Adolf Wilbrandt
Fridolins heimliche Ehe
Erzählung
mit einem Nachwort von James Steakley und Wolfram Setz
Bibliothek rosa Winkel Bd. 52
Kartoniert
224 Seiten,
14,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-52 - 0
Pressestimmen
Leseprobe
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Nordpol der Männlichkeit - Südpol der Weiblichkeit
Fridolin ist ein beliebter Professor in den besten Jahren, "ein Mann wie Graf Egmont". Außer der Haushälterin bevölkern seine Leibschwaben die Wohnung, vier lebhafte Studenten, die regelmäßig zum Essen kommen. In diese Männerwelt tritt Ottilie ein, und sie bringt die Herzen in Wallung. Auch Fridolin ist verliebt, aber seine Konstitution verbietet ihm die Ehe: in ihm sind beide Geschlechter je zur Hälfte vertreten, und jede dieser Hälften sucht ihr Gegenüber. So verzichtet er auf Ottilie, wird dafür jedoch mit einer unverhofften Begegnung belohnt.
Der Rostocker Adolf Wilbrandt (1837-1911) war ein überaus produktiver Romancier und Dramatiker, zeitweilig sogar Direktor des Wiener Burgtheaters. In diesem Porträt eines Freundes lässt er sich auf erstaunlich unbefangene Weise auf ein heikles Thema ein, noch bevor die ersten theoretischen Schriften zum "Dritten Geschlecht" veröffentlicht wurden.
Langtext
Die Liebe der Zwischenmenschen
Adolf Wilbrandts Roman "Fridolins heimliche Ehe" (1875)
Bis zum Siegeszug der modernen Psychologie und Medizin wurde das Geschlecht als eine Erscheinungsform des Menschen angesehen, die auch anders hätte ausfallen können. Von Shakespeare über C.F. Meyer bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Literatur diesen Umstand immer wieder aufgegriffen und von Menschen erzählt, die sich zunächst in eine Person des falschen Geschlechts verlieben, bis sich schließlich herausstellt, dass diese Person nur verkleidet ist oder zumindest ein Zwillingsgeschwister hat, so dass man sich ans richtige Ufer retten kann.
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Bei Shakespeare gibt es die wundervolle Sonettzeile, Natur habe den Geliebten unbrauchbar gemacht "by adding one thing to my purpose nothing". Die Liebe hindert das nicht, wohl aber ihren körperlichen Vollzug. In "The Twelfth Night or What you will" verlieben sich ein Mann und eine Frau gleichzeitig in den schönen Cesario, der jedoch leider eine verkleidete Frau ist. Glücklicherweise hat diese Olivia in Sebastian einen Zwillingsbruder, sodass Herzog und Gräfin je eine Spielart dieses liebenswerten Menschen abgekommen - wobei die Liebe der Gräfin ganz maßgeblich von der charakterlichen Weiblichkeit "Cesarios" entzündet wurde, weshalb sie hofft, Teile davon auch bei Sebastian vorzufinden.
Liebe kann sich nur auf das komplementäre Geschlecht richten, dieser Glaube war auch durch gelegentliche Ausnahmefälle nicht zu erschüttern. Aber was ist komplementär? Wilbrandt ist seiner Zeit weit voraus, indem er seinen Helden Fridolin die These vertreten lässt, die Menschheit sei auf einer stufenlosen Skala von "100% männlich" und "100% weiblich" angeordnet, jedes Mischungsverhältnis sei möglich und trete auch auf. Er selbst befinde sich genau in der Mitte dieser Skala, und das schaffe ein praktisches Problem: wenn sich seine weibliche Hälfte in einen Mann verliebe, bleibe die männliche Hälfte unbefriedigt, und umgekehrt. Die Ehe mit "richtigen" Männern oder Frauen ist ihm deshalb nicht möglicht. Da erscheint als rettender Engel der Bruder seiner geliebten Freundin, und dieser junge Mann ist genau wie Fridolin halb Mann und halb Frau, so dass jede Hälfte beim andern ihr Komplement findet. Das Happy End ist gesichert.
Natürlich nimmt Wilbrandt mit diesem Bild der zwei Hälften auf die berühmte Rede des Aristophanes auf dem Symposion des Sokrates Bezug. Während die Halbkugeln des Aristophanes ihre verlorene Hälfte suchen, die männliche Hälfte die männliche, die weibliche die weibliche und die gemischtgeschlechtliche die gemischte, stellt Wilbrandt dieser "homo-philie" die "allo-philie" gegenüber, heute besser bekannt als "Heterophilie", auch wenn dieses Wort den Sachverhalt weniger genau trifft. Man liebt nicht das verlorene Gleiche, sondern das Andere. Damit rückt er die antike Vorstellung zurecht, nach der ja zwei Drittel der Kugelmenschen schwul bzw. lesbisch wären, und stuft die bei Aristophanes den Heterosexuellen bescheinigte, etwas anrüchige Halbmännlich- und Halbweiblichkeit zu einer Ausnahme herab, die nur von wenigen Zwischenmenschen gelebt wird, denen sie dazu verhilft, für jede Hälfte ihres Wesens eine heterosexuelle Paarung zu verwirklichen. Denn die heimliche Ehe mit sich selbst, die diesen Zwischenmenschen grundsätzlich ebenfalls möglich wäre, ist nun einmal keine befriedigende Lösung.
Wilbrandt legt hier ein Geschlechtsmodell vor, das alle Spielarten der Orientierung als heterosexuell beschreiben kann, indem es für jeden das passende Gegenstück einschließt. Abgesehen davon, dass es leider rein spekulativ ist, ist dieses Modell allen später entwickelten Theorien durch seine große Einfachheit überlegen. Wo z.B. Ullrichs mit Dioningen und Urningen herumbastelt, kommt Wilbrandt mit seinem schlichten Stufenmodell zum gleichen Ergebnis.
Leider fand Wilbrandts Roman nur wenig Beachtung. Mag das daran gelegen haben, dass seine frisch in den Raum gestellte These viel zu plausibel war, um sie als literarische Spielerei abtun zu können? Dafür spricht, dass andere, weit konstruiertere Umgehungen des Verbots gleichgeschlechtlicher Liebe sehr viel freundlicher aufgenommen wurden. Fünfzehn Jahre vor "Fridolins heimliche Ehe" schrieb Leopold von Sacher-Masoch den Briefroman "Die Liebe des Plato". Hier haben wir es mit einem jungen Adligen zu tun, der keine Frauen lieben kann, weil sie unweigerlich die platonische Liebe durch Körperlichkeiten verunreinigen. Der Held gerät jedoch an eine Frau, die sich so leicht nicht abwimmeln lässt, sondern kurzerhand als ihr eigener Bruder die Szene betritt. Der Portugiese Mario de Sa Carneiro geht 1914 noch einen Schritt weiter und lässt den verschmähten Geliebten das Trugbild eines weiblichen Doubles erschaffen, damit der Freund ihn in ihrer Gestalt lieben kann. Bei dem Versuch, diese so geschaffene Nebenbuhlerin schließlich wieder aus dem Weg zu schaffen, ersticht er mit dem Double zugleich sich selbst, womit wieder einmal der wesensmäßige Zusammenhang der männlichen und der weiblichen Form bewiesen wird, den Wilbrandt schon früher auf so viel unblutigere Weise hergestellt hatte. Sa Carneiros Variante ist sicherlich von Wildes "Bildnis des Dorian Gray" inspiriert, das wenige Jahre zuvor erschienen war. Das ist reiner Firlefanz, wie schon C. F. Meyers Novelle "Gustav Adolfs Page", in der der Schwedenkönig sich in ein als Jungen verkleidetes Mädchen verliebt und sehr erleichtert ist, als sich die Täuschung herausstellt. Die Absicht, mit dem Verbotenen zu spielen, und dann, wenn es heikel wird, schnell wieder den Schwanz einzuziehen, ist allzu offensichtlich, aber genau dieses verlogene Spiel scheint das Erfolgsrezept gewesen zu sein, das Wilbrandt nicht befolgt hat. Glücklicherweise.
Ein heiteres und erstaunlich offenes Verwirrspiel.
Siegessäule
Storys wie diese dienen noch heute als Stoff für Komödien, hier also das Original aus der Frühgeschichte der schwulen Literatur.
Adam
Prosa wider das Selbstverständliche. Eine Entdeckung.
Männer
Schönes, etwas geschwätziges Zeugnis früher, "schwuler" Literatur.
Rolf G. Klaiber in Leo
So unproblematisch-banal wurde mannmännliche Liebe zuvor sicher niemals dargestellt. Und über die Leichtigkeit bei einem so schweren Thema staunten wohl die KritikerInnen anno dazumal nicht weniger als die heutigen LeserInnen.
Martin Weber in Lambda-Nachrichten
"Fasse dich, Leo. Es handelt sich um eine jener heimlichen Ehen, die sich vor den Augen der Menschen ereignen, ohne daß sie sie sehn. Um eine Naturerscheinung. Um eine psychologische Tatsache!"
Leopold konnte nicht umhin, seine Augen noch weiter als vorhin zu öffnen. Fridolin freute sich dieser Wirkung. Er zündete sich dann, seine Überlegenheit genießend, mit behaglicher Ruhe eine Zigarre an, ohne zu sprechen. Es war hier windstille Luft. Er blies den Rauch kunstvoll in untadelhaften blauen Ringen nach oben, wo sie langsam verschwebten, bis er endlich fortfuhr: "Du erwartest schweigend, wie ein Philosoph, was ich zur Erläuterung dieses Satzes sagen werde. Darin erkenn' ich dich. Darin gefällst du mir. Ich will dich zum Dank dafür mit jenem zu Tode zitierten Worte Hamlets von den ›Dingen im Himmel und auf Erden‹ und von der ›sich nichts träumen lassenden Schulweisheit‹ verschonen; obwohl es mein Vorrecht ist, dein Dasein durch klassische Zitate zu schmücken. Und nachdem ich dich nun lange genug auf dem Stuhl der Erwartung habe sitzen lassen, werde ich, der Kunstprofessor, dir, dem Naturforscher, ein Geheimnis der Natur enthüllen, mein Sohn."
"Ich höre!"
"Gut. Du hörst. Ich rede. Was unterscheidet die Kunst von der Natur? Daß die Kunst das in sich Abgeschlossene, ewig Fertige, die Natur das ewig Werdende und Vergehende, ewig Unfertige ist. Die Kunst duldet keine Grenzenlosigkeit, die Natur keine Grenze. Nehmen wir an, die Natur hätte - als ihr höchstes irdisches Gebilde - den Menschen hervorgebracht. Hat sie ihn als eine abgeschlossene, fertige Einheit hervorgebracht? Nein. In ebenso vielen Formen und Farben, als es Individuen gibt. Der törichte Laie sagt: sie hat den weißen, den schwarzen, den roten Menschen geschaffen. Die höheren Intelligenzen - du und ich - wir sagen: es gibt nicht den weißen, den schwarzen und den roten Menschen, sondern es gibt alles, was es geben kann; vom weißesten Weiß durch alle Möglichkeiten der Verdunklung bis zum schwärzesten Schwarz. Es fehlt kein Übergang, es fehlt keine Verbindung. Könnte man alle Menschen dieser Erde in einer Reihe nebeneinander stellen, nach ihrer Hautfarbe geordnet, vom hellsten Albino bis zum verfinstertsten Neger, so würde jener törichte Laie trotz aller Mühe nirgends eine Grenze finden, wo die eine Farbe aufhört und die andere beginnt. Er würde ganz vergebens eine Lücke suchen. Oder wenn er endlich den Triumph erlebte, zwischen zwei Menschen die sie verschmelzende kleine Schattierung zu vermissen, so würde ihm der Weltgeist auf die Schulter klopfen und sagen: ›Mein Sohn, stelle du dich zwischen diese beiden Menschen; denn diese Schattierung bist du.‹"
Leopold mußte lachen.
"Lachst du," fragte Fridolin, "über meine Darstellung oder über die Sache? Gibst du die Richtigkeit meines Satzes zu?"
"Ich bin entschlossen, sie zuzugeben, Fridolin," antwortete Leopold.
"Gut. Du bist entschlossen. Wie hat diese selbe Natur es mit diesem selben Menschen in Hinsicht seines Geschlechts gemacht? Fragen wir den törichten Laien! Der törichte Laie - der ewig törichte - antwortet: Die Natur schuf den Mann und schuf die Frau; und weiter nichts. Fragen wir ihn weiter: Und es ist also jeder Mann einfach ein rechter Mann, jede Frau einfach eine rechte Frau? Wenn du die Menschen deiner Bekanntschaft auf ihre geistige Beschaffenheit, auf ihr Gemüt, auf ihren Charakter ansiehst, findest du, mein Lieber, daß jeder Mann durchaus männlich, jedes Weib durchaus weiblich geartet ist? Oder findest du, daß es hier sonderbare Abweichungen und Ausnahmen gibt? - Er nickt. - Wenige? Viele? - Er nickt. - Sanfte, starke, ungeheuerliche? Mannweiber? Weibmänner? - Er nickt. Es gibt alles. Er nickt, notgedrungen, zu allem! - Nun, mein törichter Laie, so laß uns höhere Intelligenzen dir sagen, daß diese sogenannten ›Abweichungen‹ und ›Ausnahmen‹ auch hier nur die unzähligen Übergänge, Zwischenglieder der grenzenlosen Natur sind; daß sie auch hier keine Grenze, keine Lücke kennt. Wir werden dir abermals alle Menschen der Erde nebeneinander stellen, diesmal nach den seelischen Eigenschaften des Geschlechts, vom Nordpol der Männlichkeit bis zum Südpol der Weiblichkeit geordnet; und wenn dann der Weltgeist die Gewogenheit hat, dir auf einen Augenblick seinen alles durchdringenden Weltblick zu leihen, so wirst du zur Beschämung deines blöden Geistes wahrnehmen, daß vom männlichsten Mann bis zum weiblichsten Weib keine Schattierung, keine Möglichkeit fehlt. Daß es unter anderm in der Mitte dieser langen Reihe sehr merkwürdige Wesen - sagen wir nicht ›Ausnahmen‹, sondern ›Übergangsmenschen‹ - gibt, die, was ihre liebe Seele betrifft, ungefähr ebensoviel vom Manne wie vom Weibe haben; die männlichen Verstand haben und weibliches Empfinden - oder weiblichen Geist und männlichen Charakter - oder alles aus Männlichem und Weiblichem gemischt. Die daher ihre Ergänzung - da ja jedes Geschlecht nach seiner geistigen Ergänzung strebt - sowohl nach rechts als nach links, sowohl beim Manne als beim Weibe suchen; deren seelische Magnetnadel bald nach dem Nordpol der Männlichkeit, bald nach dem Südpol des Weiblichen zeigt. Die man" (Fridolin seufzte) - "die man leider tragische Erscheinungen nennen muß: denn sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sucht den Mann. Die andere Hälfte nicht; sie hat den Mann in sich selbst. Suchen sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe."
"Das ist die heimliche Ehe, von der ich dir sagte," setzte Fridolin nach einer Pause hinzu.
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