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Odd Klippenvåg

Der Stand der Dinge

Roman
aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Hardcover
mit Schutzumschlag
184 Seiten,
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-86-5



Pressestimmen

Der Autor

Leseprobe

 


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www.gaybooks.de

Eingereicht bei der Hotlist 2010

Im letzten Jahr haben independent Verlage diese Alternative zum Deutschen Buchpreis ins Leben gerufen. Insgesamt 110 Titel wurden in diesem Jahr eingereicht.

Über die Liste entscheiden eine unabhängige Jury und (!!) die Leser per Online-Abstimmung auf www.Freitag.de \ ganz unten: Rubrik Internationale Belletristik.

Jeder Leser hat nur eine Stimme! Wir brauchen jede!!


Ein ganzes Leben

Seit 40 Jahren sind Simon und Annar befreundet. Sie arbeiten in ihrem kleinen Laden und verbringen die freie Zeit auf Wanderungen und in ihrer Berghütte fernab der Zivilisation. Simon ist siebzehn Jahre älter als sein Freund, und als die Erzählung einsetzt, erholt er sich von einem Schlaganfall. Annar kümmert sich um ihn und um das Geschäft. In seinen Erinnerungen blickt Simon auf ein gutes Leben zurück - im Einklang mit der Landschaft und der Geschichte seiner norwegischen Heimat.

Der Autor schildert das alles so verlockend und anschaulich, dass man sich selbst hineinwünscht in diese Welt. Natürlich läuft längst nicht alles so, wie es soll. Auch wenn in seinen Gedanken manchmal andere Möglichkeiten kurz aufblitzen, kann Simon sich doch stets mit dem Lauf der Dinge arrangieren, er nimmt das Leben so unausweichlich wie die Natur. Der Roman gibt ein kraftvolles Statement ab zu der Frage, was wirklich wichtig ist im Leben.



Langtext:

Simon ist Mitte siebzig und nach einem Schlaganfall seit kurzem im Pflegeheim. Sein wesentlich jüngerer Freund Annar, mit dem er seit 40 Jahren zusammenlebt, führt das gemeinsame Geschäft weiter. Heute ist Sonntag, und Simon rechnet mit Annars Besuch. Der Ablauf dieses Sonntags im Pflegeheim gibt den Rahmen der Erzählung ab.

Simon ist sich der Trostlosigkeit seiner Situation vollständig bewusst, aber er neigt nicht dazu, sich in Selbstmitleid oder Verzweiflung hineinzusteigern. Statt dessen ruft er sich die Stationen seines bisherigen Lebens in Erinnerung. Diese Erinnerungen werden nicht brav chronologisch rekapituliert, sondern ergeben sich zwanglos-assoziativ. Sie reichen zurück zu seiner Kindheit mit schweigsamen Eltern, einem Vater, der schon bald merkte, dass sein Sohn kein richtiger Junge war. Aber es gab auch den unverheirateten Onkel, der angeblich einen Freund hatte, den Simon jedoch nicht einmal auf der Beerdigung des Onkels zu sehen bekam. Von diesem Onkel erbte Simon einen Trödelladen, der ihm den Auszug aus dem elterlichen Haus und ein unabhängiges Leben ermöglichte.

So, wie der Onkel ihn selbst als Jugendlichen unter die Fittiche genommen hatte, so nahm der erwachsene Simon den schwierigen Jungen einer Nachbarin als Aushilfe in seinem Laden auf. Nachdem Annar das Gymnasium mit sehr guten Noten beendet hat, entwickelt sich zwischen den beiden eine leidenschaftliche sexuelle Beziehung. Sie haben Sex miteinander, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Von da an verbringen sie ihr Leben zusammen, mit gemeinsamer Wohnung, gemeinsamer Berghütte, in der sie große Teile ihrer freien Zeit verbringen, und gemeinsamen Freunden.

Anfangs, als sie sich kennen lernten, hatte Annar häufiger auch sexuelle Erlebnisse mit Frauen, und später, als Simon älter wird, ergeben sich mehr oder weniger feste Kontakte zu jüngeren Männern, vor allem zu Rune, den Annar auch ins Haus und die Hütte mitbringt. Simon scheint solche Eskapaden nicht allzu schlimm zu finden. Als jedoch ein Lesbenpaar Annar einlädt, ein Kind zu zeugen, stellt Simon sich auf die Hinterbeine und verletzt Annar damit sehr. An diesem Anlass entzünden sich mehrfach Diskussionen über den Stand schwuler und lesbischer Emanzipation und die Zielsetzungen der Schwulenbewegung - Simon hält den Kinderwunsch für einen Rückfall in die Spießigkeit der Kleinfamilie und mit schwulem Leben unvereinbar.

Einen großen Teil der Rückblenden nehmen Ausflüge in die Natur ein, vor allem Ausflüge in die Berghütte. Zusammen mit dem beruflichen Umgang mit Bauernmöbeln und Haushaltsgeräten ist der Roman dadurch eine sehr sinnliche Beschreibung des ländlichen Lebens in Norwegen. Ein städtisches Leben mit Restaurants, Theater, Kino und evtl. schwuler Subkultur kommt dafür gar nicht vor. Für den deutschen Leser ist die Lebenswelt insgesamt geradezu idyllisch, besonders insofern, als auch das Berufsleben entspannt und sorgenfrei geschildert wird. Diese "Schiene" des Texts ist sehr stark und für den Gesamteindruck prägend.

Die Gesundheit Simons verschlechtert sich in mehreren Schüben, zunächst wird das als Unwohlsein abgetan, dann stürzt er und muss zeitweilig ins Krankenhaus. Annar bittet Nachbarn und Bekannte darum, tagsüber bei Simon vorbeizuschauen, während er selbst arbeitet. Aber schließlich kann Simon nicht mehr zuhause bleiben, er braucht ständige Pflege. Im Pflegeheim ist Simon fast ausschließlich von dementen Patienten umgeben:

"Dann kommt Ellen herein, an jedem Arm hat sie eine Dame untergehakt. Er weiß nicht, wie diese Damen heißen, und das kann ja auch egal sein, denn keine ist bei Verstand."

Einzelne dieser Patienten und auch einzelne Pfleger gewinnen zunehmend an Profil. Es gibt den Zimmergenossen Hermansen, der kaum noch spricht und Gefühlsregungen durch zappelnde Füße zum Ausdruck bringt, Frau Svendsen, die permanent ihre Handtasche aus- und wieder einpackt, es gibt "die junge Neue" unter den Pflegerinnen, die ein bisschen ruppig ist, außerdem Ellen und den schwulen Sven, der schwulen Kleinfamilien mit adoptierten Kindern ebenso ablehnend gegenübersteht wie Simon. Die Versorgung und das Essen sind recht gut, aber dennoch ist klar, dass dies ein Abstellplatz am Ende des Lebens ist.

Simon und Annar wirken durchweg wie ein gut eingespieltes Duo. Nach der ersten wilden Zeit ihrer Liebe leben sie wie Freunde zusammen, zwar fürsorglich, aber ohne große Zärtlichkeit. Sexualität gehört jedoch selbst nach Simons Erkrankung durchaus noch zu ihrem Leben dazu.

Simon berichtet von seiner Erkrankung und dem allmählichen Verfall auf eine eigentümlich distanzierte Weise, er lässt sich zu keinerlei Gefühlsäußerungen hinreißen. Als er erkrankt, verheimlicht er zunächst seinen Zustand, und auch in seinen eigenen Gedanken bleibt er weiterhin sachlich. Die Erinnerungen an frühere Zeiten sollen die gegenwärtige Ödnis offenbar abmildern.

Nur ganz kurz denkt Simon an zwei andere Männer, mit denen er vielleicht ein anderes Leben hätte führen können: sein Jugendfreund Johannes, mit dem er auch die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht hat, der jedoch früh verstorben ist, und einen Bekannten, dem er erst als älterer Mann beruflich begegnet. Nur für einen Augenblick steht die Frage im Raum: wären wir uns vielleicht ähnlicher gewesen, hätten wir uns näher kommen können, als es mit Annar möglich war? Dann geht Simon sofort zur Tagesordnung über. Es ist kaum zu glauben, aber die Rückblenden entfalten nach und nach eine solche Intensität, dass die Einblendungen der aktuellen Situation im Pflegeheim geradezu als Entspannung zwischendurch funktionieren.

Es gibt keine unmittelbare Information über Annars Sicht der Dinge; das spielt jedoch auch kaum eine Rolle, denn der Roman erzählt die Wahrheit in Simons Kopf und Herz. Wie liebevoll oder wie pragmatisch Annar seinem Freund gegenüber auch eingestellt gewesen sein mag, er war stets für ihn da, wenn er Hilfe brauchte. Erst als Simon ständig auf fremde Hilfe angewiesen ist, sagt Annar bei einem Ausflug in die Natur. "So kann das nicht weitergehen", und Simon denkt: So viele gute Jahre haben wir gehabt. Man spürt nicht den geringsten Groll, dass die guten Jahren nun vorbei sind - falls Simon Groll empfindet, so verheimlicht er ihn sogar vor sich selbst.

Nun ist Simon gut versorgt im Pflegeheim und wartet auf Annars Besuch; als ihm schließlich ein Pfleger ausrichtet, dass der Freund wegen eines Ausflugs zur Berghütte heute nicht kommen würde, und das auch vorher so angekündigt habe, schaltet Simon ohne zu zögern um: "Vielleicht kommt Annar morgen. Das muss ich glauben." Ein starker Mensch!



"Der Stand der Dinge" erzählt von einem Leben, das praktisch wie von selbst voranschreitet. Alles ergibt sich von selbst, und was sich nicht ergibt, liegt außerhalb jedes Wünschens. In dieser Konstellation spielt es kaum eine Rolle, ob Simon sein Leben mit einem Mann oder einer Frau verbracht hat, jedoch ist die Geschichte im Einzelnen sehr wohl von seiner Homosexualität geprägt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Annar sich einen zweiten Freund zulegt, wäre innerhalb einer Ehe nicht ohne weiteres vorstellbar. Überhaupt ist Annar in Simons Augen stets ein selbständig denkender und handelnder Mensch. Die beiden Freunde dringen nicht in die Intimsphäre des anderen vor und scheinen das auch gar nicht zu wollen. Trotzdem sind sie jederzeit zuverlässig für den andern da.


Der Autor

Odd Klippenvåg wurde 1951 auf den Lofoten geboren. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1978. Seither ist eine Reihe von Romanen und Erzählbänden erschienen. In deutscher Übersetzung liegen bisher etliche Novellen in Anthologien und Zeitschriften vor; bei Männerschwarm erschien 2004 die Erzählung "Alles klar" in dem Band "Happy Endings". Klippenvåg lebt in Oslo.


Pressestimmen

Brillant geschrieben, voller Lebensfreude, voller Wehmut. Großer Roman!
Andreas Hergeth in Du&Ich

Ein distanziertes und doch respekvolles,anrührendes Porträt seiner Hauptfigur. Dieser Autor behandelt nicht nur das aktuelle Thema des Alterns - sein Buch ist Literatur im emphatischen Sinn. Die Sätze kommen leise und unprätentiös daher: Eine klaglose, zarte und klare Sprachmelodie, die das schöne Lieben und das schwere Altern als Bestandteile des ganzen Lebens würdigt.
Sabine Peters in Baseler Zeitung

Klippenvags Text hat einen lakonischen Erzählton und gerade in seiner ruhigen Abgeklärtheit etwas tröstliches. Klippenvags Kunst ist, über peinliche Themen, die man lieber beiseite drängt, so zu sprechen, so daß es einem eben nicht unangenehm ist. Er schiebt Gedanken an.
Annemarie Stoltenberg auf NDRkultur - hier nachhören!

"Ist das jetzt ein Buch, was in die Homoexuellen-Literatur reingehört?",
wird Annemarie Stoltenberg auf NDRkultur im Live-Gespräch vom Moderator gefragt. Ihre Antwort:
"Das finde ich nicht. Im Prinzip ist das einfach eine Liebesgeschichte, wo die beiden Helden Männer sind. Aber es wird schon auch darüber gesprochen, wie schwierig das war, sich dazu zu bekennen, es den Eltern zu sagen. Dann als Simon, der Ältere, sich verliebt hat in den wesentlich jüngeren Annar, auch dessen Eltern das zu sagen, dass er mit einem Mann zusammen leben wird, dass er keine Familie gründen wird, dass diese Eltern dann keine Enkelkinder bekommen werden. Dass ist aber das Thema: Wie schaffe ich es, ich selber zu sein? Wie kann ich wahrhaftig mit mir selber und mit meinen Mitmenschen umgehen? Und ich glaube, das geht doch jeden etwas an. Also ich finde nicht, dass es so in die Schublade Homosexuellen-Literatur gehört, sondern das ist einfach ein schön geschriebenes Buch, in dem man sich mit dem Alter beschäftigt, ohne dass es einen bedrückt. Das ist der große Vorzug dieses Buchs. "

Der zutiefst berührende kleine Roman umkreist auf stille, eindringliche Weise die wichtigste Frage, die sich eines Tages jedem von uns stellt. Was bleibt?
Michael Sollorz in Männer

Es wird eine Menge pragmatisch arrangiert in diesem Roman, in den Leben von Simon und Annar, es wird aber auch viel geschwiegen - was letztelich eine spezifische Form der Männlichkeit thematisiert. Die Vielschichtigkeit macht "Der Stand der Dinge" zu einem wunderbaren Buch.
Rainer Hörmann in Hinnerk

Irgendwann im vorgerückten Alter stellt sich auch jeder schwule Mann diese Fragen: Was oder wer ist mir wirklich wichtig? Und was wird vielleicht von mir bleiben, wenn ich einmal nicht mehr bin? ... Abgeklärt und alles andere als larmoyant setzt Simon seinen Lebensbericht um und trotzt dem Leser dafür gehörigen Respekt ab.
Axel Schock in Display

Das große Epos einer ganz normalen Liebe
www.Literatur-Report.de

Angst, Hoffnung un rationale Einsicht in den Stand der Dinge bescheren ihm ein Wechselbad der Gefühle und dem Leser ein nachdenklich stimmendes Leseerlebnis.
Rolf G. Klaiber in RIK & LEO

Ein großer Roman, wie süßer Sirup.
Siegessäule


Leseprobe

Das letzte Mal in den Bergen ... Ich erinnerte mich an den allerersten Jagdausflug mit Annar, als er gleich nach unserer Ankunft aus dem Holzschuppen kam. Annar war schweißnass, er sah aus, als ob er aus dem Regen käme. Ich wollte die Öllampen anzünden, aber als diese alte Erinnerung in mir aufstieg überlegte ich mir die Sache anders und legte die Streichhölzer weg. "Da bist du!", sagte ich und lächelte. Ich begriff nicht, wo die Jahre geblieben waren, denn in diesem Moment schien wieder der junge Annar nach der Jagd triefnass im Flur zu stehen. Er hatte einen Tropfen unter der Nase gehabt, und als ich ihm das Gewehr von der Schulter genommen hatte, entfernte ich den Tropfen mit dem Zeigefinger, ehe ich die roten, geschwollenen Lippen küsste. Danach nahm ich seine viel zu große Militärjacke und hängte sie vorsichtig an einen leeren Haken, ehe ich mich hinkniete und seine Stiefel aufschnürte. Annar war so durchgefroren gewesen, dass er schwankte, als er die Füße hob, damit ich ihm die Stiefel ausziehen konnte, trotzdem lächelte er. Er war so stolz auf das, woran er hatte teilnehmen dürfen, seine erste Jagd und das erlegte Wild, sicher fünf oder sechs Schneehühner, zwei mehr als ich. Die Hühner lagen auf dem Boden und ich musste den Hund immer wieder wegscheuchen, weil er daran lecken wollte. Es war natürlich ein anderer Hund, nicht Caro, aber auch ein irischer Setter. Eine nervöse Hündin, Mira hieß sie. Ich schob Annar die Hosenträger über die Schultern, und weil er selbst seine Hose aufknöpfte und sie auszog, streifte ich meine eigene Jacke ab, die ebenso durchnässt war wie seine. Dann zog ich die Gummistiefel aus, hob die Schneehühner auf und schob Annar vor mir her. Vor dem Kamin ließ ich ihn los. "Hier stehenbleiben", sagte ich und legte die Schneehühner auf den Holzkasten, ging in die Hocke und machte Feuer, nahm ein Handtuch aus meinem Rücksack, warf es mir über die Schulter und zog Annar den Pullover und dann das Unterhemd aus. Während ich ihn abrieb, glaubte ich, den Geruch eines ganzen Tages in den Bergen wahrzunehmen, Moos und Heidekraut, den kalten Herbstregen, nicht nur den süßlichen Schweißgeruch des jungen Körpers, unbehaart, abgesehen von den Achselhöhlen, rot und weiß, mehr und mehr, als ich die Haut frottierte, Rücken und Brust. Annar lachte ein wenig, noch immer durchgefroren, deswegen schob ich ihn ein wenig näher an das Feuer.

"Was ist das denn?", fragte Annar überrascht, als ich die Streichhölzer auf die Bank legte und auf ihn zuging. "Was soll denn sein?", fragte ich nur und legte die Arme um ihn. Und er blieb stehen, sozusagen resigniert, ungeduldig, und ich konnte ihn an mich ziehen. Aber als ich ihn küsste, leidenschaftlicher als seit langer, langer Zeit, während ich zugleich mit einer Hand durch seine feuchten Haare fuhr, reagierte er und ließ das Holz fallen, das er in den Händen gehabt hatte. Ich registrierte, dass Caro zusammenfuhr, als die Holzscheite auf den Boden krachten, und dann schlang Annar die Arme um mich.

Trotz der Skiwanderung hatte Annar noch die Kraft, um im Holzschuppen zu arbeiten. Es war schon dunkel, als er ins Haus kam. "Jetzt kannst du dich richtig waschen", sagte ich. Er gab keine richtige Antwort, er murmelte nur. Ich hörte seinen Atem und dachte: Annar ist auch keine fünfzig mehr. Ich blieb sitzen und sah ihn an. Mehr war nicht nötig, schon hatte ich Tränen in den Augen.

Annar nackt. Mit dem Rücken zu mir, halb abgewandt und über die Waschschüssel auf dem Hocker gebeugt. In dem warmen gelben Licht der Öllampen. Keine Geilheit. Nur pures Glück, das ist die Wahrheit. Ich musste aufstehen und im Kamin Holz nachlegen. Als verspürte ich doch eine Unruhe. Als ob das Glück nicht von Dauer sein würde. Obwohl es nicht nötig war, noch brannte das Feuer lebhaft und prasselnd. Als ich mich wieder setzte, sah ich, dass Annar sich den Nacken und den Rücken wusch, so weit er reichen konnte. Sein Rückgrat war so deutlich, gebogen und knochig. Die glatten, weißen Hinterbacken. Der Sack zwischen den Oberschenkeln gerade zu sehen. "Soll ich dir den Rücken waschen, Annar?", fragte ich. "Ja, würdest du das tun?", fragte er. Und ich tat es. Ich ging zu ihm und nahm den Waschlappen, seifte ihn ein und rieb Annar ab, einmal, und dann noch einmal, nachdem ich den Lappen ausgespült hatte. Als ich Annar abgetrocknet hatte, drückte ich einen Kuss zwischen seine Schulterblätter.

Vor dem Essen öffnete Annar eine Flasche Rotwein. Und der Hund legte sich zwischen uns vor dem Kamin auf dem Boden. "Ich fürchte, es wird keine weiteren Skitouren geben, wenn dieses milde Wetter vorhält", sagte er. "Dann müssen wir uns über die freuen, die wir hatten", antwortete ich und musste an den Elch denken, den wir gesehen hatte, er hatte unbeweglich da gestanden und uns beleidigt angesehen, den Kopf im Profil, durch unser Fernglas. Das imponierende Geweih. Als wir weitergingen, bewegte der Elch sich dann doch, hinreißend langsam und zugleich so unnahbar, majestätisch. "Außerdem ist es schön, einfach nur hier zu sein!", sagte ich. Weil Annar keine Antwort gab, fügte ich hinzu: "Weißt du, viele Jahre habe ich befürchtet, dass es dir hier nicht gefällt, das primitive Leben mit Holzhacken, Wasserschleppen, ohne Strom ..." - "Denkst du wirklich noch immer daran?", fragte Annar. "Ja, das kommt vor", sagte ich. Annar lächelte zwar, aber ich wurde aus diesem Lächeln nicht schlau, deshalb stand ich auf, nahm mein Weinglas und fing an, den Tisch zu decken.

Und als wir dann beim Essen saßen, bekam Annar eine SMS. "Von Inger", sagte Annar, "sie wünscht uns ein gutes neues Jahr." Ich war ziemlich sicher gewesen, dass es Rune war, und weil ich mich geirrt hatte, zögerte ich und gab keine Antwort. "Die veranstalten ein großes Frauenfest", sagte Annar. Und ich hielt einen Kommentar jetzt für unnötig. Die Stadt kam mir so weit weg vor. Der Lärm und die aufgekratzte Stimmung.

Beethovens Tripelkonzert auf einem ausländischen Sender, bis Mitternacht. Plötzlich setzte Annar sich gerade und fragte: "Es würde dir also nicht gefallen, wenn ich Inger und Anne behilflich wäre?" - "Beim Kinderkriegen?", gab ich zurück. "Ja", sagte Annar. "Wobei sonst?" Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht zu sagen, wie unerhört ich es fand, dass er dieses Thema wieder zur Sprache brachte, gerade jetzt, unmittelbar bevor wir hinausgehen und unsere Silvesterraketen abschießen würden, und um Zeit zu gewinnen, stand ich auf und holte Wasser für einen weiteren Whisky. Als ich mich gesetzt hatte, sagte ich so beherrscht ich konnte: "Ich habe gesagt, was ich meine, Kinder zu bekommen war für uns doch nie ein Thema." - "Aber warum bist du so dagegen, dass Inger und Anne sich ein Kind zulegen?", fragte Annar. "Das bin ich doch gar nicht! Was die machen, geht mich nichts an!" - "Warum regst du dich dann so auf?", fragte er. "Natürlich, weil Inger dich in ihr Projekt mit hineinziehen will", sagte ich. "Du sagst das so verächtlich", meinte er. "Kannst du es nicht eher als großen Vertrauensbeweis betrachten?" - "Für mich?", musste ich fragen. "Für uns beide, Simon", antwortete er. Plötzlich verspürte ich wieder die Symptome, mein Nacken verspannte sich und der Schweiß trat mir auf die Stirn, und ich sagte, in der Hoffnung, dieser unsinnigen Diskussion ein Ende setzen zu können: "Du musst tun, was du willst, Annar, nur solltest du dir die Konsequenzen klar machen." - "Was denn für Konsequenzen?", fragte er. Diese Frage fand ich so provozierend, dass ich mich nicht mehr zusammenreißen konnte, ich hob die Stimme und rief fast: "Und das fragst du. Wenn du Vater wirst, wird das natürlich Folgen für uns alle haben. Deine Beziehung zu Inger und Anne wird sich ändern, und zwischen uns ..." - "Zwischen uns?", wiederholte er. "Ja, hast du dir das überlegt?", fragte ich. "Es wäre dein Kind, nicht meins!" Als ich das sagte, hörte ich eine Silvesterrakete explodieren. Das gab mir einen Vorwand, aufzustehen und zum Fenster zu gehen, das auf das Tal und den See Gjevarvatn hinaus ging. "Aber Herrgott, Simon, jetzt enttäuschst du mich", sagte Annar. Ich gab keine Antwort, ich beugte mich über die Fensterbank und schaute hinaus. Aber es war nichts zu sehen, nur die Dunkelheit und mein Spiegelbild, das weiße Hemd. Ich blieb eine Weile so stehen, abwartend, weil auch Annar nichts mehr sagte, und ich dachte, wie traurig es sei, dass das alte Jahr auf diese Weise endet, mit diesem Misston. "In einer Viertelstunde ist Mitternacht", brachte ich dann heraus, "sollen wir die Raketen holen?" Annar erhob sich, und in einem Versuch, die Stimmung zu bessern, verließ ich das Fenster und ging zum Eckschrank. "Ich kümmere mich um den Champagner", sagte ich.

Es war gut, nach draußen zu kommen, es belebte. Sogar in der diesigen feuchten Luft fiel mir das Atmen leichter. Wieder hörte ich Raketen von den Hütten unten am See, konnte sie aber nicht sehen, so neblig war es. Annar hatte kein Wort gesagt, seit er aus der Tür gegangen war, jetzt sah ich ihn, gebückt über eine leere Rotweinflasche im Schnee, von der aus er die Raketen abschießen wollte. "Sei vorsichtig, Annar", mahnte ich. Um ihm eine Antwort abzuringen, wiederholte ich diese Aufforderung. "Man kann sich so leicht verletzen, hörst du?" Nun antwortete Annar: "Reg dich nicht auf, Simon, ich hab das doch schon hundertmal gemacht." Er klang gereizt, aber nicht unfreundlich. Also quengelte ich nicht mehr, ich blieb nur stehen und wartete auf der Steintreppe im Licht der Fackel, die Annar früher angezündet haben musste. Ich hörte den Hund im Haus bellen, wusste aber aus Erfahrung, dass das Knallen und das laute Zischen ihm immer Angst machten, deshalb durfte er nicht herauskommen. Dann fauchte es drüben bei Annar und ich machte mich am Champagnerkorken zu schaffen, um bereit zu sein. Die erste Rakete jagte hoch, ich hörte die Explosion, sah aber erst mehrere Sekunden später etwas, als Sterne in allen erdenklichen Farben durch den Nebel fielen. "Die Sicht ist zu schlecht", klagte Annar und schoss noch eine Rakete ab. "Ich finde es schön so", antwortete ich. Das wiederholte sich noch viermal, mit knallbunten Sternen und Streifen, wie Luftschlangen, die sich wie Palmenkronen öffneten und für einige wenige Augenblicke zu sehen waren. "Hol dir einen Schluck Champagner", rief ich, als der Korken aus der Flasche sprang. Und Annar kam. Ich reichte ihm ein schäumendes Glas und lächelte. "Prost Neujahr!", sagte ich, nachdem ich mir in aller Eile selbst eingeschenkt hatte. "Ein richtig gutes neues Jahr, Simon", sagte Annar. Wir hoben die Gläser und stießen an, plötzlich zitterte meine Hand, und um das zu verbergen, umarmte ich Annar ganz schnell.

 
 


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