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Das Krachen im Kopf: Die Tragödie einer unmöglichen Begierde.
Foelske konfrontiert den Leser mit dem reinen Grauen, dem abscheulich Außergewöhnlichen, wie es nach Hugo von Hofmannsthal kein deutscher Autor mehr darzustellen gewagt hat. Liebe und Tod gehen eine schlimme Verbindung ein: der Tod nicht als Folge, sondern als Bedingung der Liebe. "Eiszeit" beschwört die Schattenseite der Zivilisation - die Geschichte des verzweifelten Mörders Rosko berührt meisterhaft elementare Bedingungen der menschlichen Existenz.
Das Leben Immanuel Roskos steht unter dem Einfluss eines schlimmen Geheimnisses: Nur durch das Ausleben immer brutalerer Gewaltphantasien kann er seine psychologische Impotenz überwinden, doch seine moralischen Werte verbieten es ihm, diesen Weg zu gehen. Als vermögender Müßiggänger versucht er, sich durch die Überflutung mit Kunsterlebnissen aller Art zu betäuben, doch mit zunehmendem Alter wird der Druck immer gewaltiger. Dann begegnet er dem skrupellosen Hermann Peitz, und sein Schutzpanzer zerbricht. Die Verwirklichung seiner Wünsche führt ihn in den Wahnsinn.
>Foelske stellt sein langjähriges Kernthema, die Verbindung von Impotenz und Gewalt, in das Zentrum seines neuen Romans, und gibt dem Leser damit schwer verdauliche Kost. Andererseits lässt er die Geschichte seines dunklen Helden Rosko von dessen Freund Maximilian Flaut berichten, ein Kunstgriff, den er Thomas Manns "Dr. Faustus" entliehen hat, und schafft so eine Vermittlungsinstanz, die den Leser behutsam in die Abgründe der Handlung hineinführt. "Eiszeit" ist so schaurig wie großartig, ohne Zweifel das Meisterwerk des Autors.
Wer dieses Buch zu Ende gelesen hat, hat Ausweglosigkeit mit beklemmender Intensität neu erfahren.
Siegfried Straßner in Nürnberger Schwulenpost Februar 2002
Man sollte den Titel dieses Buchs wörtlich nehmen. Wer es liest, beginnt zu frösteln. ... Auf den ersten Blick könnte man denken, Foelske seziere einen Sadisten, aber Rosko ist zu vielschichtig, um ihn mit einer Formel erfassen zu können. ... Ein großartiger, beklemmender Roman eines Schriftstellers, der seine Klasse nicht zum ersten Mal unter Beweis stellt.
aK, 1/2002
Im Vergleich etwa zu den drogenschweren Schlachtfesten des US-Amerikaners Dennis Cooper, dessen Texte vor dem Schrecklichen nicht Halt machen, wirkt Foelskes Roman nahezu keusch. Der Autor, zumindest aber der Erzähler Flaut macht den Eindruck, befangen zu sein in seiner Fassungslosigkeit. Die atemlosen Textschleifen scheinen in höchster Not nach der Lücke zu suchen, nach dem Ausweg, dass es nicht so kommen möge, wie es schließlich doch kommt. ... Dem Schriftsteller Walter Foelske ist ein Buch gelungen, das etwas Unbequemes und Seltenes wagt, indem es sich dem eitlen Tagesgeschäft völlig verweigert und einen Zugang sucht zur maßlosen, endgültigen Finsternis, die uns ebenso ausmacht wie die Liebe und das Licht.
Michael Sollorz in Hinnerk, Dezember 2001
Die plötzliche Verwirklichung seiner Wunschträume führt ihn in den Wahnsinn ... Gay-Network, November 2001
Keine leicht verdauliche Kost, die uns der Autor vorsetzt.
Adam November 2001
Mit beklemmender Eindringlichkeit beschreibt der Autor eine Spirale der fatalen Verbindung von Gewalt, Liebe und Versagen. Sprachlich virtuos drängen sich Wortkaskaden in der Darstellung eines abgründigen Sujets. Schockierend, kaum erträglich.
Hamburg.gay-web.de
Der Schock war groß. Das Kuvert trug den Absender meines Freundes Rosko. Ich reiße es auf und finde Brief und Schlüssel. Gleich spüre ich Drohung und Gefahr. Also packe ich Hals über Kopf meinen Koffer und mache mich vom Bayerischen, wo ich dieses Jugendlager zwar nicht geleitet, im Jugendlager als Betreuer und stellvertretender Leiter aber eine wichtige Position innegehabt habe, per Bahn auf den Weg zurück nach Köln. Während der fünfstündigen Fahrt habe ich mich unentwegt mit der Botschaft meines Freundes Rosko beziehungsweise dem der Botschaft beigepackten Schlüssel beschäftigen müssen, sodass ich von den Mitreisenden in meinem Abteil und der vorüberjagenden Landschaft vor dem Abteilfenster nichts mitbekommen habe, gestresst und von bösen Ahnungen geplagt, wie ich gewesen bin. Die Botschaft ist kurz und, auf den ersten Blick, völlig unverständlich gewesen: Hab ein Auge aufs Haus. Achte darauf, dass Rustenhager es nicht plündert. Löse den Haushalt auf und verkaufe das Haus, wenn, während einer angemessenen Frist, keiner von uns sich zurückgemeldet hat. Hinzugekommen ist, dass an diesem verhängnisvollen 24. März, da Brief und Schlüssel mich erreicht hatten, die Nato mit ihrem Bombardement auf Belgrad begonnen hatte, ich also kopflos nicht nur wegen Rosko und den mit Rosko zusammenhängenden Problemen gewesen bin, sondern auch noch das Pfeifen der Bomben und die Schreckens- beziehungsweise Todesschreie der Bombardierten im Ohr gehabt habe. Kaum am Kölner Hauptbahnhof angelandet, habe ich ein Taxi genommen und mich, den Fahrer zur Eile antreibend, nicht in die Bartholdistraße zu meiner Wohnung, sondern direkt in die Kupfergasse vor das Roskosche Haus fahren lassen, bin dort aus dem Taxi und im Sturmschritt, wie man sagt, in das Roskosche Haus hinein. Auf den ersten Blick ist alles wie immer gewesen, nur der Geruch, der mich gleich beim Eintritt ins Haus überfallen hat und der, je tiefer ich vorgedrungen bin, zu einer Art Faulgestank angeschwollen ist, hat mich schon in der Diele das Schlimmste befürchten lassen, was sich dann auch, als ich die Tür zum Wohnzimmer aufgestoßen und ins Wohnzimmer hinein bin, aufs Grässlichste bestätigt hat, insofern, als ich nicht nur die Fische in ihrem Becken und die beiden Kanarienvögel in ihrem Käfig, sondern auch Fritz, den von Rosko, besonders aber von Roskos Frau heiß geliebten, wie ein Kind geliebten Kater tot und, wie ich augenblicklich gewusst habe, verhungert, in diesem Wohnzimmer aufgefunden habe. Die Fische sind, Bauch nach oben, reglos im grünlichverschlammten Wasser gestanden, die beiden Vögel, Hansi und Racker, haben mit gesträubten Federn, die ihre kleinen rosigen Leiber ekelhaft nackt haben durchschimmern lassen, an den Gitterstäben des Käfigs geklebt, und Fritz, das blonde verschmuste Kind, hat schrecklich verzerrt und mit Kot beschmiert auf einem der brokatenen Sessel gehockt, den er, wie alle übrigen Polstermöbel auch, im Todeskampf und -krampf mit seinen Krallen und Zähnen zerkratzt und zerbissen hat. Gleich habe ich Roskos Brief aus meiner Jacke gewühlt und, was ich bislang unbegreiflicherweise außer Acht gelassen hatte, die Daten auf Briefbogen und Kuvert verglichen. Und tatsächlich: Der Brief, noch in Köln geschrieben, ist mit dem Datum 9. März, das Kuvert aber mit dem Stempelaufdruck 23. März versehen gewesen, dazu mit einer Postleitzahl, von der ich nur die Anfangsziffern, 54, habe enträtseln können. Richtig mag also sein, dass Rosko die Karte am 9. März in Köln geschrieben, sich dann, wahrscheinlich mit David, in der Umgebung von Köln verkrümelt und den Brief erst dort, also vierzehn Tage nachdem er ihn geschrieben, eingeworfen hat, sodass er mir erst am 24. März in die Hände gekommen ist und ich deshalb nicht früher als am 25. März im Roskoschen Haus mit den verhungerten Tieren habe eintreffen beziehungsweise eingreifen können. Seit drei Wochen also - heute ist der 14. April, und Natobomber oder jugoslawische Hubschrauber haben diesen albanischen Flüchtlingstreck im Kosovo beschossen - seit drei Wochen sitze ich hier fest und warte auf ein Lebenszeichen von Rosko, bis heute vergebens. Natürlich bin ich, mit dröhnendem Kopf und schweißnass, erst beim Becken, dann beim Käfig, dann bei dem blonden Kind gestanden, das ich zuletzt, kniend zu seinen Häupten, wie man zu sagen pflegt, mit zitternden Händen betastet und mich, mit dem Finger in seinem aufgesperrten Maul, bis in sein Innerstes vorgewühlt habe, ehe mir Rustenhager, der von Rosko in seinem Brief ausdrücklich erwähnte Bruder seiner Frau eingefallen ist, dessen ich dann auch augenblicklich versucht habe habhaft zu werden, anfangs allerdings ohne Erfolg. Das ist jetzt, wie gesagt, drei Wochen her. Seitdem sitze ich vor dem Fernseher und verfolge den Krieg auf dem Balkan. Wahr ist, dass ich mich dabei öde. Mich ödet das leere Geschwätz, die leere Bilderflut, das Vakuum in meinem Kopf, wenn ich mich zum Mitleiden aufgerufen fühle und doch auf Befehl nicht mitleiden kann. Ein kleiner Junge ist vorhin auf der Deichsel eines Pferdefuhrwerks gesessen und hat um seine hingemetzelte Familie geweint. Wahrscheinlich ist, dass die Nato behaupten wird, nicht sie, sondern die jugoslawischen Mördertrupps seien die Schlächter der Eltern und Geschwister des Kleinen. Wahrscheinlich ist aber auch, dass Rosko in diesem Fall ohne jeden Hintergedanken helfen würde und möglicherweise, als anonymer Pate des Elternlosen, tatsächlich in diesem Augenblick mit einer ansehnlichen Spende schon hilft, ist er doch für Jungen dieses zarten Alters ganz nur Hüter und Beschützer einer Unschuld, die ihm, wie gesagt wird, das Herz im Leibe zerreißt.
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