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Ein Offizier und Gentleman
Das Geschlecht zu wechseln, um dem Geliebten zu gefallen, ist seit Shakespeare ein ergiebiger Gegenstand der Literatur. Sacher-Masoch unterlegt das Motiv mit seiner eigenen Typologie der Geschlechter, die auch der berühmten Erzählung Venus im Pelz zugrunde liegt: Die Frauen sind zu wahrer Liebe nicht fähig. In Venus im Pelz ersetzt der Held deshalb Liebe durch Unterwerfung, in Die Liebe des Plato entsagt der junge Graf Tarnow vollständig der Liebe der Frauen – und wird deshalb zum Gegenstand einer raffinierten Täuschung. Schließlich spielt er wider besseres Wissen sogar mit in diesem Spiel, da er seinen „Anatol“ nicht verlieren will. Der AutorLeopold Ritter von Sacher-Masoch (1836-1895) wurde in Lemberg (damals Österreich, heute Ukraine) geboren und hatte Vorfahren aus Slowenien, Spanien und Böhmen. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften, Mathematik und Geschichte arbeitete er zunächst im Staatsarchiv in Wien, nach seiner Habilitation in Neuerer Geschichte unterrichtete er dann an der Universität Graz. 1870 gab er seine Lehrtätigkeit auf und widmete sich ausschließlich seinem literarischen Werk. Pressestimmen
Ein skurriles kleines Juwel und bezaubernd geschrieben. Pressestimmen zur Erstausgabe"Mann-männliches Begehren geht hier noch reichlich seltsame Wege (nicht zu vergessen, wir schreiben das Jahr 1870), Aber am Ende hält der Autor diesem Henryk ein schwules Idyll bereit, wie man es ansonsten wohl nur im Märchen findet."
"Die Liebe des Plato ist ein Verwirrspiel der Geschlechter. ... Am Ende stellt Tarnow fest, dass Anatol auch die Frau im Pelz ist. Die Ausgabe folgt der Erstausgabe von 1870, man erhält dadurch wieder ein Gefühl für die Schreibweise vergangener Zeiten." Ich besuche so gern das Tarnowische Haus, weil in demselben eine eigenthümliche Gemüthlichkeit um die kleinsten Dinge webt, diese Gemüthlichkeit scheint dort in der Luft zu liegen, denn sie durchdringt Alles, die grauen Mauern des Edelhofes, die alten, verschossenen Möbel, die Menschen, die Thiere und man wird von ihr ergriffen und selbst friedlich und heiter, sobald man sie einige Zeit eingeathmet hat. Es ist dies auch eine Art Wärme und eine Art Licht, und dieses Licht und diese Wärme wird, wie ich glaube vor Allem von der alten Gräfin Karoline Tarnow ausgestrahlt. Ich habe dort unter den großen Schränken mit dem altväterischen Holzmosaik, den Dienstleuten, welche alle wie Halbverstorbene aussehen, die schwarze Katze auf dem Schooße, die Gräfin mir gegenüber an dem flackernden Kamin, unter dem milden warmen Lichte ihrer Augen mehr als einmal meinen Kummer, meine Sorgen, mehr als einen quälenden Zweifel, mehr als einen tiefen Schmerz vergessen, ja überwunden. Auch heute ist mir wohl bei ihr. Ich war lange von der Heimath fort und mein erster Gang war zu der Gräfin Tarnow, und nun sitzt sie mir wieder gegenüber und hält meine Hände und blickt mit ihren blauen Augen in meine Seele, denn was bliebe diesen Augen verborgen? Es ist ein frostiger Winterabend, hell aber kalt, sehr kalt sogar, von draußen flimmern ein paar Sterne herein, das Feuer im Kamin wirft seine rothen Zungen über den Teppich und wir plaudern. Ich habe viel zu erzählen und sie hat mir manche Frage zu beantworten. Die Gräfin ist die einzige Frau, die mir je außer meiner Mutter und meiner Frau Achtung eingeflößt hat; diese Frau aber, welche Jedem so sehr imponirt, ist in keiner Weise gebieterisch, sie ist nicht einmal groß, es ist eine ganz kleine, zarte Frau, mit einem kleinen Gesicht, das noch im Alter von grauem Haare ehrwürdig eingerahmt die größte Feinheit und Schönheit zeigt, aber diese Schönheit ist eine geistige und geistig ist auch die Macht, welche die Frau übt, und diese Macht liegt vor Allem in ihren großen blauen Augen, welche gleichsam aus einer andern Welt in die unsere herüber blicken. Dieses geistige Wesen hat sie auf ihren Sohn, den Grafen Henryk, übertragen und wie sie mich ansieht, ist es mir auch einen Augenblick, als ruhe das Auge meines Freundes auf mir.
"Was macht unser Plato?" frage ich rasch, "ich habe seit mehr als einem Jahre keine Nachrichten von ihm." Ich erhielt keine Antwort, denn während ich dies sprach, war langsam würdevoll die schwarze Katze eingetreten, auf ihren sammtenen Pfoten unhörbar bis zu dem Kamin gekommen und mit einem Sprunge auf dem Schooße der Gräfin, wo sie mit zugedrückten Augen zu schnurren und den Schweif zu rollen begann. Diese Katze hieß Mimi und war die vollkommenste, die ich in meinem Leben gesehen, eine wahrhafte Katzenschönheit und dabei lag in ihren runden gelben Augen so viel Seele, eine Katzenseele natürlich und so viel Geist und Güte, und sie hatte ihre Geschichte diese Katze und ihre Schicksale und ihren Weltschmerz, sie hatte, das Unglück, eine Katze zu sein und sich in einen Menschen zu verlieben.
Nachdem sie der Gräfin ihren Gruß gebracht, sprang sie auf mein Knie herüber und wie ich sie streichelte, war ihr prächtiges Fell noch ganz kalt von dem Winterfrost drau-ßen und strömte eine angenehme Frische aus.
"Seine Abneigung gegen die Frauen war also mehr Schüchternheit," begann ich wieder.
Es war spät, als ich nach Hause kam, aber meine Neugierde war zu groß; so verschlang ich denn das Heft sofort, ohne es nur für eine Sekunde aus der Hand zu legen. © Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg |