Ein junger Held
Scot lebt bei Sam und Ed, zwei Schwulen, die kaum damit gerechnet haben, sich eines Tages um ein Kind kümmern zu müssen, noch dazu um ein Kind wie Scot. Denn der zeigt Vorlieben, die eher zu einem Mädchen passen würden: Make-up, Parfüm und singende Haarbürsten. Auch wenn er sie mit seinem Verhalten oft in den Wahnsinn treibt, erkennen Sam und Ed an seinen Problemen, wie sehr sie selbst sich längst der Umgebung angepasst haben, und sie nehmen zusammen mit Scot den Kampf um die Selbstbehauptung auf.
Frühstück mit Scot, 2007 von Larie Lynd wundervoll verfilmt, ist alles andere als ein Kinderbuch. Der Autor erzählt vom scheinbar idyllischen Leben der weißen Mittelschicht in Neuengland. Nachbarn, Freunde, Lehrer, alle müssen sich in der Auseinandersetzung mit Scot bewähren.
"So klein er auch war, und so hoch die Räume waren, Scot hatte es doch geschafft, die Temperatur zum Kochen zu bringen. Das ist sein Talent, er ist ein Katalysator."
"Ein Kind ist wie eine offene Wunde - man wird ständig darauf angesprochen." Eddie, der Ich-Erzähler des Romans, liebt es, solche Weisheiten zu verbreiten, aber solange sie so schön formuliert sind, nimmt man ihm das nicht übel. Und natürlich hat er recht. Wer ein Kind hat, kommt mit jedem ins Gespräch, und damit kommen wir zur zweiten Dimension dieses Romans, einem Panoptikum unterschiedlichster Gestalten jeden Alters und Geschlechts, die warum auch immer mit Ed, Sam und Scot zu tun bekommen.
Da sind zunächst einmal ein paar Schulfreunde, der dicke schwule Joey, die ständig kotzende Carla und Anton, der Tabletten schlucken muss, um nicht durchzudrehen. Im Grunde natürlich ganz normale Kinder, aber nun einmal Figuren, die in der Literatur selten anzutreffen sind, weshalb es viel Freude macht zu sehen, wie liebevoll der Autor jeden von ihnen beschreibt. Andererseits gibt es noch die Rowdis von gegenüber, Toni und Ryan Burlington, und Hank, den kleinen Sohn der Nachbarn, den Scot als Partner seiner Cheerleader-Proben missbraucht.
Als Erwachsene ist da zunächst einmal Eddies Arbeitskollegin und beste Freundin Nula zu nennen, die aussieht, als liefe sie in den Sachen ihres Vaters herum, vorausgesetzt, ihr Vater wäre Ludwig XIV. Dann der Freund von Scots Mutter und Bruder von Eddies Freund Sam, der Möchtegern-Latino Billy, ein Regierungsbeamter mit einem Tick für Lateinamerika, der meint, die unterdrückten Völker befreien zu müssen, aber über die Cocktailparties der Botschaft nicht hinauskommt. Erst will er Scot loswerden, dann will er ihn wiederhaben, er kriegt sein Leben nicht in den Griff und ist ebenfalls eine gehörige Herausforderung für seine Umwelt.
Unter den Nachbarn sind Joan und Greg zu nennen, gute Freunde von Eddie und Sam, die selbst ein kleines Kind haben und noch eins bekommen. Sie kriegen Angst, dass Scot schlechter Einfluss für ihren Sohn ist, aber obwohl sie einerseits voller antischwuler Vorurteile stecken, bleiben sie enge Freunde und schaffen es, dieses Problem auszuhalten, evtl. eine sehr amerikanische Fähigkeit.
Mildred auf der anderen Seite ist eine resolute Frau, die Scot gewissermaße als seine Oma oder weibliche Bezugsperson adoptiert hat. Sie ist bodenständig und ihr ist nichts menschliches Fremd, als Scot wegen des Tragens von Nylonstrümpfen aus der Schule nach hause geschickt wird, nimmt sie das ganz gelassen und schickt ihn erst einmal zur Gartenarbeit. Schlimm dagegen Andrea Burlington von gegenüber, die nur mit einer Atemschutzmaske das Haus verlässt, und so weiter.
Und natürlich außerdem und vor allem Scot. Niemand weiß, woher all die ungewöhnlichen Verhaltensweisen und Vorlieben stammen, aber er verfolgt sie unerbittlich und mit der größten Selbstverständlichkeit. So hat er z.B. von einer netten alten Frau ein Bettelarmband vererbt bekommen, das sind diese Armbänder mit vielen kleinen Anhängern, und weil er sich denkt, dass außer ihm jedermann die Frau vergessen hat, trägt er das Armband, auch wenn er weiß, dass seine Mitschüler ihn deshalb schikanieren werden. Das ist er schließlich gewöhnt, das schreckt ihn nicht ab. Zwar bringt er jede normale Situation durch unerwartete Reaktionen zum Explodieren, aber dafür haben dann alle etwas dazugelernt, was Vorurteile und Ängste betrifft.
Das alles wird sehr lebendig und gefühlvoll erzählt. Ed, der Ich-Erzähler, ist ein Typ von geistreichem Plauderer, wie wir es in Deutschland kaum kennen - mir fällt allenfalls von der Lippe ein, als heterosexuelle Variante. Er liebt die Rhetorik und die verblüffende Formulierung, und dadurch bekommt die Geschichte genau das Maß an Power und Witz, das das Lesen - abgesehen von der rundum klugen Geschichte -zu einem großen Vergnügen macht.
Über den Autor
Michael Downing wurde in den Berkshires im Norden Neuenglands geboren. Nach seinem Abschluss am Harvard College in 1980 arbeitete er als Redakteur für das italienische Kunstmagazin FMR und verschiedene andere Zeitschriften. Sein Werk umfasst mehrere Theaterstücke, Romane und Sachbücher. "Frühstück mit Scot" ist seine erste Übersetzung in die deutsche Sprache.
Foto: Frank Monkiewicz |
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Bereits vor über zehn Jahren hat der US-Autor Michael Downing sich diesen reichlich aus der Art geschlagenen Jungen und seine queere Familie ausgedacht. 2007 wurde "Frühstück mit Scot" verfilmt. Jetzt, da die Romanvorlage auch in deutscher Übersetzung vorliegt, wird einem allerdings besonders deutlich, wie allzu glatt und gradlinig die Geschichte zurechtgebogen wurde. ... Downing beschert seinen Lesern ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Mit gehörigem Tempo springt er von einem Dialoggefecht zum nächsten und liefert, ganz lakonisch erzählt, immer wieder neue skurrile Details aus dem Alltag des kleinen Scot. Seine Konfrontationen mit der überforderten Umwelt führen immer wieder zu berührenden, traurigen Momenten.
Axel Schock in Hinnerk
Ein moderner Erziehungsroman, der subtil schwules Mittelklasse-Leben reflektiert.
Rolg G. Klaiber in RIK
Endlich in deutscher Übersetzung
Siegessäule
Bei aller Nachdenklichkeit: ein echtes Gute-Laune-Buch.
LEO
Eine nette, romantische und nachdenkliche Geschichte mit witzigen Einlagen.
Mario Reinthaler in XTRA
Es gelingt dem Autor, ein anspruchsvolles Buch leicht lesbar bleiben zu lassen, gleichzeitig halten sich Humor und Sentiment pertfekt die Waage.
Lambda
Eion wirklich erheiterndes Buch.
Blu
15
Man hängt ein Bild an die Wohnzimmerwand, hält den Kopf etwas schief und rückt es ein wenig zurecht, und man geht weg. Jemand anderes kommt vorbei, neigt den Kopf zur anderen Seite und rückt das Bild ein wenig zurecht; dann geht er fort. Man hofft dabei, wenn man das oft genug tut, wird es eines Tags gerade hängen, oder doch gerade aussehen, jedenfalls gerade genug, andernfalls ist morgen auch noch ein Tag. Aber eines Tags wird der Nagel aus der Mauer fallen, der Rahmen brechen, das Glas zerspringen, und man hat ein Loch in der Wand und ein Bild, das neu gerahmt werden muss. Aber eine zeitlang hat man wirklich geglaubt, auf diese Weise würde man es schon ordentlich hinbekommen.
In den nächsten sechs Wochen habe ich bestimmt fünfzehn mal dieses Bett gemacht, und da ich der Zahlmeister bin hieß das auch, dass Scot die ganze Zeit über kein Taschengeld bekam, denn die Regel lautete: alles oder nichts. Aber anscheinend hatte er in den Secondhand-Läden Kredit, die er mit Joey Morita auf dem Weg zur EDV-AG in der Bibliothek regelmäßig besuchte, und manchmal versuchte er, morgens mit einem neuen Haarnetz aus dem Haus zu schleichen, mit einer Strickjacke oder einem Vorhang mit Pünktchenmuster, den er für einen Schal hielt. Jedesmal, wenn ich ihn wegen einer solchen Anschaffung zur Rede stellte, sagte er, "Das alte Ding? Das habe ich doch schon ewig, Ed." Tatsächlich hatte er Sachen aus seinem früheren Leben überall im Haus verteilt und wusste oft selbst nicht mehr, was er wo suchen sollte. Manchmal zog er eine Hose an und war entzückt, dass in der Tasche ein paar Servietten steckten oder ein Bild, das er in der zweiten Klasse gemalt hatte.
Joey war als Freund treu wie Gold. Er war bei allen Kursen dabei, die Scot nach der Schule noch besuchte, EDV, der Mineralogie-AG und ¡Hola!, wo er zwar nur sehr wenig spanische Vokabeln lernte, sich jedoch für den Grand Canyon zu interessieren begann, den er trotz aller Gegenbeweise, die ich anführte, für den Wohnort von talentierten mexikanischen Töpfern hielt, die dort "in Höhlen wie Bienenwaben" leben. In der Schule bekam er sehr gute Noten, und auch Joey wurde besser, was Miss Paul und Liz Morita für Scots Verdienst hielten.
"Er ist ein Bücherwurm", sagte uns Miss Paul auf dem Elternabend.
Sam meinte, "Wie haben keinen Fernseher."
Miss Paul verstand den Zusammenhang nicht. "Das ist nicht schlimm", sagte sie, als ob wir kein Geld hätten, ein Gerät anzuschaffen, und sie uns deswegen trösten wollte.
"Ich meine, dass er deshalb solch ein guter Leser ist", sagte Sam.
Miss Paul war mit dem Thema noch nicht fertig. "Allerdings gibt es Medienkunde im zweiten Halbjahr. Wir zeigen den Kindern, wie man das Fernsehen kritisch nutzt statt nur passiv zuzuschauen."
Sam fragte, "Sie lassen sie fernsehen?"
Miss Paul lachte und berührte Sams Unterarm. "Dazu muss man sie nicht zwingen."
"Zum Lesen aber schon", sagte Sam.
"Genau."
Sam fing an, Patienten und Kollegen über Privatschulen auszufragen, aber ich war dagegen, Scot von seinem einzigen Freund zu trennen. Ich half den beiden bei den Hausaufgaben. Weil ihn Liz Morita darum gebeten hatte, redete Sam mit Joey und Scot über Sexualität und die verschiedenen Ausdrucksformen für emotionale Zuneigung. Wie die meisten schwulen Kinder war Joey froh, dass er nicht der einzige war, der Jungs toll fand. Von nun an hielt er sich beim Küssen deutlich zurück, außer, wenn er wirklich erregt war, wie zum Beispiel beim Schaukeln mit Scot. Aber selbst dann küsste er ihn auf die Wange und versprach, vorher zu fragen.
Als ich Scot fragte, wie ihm die Sexualkunde gefallen habe, fragte er mich, ob sich Jungs auch die Beine rasieren.
Ich sagte, dass sie das normalerweise nicht tun. Das stimmt doch, oder?
Er wollte wissen, was es sonst noch an Sachen gab, die nur Mädchen tun, und da Sam schon die einfachen sexuellen Zusammenhänge erklärt hatte, blieb ich auf links geknöpften Blusen, Sonnenbrillen mit weißen Rahmen (Glauben Sie nicht? Fragen Sie mal im Geschäft) und Stöckelschuhen sitzen. Und ich ging noch einen Schritt weiter. Ich fragte, "Weißt du, warum du Mädchensachen magst?"
Scot fragte, "Magst du sie denn nicht?"
"Nicht für mich selbst", sagte ich.
Scot lag bäuchlings auf seinem Sofa und hatte die Arme unter der Brust gekreuzt. "Miss Paul sagt, ich verwirre die anderen Kinder, wenn ich sowas mache wie das Bettelarmband tragen oder die Worte eleganter ausspreche."
"Was meint sie wohl damit?"
Scot mochte Miss Paul, und ich ebenfalls, aber ich brauchte harte Fakten um Sam zu überzeugen, Scot in ihrer Klasse zu lassen. Scot sagte, "Ich glaube sie will sagen, dass ich lernen muss, andere Menschen zu respektieren."
Blaues Band für Miss Paul. Aber das reichte mir noch nicht. Ich fragte, "Und was meint sie damit?"
"Sie meint, es mag sein, dass ein Armband zum Beispiel so wichtig für einen selbst ist, dass man es ab und zu tragen muss. Aber dann muss man es im Unterricht nicht überall herumzeigen und damit angeben, sonst kriegt man Ärger."
"Sind die andern Kinder denn gemein zu dir?", fragte ich.
"Nur hinter meinem Rücken. Seit Tony mein Freund ist, haben Joey und ich und unsere Clique viel weniger Ärger."
Scot war ein Beweis dafür, dass stille Wasser ziemlich tief sein können. Man weiß nie, was man an Land ziehen wird. Jetzt hatte ich zwei neue Informationen am Haken: Tony, der jüngere der beiden Burlingtons, war Scots Freund geworden. Das verdiente genauere Nachforschungen. Aber zuerst die guten Nachrichten. "Du hast eine ganze Clique von Freunden? Das hört sich ja toll an. Wer ist denn dabei?"
"Kinder wie ich und Joey", sagte Scot. "Manche müssen operiert werden und so."
"Jungen oder Mädchen?"
Scot dachte nach, bevor er antwortete. "Hauptsächlich Joey und ich und ein Mädchen, das Carla heißt. Sie hat es am Magen und darf jederzeit das Klassenzimmer verlassen, wenn ihr schlecht wird. Und Anton, aber er fehlt oft und wird wahrscheinlich wieder sitzen bleiben. Er ist schon dreizehn, und Miss Paul befürchtet, dass er schon alt und grau sein wird, bis er fit für die Highschool ist."
"Und was ist mit Tony?"
Scot trommelte mit den Füßen auf die Armlehne. "Tony ist drei Klassen weiter, deshalb wird er mich nie richtig mögen. Aber er hat Ryan versprechen müssen, darauf aufzupassen, dass mich niemand ärgert. Er kann Kindern richtig Angst machen, nur mit der Art, wie er ihren Nachnamen sagt. Außerdem wissen alle, dass er sich im Versand Waffen gekauft hat."
Ich bekam nicht heraus, welchen Preis Scot für diesen Schutz bezahlte. Ryan Burlington, der ältere der beiden, kam gewissenhaft jeden Sonntagmorgen zu Besuch, und er unterhielt sich mit Scot auf der Hintertreppe. Sam hatte den Verdacht, dass Scot ihm etwas zusteckt, damit er kommt und Toni bei der Stange hält. Aber Scot hatte nicht mehr zu bieten als frische Bagel und Modeschmuck aus dem Secondhand-Laden. Ryan brachte selbst Kartoffelchips mit, und in Sachen Schmuck hatte er einen simpleren Geschmack: Sicherheitsnadeln und Nieten.
Wenn Sam ihn fragte, warum Ryan so freundlich zu ihm war, reagierte Scot beleidigt, und als dann die Polizei zweimal nacheinander abends bei den Burlingtons auftauchte, flatterte Scot an den Wohnzimmerfenstern herum wie ein gefangener Vogel. Er wollte nicht glauben, dass weder Sam noch ich etwas mit den Polizisten zu tun hatten, und schließlich warf er Sam vor, durch sein Herumschnüffeln "etwas ganz wichtiges kaputtzumachen." Er schmollte beim Abendessen, und als Sam ihn auf sein Zimmer schickte, bis er sich wieder gefangen habe, stand er auf und schrie, "Du bist genau wie Ryans Stiefvater. Du hältst mich für eine Tunte und Ryan für einen Drogenabhängigen, und am liebsten würdest du alle ins Konzentrationslager stecken."
Er versuchte etwas nachzuplappern, das Ryan ihm erzählt hatte, soviel war klar.
Sam war geistesgegenwärtig genug zu fragen, "Konzentrationslager?"
Noch immer empört sagte Scot, "Du weißt genau, was ich meine."
"Nein, das ich weiß ich nicht", sagte Sam.
Scot stemmte die Hände in die Hüften. "Dass ich nicht lache." Er wartete, und als er genug Verachtung für unsere Dummheit angesammelt hatte, sagte er, "Die Nazis? Schon mal gehört? Was denkt ihr denn, wer die Atombombe abgeworfen hat?"
Für ihren Geschichtsunterricht würde Miss Paul sicher keine Preise gewinnen, und ohne es zu wissen war Scot der Versetzung auf eine Privatschule gerade ein ganzes Stück näher gekommen.
"Scot", sagte Sam, "Amerikaner haben die Atombombe abgeworfen."
Diese Information brachte Scots Weltbild durcheinander. Er versuchte zu retten, was zu retten war. "Auf China?"
Sam warf mir einen Blick zu.
"Japan", sagte ich.
"Jetzt sei mal ehrlich, Scot", sagte Sam, "glaubst du wirklich, dass Ed und ich dir etwas böses antun würden?"
Scot war zirka drei Meter vom Tisch entfernt. Er wusste, dass er sich ins Aus manövriert hatte. "Nein."
"Haben wir dich schon mal Tunte genannt?"
"Nein."
Soviel zur Vergangenheit. Jetzt begann unbekanntes Territorium.
Sam schob seinen Stuhl ein Stück zurück. "Was ist eine Tunte, Scot?"
Scot schnaubte verächtlich durch die Nase, aber er wusste, das war ernst. "Ein Junge."
"Was für ein Junge?"
"Ein Junge, der sich wie ein Mädchen benimmt."
"Kann es sein, dass du solch ein Junge bist?", fragte Sam.
"Manchmal. Ja."
"Mit Absicht?", fragte Sam.
"Ja?", meinte Scot.
"Ich habe dich gefragt", sagte Sam.
"Ja."
"Bist du dann glücklich?"
"Es gefällt mir", sagte Scot.
"Gefällt dir?"
"Ja, es gefällt mir, zum Teil macht es mich glücklich, und zum Teil nicht, es gefällt mir eben." Scot wirkte ganz ruhig. Er fragte, "Kann ich mich hinsetzen?" Aber er blieb stehen, wo er war.
"Zum Beispiel, wenn du das Armband mit den Anhängern trägst?", fragte Sam.
"Meinst du, warum mir das gefällt?"
"Macht es dich glücklich? Denkst du dann, Jetzt bin ich glücklich?", sagte Sam.
Scot schmunzelte. "Jedenfalls bin ich nicht unglücklich."
Sam schmunzelte. "Also was denkst du dann?"
"Warum ist es mit einem mal so wichtig, was ich denke, verrätst du mir das?", fragte Scot.
"Ich glaube nicht, dass du glücklich bist", sagte Sam, "ich will dir helfen."
Scot blickte auf sein Handgelenk. "Ich denke dann, ich habe es von einer Frau geschenkt bekommen, die uns in Baltimore manchmal besucht hat. Sie hieß Alex. Sie sagte, ich sei nicht so wie all die Jungen, in die sie sich sonst verliebte. Die wären nur hinter ihrem Schmuck her, deshalb sollte ich das Armband haben."
"Und?", fragte Sam.
Scot hob den Arm hoch ins Licht. "Und dann denke ich, dass die andern mich in der Schule wieder hänseln werden, aber das ist ja nichts neues."
"Und sonst noch?"
"Es ist wahrscheinlich nicht wichtig, aber ich habe mich schon gefragt, warum das Bettelarmband nicht auf der Verbotsliste steht, wie Make-up und Nylonstrümpfe."
Sam meinte, "Na ja, ich wollte dich eben nicht auf kalten Entzug setzen."
Scot verzog den Mund. "Glaubst du, ich bin abhängig?" Er klinkte sich mit den Augen in Sams Blick ein und glitt wie auf Schienen durch den Raum, bis er vor seinem Stuhl stand.
"Man kann von vielem abhängig sein", sagte Sam. "Dann ist man auf bestimmte Sachen angewiesen, um sich gut zu fühlen. Ich will keine Angst haben müssen, dass du ein bestimmtes Hemd oder Schuhe oder ein Armband brauchst, um glücklich zu sein."
Scot sagte nichts. Er sah aus, als gebe er sich geschlagen. Er warf einen Seitenblick auf Julie, die hinter mir an der Wand hing, und sagte, "Ich brauche jetzt etwas Kaltes zu trinken."
Sam schenkte ihm Wasser ein.
Scot sah mich über den Rand eines Glases hinweg an. Er nahm einen Schluck, dann knallte er es auf den Tisch wie ein Bier auf den Tresen. "Okay, was ist mit dir, Ed?" Er krallte sich am Stuhl fest. "Willst du mir nicht auch noch den Kopf waschen?"
"Meinst du, dass ich mich wie ein Mädchen benehme, Scot?"
Scot lockerte den Griff. "Ehrlich?"
"Ehrlich."
"Vielleicht, wenn du mir einen Kuss gibst? Oder wenn wir ins Museum gehen und du von den Bildern so ins Schwärmen kommst?"
"Meinst du, dass ich eine Tunte bin?"
"Ist das eine Falle?", frage Scot.
"Nein."
"Na ja, nein, ich glaube nicht."
"Ich benehme mich also manchmal wie ein Mädchen, aber ich bin keine Tunte?"
"Vielleicht macht es nichts, sich manchmal wie ein Mädchen zu benehmen", sagte Scot.
"Und was können wir daraus lernen?"
Scot meinte, "Frag das am besten gleich Sam."
"Ich weiß es auch nicht, Scot", sagte Sam. "Benehmen sich denn alle Mädchen gleich?"
Damit hatte Scot wieder festen Boden unter den Füßen. "Überhaupt nicht. Meine Freundin Carla muss sich immer übergeben, und sie kann sich das nachher dann angucken. Das können die meisten Jungen nicht. Und Nula. Sie achtet überhaupt nicht darauf, sich an bestimmten Stellen zu rasieren."
"Ganz schön kompliziert, oder?", fragte Sam.
"Kann ich etwas anderes fragen?", sagte Scot. "Können wir auch Wörter auf die Verbotsliste setzen?"
Sam nickte.
"Wollen wir es einfach verbieten?", fragte Scot.
"Tunte?", fragte Sam.
"Ja, bitte. Ich glaube, wir müssen das jetzt nicht mehr sagen, oder?"
"Ich kann auch ohne gut leben", sagte Sam.
Und ich sagte, "Ich bin froh, es los zu sein."
Am nächsten Tag wickelte Scot das Bettelarmband in ein Damentaschentuch und steckte es in Mildreds Briefkasten. Dazu schrieb er eine Karte.
Liebe Mrs M.,
das können sie immer tragen, wenn Sie es möchten. Richtig gut ist es für Cocktail Parties oder für Feste und Beerdigungen. Ich kann Ihnen dazu noch Broschen und so geben, wenn Sie passende Stücke haben möchten, oder für Ihre Freunde.
Herzliche Grüße
Scot (Ihr Nachbar ein Haus weiter)
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