Brokeback Mountain in Finnland
Urho und Toivo sind frisch ineinander verliebt, als der Zweite Weltkrieg Finnland erreicht. Beim Militär treffen sie sich wieder und verbringen inmitten des Infernos eine idyllische Zeit. Doch dann wird Toivo verwundet und kehrt in die Heimat zurück. Er heiratet, aber als seine Verletzungen ihn zum Krüppel machen, verlässt ihn seine Frau. Auch Urho heiratet und führt eine kalte Ehe, die er nur mit sehr viel Alkohol übersteht. Als Toivo auf schreckliche Weise stirbt, verliert er vollends den Boden unter den Füßen.
Viele Jahre später entdeckt sein Enkel Mikael die Tagebücher, in denen Urho die Geschichte von Liebe, Krieg und Elend aufgeschrieben hat. Auch er ist schwul und hat mit einer bornierten Umgebung zu tun, doch verglichen mit den großen Gefühlen, die das Leben seines Großvaters geprägt haben, ist sein Leben ziemlich öde verlaufen. Mikael verbringt den ganzen Sommer mit den Tagebüchern, und zugleich bringt er den Garten der Großeltern wieder zum Blühen. So steuert der Roman auf ein sehr poetisches Ende zu.
Etwas ausführlicher:
Mikael ist vierzig Jahre alt und lebt in Helsinki. Als er zur Beerdigung seiner Großmutter aufs Land fährt, hat er eine lange Nacht in der Schwulenszene hinter sich. Auf dem Dorf schlägt ihm sofort die alte Borniertheit entgegen, der er entfliehen wollte: schon bei der Trauerfeier beginnen die Verwandten damit, sich um den Nachlass zu streiten, und alte Feindseligkeiten unter den Angehörigen brechen wieder auf. Diese Leute haben ganz offensichtlich mehr als eine Leiche im Keller.
Die Großeltern haben Mikael zum Erben eingesetzt. Eine Nachbarin überreicht ihm den Schlüssel zum Arbeitszimmer seines Großvaters, der schon vor dreizehn Jahren gestorben war. So beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Mikael liest die Tagebücher des Großvaters und entdeckt ein Foto, das seinen Großvater zusammen mit einem anderen Mann zeigt, in einer ziemlich eindeutigen Position. Mikael besucht Menschen und Orte, die für seinen Großvater von Bedeutung waren. Anstatt so schnell wie möglich in die Großstadt zurückzukehren, verbringt er den Sommer im Haus der Großeltern, bestellt den Gemüsegarten und liest. Die Tagebücher wecken auch Erinnerungen an seine eigene Kindheit, die er auf dem Dorf verbracht hat.
Die Tagebücher erzählen die Geschichte der Freundschaft seines Großvaters Urho zu dem Nachbarjungen Toivo. Unmittelbar bevor der 2. Weltkrieg Finnland erreichte, verbrachten die beiden jungen Erwachsenen wundervolle Tage in den Wäldern und Seen, und auch im Laufe des Krieges treffen sie sich schon bald wieder. Der Dienst gibt ihnen mehrmals die Gelegenheit, in einer friedlichen Nische inmitten all des Mordens zusammen zu sein. Während ihre Kameraden auf einen Heimaturlaub oder das Ende des Krieges hoffen, einfach nach Hause wollen, sind Toivo und Urho paradoxer Weise im Krieg "zu Hause". Sie ahnen, dass ihre Liebe in der Zivilgesellschaft keinen Chance hat.
Toivo wird verwundet und kehrt in die Heimat zurück. Nach dem Krieg stellt sich heraus, dass weder er noch sein Freund Urho dem Druck der "Normalität" gewachsen sind. Beide heiraten, wie es von ihnen erwartet wird, aber sie werden in der Ehe nicht glücklich. Als Toivo von seiner Frau verlassen wird, kümmert sich Urho um den kranken Freund, aber der wird wenig später auf einer Treibjagd erschossen. Ein Unfall? Vorher kursierten Gerüchte im Dorf, in Wahrheit kann man sagen: Er wurde erschossen, er ist gefallen an der "Heimatfront" in einem Krieg der Spießer gegen das "Perverse". Urho verfällt dem Alkohol. Und Schnaps gab es in Finnland nur mit einer Ausweiskarte. "Die Schnapskarte" heißt das Buch deshalb!
Indem Mikael diese ganze Tragödie noch einmal durchlebt, trägt er dazu bei, dass die Vergangenheit endlich vergangen sein kann. Zugleich stellt sich für ihn die Frage, wo er zu Hause ist. So starke Gefühle, wie er sie in den Tagebüchern und Briefen des Großvaters wahrnimmt, sind ihm in seinem doch wesentlich freieren Leben in der Großstadt bislang fremd geblieben. Mit einem Festessen für die Toten zieht er einen Schlussstrich und richtet den Blick wieder nach vorn. Ilari, der Sohn Toivos, kommt zu Besuch …
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"Die Liebe zwischen zwei Männern, die hier beschrieben wird, ist wild und wunderschön."
Parnasso über die finnische Originalausgabe
Sami Hilvo, geboren 1967, lebt in Helsinki und Warschau Er arbeitet derzeit als Übersetzer, Dolmetscher und Schriftsteller, sein Lebenslauf weist aber auch Berufe wie Barkeeper, Diplomat, Kunstmodell, Tänzer, Pressesprecher und Produzent auf. "Die Schnapskarte" ist sein Debütroman.
Foto: Pertti Nisonen
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Sami Hilvo erzählt dieses große Liebesdrama ganz leise und frei von schwülstigem Pathos.
Axel Schock in Hinnerk
Das berührende Familiendrama überzeugt mit einer wunderbar klaren, nahezu verstörend präzisen Sprache und liefert spannende Eonblicker inn die Geschichte Finnlands.
Siegessäule
Geschickte Blenden des Autors lassen die Geschichte deutlicher werden. Alles schreit nach einer dramatischen Wende.
Männer
Ohne viel Schnickschnack und übertriebene Schnörkel erzählt Sami Hilvo eine faszinierende, berührende Geschichte.
Schwulissimo
Alles schreit nach einer dramatischen Wende. Werden der schwule Mikael und die Geister der Vergangenheit ihren Frieden finden?
Männer
Eine schwule Liebesgeschichte, die berührt.
Box
Urho
Am Morgen meldete der Posten einen akustischen Vorfall von der Südseite des Sees. Ein Feind war auf eine Mine getreten. Es erging der Befehl, eine Streife von vier Mann auszusenden, um die verlassenen Hütten zu überprüfen, denn wir nahmen an, der Feind habe sich darin einquartiert. Ich wählte für das Unternehmen zwei Männer, die aus der Ortschaft stammten, dazu noch dich, und ich bekam die Erlaubnis, selbst als Vierter mitzugehen.
Bevor unser Spähtrupp sich auf den Weg machte, wurde die Post ausgeteilt. Nur Briefe, ein einziger für mich. Rasch nahm ich ihn an mich. Für dich war nichts dabei. Wir kletterten ins Auto und fuhren los mit Skiern und voller Kampfausrüstung. Ich öffnete den Brief und las ihn dir vor.
Weihnachten steht vor der Tür, aber es bringt uns hier daheim kein Licht. Wie sieht es an der Front aus, dort in der Ferne? Den Grabkreuzen, die schon die Namen eurer Altersgenossen auf ihrer kalten Flanke tragen, wird zum Kriegsweihnachtsfest nicht die Wärme von Kerzen zuteil. Alles ist rationiert, auch das Licht. Wir benutzen fleißig die Verdunkelungsvorhänge.
Meine Schwester hatte schon herausgefunden, was sie zu Weihnachten bekommen sollte: zwei Paar Strümpfe, eine Puppe, eine Blumenvase und drei Bücher. Aus Tuulikki wäre eine ausgezeichnete Kundschafterin geworden. Sie wollte noch vor Neujahr Gullivers Reisen lesen, danach Gritlis Kinder, aber Schneewittchen und die sieben Zwerge bis zu deiner Rückkehr aufsparen, um das Märchen dann mit dir zusammen zu lesen.
Meine Schwester hätte dir gerne noch die Weihnachtsnummer der Zeitschrift Seura vom vorigen Jahr geschickt, weil sie die von diesem Jahr nirgends auftreiben konnte. Sie passte jedoch nicht in den Briefumschlag, und allein konnte man sie nicht schicken. Du würdest sie noch einmal lesen können, wenn du zurückkommst, und sei es zu Mittsommer.
Ich schaute dir in die lächelnden Augen. Alle Mitglieder meiner Familie schickten dir Grüße. Meine Mutter fragte, ob du genug zu essen bekämst und warum du deinen Angehörigen nicht schriebst. Grüße. Die Familie.
Ich steckte den Brief zurück in den Umschlag und reichte ihn dir. Die Pakete sollten erst noch kommen, sowohl die von unseren Angehörigen als auch solche von unbekannten Spendern. Wir würden sie bestimmt vorfinden, wenn wir von unserem Spähtruppunternehmen zurückkehrten.
Das Auto hielt, und vier schweigende Männer sprangen in den Frost hinaus. Die letzten Kilometer zu den Hütten legten wir auf Skiern zurück. Unterwegs bemerkten wir nichts Auffälliges. Wir bezogen Posten, um die Lage zu erkunden. Nichts geschah; es dämmerte. Wir nahmen Verbindung zur Kommandozentrale auf.
Die Meldung des Postens hatte sich als falsch erwiesen. Der Feind war in weiter Ferne. Auf die Mine getreten war ein Elch, den man längst in Stücke zerlegt hatte. Für einen Teil davon war deutscher Kognak eingetauscht worden. Wir sollten das Objekt in Besitz nehmen und dort weitere Anweisungen erwarten. Die Pakete seien angekommen und unterwegs zu uns.
Wir besetzten zwei der kleinen Häuser. Sie lagen in passender Entfernung voneinander, und wir konnten so ein weites Gelände überwachen. Die Hütten waren sauber und unberührt. Sie hatten nur leergestanden. Hinter der einen fanden wir eine Sauna und hinter der anderen einen kleinen Schuppen mit trockenem Brennholz. Wir würden sowohl die Sauna als auch die Hütten warm bekommen.
Wir beide blieben zur Sicherheit noch auf Horchposten. Falls die Pakete kommen sollten, würden wir sie entgegennehmen. Langsam heizten wir unser Häuschen. Unsere Kameraden gingen in die Sauna. Ihre Hütte war kleiner als unsere und schnell warm geworden.
In der Stube hing noch eine Wanduhr. Ich zog sie auf, damit sie tickte, rührte aber das Schlagwerk nicht an. In diesen Wäldern durfte kein Kuckuck rufen. Weder ein finnischer noch ein deutscher, und einen russischen hätten wir ohnehin nicht zugelassen. Das einzige Fenster der Hütte hatten wir mit einer Decke verhängt und auf dem Tisch zwei Kerzen angezündet.
Schweigend lauschten wir dem feinen Prasseln des Ofens. Auch die Holzscheite brannten leise. Die Wanduhr tickte und erinnerte uns daran, wie die Zeit Ruck um Ruck verging. Es war ein Fehler gewesen, die Uhr aufzuziehen.
Draußen ertönte das Pfeifen eines Bären. Die Bären lagen schon alle im Winterschlaf, aber der Feind aus den südlichen Steppen wusste das nicht. Wieder pfiff der Bär, jetzt einen Melodiefetzen aus einem Weihnachtslied. Wir brachen in Gelächter aus, als sich unsere Anspannung löste, und wenn auch mit Schuldgefühlen, lachten wir über unser Glück, das unsere kleine Hütte allmählich erfüllt hatte, als sie warm wurde und wir uns aus den Kleidern schälten. Ich wusste nicht mehr, wann ich zuletzt den Mantel ausgezogen hatte. Einmal im Monat in der Entlausungssauna, aber wann war das letzte Mal gewesen?
Bald klopfte es an der Tür, und der Weihnachtsmann trat in die Stube, den Mantel links herum und im Gesicht gekämmte Wolle als langer grauer Bart. Den Kopf zierte eine zottige Pelzmütze, und die Gestalt wirkte wie die Kreuzung eines vom Winterschlaf erwachten Bären mit dem Weihnachtsmann.
Wir gingen auf ihn zu und nahmen unsere Pakete in Empfang. Für dich war eines von deiner Tante Selma aus Berlin gekommen. Der Weihnachtsmann verließ das Haus, kam aber wieder zurück und brachte uns noch ein Paket. Ich nahm es entgegen. Es war warm. Esst, sagte der Winterbär und holte aus den Tiefen seines Mantels eine Flasche Kognak hervor. Und trinkt, fügte er hinzu und trat wieder hinaus in die Weihnachtsnacht.
Auch die Kameraden kamen in die Stube gepoltert, die Wangen von der Sauna gerötet, glühend vor Hoffnung, und machten große Augen. Sie hatten gesehen, wie der Weihnachtsmann auf seine Skier sprang und den leeren Schlitten zum Weg zurück zog.
«Fröhliche Weihnachten!»
«Lasst auch für uns etwas übrig», sagte ich. Wir nahmen die sauberen Sachen mit, die wir in den Paketen gefunden hatten, und die deutsche Seife, dann gingen wir hinaus in Kälte und Dunkelheit, der Wärme der Sauna entgegen.
Als wir zurückkehrten, hatten unsere Kameraden sich schon zum Schlafen in ihre eigene Hütte zurückgezogen, uns aber einen feinen Tisch hinterlassen, auf dem genau eine halbe Flasche Kognak stand.
Es war Weihnachten. Und wir hatten alles, was wir brauchten.
Ich legte Holz nach und ließ die Ofenklappe offen. Du zündetest die Kerzen an, schenktest uns ein, wandtest dich dann von mir ab und zogst dir das Hemd aus. Auf deinem Rücken, den ich gerade in der Sauna gewaschen hatte, loderte das Feuer des Ofens. Ich roch deine warme Haut. Deine Hand ertastete auf dem Tisch das Glas, ergriff es und führte es an die Lippen. Die Muskeln deines Rückens bewegten sich, deine Haut schimmerte matt. Du legtest den Kopf ein wenig zurück, leertest das Glas mit einem Zug und stelltest es zurück auf den Tisch.
Wieder spielten deine Rückenmuskeln. Deine Finger öffneten das Band der Unterhose, hielten einen Augenblick inne, bevor sie ihren Griff lösten, und ließen die Hose auf den Holzfußboden fallen.
Erneut machten sich deine Finger auf Wanderschaft über die Tischplatte und erreichten das andere Glas, meines, das volle. Sie ergriffen es mit leichter, sicherer Berührung und hoben es auf die Höhe deiner Brust. Du wandtest dich mir zu. Deine Hand streckte mir das Glas entgegen.
Ich konnte mich nicht rühren. Ich wollte dir entgegengehen, um dich zu berühren, aber ich konnte mich nicht losreißen von dem Anblick, der sich mir bot. Dein abgemagerter, starker, kantiger Körper. Deine Augen, dein männlicher gewordenes Kinn und deine geröteten Wangen. Deine Lippen, die, feucht vom Kognak, leicht geöffnet waren, die pulsierende Ader an deinem Hals, deine Schlüsselbeine und der Brustkorb, der sich im Takt deines Atems hob und senkte. Die kleinen Beeren deiner Brustwarzen, ungepflückt. Dein Bauch, die senkrechte Kartenmarkierung, die ihn teilte, der Pfad, den ich betreten wollte und der zu einem anderen Dickicht führte, das ich im Halbdunkel der Sauna nur erahnt hatte, nach dem ich mich gesehnt hatte, das ich aber unbeachtet lassen wollte, obwohl ich, als ich dich wusch, gern weitergegangen wäre, als wir es jemals getan hatten.
Ich konnte es nicht unbeachtet lassen. So gerade und fordernd pulsierte es in der Wärme und im Schein des Feuers. Es verlangte Aufmerksamkeit und vieles mehr, und das konnte ich ihm nicht verweigern. Ich wollte es nicht.
Ich wollte es.
Ich zog mir das Hemd aus. Ließ die Hose zu Boden gleiten. Du standest vor mir und tratst einen Schritt auf mich zu. Ich trat einen Schritt auf dich zu. Du machtest einen weiteren Schritt in meine Richtung, und ich nahm das Glas entgegen, das du mir hinhieltst, leerte es in einem Zug, es fiel mir aus der Hand zu Boden, polterte gegen das Holz, blieb aber heil.
Zuerst berührten sich unsere Geschlechtsorgane, dann berührten unsere Finger die Wangen, die Ohren, wanderten zu den Schultern und von dort zum Rücken und den Rücken hinab. Dann berührten sich deine und meine Brust, und ihre Beeren pflückten einander, unsere Lippen begegneten sich, unsere Zähne trafen aufeinander, und der Hunger machte uns gierig.
Wir kosteten das Blut, wir kosteten den Samen, aber immer von neuem standen wir auf und setzten den Kampf fort, siegend und uns ergebend, uns ergebend und erobernd, und wieder erobernd, bis unser schlimmster Hunger gestillt war. Dein Genuss war mein Schmerz, mein Genuss war dein Schmerz, und wir, unser Schmerz, unsere Sehnsucht und unser Genuss, wurden eins.
Wir aßen, in Decken gewickelt und auf den Holzbänken sitzend. Schweigend tranken wir jeder noch ein Glas, auf unseren Lippen das Lächeln von Verschwörern und das Wissen, dass wir die Grenze überschritten hatten.
Erst jetzt kamen wir darauf, die Tür zu verriegeln. Wir machten uns aus den Decken ein Nest in dem ausziehbaren Bett, löschten die Kerzen und schliefen eng umschlungen ein, dein bärtiges Kinn und deine aufgesprungenen Lippen an meiner Brust. Das Ticken der Kuckucksuhr verstummte, und endlich blieb die Zeit stehen.
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