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Fritz Geron Pernauhm

Drei Romane:


Ercole Tomei

Roman

Gebunden
176 Seiten
16,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-54-4

Leseprobe



Der junge Kurt

Roman

Gebunden
128 Seiten
14,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-55-1

Leseprobe



Die Infamen

Roman

Gebunden
256 Seiten
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-56-8

Leseprobe



Pressestimmen



Zwischen Riga und Rom

Guido Hermann Eckardt (1873-1951) zählte als Musiker und Journalist über Jahrzehnte zu den prägenden Gestalten des kulturellen Lebens in Riga. Zuvor hatten ihn Lehr- und Wanderjahre nach Berlin und München, nach Paris und Rom geführt. In dieser Lebensphase entstanden drei Romane, die er unter dem Pseudonym Fritz Geron Pernauhm veröffentlichte.

Ercole Tomei (1900)
Auf dem Gymnasium hatten sie sich lieben gelernt: der Musiker Ercole Tomei und der zuweilen pedantische Professor Gerhart Büchner. Nach Ercoles Heirat beschränkt sich Büchner auf die Rolle des guten Hausfreundes, doch seine Eifersucht erwacht, als Ercole neue Männerfreundschaften schließt.

Der junge Kurt (1904)
Hehrmeister, ein vielgereister Komponist, ist nach Riga zurückgekehrt, wo er den 17jährigen Kurt kennenlernt. Wie tief seine Gefühle für Kurt sind, wird ihm erst bewußt, nachdem er sich von dessen Mutter hat einfangen lassen. Vor der Verwirrung seiner Gefühle will er nach Paris fliehen - für Kurt ein doppelter Verrat, an dem er zerbricht.

Die Infamen (1906)
Der Roman schildert mit vielen Zeitbezügen die Anpassungsstrategien gutbürgerlicher Homosexueller Mitte des 19. Jhdts., die in Berlin in einer eigenen, geheimen Welt leben oder nur auf Auslandsreisen sich trauen, sie selbst zu sein. Richard, ein junger Musiker, will sich nicht mit "Glücksgefühlen von Katakombenbewohnern" zufrieden geben. Seine Offenheit kompromittiert auch seine Freunde.

 


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Pressestimmen

... muss festgehalten werden, dass alle drei Romane, die in ihrer Eindeutigkeit moderner sind als so mancher Roman heute, starke Plädoyers für homosexuelle Liebe sind. Noch ist den Schwulen dabei das gemeinsame Glück verwehrt, doch es gibt sie, und Pernauhm lässt sie ein deutliches Lebenszeichen inmitten der gutbürgerlichen Gesellschaft von sich geben.
Gudrun Hauer in Lambda


Leseproben

Ercole Tomei

In einer kleinen Stadt war es gewesen, Büchner, achtzehnjährig, Primaner, hatte die Ferien auf dem Lande bei seiner Mutter verbracht, nun begann das Semester wieder und er kehrte als Pensionär in das Haus seines Lehrers Rotström zurück.
Bei der Morgenandacht im Gymnasium fiel ihm einer von den neueingetretenen Schülern besonders auf. Keine merkwürdige Einzelheit fesselte seinen Blick zuerst, aber das Ganze. Dann als er genauer zusah, erschien Büchner Alles und Jedes an ihm höchst seltsam. Das blutjunge bräunliche Antlitz, ein keimendes fast nicht dunkleres Braun auf der reinen Haut ein kleines Stück über den Lippen, die nicht zu schlanke, beinahe ausgewachsene Gestalt, die Augenbrauen und die Augen selbst. Alles das ließ ihn ein unbekanntes Erstaunen empfinden, ebenso diese zierlichen, sonnverbrannten Hände, ungezwungen gefaltet, von den übermäßig breiten Stulpen bis über die Wurzel verdeckt. Eine grellfarbige, sehr ordentlich gebundene Kravatte leuchtete über den halben Saal und kam ihm recht geschmacklos vor, mißfiel im aber trotzdem keineswegs.
Der Knabe fühlte sogleich, daß man ihn beobachtete, und musterte Büchner nun seinerseits aufmerksam, sehr ernsthaft und ganz nachdenklich. Nach einer Minute wandte er sich ruhig und lauschte der Predigt von Neuem. Als das Gebet beendet war, winkte ihm der Rektor zu bleiben, während die andren Schüler den Saal verließen. Büchner wußte sich unauffällig in der Nähe zu halten und hörte den kleinen grauen Herrn fragen, mit einer gewissen Unzufriedenheit, beinahe vorwurfsvoll: "Sagen Sie doch, wie spricht man Ihren Namen aus - Tomei?"
"Ercole Tomei", ward er eilfertig und sicher beschieden. Am Nachmittage erkannte er ihn schon von Weitem; sie gingen gerade aufeinander zu, ihre Schritte verlangsamten sich ein wenig und als sie einander nahekamen, reichte Ercole die Hand zum Gruß entgegen, in die Büchner auch sogleich einschlug. Büchner fand im Augenblick nichts zu sagen, meinte außerdem, der Jüngere würde sich ihm vorstellen, wie das auf dem Gymnasium hier guter Brauch galt. Wie er also abwartend schwieg, löste Ercole seine Hand gemächlich aus der seinen, verlor im Übrigen kein Wort und zog seiner Straße geruhig weiter, ganz unbefangen, als wäre das anders gar nicht möglich und nun Alles in bester Ordnung. Büchner sah ihm erstaunt lächelnd nach, er bedauerte, daß ihre Begegnung so seltsam kurz ausgefallen war, es ging aber doch nicht wohl an, kehrt zu machen und ihm zu folgen. Am nächsten Morgen während der Andacht schien Ercole für nichts Auge zu haben, als für sein Gesangbuch und den Herrn Pastor.
Sonntags trafen sie sich am Fluß, an der Sturmaa. Es war heller Frühling, Sonnenschein überall im Gelände und auf dem Wasser, das Laub noch ganz jung und blaßgrün. Zuerst lief ihre Unterhaltung Gefahr, etwas langweilig und erzwungen zu bleiben und gar zu stocken, Ercole hatte eine ernste Miene aufgesetzt, er sah beinahe böse aus und antwortete karg und trocken, kaum blickte er auf. Dann aber ließ er seine Laune ganz plötzlich fahren, ward redselig und begann nun seinerseits den Andren ein wenig auszuholen, sowie ihn über allerhand absonderliche Gewohnheiten der Leute hier am Ort neugierig auszufragen. Jetzt schaute er Büchner unverwandt an, in seinen Augen glänzte eine unermüdliche Lebhaftigkeit.
Es fanden sich noch ein paar Schüler zu ihnen, unter denen einer ausgerüstet mit einer Angel und verschiedenen sonstigen Gerätschaften zum Fischfang, ein Klassenkamerad Ercole's, welcher übrigens seine gewichtige Haltung sogleich wieder annahm, wahrscheinlich um einen gewissen Eindruck auf Büchner zu machen. Die Schnur ward ausgeworfen, riß aber alsbald. "Sie ist eben nicht geklöppelt", meinte Ercole.
Darauf käme es in diesem Fall nicht an, erwiderte man.
"O doch, ganz entschieden - sehen Sie doch, Büchner", er wies auf den Rest der Schnur, "das ist doch nicht solide!"
Büchner verstand nichts von der Sache, prüfte jedoch dem Anschein nach sorgfältig und urteilte: "In der That - sehr wenig dauerhaft." Ercole war befriedigt. "Und damit wollen Sie Hechte fangen!" rief er geringschätzig.
"Aber das will ich ja garnicht", unterbrach ihn sein Kamerad etwas gekränkt.
"Aber man könnte es mit einer geklöppelten Schnur." -
"Ich hab' sehr gern geangelt - früher", begann Ercole auf dem Rückwege in die Stadt, als sie wieder allein waren.
"Und jetzt macht es Ihnen keine Freude mehr?"
"Das schon; aber ich habe meine Angel nicht da - zu Haus gelassen!"
"Aber giebt es denn hier keine zu kaufen?"
"O ja; ich hab' mich schon erkundigt. Aber sie sind mir zu theuer. Übrigens so besonders theuer sind sie ja nicht, es kommt eben darauf an, im Gegenteil, sogar recht billig", besann er sich auf einmal, musterte seinen Begleiter mit einem kurzen, lauernden Blick und guckte nun wieder ganz unschuldig vor sich hin. Büchner hatte wohl verstanden, kaum gelang es ihm ein Lächeln zu unterdrücken. Was das für ein Schlaufuchs war, dieser Jung!
Als sie sich trennten, fragte Ercole: "Kommen Sie morgen wieder zum Fluß?"
"Gewiß - ja, also zur selben Stunde."
Tags drauf nach der Schule überzählte Büchner seine Barschaft. Es würde reichen, nahm er an, wieviel konnte so etwas denn am Ende kosten. Er fand die Preise niedriger, als er vermutet hatte und wählte aus den vorgewiesenen Gerätschaften alsbald eine Angel im Schraubstock, die ihm recht gut gefiel, sowie eine größere Anzahl künstlicher Fliegen. Von den Schnüren ließ er sich mehrmals versichern, sie wären "geklöppelt" und zwar auf eine äußerst solide Art. Nun zog er mit seinem Einkauf an den Fluß, setzte sich und wartete. Es war Nachmittag, die Sonne stand noch hoch am wolkenlosen Himmel.
Ercole trat nach wenigen Minuten auf ihn zu, bemerkte die Angel sogleich, fragte aber nicht, wo sie herkäme, offenbar glaubte er, Büchner würde ihn aufklären. Als der aber den Unbefangenen spielte und von anderen Dingen zu reden begann, unterbrach er ihn: "Gehört das Ihnen?" und wies hin.
"Ach so - die Angel -" schien Büchner sich zu erinnern, "nein, die hab' ich für Sie gekauft."
Ercole that sehr verwundert. "Für mich? Aber - aber -"
"Oder ist es Ihnen unangenehm etwas von mir anzunehmen, weil wir uns erst seit gestern kennen?" Er brachte das absichtlich recht kleinlaut vor, wandte den Kopf, lugte aber verstohlen seitwärts.
Ercole stand da, ein wenig verlegen oder freute es ihn nur. Er sah zu Boden und sprach langsam: "Ach nein, eigentlich nicht." Dann hob er die Augen und fügte hinzu, etwas schlau und ganz überzeugt: "Wissen Sie, ich denk', das kann ja später noch kommen, daß man sich kennen lernt." Und er lachte, stützte seine beiden Hände auf Büchners Schultern, küßte ihn rasch und kurz auf den Mund und rief: "Also ich danke sehr." Am Abend sandte er noch einen kleinen Zettel in die Pension Rotström, um seine Dankbarkeit noch einmal zu versichern.
Nach ein paar Tagen fanden sie sich wieder allein am Fluß. Ercole hatte sich gebadet und stand da, nackt vom Scheitel bis zur Sohle, als Büchner auf ihn zutrat. Ob er so bleiben würde, mir zugekehrt, wenn er wüßte, wie er mir gefällt - dachte Büchner und starrte wortlos und verwundert auf den Körper im Sonnenlicht vor sich. Stiller Nachmittag ruhte über dem Ufergesträuch, bisweilen kräuselte ein jäher Windstoß den Wasserspiegel, dann sträubte sichs wie ein zartes Fell und huschte ringelnd gegen den Strom.
Sie plauderten. Ercole zog gemächlich Stück für Stück wieder an, nur Schuh und Strümpfe und sein Rock blieben liegen, er wäre so faul am heißen Tage.
Eine Weile strich so hin, dann rangen sie im Übermut. Büchner brachte seinen Gegner zu Fall, griff dann schnell zu und bog die Arme des Gestrauchelten links und rechts gerade auseinander, daß Ercole wie gekreuzigt im weichen Grase lag und kein Muskel mehr an ihm sich rührte. Büchner sah ihm ins Auge, ganz nahe, spürte seinen heißen, schnellen Atem und sog ihn tief ein, zusammen mit einem Dunsthauch frischen Wassers, den ihm der warme Körper entgegenstrahlte. Und er warf sich plötzlich auf ihn, sein Antlitz mit Küssen überdeckend, während Ercole die Hände im Nu über Büchners Rücken zusammenschlug und sie faltend ihn an sich preßte.
Nach ein paar Sekunden ließen sie von einander und standen eilfertig auf. Ercole brach das Schweigen ganz unbefangen. "Warum liebt man sich zuweilen auf einmal so?" fragte er. "Ich hab' das schon einmal mit einem andern gehabt, wir wollten auch sehen, wer stärker ist. Aber es war nicht so herrlich wie mit dir. Kanntest du so etwas schon?"
Büchner antwortete zögernd, lächelnd: "O ja - aber nicht oft. Es war auch niemals so wie mit dir - so -"
"Schön?"
Büchner nickte. Am liebsten wären sie sich gleich wieder in die Arme gefallen. Aber sie wußten nicht recht - wie denn eigentlich? Sollten sie noch einmal ganz von vorn anfangen? Mußten sie sich zuerst wieder herumbalgen?



Der junge Kurt


Nichts war selten an ihm und doch strömte etwas zu Hehrmeister, das ihn belebte und erfreute und er empfand die Befriedigung, etwas Schönes zu sehn. Die Schönheit des jungen Mannes war in Form und Wesen das Unfertige und dabei Starke, die Gesundheit, die jeden Atemzug einholte, die Kraft, die sich auswuchs, hineinwuchs in den Körper, in die Arme, in die derben Hände und in die Brust, die prall im vertragenen engen Rock saß.
Er schien nicht acht zu geben auf die Gespräche, die man führte. Ja, wenn man jung war, so hörte man nicht hin auf eine ziemlich oberflächliche Unterhaltung, sondern hing lieber seinen eigenen Gedanken nach. Und erst wenn über schwierige Materien geredet wurde, philosophische oder politische Fragen zur Erörterung kamen, dann erst merkte man auf. Nicht einmal, wenn ein Scherzwort fiel, lachte der junge Mann mit. Hehrmeister ward ungeduldig, er wollte das Antlitz doch endlich irgendwie belebt sehn. Um zu seinem Ziel zu kommen, stellte er im Gespräch mit Krusenstein wie in vollem Ernst eine ganz alberne, unsinnige Behauptung auf. Während die anderen lachten, betrachtete ihn Kurt gutmütig spöttisch, aber doch noch im Zweifel, wie das wohl gemeint sei.
Daß Kurt den Ausspruch wenigstens während einiger Augenblicke noch ernst zu nehmen versuchte, gefiel Hehrmeister. Damit verriet sich die Gewohnheit, nicht alles rasch abzutun und eine Ahnung davon, daß eine Wahrheit immerhin auch im dümmsten Zeug versteckt liegen könnte. Er wandte das Wort an Kurt. Es war offenbar etwas Neues, daß der junge Mann seine Meinungen in Gegenwart der Eltern auseinandersetzen durfte und er tat es nicht unbefangen. Vielleicht geschah es zum erstenmal, daß man ihn ausreden ließ. Er bemühte sich, seine Unsicherheit möglichst zu verbergen und sich in seinen Antworten sehr aufmerksam und auf die Hauptsache bedacht zu zeigen. Es ehrte ihn, wie man seine Einwände anhörte und sich bisweilen von ihnen überzeugen ließ. Auch als Frau Krusenstein lebhafter mitzureden begann, sorgte Hehrmeister dafür, daß Kurt nicht gänzlich aus der Unterhaltung ausfiel, sondern an den Gesprächen teilnahm, wenn auch schweigend. Er war geweckt und brütete nicht mehr gleichgiltig gegen alle Welt über seine Gedanken.
Krusenstein hatte das Gespräch zwischen seinem Sohn und Hehrmeister schweigend angehört und mehrmals zu seiner Frau hinüber gelächelt. Als sie von neuem lebhaft miteinander zu reden begannen, unterbrach er sie und rief: "Wißt ihr, es ist schon zu drollig, wie ihr euch unterhaltet. Ihr tut gerade, als hättet ihr euch eurer Lebtag nicht gesehn, so förmlich und steif bist du, Hehrmeister, und dabei hast du den Burschen schon gekannt, als er zehn Jahre alt war."
Er wandte sich zu Kurt: "So sage doch ›du‹ zu ihm und ›lieber Onkel‹ wie damals. Das ist doch natürlicher. Warum dem so feierlich tun?"
Nach einem Augenblick des Schweigens erwiderte Hehrmeister: "Nun ja gewiß, wir könnten auch ›du‹ zueinander sagen."
Die Unterbrechung kam ihm ungelegen, er sah zu Kurt hin. Der war etwas rot geworden und blickte nicht auf. Wahrscheinlich hatte er sich geärgert und war gekränkt. Der junge Mann mochte es seinerseits keineswegs drollig finden, daß man sich ernsthaft und förmlich mit ihm unterhielt. Ach ja, Krusenstein mit seiner Ungeschicklichkeit.
Sie nahmen das Gespräch wieder auf. Aber Kurt redete ihn nach wie vor mit ›Sie‹ an. Zuerst hätte man glauben können, es geschähe im Versehen, doch sehr bald bemerkte Hehrmeister, daß er es absichtlich tat, aus Trotz gegen den Vater.
Und so war das Unheil nicht mehr zu vermeiden. Krusenstein erboste sich, schalt ihn und befahl ihm schließlich, das Zimmer zu verlassen. Kurt hatte dem Vater mit keinem Wort geantwortet, erhob sich rasch und ging. Wenn er die Tür hinter sich auch nicht ungebührlich laut schloß, so klinkte er sie doch sehr bestimmt und kräftig zu.
Hehrmeister räusperte sich ärgerlich. "Es scheint mir, daß Pädagogik nicht gerade dein Fall ist, mein lieber Krusenstein," sagte er dann und trank ein volles Glas Rotwein sehr ungeniert und mit einem Zuge herunter. Darauf blickte er sie an. Und auch sie machte ihrem Gatten einige Vorhalte. Der aber wollte sich auf nichts weiter einlassen, murmelte irgend etwas von Flegeljahren und man wechselte das Gespräch.
Als Hehrmeister am Abend aufbrach, begleitete ihn Krusenstein, sie wollten noch ein Glas Wein miteinander trinken. Es war bitter kalt und noch kein Schnee gefallen. Durch die Allee jagte der Wind und wirbelte ihnen eisige Staubwolken entgegen, daß man die Augen oft schließen maßte und stehn bleiben und warten, bis man wieder einige Schritte weiter kam. Es sauste und krachte in den dürren Ästen und die Telephondrähte heulten ihren eintönigen Jammerlaut durch die Dunkelheit. Der Sturmwind schien einem die Haut vom Gesicht zu reißen. Schon seit Tagen hielt der Kaltfrost an und keine Flocke fiel.
Sie fanden keine Droschke und mußten den ziemlich weiten Weg zu Fuß zurücklegen. Miteinander reden konnten sie nicht, und als er sich im Pelz warm gegangen hatte, fing Hehrmeister an, seinen Gedanken nachzuhängen. Der Auftritt mit Kurt kam ihm wieder in den Sinn. Ja, wenn man jung ist. Auch ich würde nicht gehorcht haben und die Tür hätte ich genau so hinter mir zugeklinkt, so bestimmt und fest, dachte er. Er stellte sich die Zeit vor, als er selbst 17 Jahre alt gewesen war und wollte so erraten, wie es in Kurt aussah. Doch erinnerte er sich nicht ganz deutlich an seine Jugend, an seine damaligen Empfindungen und Gedankengänge. Das kam ihm sehr merkwürdig vor, deshalb, weil er gerade noch so viel wußte, daß er das Leben damals am ernsthaftesten genommen hatte. Seltsam, daß man trotzdem das meiste vergaß oder nicht mehr im rechten Licht sehn konnte. War denn so viel Großes gekommen, nachher? Nicht alles blasser geworden? Mit 17 Jahren kennt man auf der ganzen Welt keinen Spaß, jedes Ding nimmt man ernst und es hat nur eine Seite. Später sieht man kaum noch hin und läßt die Welt laufen, wie sie mag und fürchtet sich vor allem Krassen und tut so oder so doch nichts andres, als daß man seine Behaglichkeit anstrebt.



Die Infamen

- Ich muß was besprechen mit Euch, sagte Krah. Nachher lauf ich gleich wieder weg und davon.
Dubois kam aus dem Garderobezimmer. Er überzeugte sich mit einem Blick davon, daß die Herren in der Nebenstube seiner im Augenblick nicht bedurften und sich lebhaft unterhielten und trat dann sehr schnell auf Lorenz zu. Er sprach dringlich und leise: Hör mal, wir müssen einen kleinen Rat halten. Da ist etwas sehr Dummes passiert mit dem Friesendorf, dem Schafskopf. Weißt Du von ihm?
- Ich erinnere mich. Es ist ein Photograph.
- Aber nein, er ist Zahnarzt. Man hat ihn auf die Polizei geladen, zweimal, das zweite Mal ist er nicht gekommen.
Ein wenig erschrocken stellte Lorenz die Kaffeetasse, die er noch immer in der Hand gehalten hatte, vor sich auf den Tisch. - Fangen sie also doch wieder an, sagte er ärgerlich und schlug sich auf die Kniee. Fast ein halbes Jahr hatte ich von keinen Kollisionen gehört.
- Und jetzt ist Haftbefehl ergangen, erzählte Fritz Krah. Verstehe nicht, wie es möglich ist, daß Ihr noch nichts wißt, es stand ja in den Zeitungen. Ich war natürlich gleich gestern Abend da, kenne ihn ja ganz gut. Er weinte fürchterlich, drehte sich immerfort in die Runde und wollte natürlich nach Hannover ins Ausland abreisen und auf dem Molkenmarkt hat er sich bloß blamiert, anstatt grob zu werden. Im Augenblick hat er sich versteckt, ich weiß nicht, wo.
Es erfolgte ein kurzes Schweigen. Fedi betrachtete Herrn Krah. Er war nicht groß, von guter Gestalt, und hielt sich stramm aufrecht. Seinem derben Gesicht haftete ein einfacher, freundlicher Ausdruck an, namentlich wenn er den Mund schloß. Seine Augen. und das Offene in seinem Wesen nahmen für ihn ein.
- Ich meinesteils zweifle nicht im Geringsten daran, daß sie Haussuchung machen werden, sagte Dubois.
- Wie ist es denn überhaupt dazu gekommen? fragte der Rat verdrießlich.
Dubois brauste auf. - Er ist ein Idiot, dieser Friesendorf. Ein kompletter Cretin. Immer dieselbe Dummheit. Er schenkt einem Friseurlehrling eine goldene Uhr. Irgendwo am andern Ende der Stadt oder in Potsdam werden welche gestohlen. Dem Barbierherrn fällt es auf. Man treibt den Jungen in die Enge, und gleich in der ersten Aufregung erzählt er, daß sie ihm geschenkt ist und wer sie ihm geschenkt hat. Voilà tout.
Rat Lorenz steckte sich eine neue Zigarre in den Mund und meinte: Was können wir dabei tun. Abwarten und Kaffeetrinken.
- Aber Krah weiß ja, daß er verduftet ist, ohne das Geringste mitzunehmen oder zu vernichten, widersprach Dubois sehr lebhaft. - Du mußt wissen, was das für ein Mensch war. Ich kenne seine Wohnung aus der Zeit, als ich solche Bekanntschaften mehr kultivierte. Friesendorf hatte eine wahre Sammelwut. Alles was ihn und andere Leute kompromittieren konnte, speicherte er sorgfältig in seinen Schränken auf, Stammbücher, Locken, Briefe, Andenken. Denke an den Prozeß Malzan. Einem wollten sie an den Kragen und nach der Haussuchung wurden rund fünfundachtzig verhaftet.
- Das ist aber auch schon sehr lange her, sagte Lorenz. Allerdings weiß man ja nie so ganz genau, was für ein Wind in den höheren Regionen weht.
Dubois schwieg einen Augenblick, dann sagte er langsam, die Anrede betonend: Du kennst Dinkelbühl.
Lorenz sprang auf und tat ein paar Schritte. - Auf keinen Fall gehe ich zum Polizeidirektor. Er verheimlicht sich vollständig und sehr streng. Niemand ist wirklich sicher über ihn. Niemandem hat er sich decouvriert. Ich würde ja riskieren, die eigene Haut zu Markte zu tragen. Nee, Dubois, das geht nicht! Ich klopfe ihm lächelnd auf die Schulter, und er packt mich ebenfalls lächelnd am Kragen. Nettes Rencontre! Außerdem ist er ein sehr zugeknöpfter Mensch, ich unterhalte auch gar keine näheren Beziehungen zu ihm, habe ihn sogar mehrmals im Gespräch heftig geärgert. Dumm sieht er aus und hat eine blaue Nase. Bloß eine Stammtisch-Bekanntschaft.
- Aber wir müssen irgend etwas tun - entschuldige!
- Aber Du brauchst Dich garnicht zu entschuldigen, sagte Lorenz, offenbar gereizt darüber, daß man ihn drängte. - Ich befinde mich ja genau in derselben Situation wie Du.
Dubois wandte sich mit aufgeregter Vertraulichkeit an Fedi. - Sie müssen wissen, so etwas schiebt sich nämlich wie eine Lawine. Die Beziehungen können verfolgt werden auf Jahre zurück. Wenn eine größere Menge einvernommen wird, so ist gar nicht mehr zu berechnen, was alles zur Sprache kommt. Es ist wie ein Stein, der ins Wasser klatscht, und nun ist auf einmal ein Ring auf dem Spiegel und weitet sich und umfaßt immer mehr und schließt überall.
- Es wird wieder keine andere Möglichkeit geben, sagte Lorenz plötzlich.
Duboiss sah ihn rasch an. - Es ist das Beste, rief er schnell.
- Ich dachte auch gleich daran. Es kann ja sein, daß wir uns unnütz beunruhigen. Aber in dieser Lage des Lebens ist es stets mein Prinzip gewesen, alles, was möglich ist, zu tun, um sich zu decken. Es darf nichts versäumt werden. Wenn er die Sache in die Hand nimmt, dann ist sie tot. Das ist sicher. Außerdem helfen wir auch dem Friesendorf. Aber ich kann nicht gut fort im Augenblick.
Fedi erriet, daß sie über Jemanden sprachen, der eingeweiht war, aber dessen Namen man gleichwohl in seiner und Herrn Krahs Gegenwart nicht nennen wollte. In der Tat machte Fritz Krah sein überaus neugieriges, erwartungsvolles Gesicht, verhielt sich mäuschenstill und lauschte mit großen braunen Augen. Zu fragen wagte er offenbar nicht. Doch kein Name fiel.
- Ich muß für alle Fälle orientiert sein, sagte Lorenz. Wie heißt er mit Vornamen? Johann? Gut. Und Photograph?
- Nein doch, rief Dubois ungeduldig. Warum soll er denn Photograph sein? Zahnarzt! Ich sagte es doch schon zehnmal.

 
 


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