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Boris von Brauchitsch

Alles wahr

Roman

Klappenbroschur
256 Seiten
17,00 EUR
ISBN 978-3-939542-21-6


Pressestimmen

Leseprobe
 


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Hase und Igel

Alles beginnt mit einem Kunstraub. Fünf Galeristen werden Opfer eines dreisten Betrügers, und die Versicherung engagiert zur Aufklärung den Kunsthistoriker Robert Landau, dessen chronischer Geldmangel ihn dazu treibt, sich auf das Spiel einzulassen. Die Spur führt ihn von Frankfurt nach Venedig, von Venedig nach Bangkok und zurück. Er dreht sich im Kreis und durchstöbert dabei die dunklen Winkel fremder Städte und seiner eigenen Geschichte. Mit jedem neuen Tag verstrickt er sich tiefer in einem Dickicht aus geschickt arrangierten Täuschungen. Dafür erfährt er Dinge über seine eigene Vergangenheit, von denen er nicht zu träumen gewagt hätte, und lernt mit Phil einen Mann kennen, der auf einen "lonely wolf" wie ihn nur gewartet hat.

Brauchitsch webt den Faden seiner Geschichte aus drei Strängen: So spiegelt sich die Kombination von Fälschung und Betrug, die den Kunstraub auszeichnet, in seiner eigenen Biografie. Er erfährt, dass seine Mutter die Ahnungslosigkeit ihres kleinen Jungen ausgenutzt hat, um ein pfiffig arrangiertes Doppelleben zu führen. Und auch der internationale Kunstmarkt, der Bilder wie Markenartikel handelt, hat den Bezug zur Wahrheit des Ausdrucks schon lange verloren. Am Ende des Romans mehren sich zudem die Hinweise, die Landaus in der Ich-Form vorgetragenen Bericht der laufenden Ereignisse selbst als eine Fälschung erscheinen lassen.

Mit "Alles wahr" präsentieren wir eine kraftvolle neue Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur. Vom ersten Satz an fesselt Boris von Brauchitsch die Leser mit seinem ironisch-klugen Tonfall. Er entfaltet die pralle, handlungsreiche Geschichte einer Suche nach sich selbst, die immer wieder durch Selbstzweifel und kritische Beurteilungen der Welt, in der sein Alter Ego Landau zu überleben versucht, erschwert wird. Dem Sog dieses Romans wird man sich nur schwer entziehen können.

Boris von Brauchitsch wurde 1963 in Aachen geboren, studierte Kunstgeschichte, lebt in Berlin und Ingenio (Gran Canaria) und arbeitet als Fotograf und Autor, überwiegend im Bereich der Kunst- und Fotografiegeschichte. Zuletzt erschien seine Monografie Caravaggio im Suhrkamp Verlag (2007).

Pressestimmen

... nicht zuletzt wegen ihres ironisch-eleganten Erzählduktus ein spannender Reigen irrwitziger Täuschungen.
Kunst & Auktionen

... ein äußerst streng komponiertes Ensemble von dubiosen Gestalten, Kunsthändlern und Fälschern. Der Privatdetektiv Robert Landau erzählt diese erotisch subtil aufgeladene Kriminalgeschichte aus der Ich-Perspektive. ... Die Sexszenen bestechen mit kühler Eleganz. Alles wahr? Jedenfalls alles verdammt gut erzählt.
Männer 3/2008

Gut gestrickte Unterhaltung.
Rolf G. Klaiber in Leo 3/2008

Boris von Brauchitsch spielt in seinem vordergründig als Krimi angelegten Roman gleich auf mehreren Ebenen mit dem Motiv der Täuschung und der Falschspielerei.
Front

Als Ausstellungskurator und Kunstwissenschaftler hat von Brauchitsch sichtlich Spaß daran, die Eitelkeiten des Kunstmarkts und dessen Protagonisten vorzuführen. In "Alles wahr" begnügt er sich nicht mit der Gaunerkomödie unter geprellten Kunsthändlern, sondern entwickelt ihn mit Fortschreiten der Handlung zu einer veritablen Beziehungs- und Familiengeschichte.
Axel Schock in Hinnerk

Meisterlich komponierter, spannungsreicher "Männeroman".
Ekz Informationsdienst

Bei "Alles wahr" dürfte es sich schon jetzt um DAS Buch im Jahr 2008 handeln. Der Krimi ist einer der Sorte, die man immer wieder lesen kann, ohne dass es langweilig wird, weil man das Ende schon kennt. So unfassbar dicht, mitreißend und spannend beschreibt Brauchitsch die Geschichte eines Kunstraubs.
Wolfram Saathoff in Schwulissimo

Das hohe Erzähltalent des Autors ...
Darmstädter Echo, Andreas Müller


Ich ließ die Zeitung auf den Frühstückstisch in die Marmeladensemmel sinken und lachte leise. Schadenfroh und ausführlich plauderte das Blatt über eine lehrreiche Erfahrung, die ein paar europäische Galeristen in Venedig gemacht hatten. Ich las solche Berichte immer auch aus professionellem Inte-resse, denn hin und wieder engagierte mich eine namhafte Versicherung, wenn es darum ging, unabhängige Expertisen für Kunstwerke zu erstellen. Auch mit dem Aufspüren wertvoller Kunstwerke, die plötzlich von der Bildfläche verschwunden waren, hatte mich diese Versicherung bereits zweimal beauftragt. Irgendjemand hatte mich dort empfohlen, und man war bislang mit meiner Arbeit zufrieden gewesen. Obwohl es nur wenige Kunstwerke gibt, deren Verschwinden einen Verlust bedeutet, habe ich mein Bestes getan und musste dabei nicht einmal gegen meine persönlichen Überzeugungen handeln. Denn das Beste, was der Versicherung passieren kann, ist ein wohldosiertes Verschwinden: Von Zeit zu Zeit muss ein Schadensfall eintreten, um die Existenz der Versicherung zu legitimieren. Gerne zahlt man deshalb für das Wiederauftauchen ein moderates Lösegeld. Das richtige Verhältnis von Versichern und Verschwinden zu finden, ist ein sensibler Akt, der ohne Worte auskommt. Aber ziemlich schnell war mir klar, dass die Versicherung ihre Einnahmen gerne mit den Dieben teilt, denn ohne Diebe wäre sie selbst weitaus entbehrlicher.
Ich legte die Zeitung auf den Tisch. Mein Blick glitt über die Sandsteinfassaden der gegenüberliegenden Häuser und fiel auf eine Hure, die auf der anderen Straßenseite ihren Arbeitsplatz lüftete. Meine Umgebung kam mir sehr real vor, während das, was ich in der Zeitung gelesen hatte, nur schwer zu glauben war.
"Die Zeitung liegt auf der Marmeladensemmel", murmelte Rebecca. "Was gibt es denn zu lachen?"
Ich schüttelte leicht verträumt den Kopf, in dem sich das Venedig-Szenario des Artikels gerade verflüchtigte, nahm einen Schluck Kaffee und blickte auf den blonden und verquollenen Engel, der mir gegenübersaß und so unglaublich zickig sein konnte, dass es kein Mann lange mit ihm aushielt. Und genau das war es wohl, was Rebecca mit ihrer Zickigkeit beabsichtigte. Sie wollte Abwechslung. Aber heute Nacht war ihr Bett leer geblieben, sie war entsprechend gereizt und hatte für meinen Geschmack etwas zu laut Nirvana aufgelegt. An diesen Tagen war es mir bestimmt, ihre Launen zu erdulden. Ihre Mähne war noch ungekämmt und die Augen noch nicht ganz geöffnet, ihre helle Haut, die nach Nacht und Schlaf duftete, schimmerte unschuldig wie eine jungfräuliche Leinwand, auf die noch kein Gesicht gemalt worden war. So gefiel mir Rebecca am besten. Dank ihrer Schminkkünste konnte sie sich in eine anrührende Schönheit verwandeln, die manches in den Schatten stellte, was die Modewelt an Models aufbot, aber das reine Ausgangsmaterial, die vollen, blassen Lippen, die gerundeten Wangen, der leichte Schwung ihrer Brauen, waren in ihrer morgendlichen Intimität noch schöner. Nichts mochte ich mehr, als diese Minuten zwischen Bett und Alltag mit Rebecca zu verbringen, sie zum Lachen zu bringen oder ihr verrückte Nachrichten vorzulesen. "Du glaubst es nicht", begann ich und griff wieder nach der Zeitung. "Hör dir das an: Kunstraub-Spektakel. Was am 28. Dezember in Venedig vorgefallen ist, scheint für einen Kriminalroman viel zu primitiv, schreibt die Kulturtante in deinem Lieblingsblatt. Solche Geschichten gibt's nur in der Wirklichkeit."
Rebecca sah mich missgelaunt an. Sie hasste meine Art, allem einen Prolog voranzustellen, immer neue Nebenschauplätze zu eröffnen und nicht auf den Punkt zu kommen.
"Willst du die Geschichte hören oder nicht?", fragte ich unschuldig und bereitete mich auf eine kleine literarische Fingerübung vor, die sie bei einer weiteren Tasse Kaffee über sich ergehen lassen müsste. Sie goss sich tatsächlich nach und nickte, denn sie kannte meinen fatalen Hang, aus einer Zeitungsnotiz einen Roman zu machen, aber sie hatte offenbar nichts Besseres vor. Und kein fremder Mann würde heute Morgen meine Erzählung stören.
"Wir sind in Venedig", begann ich und biss noch einmal in die Semmel, "die kleinen Bugwellen schlagen gegen den Sockel des Palazzo Vendramin-Bardigo und überspülen die bemoosten Treppen der Anlegestelle, als das Wassertaxi sich nähert. Ein Satz, und der Kunsthändler Dr. Winther hat festen Grund unter den Füßen. Der Fahrer reicht ihm noch einen zierlichen Aktenkoffer aus Schweinsleder hinüber und grüßt freundlich. Es sind nur einige Meter durch den Portego zu einer unauffälligen Treppe, die der Fremde irgendwie entdeckt.
Im ersten Stock wird er bereits erwartet. Mit dezenter Höflichkeit streckt ihm ein junger, smarter Typ, der sich als Ruggero Carpi vorstellt, die Hand entgegen. Sein Lächeln umrankt eine dreifache Entschuldigung. Erstens ist er untröstlich, dass er es versäumt hat, seinen Gast bereits am Bootssteg zu begrüßen, zweitens bedauert er, dass er die deutsche Sprache nicht perfekt beherrscht, und schließlich erklärt er, wie traurig es ihn stimmt, dass Dr. Winther mit ihm vorliebnehmen muss, da sein Vater wegen eines Krankheitsfalls in der Familie verhindert ist."
Unten auf der Straße störte ein Einsatzwagen meine Geschichte. Irgendjemand brüllte, und man hörte Glas splittern. Rebecca verdrehte nur die Augen und forderte mit einer Geste ein wenig mehr Tempo. Ich lächelte, als wollte ich in die Rolle Carpis, des perfekten venezianischen Gastgebers, schlüpfen.
"Seine natürliche Selbstsicherheit, mit der er sich zwischen den erlesenen Antiquitäten des Salons bewegt, seine leise Eleganz und das respektvoll dezente Interesse an seinem Gegenüber lassen keinen Zweifel an der kultivierten Erziehung eines alten italienischen Adelsgeschlechts. Mit einer kleinen Geste fordert er Dr. Winther auf, Platz zu nehmen.
‹Kaffee?› Dr. Winther nickt. Die Gesellschaft dieses jungen Mannes ist ihm ausgesprochen angenehm, und der Kontakt zu einer der offenbar ebenso zurückhaltenden wie bedeutenden Sammlerfamilien Italiens verdient es ohnehin, für zukünftige Geschäfte gepflegt zu werden. Carpi verschwindet für einen Augenblick, mit zwei Tassen Espresso kehrt er zurück.
Er hebt seine Tasse, lächelt, trinkt und setzt sie wie abwesend auf die Untertasse, die er langsam mit der linken Hand auf der dunklen, polierten Tischplatte von sich schiebt, als wolle er nun endlich Platz machen für die wichtigen Dinge des Lebens.
‹Sind Sie zufrieden mit Ihrem Hotel?›
Dr. Winther weiß nicht gleich, was er sagen soll, denn Carpi hat ihn in einem der teuersten Hotels Europas einquartiert, und er hatte sich für sehr bedeutend gehalten, als er die goldenen Hähne in seinem Marmorbad aufdrehte.
‹Das Cipriani ist wirklich beeindruckend.›
‹Das freut mich zu hören.›
Dr. Winther hält es jetzt für angebracht, seinen Aktenkoffer zu öffnen und den Inhalt auf den Tisch zu legen. Zwei Blätter von Dürer, eines von Canaletto, eine Skizze Domenico Tiepolos und als besonderen Leckerbissen eine nächtliche Vedute Guardis. Die Werke hatte die Kunsthandlung Winther schon auf der Messe in Maastricht gezeigt. Einer, für die meisten Aussteller, wenig erfolgreichen Veranstaltung. Umso erfreuter waren Dr. Winther und auch drei seiner Kollegen, als sie wenige Tage nach der Messe vom Sammler Massimo Carpi angerufen und mit ihren Exponaten nach Venedig bestellt wurden. Die Aussicht, auf Kosten des Sammlers im Cipriani zu wohnen, wäre allein Grund genug gewesen, der Einladung zu folgen. Und nun waren sie alle da" - ich hob die Zeitung, um mir die Namen der Kunsthändler noch einmal zu vergegenwärtigen - "Giffroy aus Edinburgh, Perguson aus Kopenhagen, Berentz aus Frankfurt und Dr. Winther aus Paris. Winther war der Letzte, der seine Schätze präsentieren durfte.
Carpi junior beugt sich aufmerksam über den Tisch, betrachtet ernst die präzise Strichführung Canalettos und beißt sich für einen Moment auf die vollen Lippen.
‹Sie haben ein exquisites Auge, Doktor. Mein Vater hat eine gute Wahl getroffen.›
Ein siegessicheres Lächeln huscht über das Gesicht des Kunsthändlers.
‹Und wie gut all diese Blätter nach Venedig passen, finden Sie nicht? Ich würde das Finanzielle gern morgen nach dem gemeinsamen Mittagessen erledigen und Ihnen heute nur den Erhalt quittieren, wenn Sie einverstanden sind.› Carpi fasst Winther, der für den Bruchteil einer Sekunde verunsichert auf den Tisch blickt, fest ins Auge.
‹Aber selbstverständlich können Sie auch sofort einen Scheck bekommen, wenn Ihnen das lieber ist. Dafür habe ich vollstes Verständnis, Doktor›, sagt er.
Dr. Winther nickt dankbar. ‹Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber es gehört zu meinen Prinzipien ...›
Carpi hebt die Hände, und die magische Geste der Beschwichtigung bringt den Händler unverzüglich zum Verstummen.
‹Ich verstehe Sie vollkommen, und ich schätze nichts mehr als Prinzipien. Sie sind die Grundlage dafür, dass man souverän durchs Leben kommt, denken Sie nicht?› Carpi ist in Hochform."
Und auch ich fühlte mich hervorragend, aber Rebecca war mit meinen Dialogen nicht einverstanden. Zu viel leeres Gewäsch, gab sie mir zu verstehen. Also schob ich die Marmelade zur Seite, um den Tisch für die Unterzeichnung frei zu machen.
"Eine Minute später hält Dr. Winther einen Scheck über 680 000 Dollar in Händen, den er sprachlos betrachtet.
‹Es hat sich doch an den Preisen nichts geändert seit Maastricht?›, fragt Carpi besorgt, erntet aber nur ein leichtes Kopfschütteln. Die Nullen hatten eine Hypnose bewirkt. Dr. Winther verlässt den Palazzo. Unten wartet bereits das Boot."
Erster Akt, erstes Finale. Ich sehe den zufriedenen Kunsthändler unter einer Brücke durchfahren, eine Gondel kommt dem Wassertaxi entgegen, und dann entschwindet der Held erst einmal unseren Blicken. Meine Kunstpause nutze ich für einen Bissen und einen Schluck, sehe zu Rebecca hinüber, die sich zurückgelehnt hat und wartet, dann deute ich den Szenenwechsel an.
"Als die Verabredung zum Lunch am nächsten Tag verschoben und am übernächsten Tag ganz abgesagt wird, bekommt Dr. Winther feuchte Hände. Er trifft den Frankfurter Kollegen Reinhold Berentz in der Hotellobby auf dem Weg zum Pool. Der ist sich seiner Sache bombensicher. Für ihn ist das Mittagessen mit dem Italo reine Formalität, und auf Formalitäten hat er noch nie Wert gelegt.
Aber Dr. Winther muss etwas gegen seine feuchten Hände tun. Er lässt sich von der Rezeption mit Peter Giffroy verbinden und lädt ihn zu einem Drink an die Bar ein. Das Concierto de Aranjuez schwingt durch die Hotelhalle. Den Blick auf den Pool stört nichts als eine getönte Panoramascheibe und zwei Herren in hellen Anzügen, deren Mobiltelefone offenbar ununterbrochen vibrieren, denn Dr. Winther sieht sie immer wieder in ihre Hosentaschen greifen und sich visitenkartengroße Objekte ans Ohr drücken. Inmitten dieser Eleganz landet eine Mücke zwischen den entblößten Schulterblättern einer Dame an der Bar, die Dr. Winther den Rücken zuwendet, um einen Schluck Bellini zu nehmen. Dr. Winther glaubt, den Rüssel und den zuckenden Leib der Mücke unterscheiden zu können. Würde die Bellini-Trinkerin den Stich spüren? Sollte er sie warnen?"
Rebecca räusperte sich.
"Voll witzig, aber kannst du bisschen Tempo machen?"
Ich tat, als hätte ihre Bemerkung mich schwer getroffen, stand auf und ging zum Kühlschrank. Dort schob ich ein Glas Oliven von links nach rechts, warf einen Blick auf die vertrockneten Pilze im Gemüsefach und kehrte nach einem matten Seufzer Rebeccas zurück an den Tisch.
"Also gut", fuhr ich fort. "Die kurzen schwarz gefärbten Haare stehen ihm wie Stacheln über dem sommersprossigen Gesicht, als Giffroy endlich durch die Glastür tritt. Der Brite ist von Winther offensichtlich gerade unter der Dusche gestört worden. Er hat noch nicht gefrühstückt. Zu allen Bedenken seines Kollegen nickt er höflich, während er auf die Brötchen der anderen Gäste schielt und rät, einfach mit dem Scheck zur Bank zu gehen.
‹Wenn Sie erst die Nullen auf Ihrem Konto sehen, werden Sie beruhigt sein›, sagt er.
Winther schlägt einen Ausflug zum Palazzo Vendramin-Bardigo vor, aber Giffroy hat für den Nachmittag bereits andere Pläne. Er hat für seinen Fischhändler von Nicolaes Maes und sein Stillleben von Jan van den Hocke den Scheck im Safe, alles Weitere ist nebensächlich." Ende zweiter Akt. Ich zündete mir eine Zigarette an.
Für das venezianische Finale ergriff ich mit der Linken noch einmal einen randvollen Becher Kaffee, nahm einen großen Schluck und ließ meine Rechte, um die Rückkehr des Helden an den Ort der Tat anzuzeigen, in langsamer Wellenbewegung über dem Tisch dahingleiten.
"Noch als das Taxi in den Kanal einbiegt, an dem der Palazzo steht, hat der Kunsthändler Skrupel. Wie würde seine Penetranz, sein ungeduldiges Auftreten von diesem so distinguierten Adelsclan wohl aufgenommen werden? Vielleicht gab es schwerwiegende Gründe für die Absage, vielleicht war aus dem Krankheitsfall in der Familie ein Todesfall geworden, und er wäre der misstrauische Eindringling in die stille Trauer der Angehörigen. Winther hört das Knirschen seiner Zähne und weist den Chauffeur an, am Palast vorbeizufahren und ihn erst einen Block weiter abzusetzen. Am Tresen eines Cafés nimmt er einen Cynar und kaut an seinem Daumennagel. Die Anspannung droht ihn zu zerreißen. Links und rechts brodelt der Alltag, während er selbst wie unter einer Glasglocke hockt, die jeden Moment mit einem Schlag zu zerplatzen droht. Niemand scheint das zu bemerken. Er ringt nach Luft, wirft ein paar Münzen auf das polierte Blech der Bar und stürzt auf die Straße. Draußen ist er verloren, einsam und ohne Alkohol. Er sucht an einem Brückengeländer Halt und zwingt sich zu einem halbwegs klaren Gedanken. Dann macht er sich auf die Suche nach einem dem Campo zugewandten Portal des Palazzo. Er steht davor, schaut an der Fassade hinauf bis in den Himmel. Tauben kreisen über ihm. Winther betätigt die Glocke, dann den eisernen Türklopfer. Als niemand öffnet, zieht er sein Mobiltelefon und ruft die Polizei. Ihm ist nun alles gleichgültig. Er will nur noch Gewissheit."
Einmal noch atmete ich tief durch, beugte mich langsam über den Tisch, um Rebeccas Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, und nahm meine Stimme ganz zurück.
"Als sie endlich am Zielort ihrer Mission eintreffen, finden die Carabinieri Dr. Winther auf den Stufen des Palastportals. Ein bleicher Ausländer, den Sommeranzug von Taubendreck beschmutzt. Durch seine Fledermausohren leuchtet rosa die warme Sonne des Spätnachmittags. Winther ist am Ende, und der Albtraum nimmt seinen unabwendbaren Lauf. Die Eigentümerin des Palazzo ist schnell ausfindig gemacht, eine Contessa aus Udine, die das lästige Familienanwesen tage- oder wochenweise durch eine Agentur vermieten lässt. Die Mieter der vergangenen Tage waren möglicherweise Amerikaner, sie hatten schon Wochen zuvor telefonisch reserviert und bar gezahlt, ganz ohne lästigen Papierkram. Einen Ruggero Carpi kannte niemand, und natürlich waren die Schecks nicht gedeckt."
"Ja", sagte Rebecca, "ja. Was für eine Geschichte! Krass", sagte sie.
Was mich erheiterte, war vor allem, dass es auch Reinhold Berentz erwischt hatte, den ich aus meiner Studienzeit als den selbstgefälligsten aller Kommilitonen kannte. Er hatte seinen GTI am liebsten auf dem Campus geparkt und sich, während wir anderen in die Mensa essen gingen, ein Lunchpaket vom Gourmet-Catering auf die Bank vor der Cafeteria liefern lassen. Schon seine Eltern waren erfolgreiche Kunsthändler gewesen, und Reinhold glaubte bereits mit zwanzig zu wissen, hinter welchem Biedermeier-Schreibtisch er mit fünfzig sitzen werde. Es freute mich aufrichtig zu hören, dass er so richtig auf die Schnauze gefallen war. Irgendein Gangster, der noch glatter war als Reinhold, hatte ihn zum Idioten gemacht. Meine Sympathien waren klar verteilt.

Ich hatte gute Laune, und es gab keinen Grund, warum ich mich, nachdem die Marmeladensemmel verschwunden war, davon abhalten lassen sollte, an meinen Schreibtisch zurückzukehren. Ich musste für irgendeine kunsthistorische Fachzeitung noch einen Artikel über eine Dornenkrönung schreiben, die man auf dem Dachboden einer Kirche in Genua gefunden hatte. Sie galt nach erster Einschätzung als Kopie nach Caravaggio, aber es waren Stimmen laut geworden, die einen Teil des Bildes für ein Original hielten. Vielleicht hatte der Maler den leidenden Jesus tatsächlich unfertig zurückgelassen und jemand anders hatte ihn fertig gemalt. Was sollte ich dazu sagen? Je nachdem, wie viel man Caravaggio zuschrieb, änderte sich der Preis. Das Bild blieb dasselbe, aber der Preis änderte sich in schwindelerregenden Dimensionen. Das war Paragraf eins im Grundgesetz des Kunstmarktes. Ich hatte immer weniger Lust, mich über solche Dinge zu verbreiten, und deshalb schob ich diesen Artikel auch schon seit der Vorweihnachtszeit von Tag zu Tag vor mir her. Doch Redaktionen sind unnachgiebig. Ich ging also in mein Zimmer, zu meinem persönlichen Computer, der mich, meine Gedanken, meine Fantasien und sexuellen Vorlieben besser kannte als sonst jemand, ich drückte eine beliebige Taste, um seine Reaktion zu testen, und auf dem Bildschirm wurde ein Neues Dokument angezeigt. Die leere graue Fläche, die ich vor mir sah, verdiente natürlich nicht, dass man sie Dokument nannte. Ich stellte mir den Dachboden in Genua vor und ein paar Halbwüchsige, die mit einer Taschenlampe die enge Treppe hinaufstiegen, auf der abgebröckelter Putz und zwei, drei verendete Tauben lagen, um oben in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Mit der Taschenlampe leuchteten sie in die Ecken des Gebälks, und der gelbliche Lichtstrahl streifte ein Gesicht, über das Blut lief. Darüber würde es lohnen, sich Gedanken zu machen. Stattdessen sollte ich etwas über die Wahrscheinlichkeit in das Neue Dokument tippen, die Wahrscheinlichkeit, dass Caravaggio in Genua tatsächlich selbst zum Pinsel gegriffen hatte. Ja, er war in Genua gewesen, natürlich. Aber mich reizte weit mehr zu erzählen, wie er in Rom auf offener Straße einen eifersüchtigen Juristen verprügelte, der seine Angebetete als Madonna auf einer von Caravaggios Leinwänden wiederentdeckt hatte. Dass er deshalb nach Genua geflohen war, war vergleichsweise uninteressant. Warum also sollte ich darüber schreiben? Meine Grübeleien über das matt erhellte, gerasterte Grau wurden dadurch beendet, dass der Bildschirmschoner aktiv wurde. Langsam rotierten bunte Pyramiden. Das war schon ein Fortschritt und ein Anlass, die Kreise der Pyramiden zunächst nicht zu stören und aus der Küche einen Becher Kaffee zu holen.
Kurz darauf ertappte ich mich dabei, wie ich die Wohnungstür zweifach verriegelte. Von außen. Dann lief ich stadteinwärts, starrte in Schaufenster, rauchte zwei oder drei Zigaretten, überlegte, was ich wohl kaufen könnte, und fand mich wenig später in einem Café wieder, wo ich auf der Innenseite einer zerlegten Zigarettenschachtel Geniales notierte. Ich war verblüfft, wie viel Text auf der Innenseite einer Zigarettenschachtel Platz findet.

Am nächsten Morgen war der Engel an meinem Küchentisch gut gelaunt. Ein passabler Job war in Aussicht, ein Mann hatte ihr die vergangene Nacht versüßt, und für den Moment hatte sie genug Kaffee in ihrer Tasse. Rebecca lächelte sanft, als ich hereinkam.
"Wie gut du aussiehst!", murmelte sie in ihre Tasse.
"Danke", sagte ich. "Gibt es noch Kaffee?"
"So ein Leben ohne Arbeit und Sex tut dir gut. Ja. Es gibt noch Kaffee. Nimm dir."
"Danke."
"Gerne."
Sie legte die Beine hoch und räkelte sich lasziv, als wolle sie die Wirkung ihrer Attraktivität an mir erproben. Ich gähnte demonstrativ und spähte in die Thermoskanne.
"War übrigens schon dreimal Telefon für dich", lächelte sie vielsagend. "Zuerst deine Mutter. Sie will heute Abend vorbeikommen, dann die Tante von der Concil-Versicherung und grade noch so ein Typ. Klang sehr wichtig, wollte mir allerdings nicht sagen, worum's geht. Hat aber nach Robbie gefragt, nicht nach Herrn Landau. Robbie! Was ist denn das für'n Scheiß?! Immerhin, ihr seid per Du, und das schon so früh am Morgen. Respekt."
Sie schob mir einen Einkaufszettel zu. Brot, Milch, Radieschen, Parmesan, Cidre. Ganz unten standen Name und Nummer von Reinhold Berentz. Ich war überrascht. Seit über einem Jahr hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Er verkehrte in anderen Kreisen, daran hatte er nie einen Zweifel gelassen. Zur Überraschung kam schnell Neugier.
Rebecca sah mich forschend an.
"Wer ist das, wenn ich fragen darf?"
"Der aus der Zeitung, der GTI-Angeber von diesem Kunstraub. Du weißt schon", sagte ich so beiläufig wie möglich und wählte seine Nummer.
"Nein! Das ist ja urgeil! Was will der denn von dir? Kein Lover, ein echter Kunstmensch! Kannst du mir mal sagen, wieso der mit dir plaudern will, der müsste doch jetzt andere Sorgen haben ..."
"Ja, hier ist Robert." Ich schnitt Rebecca eine Grimasse, damit sie endlich die Klappe hielte.
Es war wichtig. "Schön, dass du dich meldest. Du hast ja sicher schon gehört, um was es geht, nicht? Wie ich erfahren habe, arbeitest du für diese Halsabschneider von der Versicherung und wirst unsere Kunst wieder auftreiben. Na, Prosit. Du seist so ein sensibler Ermittler, habe ich mir sagen lassen. Klar, sensibel bist du ja veranlagt, oder hat sich daran was geändert?"
Es folgte ein röchelndes Gelächter, das Reinhold Berentz selbst sehr zu genießen schien. Es gab mir Zeit, darüber nachzudenken, wie ich reagieren sollte. Die Versicherung hatte schon über mich verfügt, ohne mich zu fragen. Wenn Reinhold das erführe, würde ich in seinem Ansehen noch weiter sinken.
"Du musst nichts sagen. Hör einfach zu. Wir, die Geschädigten, wollen zusätzlich ein Kopfgeld auf die Diebe ausloben, oder wie man das nennt. Damit es keinen Zweifel daran gibt, dass wir an der Wiederbeschaffung der Werke interessiert sind. Alles verstanden, Robbie? Also hol dir die Prämie, Kumpel."
Während ich seinem Monolog lauschte, sah ich Reinhold leibhaftig vor mir und hielt den Telefonhörer unwillkürlich ein wenig weiter weg von meinem Ohr. Gerade jetzt fiel mir eine Untersuchung ein, von der ich in der Zeitung gelesen hatte und die zu dem Ergebnis gekommen war, dass sich auf Telefonhörern hundertmal mehr Bakterien tummeln als auf Klobrillen.
"Ja", krächzte er, "du kannst es doch sicher brauchen. Ich meine, ein bisschen zusätzliche Motivation bei der Verbrecherjagd?" Er verlachte den Schluss, dann herrschte Stille, bevor er noch einmal nachsetzte. "Also pack mal die Zahnbürste ein. Wann geht's denn los?"
Was sollte ich sagen? Mich hatte noch keiner gefragt, ob ich überhaupt irgendwohin fahren wollte. Auch betrachtete ich mich nicht als erste Wahl für eine solche Tätigkeit. Die alten Meister hatte ich während des Studiums eher als Pflichtprogramm absolviert, um mich weitgehend der Moderne zu widmen. Ich hatte etwas länger gebraucht, ihre Geheimnisse zu erahnen, und war noch dabei, mich ihnen anzunähern. Allerdings hatte ich das bei meinen Gesprächen mit der Versicherung unerwähnt gelassen. Lange Zeit war ich lieber durch die neuen New Yorker Museen gestreift, als mich mit niederländischem Barock oder italienischer Renaissance herumzuschlagen und die Bekanntschaft von Heiligen mit Äxten im Schädel oder abgeschnittenen Brüsten zu machen. Es war keine Frage: Tausend andere konnten den Job besser machen als ich. Aber ich durfte eines nicht aus den Augen verlieren: das Geld. Also räusperte ich mich.
"Sicher hast du nichts dagegen, wenn ich die Details mit der Versicherung bespreche."
"Bingo, mein Freund. An die Arbeit! Am besten, du fängst in Venedig an. Montag? Von uns gibt's immerhin zehntausend, das ist doch für dich 'ne Menge Schotter. Komm später einfach mal bei mir im Büro in der Oberlindau vorbei. Bis denne."

Rebecca war sprachlos. Wie konnte ich schon wieder so ein Angebot bekommen, während sie morgen in einer Werbeagentur als Junior-Irgendwas-Assistent anfangen musste?
Ich ging nicht weiter darauf ein, zog los, kaufte Brot, Milch, Parmesan und einen Venedigführer, rief, zurück am Küchentisch, die Concil-Versicherung an und beobachtete dabei Rebeccas Mann der vergangenen Nacht, der zerzaust und nur mit Unterhose bekleidet ins Bad wankte. In der Leitung war der zuständige Abteilungsleiter, der sich über die Leichtgläubigkeit der Geschädigten erregte.
"Nicht mal einen Scheck haben die sich ausstellen lassen. Absurd." Ich hörte geradezu, wie er die Augen verdrehte. Für so naiv hatte ich sie allerdings auch nicht gehalten.
"Im täglichen Geschäftsleben Nieten, aber beim Abschluss der Versicherung Genies, das sage ich Ihnen", so der Abteilungsleiter. "Die sind leider nach partiell für sie ernüchternden Erfahrungen inzwischen so clever, dass sie sich gegen alle Eventualitäten abgesichert haben. Es ist manchmal schon eine Plage, dass man sich heute gegen alles versichern kann. Sogar gegen die eigene Dummheit."
Ich war etwas unkonzentriert, denn Rebecca gestikulierte unverständlich, wies auf die Badezimmertür und näherte dann ihren Mund meinem freien Ohr.
"Ab morgen wird bei mir alles anders", raunte sie mir zu.
Ich nickte und wusste dabei nicht, ob ich ihr oder dem Abteilungsleiter recht gab. Da ich jedoch nichts sagte und der Abteilungsleiter mein Nicken nicht sehen konnte, kam er schnell zu einem Ende und bat mich, sein in mich gesetztes Vertrauen nicht zu enttäuschen. Als ich aufgelegt hatte, war ich wieder ganz in unserer Küche.
Es war sicher gut, dass Rebecca jetzt in einer großen Agentur klein anfing und ich für meine Versicherung tätig wurde. Ich las ein wenig über Venedig, ohne mich wirklich konzentrieren zu können, denn wichtiger als die Geschichte der Dogen war die Frage, wie ich in diesem Fall vorgehen sollte. Würde ich wirklich in den Wirren der Ereignisse und Gassen dieser Stadt die Fährte aufnehmen können? Und wer war mein Gegner?
"Möchtest du noch einen Kaffee, bevor du gehst?", fragte Rebecca den Mann, der nun aus dem Bad kam und leider schon viel zahmer und zivilisierter aussah. Er nickte und setzte sich zu uns.

 
 


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