"Stolz und Vorurteil" in New York
Raymond und James sind verliebt, aber ihre Lebensweisen passen einfach nicht zusammen. James, Kind einer schwarzen Mittelschichtsfamilie, träumt von trauter Zweisamkeit in geordneten Verhältnissen. Raymond dagegen baut Luftschlösser und lässt sich am liebsten von Stimmungen leiten. Er hat nicht einmal eine brauchbare Wohnung und nimmt es mit seinen Schulden nicht so genau. Schließlich verliert James die Geduld.
Klingberg erzählt eine pralle Geschichte aus New York jenseits der schillernden Oberfläche und bietet reichlich Stoff zum Nachdenken darüber, was eigentlich eine glückliche Beziehung ausmacht.
Ein tolles Buch! - Peter Rehberg in der Siegessäule
Raymond nennt sich einen Schriftsteller, und tatsächlich quillt sein Kopf über von Geschichten. Doch sobald er einen Text in den Grundzügen aufgebaut hat, verlässt ihn die Lust, und deshalb sind all diese Geschichte unvollendet. Sein Geld verdient er durch Übersetzungen italienischer Groschenromane, eine nervtötende Arbeit, die er ein wenig dadurch auflockert, dass er die Handlung nach seinen Vorstellungen abwandelt. Die Oper ist seine große Liebe, er besitzt eine riesige Plattensammlung und geht auch oft mit Freunden in die Met.
In der Met trifft er auf James, einen braven Büromenschen mit "afrikanischem Migrationshintergrund". Es funkt recht schnell zwischen den beiden, und weil Raymond Ärger mit seinem Vermieter hat, zieht er recht bald bei James ein. Weil das definitiv zu beengt ist, leiht James ihm das Geld, um durch Bestechung eine günstige neue Wohnung zu finden. Mit der Rückzahlung dieser Schulden nimmt Raymond es dann allerdings nicht sehr genau.
Klingberg dringt in den Alltag dieser Beziehung ein, erzählt vom beengten Miteinander in James Wohnung, von Raymonds verrückten Schreibversuchen und seinen immerwährenden Geldsorgen, auch davon, wie das Geld schließlich die Liebe dieser beiden Männer zerstört. In den berühmten Klassikern des Liebesromans im 18. Jhdt. spielte das Geld fast immer eine entscheidende Rolle, und Klingberg zeigt, wie interessant es sein kann, diese Dimension wieder aufzugreifen.
Dem Habenichts Raymond ist das Geld schnurzegal, doch ausgerechnet James macht sich eine Menge Gedanken darüber. Seine Eltern haben ihn schon zu Studienzeiten mit recht beachtlichen Aktienfonds ausgestattet, aber er schämt sich, dieses Geld anzugreifen. Es ist ein Zeichen seiner Liebe, dass er einen Teil davon schließlich für Raymonds Wohnung verwendet. James ist überzeugt, dass ererbtes Geld unberechtigte Vorteile verschafft, und über das Thema "Erbe" stellt der Roman eine Verbindung zur Handlung von Wagners "Ring des Nibelungen" her: Wer immer das Rheingold schmiedet, "gewönne der Welt Erbe zu eigen", wie die Rheintöchter so schön verkünden. Wer Wagners Opernzyklus kennt, wird viele intelligente Bezüge entdecken, aber eine solche Kenntnis ist keine Voraussetzung für den Lesegenuss. Alle Rezensenten der gebundenen Ausgabe haben extra betont, dass sie das Buch mit spitzen Fingern angefasst hätten, weil Oper sie nicht interessiert, dass sie solche Vorbehalte aber schnell überwunden hätten.
Ola Klingbergs Roman "Der Ring" ist mit seinem weitgespannten Themenspektrum und seiner souveränen Erzähltechnik eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.
Ola Klingberg wurde 1965 in Schweden geboren. Er lebt als Autor und Übersetzer in New Jersey (USA). "Der Ring" ist sein zweiter Roman.
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Der Weg von Wagners Ring zum Cockring ist kurz bei Klingberg.
Buchtipp "Eisenherz", Berlin
Um "Leitmotive" geht es hier häufig, oder um das, was man im Leben schwuler Männer dafür halten könnte: Freundschaft, Liebe, Sex, Geld, Familie, Treue und Promiskuität, Krankheit und Tod.
Sergej München
Immer wieder lässt Klingberg seine Figuren über Oper im Allgemeinen und Wagner im Besonderen philosophieren, ohne das es gekünstelt wirkt oder jene Leser nervt, die mit singenden Walküren nichts anfangen können. Doch von Wagners "Ring" zum Cockring ist es nicht weit...
Micha Schulze auf Queer.de
Ein spannender Roman über das Leben schwuler Männer in New York City, in dem viel über Musik und Sex räsoniert wird, ohne dass dies über-intellektualisiert oder gar langweilig wäre, im Gegenteil. Lesen!
Rolf G. Klaiber in GAB
Reichlich Stoff zum Nachdenken darüber, was eigentlich eine glückliche Beziehung ausmacht.
Box
Auf so verblüffend fesselnde Weise gelingt ihm das Spiel mit den Motiven Wagners Zyklus', dass es eine helle Freude ist. Den Vorhang lüftet er mit dem Dialog: "Jedes Wort ist wahr. Ich schwör's." - "Du quatscht Scheiße!", und man steht knietief im New York des 21. Jahrhunderts.
Jens Brodzinski in Männer aktuell
Ich habe Raymond nie von diesem Traum erzählt, dachte James, während er Raymonds Brust betrachtete, die sich langsam hob und senkte.
In anderen Nächten, wenn er aufgewacht war und Raymond neben sich hatte schlafen sehen, hatte er seine Hand auf Raymonds Brust gelegt und dann vorsichtig die Finger in die Achselhöhle gedrückt, um seine Lymphknoten zu fühlen. Eigentlich hatte er gar nicht gewusst, wie sich ein geschwollener Lymphknoten anfühlt, er hatte es aber trotzdem nicht bleiben lassen können, danach zu suchen.
Jetzt legte er einen Arm um Raymond, gestattete sich aber nicht, seine Hand der Achselhöhle zu nähern. Sie waren nicht mehr zusammen; er hatte kein Recht, ihn zu untersuchen.
Dann erinnerte er sich an einen Ausflug nach Fire Island, den sie vorigen Sommer unternommen hatten. Sie waren gerade im zweiten Jahr ihrer Beziehung und hatten auf dem Deck der Fähre gesessen und sich an den Händen gehalten. Als sie in Pines anlegten, fielen James am Hafen zwei Männer auf, einer schwarz, einer weiß. Sie kamen gerade aus einem Lebensmittelladen, ihre gut trainierten Muskeln an Schultern und Armen gespannt gegen das Gewicht der Tüten in ihren Händen. An ihrer Seite, mit je einer Hand am Griff der Tüten, trippelten und stolperten zwei schwarze, ungefähr vier Jahre alte Mädchen. Hier draußen auf Fire Island, diesem Spielplatz für schwule Männer, hatte er kein solches Bild von Familienglück erwartet. Er wollte sie gerade Raymond zeigen, hielt dann aber inne und schaute ihnen nur nach, wie sie auf der Uferpromenade davongingen und schließlich nicht mehr zu sehen waren.
Er sah die Familie dieses Wochenende noch einmal, als sie am Strand spazieren gingen, seine Hand auf Raymonds Schulter. Die beiden Mädchen mit ihren leuchtenden Badeanzügen und ihren Haarbändern mit bunten Kugeln gruben mit Plastikschaufeln im Sand. Der weiße Vater hatte sich über sie gebeugt, mit den Händen auf den Knien, so dass sich sein Rücken wie bei einer Kobra nach außen wölbte. James dachte mit kleinlichem Neid, dass ein Mann mit Kindern nicht so gut gebaut sein dürfte: Der Tag hat einfach nicht genug Stunden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Vater zu sein und eine solche Muskelmasse aufrechtzuerhalten. Der Mann richtete sich auf und rief zum anderen Vater, der ein Stück entfernt auf einem Badelaken saß: "Ich spring mal eben ins Wasser. Hältst du ein Auge auf die beiden?", und dann lief er zum Meer hinunter.
Gerade als sie am Buddelplatz der Mädchen vorbeigingen, schaute eines der beiden zu James auf. Er lächelte sie an, und sie nahm einen Stein, hielt ihn James hin und sagte mit fester Stimme: "Hier!" Er wäre gerne geblieben, in die Hocke gegangen, hätte gerne mit ihr gesprochen und sich den Stein angeschaut, aber er befürchtete, dass das als unpassend angesehen werden könnte. Also sagte er nur: "Wie hübsch", und ging weiter, die Hand weiterhin auf Raymonds Schulter.
Wenn es um Sex ging, hatte er keine Vorliebe für eine bestimmte Hautfarbe - seine Freunde machten Witze darüber, dass sein sexueller Geschmack einer Benetton-Reklame entsprach -, aber wenn er über eine Familie fantasierte, war sein Partner stets weiß und die Kinder stets schwarz. Er wusste nicht warum, aber das war die einzige Kombination, die seine Fantasie real erscheinen ließ. Und jetzt hatte er genau diese Kombination, seine Fantasie, in Wirklichkeit gesehen.
An diesem Abend auf Fire Island nahm Henry sie mit zu einem Fest. Auf dem Weg dorthin fragte er sich, ob das schwule Paar mit den Kindern auch unter den Gästen sein würde. Er würde gerne mit ihnen reden, um fragen zu können, wie sie ihre Töchter bekommen hatten: Durch Adoption, aus einer früheren Ehe, von einer Leihmutter, durch eine Vereinbarung mit einem lesbischen Paar? Waren sie beide rechtlich gesehen die Eltern der Mädchen? Hatten sie Probleme gehabt? Waren sie glücklich?
Keiner der beiden Väter war auf dem Fest, und er ging früher als Raymond und Henry. Auf dem Weg zurück zu Henrys Haus nahm er einen Umweg über den Strand und kam zu den Resten der Kuhlen und Haufen, die die Mädchen mit ihren Eimern und Schaufeln im Sand gemacht hatten. Er suchte die Stelle mit Blicken ab, auf der Jagd nach etwas, das sie hinterlassen haben könnten, etwas anderes als nur Spuren im Sand, vielleicht eines dieser Haarbänder mit den farbenfrohen Plastikkugeln. Wenn er eines davon finden würde, könnte er losgehen und an einem der Häuser klopfen, egal an welchem, irgendwo, wo Licht war. Er könnte sagen, er habe gehört, hier wohne das Paar mit den beiden Töchtern. Wenn er einige Häuser ausprobieren würde, müsste er jemanden finden, der ihm zeigen könnte, wo sie wirklich wohnten: Die Familie musste gut bekannt sein. Dann könnte er bei ihnen an die Tür klopfen, einer der Väter - der schwarze, dachte er sich - würde mit fragender Miene öffnen, und er würde sich beeilen zu erklären: Das hier habe ich unten am Strand gefunden, und ich dachte ...
Die Fantasie erfüllte sich nicht. Nur ein Haarband mit Plastikkugeln. Kinder müssen so etwas doch ständig verlieren, sie kauften diese Dinger wahrscheinlich säckeweise. Aber wie auch immer, er fand keins. Es blieb Fantasie.
Draußen wurde es heller, und der Wecker würde bald klingeln. Unter der Decke hatten ihre Hände das Geschlecht des anderen gefunden. Mit Raymonds Körper fühlte er sich so vertraut, er hätte aber gerne gewusst, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen, während er selbst zu diesem Wochenende auf Fire Island zurückkehrte.
Ja, auch er hatte Fantasien - als er wieder auf Henrys Haus zugegangen war, hatte er sich vorgestellt, dass er selbst in ein paar Jahren über den gleichen Strand gehen würde, Hand in Hand mit seinem eigenen Partner und jeder mit einem kleinen Kind an der Hand. Würden sie die Familie mit den zwei kleinen Mädchen kennenlernen? Klar würden sie das; wie könnten sie es vermeiden, in Kontakt zu kommen: Zwei gemischtfarbige Schwulenpaare mit schwarzen Kindern, draußen auf Fire Island. Er überlegte, ob sie Sex mit dem anderen Paar haben würden.
Vielleicht, vielleicht nicht, er wusste es nicht, aber es war auch kein notwendiger Bestandteil der Fantasie.
Jetzt lag er in seiner Wohnung mit Raymond an seiner Seite; es war eine dieser stummen Szenen gegenseitiger Masturbation im Gang, die sie so häufig früh am Morgen erlebt hatten, noch bevor das erste Wort gesprochen wurde. Als sie zusammen waren, hatte dieser einfache, fast automatische geschlechtliche Umgang ihm ein Gefühl von Symbiose gegeben. Auch jetzt spürte er einen Hauch dieses Gefühls, gleichzeitig aber erinnerte er sich an die Fantasie, die er dort draußen auf Fire Island gehabt hatte.
Er würde eine Familie haben, und sie würden mit einer anderen Familie befreundet sein. Der schwarze Mann würde für ihn wie ein großer Bruder werden. Er hatte ja nie Geschwister gehabt, geschweige denn einen Bruder, der schwul war und Familie hatte. Er würde kein Pseudohetero-Vorstadtleben leben, er wäre mittendrin in der schwulen Welt. Er wäre schwul, er wäre schwarz, und er hätte Kinder. Es war nur eine Fantasie, aber eine Fantasie, die er verwirklichen konnte, wenn er wirklich wollte. Er könnte eine Familie haben. Gewiss gab es Schwierigkeiten, aber keine unüberwindbaren. Er war noch jung, er hatte einen ordentlichen Beruf. Im Herbst würde er in der Graduate School anfangen und Jura studieren. Er würde gut verdienen. Es gab keinen Hinderungsgrund dagegen, Kinder zu adoptieren; seine Hautfarbe wäre vermutlich sogar vorteilhaft. Es gab keinen Grund dafür, diesen Traum nur einen Traum bleiben zu lassen.
Das einzige, was fehlte - wirklich: das einzige - war ein Partner, der als zweiter Vater geeignet gewesen wäre. Ein zuverlässiger, HIV-negativer Mann.
Er kam mit geschlossenen Augen und wartete noch lange, nachdem der letzte Spasmus verebbt war, bis er sie wieder öffnete. Raymond, der ihn beobachtet hatte, beugte sich vor und schleckte den Samen von seinem Bauch. Obwohl er das gemocht hatte, als sie zusammen waren - er liebte Sperma und liebte es zu sehen, wie sein Sperma als Gabe entgegengenommen wurde -, fühlte er jetzt, dass dieser Akt der symbolischen Verschmelzung eine Unwahrheit enthielt. Sie würden nie wieder zusammenkommen.
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