E. M. Forster
Das künftige Leben
Erzählungen
aus dem Englischen von Christine Wunnicke
und N.-H. Hugo, Manfred Ohl & Hans Satorius
Hardcover
mit Schutzumschlag
208 Seiten,
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-72-8
Pressestimmen
Der Autor
Leseprobe
|
|
 |
|
|
Neuentdeckung eines Klassikers:
Die Geduld mit den 'gewöhnlichen' Menschen
In seinen Romanen (Howards End, Zimmer mit Aussicht) war Forster der bildmächtige Chronist einer "guten alten Zeit", doch leider gab es in dieser Welt für Homosexuelle wie ihn keinen Platz. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, im Alter von 45 Jahren, verstummte er, weil die Geschichten der "gewöhnlichen Menschen" ihn nicht mehr interessierten. Seine eigene wagte er nicht zu erzählen.
Zusammen mit dem Roman Maurice wurden in seinem Nachlass einige Erzählungen gefunden, die in Deutschland noch zu entdecken sind. Diese Geschichten über heimliche Seitensprünge und über verhängnisvolle Kontakte zu "unzivilisierten" Kulturen sind der mal fröhliche, mal bissige Kommentar zur scheinbaren Idylle der englischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
... und hier die Erzählungen im Einzelnen:
"Das andere Schiff"
Rassismus in ungewöhnlicher Wendung. Der indische Mischling Cocoanut verguckt sich schon als Kind in den schönen Engländer Lion. Als die beiden sich als Erwachsene wieder begegnen, angelt sich der inzwischen sehr wohlhabende Cocoa seinen "nordischen Krieger", aber ihre sehr verschiedenen Mentalitäten führen zur Katastrophe.
Der Freund des Vikars
Auch dieser Brite macht eine unstandesgemäße Bekanntschaft, und zwar mit einem Faun, der in der zauberhaften englischen Landschaft lebt. Sein neuer Freund hilft dem Vikar aus der langweiligen Öde hinaus zu wahrer Lebensfreude, und darüber hinaus setzt er seine magische Kräften dazu ein, auch andere Menschen glücklich zu machen.
Das künftige Leben
Nicht immer finden Religion und Natur zu so schönem Einklang wie in der vorigen Geschichte. Ein junger Missionar bekehrt den schönen Stammeshäuptling Vithobai, indem er eine etwas ungewöhnliche Verkörperung der "Liebe Christi" demonstriert. Als der Häuptling nach der Taufe an dieses schöne Erlebnis anknüpfen will, entzieht sich der Missionar; dafür wird der Stamm Vithobais nach allen Regeln des Kolonialismus ausgebeutet. Kurz vor seinem Tod revanchiert sich Vithobai, indem er dem falschen Freund eine ebenfalls ungewöhnliche Vorfreude auf das künftige Leben zeigt.
Arthur Snatchfold
Der Schauplatz flammte auf. Genau das hatte gefehlt - kein Blumenbeet, sondern ein Mann, der mit selbstbewusstem Schritt näher kam. So denkt Sir Richard Conway beim frühmorgendlichen Anblick des Milchmanns. Da sein Landaufenthalt bei langweiligen Bekannten sonst wenig zu bieten hat, steht er am nächsten Tag früher auf und begegnet dem Milchmann ganz zufällig im Grünen. Der Verlauf dieser Begegnung ist für beide erfreulich, doch leider hat von weitem der Bobby zugeschaut. Nachdem Sir Richard verschwunden ist, wird der Milchmann verhaftet, und er zeigt wahre Freundschaft, indem er trotz übler Konsequenzen den Namen Conways nicht verrät.
Der Obelisk
Auf der Fußwanderung zu einem Obelisken lernen Ernest und Hilda zwei schmucke Matrosen kennen. Jeder der Eheleute kommt mit je einem der beiden ins Gespräch, und die zwei Grüppchen verlieren sich aus den Augen. Nach der Rückkehr loben alle das imposante Erscheinungsbild des Oblisken, doch der ist wenige Tage zuvor ins Meer gestürzt.
Dr. Woolacott
Der junge Gutsherr ist unheilbar krank, es gelingt ihm nur selten, dem Leben ein schönes Erlebnis abzugewinnen. Als sein Bett in den Park gestellt wird, begegnet ihm dort ein netter Landarbeiter, und die beiden kommen ins Gespräch. Zugleich spürt man, dass die Ereignisse sich nicht so ganz mit der Realität in Einklang befinden. Eine Verzauberung nimmt ihren Lauf, gegen die Dr. Woolacott ganz machtlos ist.
Der Antikenflügel
Diese kleine Geschichte ist gewissermaßen der Vorläufer des aktuellen Films "Nacht im Museum". In der Antikenabteilung eines kleinen Museums fällt ein Feigenblatt zu Boden, und was dann passiert, soll hier nicht verraten werden.
Spielt das denn eine Rolle?
Bei den Machenschaften des Grafen Waghaghren denkt man heute unwillkürlich an einen CDU-Minister im Rollstuhl, und dann freut man sich, dass der böse Graf am Ende scheitert. Als Strafe wird ihm auferlegt, den Rest seines Lebens weiterhin das zu tun, was ihm so viel Freude macht: das Privatleben seiner Mitbürger auszuspähen. Einmal im Jahr kommen diese Mitbürger ihn besuchen und wundern sich, dass es eine Zeit gegeben hat, in der solche Indiskretionen "eine Rolle" gespielt haben. Sie selbst scheren sich nämlich einfach nicht mehr darum. Wie es zu dieser großen Befreiung kam, erzählt diese Geschichte, in der der Staatspräsident, eine Hausfrau, eine Bühnenkünstlerin und ein Gendarm wichtige Rollen spielen.
Geschichte einer Panik
Eustace ist ein Vorname, der nicht so leicht auszusprechen ist, und dementsprechend ist der kleine Engländer, der so heißt, ein echter Satansbraten. Den zufällig zusammengewürfelten Touristen in einem kleinen Hotel bei Ravello geht er jedenfalls arg auf die Nerven. Allerdings sind diese Engländer durchweg eine vertrottelte Bande und in den Konventionen erstarrt. Plötzlich scheint die Natur sich gedacht zu haben, dass es so nicht weitergeht, und davon profitiert vor allem der kleine Eustace.
Das literarische Werk E. M. Forsters nimmt wie auch seine Biografie eine Art Scharnierfunktion unter den modernen Klassikern der englischen Literatur ein: Gewissermaßen eingeklemmt zwischen Henry James und Virginia Woolf ist Forster durch und durch von den Konventionen des englischen Bürgertums geprägt, obwohl er den Glauben daran verloren hat, dass diese Konventionen ein glückliches Leben ermöglichen.
Forster wird am 1. Januar 1879 in London geboren, sein Vater stirbt im Jahr darauf. Zunächst ist sein Lebenslauf geradezu klassisch, er studiert in Cambridge und erlebt die Jahrhundertwende auf Reisen in Griechenland und Italien. Zurück in England beginnt er zu schreiben; auf seine erste literarische Veröffentlichung, die Kurzgeschichte Albergo Empedocle (1903), folgen in rasantem Tempo vier Romane, an denen sich der Wandel von der guten alten Zeit der viktorianischen Epoche in ein neues Zeitalter ablesen lässt. Zugleich schließt er Bekanntschaft mit vielen Autoren und Autorinnen seiner Generation.
1912 beginnt er die Arbeit an seinem fünften Roman, "Auf der Suche nach Indien", den er erst zwölf Jahre später nach vielen Unterbrechungen und zwei Reisen nach Indien beenden wird. Er schreibt an einen Freund und Kollegen: "Ich werde danach nie wieder einen Roman schreiben - meine Geduld mit den normalen Menschen ist verbraucht" (Brief an Sassoon vom 1. August 1923). Andere Themen faszinieren ihn. So hat er in seinem üblichen Tempo in den Jahren 1913 / 1914 mit "Maurice" den Roman einer klassenübergreifenden Männerliebe geschrieben, den er jedoch - "dedicated to happier days" - nicht zu veröffentlichen wagt. "Auf der Suche nach Indien" bleibt 1924 die letzte literarische Veröffentlichung zu Lebzeiten. Rückblickend notiert er sechs Jahre vor seinem Tod: "Ich wäre ein berühmterer Autor geworden, hätte ich mehr geschrieben oder besser gesagt: mehr veröffentlicht. Sexualität hat das letztere verhindert." (Tagebuch 31.12.1964)
Unmittelbar nach seinem Tod im Juni 1970 wird Forsters Nachlass gesichtet; bereits 1971 erscheint "Maurice", kurz darauf der Erzählband "A Life to Come" (1972), dem sieben der neun Erzählungen dieser Ausgabe entstammen. Forster hat diese Texte, die er keinem Verlag anzubieten wagte, wieder und wieder überarbeitet und mit Freunden diskutiert; leider wurde das meiste vernichtet. Wer jedoch vermutet, dass es sich bei diesen Erzählungen um sehnsuchtsvolle Ergüsse einer gequälten Seele handelt, liegt vollkommen falsch. Statt dessen hetzt Forster seine Zeitgenossen mit lustvollen Furien: griechische Statuen entwickeln ein Eigenleben, Matrosen bringen eine Ehe wieder in Schwung, ein braver Hauptmann erliegt orientalischen Reizen. Und wenn er auch nicht klagt, so klagt er doch an: verlogene Missionare, die Naturvölker ausplündern, ein Strafrecht, dass sich in Dinge einmischt, die den Staat nichts angehen, und immer wieder die Vorliebe seiner Landsleute, sich hinter einem undurchdringlichen Wall von Konventionen zu verstecken, die selbst die Natur nur unter Aufbietung aller Kräfte durchbrechen kann.
In "Maurice" hatte Forster es auf das Happy end abgesehen, dieser Roman sollte mit einem Paar enden, das zueinander gefunden hatte und bereit war, zueinander zu stehen. Wäre das Buch schon 1914 veröffentlicht worden, hätte eine solche Handlung viele Menschen ermutigen können. In seinen Erzählungen ergibt sich die große Liebe oder der muntere Spaß dagegen ganz von selbst, vorausgesetzt, die Menschen sind bereit, sich außerhalb der Gesellschaft zu stellen. Veränderungen im sozialen Miteinander kommen bei Forster nicht vor, eher kommt ein Faun und zeigt dem Vikar den Weg ins Glück. Ein Staat, dessen Bürger angesichts sexueller Entgleisungen harmlos fragen: "Spielt das eine Rolle?", wird in der gleichnamigen Erzählung kurzerhand aus der Völkergemeinschaft ausgestoßen. Aber die "anständige Gesellschaft", das wird in Forsters Erzählungen unmissverständlich klar, ist ein so trostloser Haufen - je eher man sich davon löst, desto besser. Forsters Helden folgen ohne zu zögern ihren Gefühlen, auch wenn sie dafür von den "ordinary people" zugrunde gerichtet werden. Dabei gelingt es Forster, diese Gefühle ganz objektiv zu "besingen", wie die Liebe nun einmal seit Jahrhunderten von Dichtern besungen wurde. Dem Schmutz, den die Gesellschaft auf die Liebenden wirft, gelingt es nicht, auch nur das geringste dagegen auszurichten.
Am 25. Oktober 1910 notiert Forster in seinem Tagebuch: "Das Vorurteil der Literaturkritik: mit wem würde der Kritiker schlafen wollen?"
Wer nun meint, E. M. Forster gestatte sich in seinen einst für die Schublade geschriebenen Erzählungen plüschige Wunsch-Konstruktionen, ginge fehl: Keines der Stücke verzichtet auf einen plausiblen Plot, nie gleitet die geschmeidige Sprache ins Zuckrige ab. Gänzlich kitschfrei sind diese Erzählungen, schwebend wird hier selbst das Tragische - welcher Kontrast zu Forsters doch stellenweise arg drögem Roman "Auf der Suche nach Indien". Was er sich dort nicht getraut hat, wird nun thematisiert, ohne dass die Sprachmelodie verloren ginge, jener berückende Klang aus Exotismus und dem psychologisch beschlagenen Realismus der englischen Schule. Und während man in Howards End noch ahnungsvoll seufzte, wird hier "Die Geschichte einer Panik" erzählt, in welcher in Ravello ein englisches Bürschchen dem Gott Pan verfällt und die ganze Sozialstruktur der distinguierten Sommerfrischler durcheinander bringt. Wir reich beschenkte Leser aber stellen uns E.M. Forster für die Dauer der Lektüre als glücklichen Menschen vor.
Marko Martin in Die Welt
Die Erzählungen sprühen vor Lebendigkeit. ... Forster schreibt mit feinstem britischen Humor von unerwarteten Begenungen. Seine Erzählungen unterlaufen nicht nur den Dualismus der Geschlechterordnung. Auch die Schranken zwischen verschiedenen Klassen werden in Frage gestellt oder stürzen krachend ein. Die Lektüre dieses Buchs ist jenseits des Erkenntniswerts aber vor allem ein literarischer Genuss. Ein hellwaches und versponnenes Buch, ein Loblied auf Freiheit und Liebe, das auch heutige Leser entzückt und ver=rückt.
Sabine Peters im SWR
Während andere AutorInnen das Mittel der Andeutung und der Verschleierung wählten, nimmt sich Forster kein Blatt vor den Mund. ... Forster war eben nicht nur ein gewitzter Autor, sondern auch ein Visionär, der aus seinen Idealen keinen Hehl machte.
Martin Weber in Lambda
Endlich wieder erhältlich.
Siegessäule
Zum Schreien komisch.
Männer
Es fällt schwer, der einen Erzählung den Vorzug von der anderen zu geben.
Alain Claude Sulzer in Baseler Zeitung
Dabei fasziniert vor allem die große Erzählkunst Forsters, die mit wenigen Strichen eine gesellschaftliche Situation treffend umreißt, die in fast allen Fällen der Männerliebe feindselig gegenübersteht.
Dino Heicker in Hinnerk
Wache Kritik an gesellschaftlichen Verkrustungen, an den üblen Folgen kolonialer Ausbeutung und bigotter Moral.
Rolg G. Klaiber in RIK
Auszug aus: Der andere Schiff
Und heute Nacht lagen sie länger als gewöhnlich da, ohne sich zu bewegen, als ginge von ihren hingesunkenen Körpern ein Zauber aus. Nie zuvor hatten sie eine solche Übereinstimmung gefunden, aber nur einer von ihnen wusste, dass nichts von Dauer ist, dass sie in Zukunft vielleicht noch glücklicher oder auch weniger glücklich sein würden als jetzt, dass es jedoch niemals wieder genau so sein würde wie in diesem Augenblick. Er versuchte, sich nicht zu bewegen, nicht zu atmen, ja nicht einmal zu leben, aber das Leben war zu stark für ihn, und er seufzte.
"Alles in Ordnung?", flüsterte Lionel.
"Ja."
"Hab ich dir wehgetan?"
"Ja."
"Verzeih!"
"Warum?"
"Bekomme ich was zu trinken?"
"Du bekommst die ganze Welt!"
"Bleib liegen, ich bringe dir was mit, obwohl du das nicht verdienst, nach all dem Lärm, den du gemacht hast."
"War ich schon wieder so laut?"
"O ja, das warst du. Aber mach dir nichts draus, du bekommst jetzt etwas Gutes zu trinken." Und - halb Ganymed, halb Gote - riss er eine Flasche aus dem Eiskübel. Knallend flog der Korken gegen die Kabinenwand. Eine weibliche Stimme schimpfte, und beide lachten. "Da, mach schnell, Luke auf und trink!" Er reichte ihm den Kelch, bekam ihn zurück, trank ihn leer und füllte ihn wieder. Seine Augen leuchteten, alle Abgründe, die er vielleicht durchschritten haben mochte, waren vergessen. "Machen wir heute Nacht doch mal richtig durch!", schlug er vor. Konventionen hatten ihn geprägt, aber er gehörte zu den Menschen, die sie in winzige Stücke zertrümmerten, wenn ihr Bann erst einmal gebrochen war. In den nächsten ein oder zwei Stunden gab es nichts, was zu sagen oder zu tun er nicht bereit gewesen wäre.
Der andere indessen, der Tiefgründige, blieb wachsam. Für ihn war der Augenblick der Ekstase oft zugleich der Augenblick der Visionen, und als sie zum Höhepunkt gelangten, waren seine Schreie nicht nur der Lust, sondern auch der Furcht entsprungen. Die Angst verflog, ehe er erfassen konnte, was sie zu bedeuten hatte oder wovor sie ihn warnen wollte, vielleicht ja vor nichts. Dennoch erschien es klüger, wachsam zu sein. Im Geschäft wie in der Liebe sind Vorsichtsmaßnahmen wünschenswert, und es ist besser, man geht auf Nummer sicher. " Vielleicht sollten wir jetzt unsere Zigarette rauchen?", fragte er.
Dabei handelte es sich um ein festes Ritual, um eine Versicherung, dass sie einander gehörten, unverbrüchlicher, als es Worte hätten sagen können - und auf ihre ganz persönliche Art. Lionel war einverstanden und zündete den Stengel an, schob ihn zwischen dunkle Lippen, zog ihn heraus, nahm selbst einen Zug, steckte ihn wieder zurück, und so rauchten sie abwechselnd, und ihre Gesichter berührten sich dabei. Als sie zu Ende geraucht hatten, weigerte sich Cocoa, den Stummel in einem Aschenbecher auszudrücken und schleuderte ihn statt dessen durch das Bullauge in die vorbeirauschende See. Dabei murmelte er unverständliche Worte. Er glaubte, die Worte würden ihn und Lionel beschützen, obwohl er nicht zu erklären vermochte, auf welche Weise, noch was für Worte es waren.
"Dabei fällt mir ein ...", sagte Lionel und brach sofort ab. Plötzlich war ihm, und zwar völlig grundlos, seine Mutter eingefallen. Aber in einem solchen Augenblick wollte er nicht von ihr sprechen, von der armen, alten Mater, erst recht nicht nach all den Lügen, die er ihr aufgetischt hatte.
"Ja? Woran hat dich unsere Zigarette erinnert? Bitte, ich will es wissen."
"Ach, an nichts." Und er streckte sich, makellos bis auf die Narbe in der Leiste.
"Woher hast du das?"
"Von einem deiner krüllhaarigen Vettern."
"Tut es weh?"
"Nein." Es war eine Trophäe aus seinem kleinen Wüstenkrieg. Ein Wurfspieß hatte ihn beinahe entmannt, aber eben nur beinahe, und Cocoa sagte, das sei sehr erfreulich. Ein Derwisch, ein äußerst heiliger Mann, habe ihm einmal gesagt, dass alles, was einen Menschen beinahe zerstörte, ihm Kraft bringe, die er in der Stunde der Vergeltung zu Hilfe rufen könne. "Mir liegt nichts an Vergeltung", sagte Lionel.
"Mein Löwe, warum denn nicht, wo sie doch so süß sein kann?"
Lionel schüttelte den Kopf und langte nach seinem Pyjama, einem wahrhaft königlichen Geschenk. Überhaupt bekam er ständig Geschenke. Seine Spielschulden wurden von dem Parsi-Sekretär geregelt, und wenn er etwas brauchte - oder wenn es so schien, als könne er etwas brauchen -, tauchte von irgendwoher dieses oder jenes auf. Er hatte es aufgegeben, dagegen zu protestieren, und nahm die Geschenke inzwischen wahllos entgegen. Den schlimmsten Ramsch konnte er schließlich später verkaufen - zum Beispiel die ganz unmöglichen Schmuckstücke, mit denen man nicht einmal begraben sein wollte. Aber er hätte sich doch gerne mit irgendeinem Geschenk revanchiert, denn er war doch, bei Gott, kein Schmarotzer. Gerade vor zwei Nächten hatte er einen Versuch unternommen, allerdings mit zweifelhaftem Ergebnis. "Mir scheint, ich nehme immer nur von dir und gebe dir nie was", hatte er gesagt. "Gibt es unter meinen Sachen etwas, das du gern haben möchtest? Ich würde mich sehr darüber freuen." Worauf er die Antwort erhielt: "Ja. Deine Haarbürste." - "Meine Haarbürste?" Aber gerade davon wollte er sich ungern trennen, weil es sich um ein Geschenk von Isabel anlässlich seiner Volljährigkeit handelte. Sein Zögern rief Tränen hervor, also musste er nachgeben. "Aber natürlich kannst du meine armselige Bürste haben, wenn du sie möchtest, lass sie mich nur schnell sauber kämmen ..." - "Nein, nein, genauso, wie sie ist, nicht auskämmen!" Und er riss ihm die Bürste leidenschaftlich aus der Hand, fast wie ein Geier. Solche kleinen Merkwürdigkeiten ereigneten sich von Zeit zu Zeit, und er nannte sie äh - äh - äh, denn sie erinnerten ihn an die Merkwürdigkeiten auf jenem anderen Schiff. Niemand nahm Schaden, wozu sich also Sorgen machen? Freu dich des Lebens, solange du kannst. Er rekelte sich wohlig und ließ den Geschenkregen über sich ergehen: ein blonder Wikinger an einem byzantinischen Hof, korrumpiert, umworben und noch nicht gelangweilt.
Dies war zweifellos das Leben, und er saß auf einem Stuhl, hatte die Beine auf einen zweiten gelegt und war bereit für ihr gewohntes Gespräch, und egal, ob es nun ausgedehnt oder kurz ausfiel, es würde ganz gewiss das wahre Leben sein. War Cocoanut erst einmal in Fahrt, dann war er hinreißend. Den ganzen Tag über war er auf dem Schiff umhergeschlichen und hatte die Schwächen der anderen Passagiere erkundet. Aber mehr noch, er und seine Kumpane verfügten über geheime Informationen über irgendwelche Finanztransaktionen, die nicht in den Börsenberichten auftauchen, und konnten einem beibringen, wie man reich wurde; sofern man dies der Mühe wert hielt. Und mehr noch, Cocoanut hatte etwas von einem Märchenerzähler. Mitten in einer schlüpfrigen Skandalgeschichte - etwa der Bloßstellung von Lady Manning, ausgerechnet Lady Manning in der Kabine des Zweiten Maschinisten! - malte er aus, wie ein Fliegender Fisch, der durch das Bullauge in die Kabine des Zweiten Maschinisten geflogen kam, diese peinliche Entdeckung gemacht hatte, und dann ahmte er den Ausdruck auf dem Gesicht des Fisches nach.
Ja, dies war das Leben, wie es ihm während seiner von Kargheit und Disziplin bestimmten Lehrjahre niemals begegnet war: Luxus, Fröhlichkeit, Freundlichkeit, Extravaganz und ein Zartgefühl, das vor brutaler Lust nicht zurückschreckte. Bisher hatte ihn seine animalische Seite stets mit Scham erfüllt: Seine Lehrer hatten die Fleischeslust entweder verdammt oder als Zeitverschwendung abgetan, und seine Mutter hatte ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen, dass sie in ihm und all ihren Kindern vorhanden war. Da es ihre Kinder waren, hatten sie rein zu sein.
© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
|