedrücktem Gesicht wird mir mit unendlicher Liebe um den Hals fallen, und ich werde verstummen. Jahre werden vergehen, mein Haar wird weiß werden und ausfallen. Wenn der Schmerz bitter sein, wenn kein Heilmittel ihn besiegen wird, dann werde ich am Strand sitzen, unter der Skulptur des schwebenden Vogels, und ich werde von fernen Orten träumen.
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