Blog
«Schwule Literatur«


Suchen
Ebooks
Frühjahr 2012

Herbst 2011

AutorInnen A - Z

Belletristik

Sachbuch / Wissenschaft

Comic / Ralf König / Kunst

Erotik

SM / Pauls Bücher

Taschenbuch
Bibl. rosa Winkel

Ed.Waldschlösschen

Invertito

Queer Lectures
Verlag rosa Winkel
Download-Center






Der Männerschwarm Verlag
ist Mitglied im
Freundeskreis der
Kurt-Wolff-Stiftung


Männerschwarm Verlag

Home   Lesungen   Presse   Bestellungen   Verlagsportrait   Kontakt & Impressum   Buchladen 

Valeska Réon

Blumen für ein Chamäleon

Erlebnisse eines transsexuellen Models


Broschur

240 Seiten,
16,00 EUR (D)

ISBN: 978-3-86300-112-4


als Ebook im Epub-Format und als Kindle:
EUR 13,99

Pressestimmen

Die Autorin

Leseprobe

 


Buch portofrei oder als Ebook bestellen bei www.gaybooks.de
 

Auf dem Laufsteg zum Ich

Viktor wünscht sich nichts sehnlicher als ein Mädchen zu sein, das weiß er schon als kleines Kind. Doch der Weg dahin ist steinig. Der Vater: ein von Männlichkeit besessener Berufssoldat. Die Mutter: ein schwacher Charakter. Die einzige verlässliche Stütze ist die resolute Tante Christa. Sie nimmt sie unter ihre Fittiche, gibt ihr ein verständnisvolles Zuhause, verschafft ihr eine Lehrstelle als Friseuse und stärkt ihr den Rücken, als sie zufällig von einem Fotografen entdeckt wird. Schon vor der operativen Verwandlung von Viktor in Valeska startet die junge Frau eine internationale Karriere als Model - und das in einer Zeit, in der transsexuelle Models noch tabu waren, in der sie einen Teil ihrer Identität bei ihre Agentur, bei Kunden und unter den KollegInnen um jeden Preis verstecken musste. Ihr Bild war in großen Modezeitschriften wie ELLE oder VOGUE, ihr Gesicht ist verbunden mit Werbekampagnen wie der zu "Ivoire de Balmain", auf den Prêt-à-porter-Schauen präsentierte sie vor und nach ihrer Operation die Damenmode von Gaultier, Mugler, Lagerfeld, Chanel, Dior, Kenzo und Claude Montana - die Liste ließe sich verlängern: eine weitaus bessere Therapie als die Besuche bei diversen Psychologen.

Valeska Réon erzählt ihre Geschichte mit viel Dramatik, aber auch immer mit einem Augenzwinkern. Sie arbeitet gekonnt die Pointen heraus: Wie reagiert die bildhübsche Frau, die sich die primären Geschlechtsorgane eines Mannes mit Heftpflaster "wegklebt", auf die Annäherungsversuche von Männern - vor allem, wenn sie diese auch noch attraktiv findet? Was soll sie tun, wenn sie einen Job in New York angeboten bekommt? Spätestens beim Bestellen der Flugtickets würde auffallen, dass sie eigentlich Viktor heißt. Was ist beispielsweise zu tun, wenn sie - biologisch noch immer ein Mann - plötzlich für Dessous werben soll? Der eingeweihte Fotograf arbeitet geschickt mit Licht und Schatten. Licht und Schatten fallen auch auf das Thema Nr. 1: die Männer! Sie hat es gehasst, selbst ein Mann zu sein, aber sie liebt sie als Frau. Aber kann sie die Männer letztendlich auch wirklich ernst nehmen?

In ihrem autobiografisch angelehnten, hin und wieder aber auch etwas "freien" Roman beschreibt Valeska Réon jedoch nicht nur die Vielfalt des Lebens und das Verwirrspiel der Geschlechter, sondern vor allem die Tatsache, dass wir Geschöpfe sind, die geliebt und geachtet werden wollen. Ein weises und anrührendes Buch über die Natur des Menschen in all seiner Verletzlichkeit und Stärke.

Die Autorin

Valeska Réon wurde in Liège (Belgien) geboren und wuchs bei Ihrer Tante in Düsseldorf auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Visagistin, um danach die Seiten zu wechseln: als Model ließ sie sich mehrere Jahre lang von den besten Visagisten der Fashionbranche verschönern. Unter Pseudonym schrieb sie drei Sachbücher / Ratgeber. Vor fünf Jahren gründete sie eine Privatdetektei mit Niederlassungen in Antwerpen, London und Wien. Nebenbei ist sie als Vortragsrednerin unterwegs.


Pressestimmen

Literatur zum Thema Transsexualität besteht meist aus nüchternen Sachbüchern oder deprimierenden Autobiografien. Jetzt hat das Model Valeska Réon ein aufbauendes Trans-Märchen geschrieben, mit einer rundum positiven Indentifikationsfigur.
Männer

Dieses Buch ist wichtig, weil es eine weitere Facette der Menschen zeigt, die hinter den Zuschreibungen stecken.
Siegessäule


Leseprobe

Betty Grable und Tante Christas Kursus für eine angehende Frau

    "Die selbstsichere Frau
    verwischt nicht den Unterschied
    zwischen Mann und Frau -
    sie betont ihn."

    Coco Chanel

Mein neues Leben in Düsseldorf ließ sich recht erfreulich an. Ich bekam einen Haustürschlüssel, in der oberen Etage von Tante Christas Haus ein eigenes Zimmer und fühlte mich frei. Ich hatte auch nichts anderes erwartet, immerhin zog ich zu meiner verrückten Tante, und indirekt wurde auch Betty Grable zu einer Art Schutzpatronin bei meiner Verwandlung in eine richtige Frau. Betty Grable hatte schon eine entscheidende Rolle dabei gespielt, wie Tante Christa zu dem geworden ist, was sie ist. Der blonde Musicalfilm-Star der vierziger Jahre für sie überhaupt das Größte. In ihrem Wohnzimmer hatte sie ein Poster hinter Glas von ihr hängen, und als Kind hatte ich immer gedacht, sie wäre eine entfernte Verwandte. "Betty wäre nicht erfreut darüber, dass ich schon wieder zwei Kilos zugelegt habe", erklärte Christa ganz selbstverständlich, oder wenn es einmal schwierig wurde: "Betty würde jetzt einfach ein Lied singen und die Welt wäre wieder rund." Aber der Reihe nach.

"So, meine Süße, als Erstes müssen wir uns nun einmal einen neuen Namen für dich überlegen." An meinem ersten Abend hatten wir es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Tante Christa kam sofort zur Sache, aber ich war vorbereitet. "Habe ich schon. Valeska!" Endlich war es heraus. "Valeska gefällt mir, fängt auch mit V an", stimmte Tante Christa zu: "Außerdem ist das praktisch, weil wir so das Monogramm auf dem Familiensilber nicht zu ändern brauchen." Damit war die Sache für sie erledigt, tatsächlich hat sie mich seitdem nie mehr anders genannt. Für sie war ich von diesem Tag an ihre Nichte Valeska Malten, wohnhaft in Düsseldorf. Auch mit ihrem Faktotum Frieda gab es keine Probleme: "Jo mei, des ist doch wohl das Normalste von der Welt", sagte sie zu mir, während sie die Kartoffeln für ihren berühmten Kesselsknall schälte, "für mich bist eh immer an Maderl g'wesen." Damit war alles gesagt zwischen uns, sozusagen: 'zwei Frauen, ein Wort'. Meine Eltern sollten hingegen noch Jahre brauchen, bis ihnen mein neuer Name über die Lippen ging.

Fotos: www.lemonfotografie.de (1), www.starshooting.de (2)

"Morgen werden wir dir ein paar schnucklige Sachen kaufen", freute sich Tante Christa bereits auf die weitere Verwandlung ihrer neugewonnenen Nichte, "bei deiner Figur ist das ja weiß Gott kein Problem. Ich wünschte, ich hätte noch einmal im Leben deine Maße." Nach mehreren erfolglosen Diätversuchen hatte Tante Christa die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder in Größe 40 hineinzupassen, lebte mit ihren Pfunden aber trotzdem recht glücklich. Und an Verehrern mangelte es ihr auch keineswegs. Mit ihren Einkaufsplänen hatte sie Recht, denn bis auf die kleine Schatulle mit meinen Schminkutensilien hatte ich rein gar nichts, was man als Frau so braucht, und so war eine komplett neue Ausrüstung in der Tat nötig. So zogen wir los: Unterwäsche, Schuhe, Röcke und jede Menge Kleider. "Davon kann man nie genug haben", meinte Tante Christa, deren überdimensionaler Kleiderschrank schon immer aus allen Nähten zu platzen drohte. Es war ungewohnt für mich, all die tollen Klamotten anzuprobieren, aber wie froh war ich, mich als Frau zu fühlen, endlich richtig in diese Rolle schlüpfen zu dürfen. Ich stand im Nobelkaufhaus Eickhoff und hätte die ganze Welt umarmen können! Hosen, alles, was auch nur den Hauch von Männlichkeit an sich hatte, ließ ich links liegen. Ich wollte nur 'weibliche' Klamotten tragen. Bevor ich den androgynen Look für mich entdecken sollte, würde ich zuerst noch einige innere Reifungsprozesse durchmachen müssen.

Tante Christa staunte, dass ich die Sachen so stilsicher aussuchte, aber nicht vergeblich hatte ich bei ihr immer diese wundervollen Magazine wie VOGUE, ELLE und Co. gelesen. Jahrelang hatte ich mir dabei nichts sehnlicher gewünscht, als auch einmal so schöne Kleider anziehen zu dürfen, und nun war ich am Ziel meiner Träume angelangt. "Bist du glücklich, bin ich glücklich", sagte Tante Christa, als wir unzählige Einkaufstüten in ihren Kofferraum hievten. Als wir gegen acht Uhr abends wieder nach Hause kamen, waren wir völlig fertig. Daher gab es zur Aufheiterung zuerst einmal Tante Christas unwiderstehlichen Schokoladenpudding. Das ist wiederum eine ganz spezielle kulinarische Köstlichkeit aus dem Hause Malten, denn meine Tante hatte ihn in einem kleinen Café in Rom kreiert. Dort hatte sie gejobbt, sich in den Besitzer verliebt oder er in sie, seine "la Christa tedesca", wie er sie nannte, und sie verwöhnte ihn mit Schokolade in allen Variationen - und jetzt eben mich. Mussolini bekam auch eine Portion Pudding: "Was für mich gut ist, kann einer Dogge auch nicht schaden."



Als ob der Einkaufsbummel noch nicht genug war, hatte sie noch eine besondere Überraschung für mich parat: "Zum bestandenen Abitur," wie sie betonte, "es ist etwas,das du dir bestimmt seit Jahren wünschst, eine neue Nase." - "Eine neue was?" entfuhr es mir völlig entgeistert. "Ja, du hast richtig gehört, warum sonst bin ich mit einem Schönheitschirurgen liiert?" Im ersten Moment fand ich diese Idee völlig abwegig. Solche Gesichtsschnippeleien gab es in meiner damals noch sehr eingeschränkten Vorstellung eigentlich nur in Hollywood. "Na los", drängelte Tante Christa, "jetzt gib dir einen Ruck und sag ja!" Wenn ich ganz ehrlich war, hatte ich die von meiner Mutter geerbte Hakennase immer gehasst, und da ich zu diesem Zeitpunkt bereit war für einen Neubeginn, stimmte ich nach noch nicht ganz drei Minuten Bedenkzeit zu. Tante Christa wollte, dass ich so gut und so weiblich wie möglich aussah, und so marschierten wir beide am nächsten Tag in die Praxis von Professor Hansen.

Zu Professor André Hansen hatte meine Tante ein ganz spezielles Verhältnis. Zu ihrem fünfzigsten Geburtstag hatte sie sich von ihm die Augenlider straffen und ein wenig Collagen in die Wangen injizieren lassen.Seitdem schwärmte sie von André als dem "Guru meiner zweiten Jugend." Aber auch Professor Hansen schwärmte von meiner Tante nicht minder. Kurz und gut, zwischen den beiden hatte es ganz gehörig gefunkt. "Sozusagen Liebe auf den ersten Schnitt", frotzelte Christa und summte Frank Sinatras "I got you under my skin" vor sich hin. André Hansen war zehn Jahre jünger als meine Tante und sein blond-blauäugiges Äußeres verriet, dass er einer alten hanseatischen Familie entstammte. Finanziell hatte er schon frühzeitig ausgesorgt, nannte einen kleinen Palast vor den Toren von Düsseldorf sein eigen und mit Tante Christa hätte er es gerne genauso gemacht. Natürlich war auch sie nicht abgeneigt, mehr aus dieser Liaison zu machen, doch alle Andeutungen bezüglich des Zusammenziehens hatte sie bislang geflissentlich überhört, ganz zu schweigen von Andrés Heiratsantrag. "Weißt du, jetzt habe ich so lange alleine gelebt, und eigentlich finde ich das ganz gut so", klärte sie mich auf. "Ich könnte es nicht ertragen, mit jemanden zusammenzuleben, der mir sagt, wo es lang geht, also wirklich, ich bitte dich. Außerdem dressiert man sich die Kerle am besten, wenn man eine gewisse Distanz bewahrt." Wie lebensnah diese Erfahrung war sollte ich aber erst viele Jahre später lernen und dann auch in die Tat umsetzen.

André kannte mich schon einige Jahre und war von daher natürlich eingeweiht in mein kleines Geheimnis. Er stellte keine Fragen und schrieb in die Krankenakte einfach "V. Malten", damit die Krankenschwestern erst gar nicht auf die Idee kamen, dumme Fragen zu stellen. Für ihn war ich in diesem Moment ohnehin nur "eine Nase". Am Computer simulierte er mehrere Nasenformen, und ich entschied mich für eine schmale Form mit leicht nach oben gebogener Spitze. Irgendwie kam ich mir blöd vor: "Welches Schweinderl - äh - Naserl hätten's denn gern?" Seine Warteliste war normalerweise lang, aber Tante Christa zuliebe hatte er mich dazwischen geschoben, so dass der Eingriff eine Woche später stattfand. "Wenn das mein Vater wüsste, das wäre mal wieder ein Skandal ...", waren meine letzten Worte, bevor ich in die Narkose entschlummerte.

Am nächsten Tag durfte ich wieder nach Hause, und eine Woche später wurden dann die Tampons entfernt. Als André sie aus der Nase zog war es ein Gefühl, als ob das halbe Hirn mit heraus käme. Im Spiegel sah ich grüne und blauen Flecken, besonders unter den Augen zog sich ein Streifen in einem grünstichigen Dunkelblau, und ganz schön geschwollen sah ich auch aus. "Da legst di nieder", rief Frieda bei meinem Anblick aus, "was habt's ihr denn g'macht?" - "Nur kleine Schönheitsreparaturen", flötete Tante Christa, und man sah ihr an, dass sie wieder einmal sehr zufrieden mit sich war.



Wie ich mich damals gefühlt habe, kann ich heute gar nicht mehr sagen, denn in die Euphorie der ersten Tage mischte sich langsam ein Gefühl der Ungewissheit. Was wäre, wenn meine Kollegen in Marias Salon merken, dass ich eigentlich gar keine Frau bin? Und würde mir die Ausbildung überhaupt gefallen? Es war das erste Mal, dass ich mich fragte, ob ich unter anderen Umständen überhaupt Friseurin hätte werden wollen. Doch ich hatte keine Zeit zu grübeln, denn nun ging es erst richtig los mit meiner Verwandlung. Tante Christa hatte ihre Boutique für einige Tage geschlossen, um mir am Ende ihres Schnellkurses noch das Laufen beizubringen: "Richtiges, sprich verführerisches Laufen, so wie Betty Grable zu ihren besten Hollywoodzeiten", meinte sie mit Blick auf das Poster an der Wand. Mit mehreren dicken Büchern auf dem Kopf und mit mörderisch hohen Absätzen musste ich durch die Gegend schweben. Tante Christa war eine strenge Lehrerin und wollte sich erst dann zufrieden geben, wenn ich so leichtfüßig daherschweben würde wie ihr Idol in diesen wunderschönen alten Technicolor-Filmen. Irgendwie gehörte Betty schon immer dazu, und irgendwann hatte Tante Christa mir auch erzählt, welche Bewandtnis es damit auf sich hatte.

Meine Tante hatte schon in jungen Jahren ihrer Familie den Rücken gekehrt. Von der geographischen Distanz wäre Australien die beste Wahl gewesen, aber da ihr das Klima dort zu heiß war, hatte sie sich für New York entschieden. The city that never sleeps - genau wie Tante Christa war der Big Apple umtriebig, bunt, laut und voller Ideen. Kaum dort angekommen, war sie im Modeatelier von Andrew Carson in Manhattan, und der war der wohl größte Fan von Betty Grable. Während des zweiten Weltkriegs hatte er wie Tausende von GI's das berühmte Pin-up-Poster von ihr in seinem Spind hängen, später hing es dann in seinem Laden. Dieses Pin-up-Foto ist heute sowohl das berühmteste Kriegssouvenir als auch ein historisches Dokument. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren ihre Beine bei Lloyds of London höher versichert als die von Fred Astaire. Tante Christa wurde Andrew Carsons Assistentin, Hausmannequin, Muse und wer weiß was sonst noch alles. Auf jeden Fall wurde sie für Andrew Carson eine Art Ersatz-Betty. Eines Tages wurde es ihr zu viel, dass Andrew aus ihr ein Betty-Lookalike machen wollte, außerdem war er mehr als vierzig Jahre älter als sie. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte sie ihre Koffer um das Weite zu suchen und landete in dem New Yorker In-Treff, wo alle Prominenten ein- und ausgingen: im berühmten Studio 54, die Mutter aller Discotheken. Dort lief sie nun Anjelica Huston über den Weg, die zu dieser Zeit das Lieblingsmodel von Roy Halston Frowick, kurz Halston genannt, war. Anjelica Huston machte Tante Christa mit Halston bekannt. Einige Drinks und ausgelassene Tänze später war Tante Christa quasi über Nacht von den vierziger Jahren im Betty-Grable-Look mitten in der Disco-Ära gelandet und wurde direkt am nächsten Tag die Mitarbeiterin von Halston. Die Verwandlung hätte krasser nicht sein können, sie trug ihr Haar von nun an wieder offen, und statt in Vierziger-Jahre-Kostümen sah man sie nun in Halstons neuesten Kreationen aus fließendem Jersey. Doch der Tanztempel wurde wegen Steuerhinterziehung geschlossen, Halston starb an einer Mischung aus gebrochenem Herzen, Lungenkrebs und einer HIV-Infektion, Tante Christas Konfektionsgröße kletterte nach ihrer Rückkehr nach Deutschland von 38 auf 44. Aber sie erhielt weiterhin sehr traurige Briefe von Andrew Carson. In einem dieser herzzerreißenden Schreiben zitierte er den Refrain eines alten Countrysongs: "You look like Betty Grable, but now you're gone I'm sitting here alone at my table". In Amerika kennt heute noch jedes Kind den Star, vor allem aus dem Film "Wie angelt man sich einen Millionär?" Dort spielt sie an der Seite von Marilyn Monroe und Lauren Bacall ein Mannequin, das sich einen reichen Mann an Land ziehen möchte. Was das betrifft, hat Tante Christa es im Nachhinein gesehen leichter gehabt: Denn als Andrew Carson 1988 starb - übrigens auf den Tag genau fünfzehn Jahre nach Betty Grable - hinterließ er ihr fast eine Million US-Dollar, seine Schnittmustersammlung sowie sein wohlgehütetes Lieblings-Poster. Von dem Geld hat sie sich in Düsseldorf ihr Häuschen kaufen und ihre Boutique einrichten können. Wenn es wieder einmal Zeit wird, eine Diät zu machen, wirft sie einen sehnsuchtsvollen Blick auf Bettys Pin-up-Poster und seufzt: "Es nützt zwar nichts, aber man sieht wenigstens meinen guten Willen!"

So war das also damals mit Tante Christa und Betty Grable, deren unnachahmlichen Gang ich nun in Tante Christas Laufschule hinbekommen sollte. Sie hatte dazu Klebestreifen auf dem Parkettboden ihres Wohnzimmers befestigt, die meine Laufrichtung angaben, und machte mir ihren Hüftschwung vor: "Und eins, und zwei, immer schön ein Bein vor das andere, und nicht so große Schritte, und Kehrtwendung und ..."

 
 


© Männerschwarm 1999 - 2012 - Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach