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Hervé Guibert

Verrückt nach Vincent & Die Hunde

Zwei Erzählungen
aus dem Französischen von J. Schlegel
OT: "Fou de Vincent", "Les Chiens"
geb., 96 S.
€ 14,90
ISBN 3 928983 75 X

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

Guibert Erzählungen


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Guibert wurde in Deutschland 1991 mit dem Roman seiner tödlichen Krankheit, "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat", schlagartig berühmt. Die Talkshows rissen sich um ihn. Was das nekrophile Feuilleton fast immer verschwiegen hat: 1991 lag bereits ein umfangreiches literarisches Werk des jungen Autors vor. Mit den jetzt vorgelegten Erzählungen bringen wir den "eigentlichen" Guibert, den lebenslustigen, witzigen, geilen jungen Mann, der mit französischer Eleganz böse Geschichten geschrieben hat, bevor er auf 40 Kilo abmagerte.

"Verrückt nach Vincent": Sieben Jahre dauert die Freundschaft Guiberts mit Vincent. Sie begann, als der Junge noch im Kindesalter war, und endet, als er im Drogenrausch aus dem Fenster springt. Anhand von Ausrissen aus seinem Tagebuch rekonstruiert der Autor die gemeinsame, durchaus wechselvolle Geschichte. Was war es, was dieses ungleiche Paar so lange zusammengehalten hat? Vincent war weder schön noch besonders liebenswürdig, und dennoch war Guiberts Verehrung grenzenlos. Der junge Vincent bat eines Tages darum, "Die Hunde" lesen zu dürfen, "sein pornographisches Büchlein". Damit haben wir den Übergang zur zweiten Erzählung des Buchs.

"Die Hunde" ist eine sexuelle Phantasie, eine eigentümliche Dreiecksgeschichte. Drei Menschen in einem Haus, ein Mann und eine Frau beim Geschlechtsverkehr, ein zweiter Mann hört ihre Geräusche und wünscht sich, der Liebhaber der Frau käme zu ihm. Ausgehend von dieser realen Situation, und immer wieder dahin zurückkehrend, stellt sich der Autor in allen Details vor, was dieser andere Mann mit ihm, bzw. er mit diesem anderen Mann, alles anstellen will. Die Selbsterniedrigung im sexuellen Rausch beschreibt Guibert als "hündisch".


Pressestimmen

Man muss kein sittenstrenger Heterosexueller sein, um von den beiden Hervé Guibert-Texten schockiert zu werden, die jetzt erstmals deutsch vorliegen. Auch so mancher sich vorurteilslos dünkende Schwule wird hier auf eine harte Probe gestellt. Dabei ist sicher: Verrückt nach Vincent und mehr noch Die Hunde nehmen im Werk des ewigen Aufrührers Guibert einen zentralen Platz ein. Sie in einem Buch zu vereinen, ist eine umso überzeugendere Idee, als sie einander aufs Frappierendste beleuchten. Bei leidlich gutem Willen lässt sich der Beginn von Verrückt nach Vincent - im Original Fou de Vincent - noch als eine Art Liebesgeschichte lesen, auch der Autor selbst fragt sich dies anfangs, aber bald schon wird selbst der Begriff des amour fou, den der Originaltitel ja unweigerlich nahe legt, dem Bericht in keiner Weise mehr gerecht. Guiberts letztlich unstillbares Verlangen ist nahezu nie auf den ganzen Menschen Vincent gerichtet - den er als Kind kennen lernt und der dann als Halbwüchsiger Selbstmord begeht -, sondern zielt immer nur auf ihn als Objekt extremster sexueller Begierden.
(...)
Wer kennt nicht das Bild des jungen Mannes, der die Weltkugel umarmt und sie zugleich penetriert? So huldigt hier auch der 1991 im Alter von 36 Jahren gestorbene Guibert seinem unstillbaren Verlangen, einer Erotik nämlich, die weniger die Vereinigung mit einem anderen Menschen als die Aufhebung der eigenen Person begehrt. Damit erweist er sich - wie schon Edmund White feststellte - als Erbe de Sades, der, so schreibt Simone de Beauvoir in ihrem immer noch lesenswerten Essay Soll man de Sade verbrennen?, das Moment "des Egoismus, der Ungerechtigkeit und des Unglücks in seinem Leben mit letzter Konsequenz verwirklicht." Was ihm im Leben nicht gelingen kann, folgert sie, in der Literatur wird es ihm möglich. Nichts anderes tut, auf seine Weise, Hervé Guibert, Rebell bis zum letzten Atemzug und hier zu Lande immer noch viel zu unbekannt.

Martin Ripkens in: Frankfurter Rundschau vom 13. Oktober 1999

... ("Vincent") ist eine dieser verstörenden, unmöglichen Liebesgeschichten, die wir alle nur zu gut kennen, die wir nie weider haben wollen und dann doch immer wieder einmal haben. Gerade das Unberechenbare, Sperrige und Wilde an ihr macht sie so sympathisch.
Die zweite Erzählung des Buches ist Guiberts "pornographisches Büchlein", und hier geht es gleich ziemlich derb zu. (...) Die großen Erotomanen de Sade und Bataille lassen grüßem, aber wie sie verliert Guibert bei aller wüsten Entregelung der Sinne nie die Contenance.
Egbert Hörmann in Männer aktuell

... Ergebnis ist ein Text, dessen privater, um nicht zu sagen, intimer Charakter nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass er von Anfang an zur veröffentlichung bestimmt war, genau wie die autobiographischen Romane "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" und "Mitleidsprotokoll". Er ist ein beisspiel für die Praxis radikaler Selbstentblößung, die Guibert in einem Teil seines Werks verfolgt hat. .
... Notate von so einer schneidenden Direktheit, dass sie sich doch über die drohende über die drohende Banalität eines homosexuellen Beziehungstagebuchs erheben und dem großen Projekt Guiberts, Körper und Sexualität ganz ungeschönt Text werden zu lassen, einigen Glanz verleihen.
Gernot Kramer in Deutschlandfunk Büchermarkt


Leseprobe

Vincent

In der Nacht des 25. auf den 26. November fiel Vincent drei Etagen tief, weil er mit einem Bademantel Fallschirmspringen spielen wollte. Er hatte einen Liter Tequila getrunken, irgendein kongolesisches Kraut geraucht, Kokain gesnifft. Als sie ihn leblos vorfanden, riefen seine Kumpel die Feuerwehr. Vincent stand plötzlich auf, lief bis zu seinem Wagen, fuhr los. Die Feuerwehrleute setzen ihm nach, stürmen in das Mietshaus, das er bewohnt, fahren mit ihm im Fahrstuhl hoch, dringen in sein Zimmer ein, Vincent beschimpft sie. Er sagt: «Laßt mich gefälligst ausruhen!», sie: «Du riskierst, daß du nicht mehr aufwachst, Blödmann!» Im Nebenzimmer schlafen die Eltern ruhig weiter. Vincent warf die Feuerwehrler hinaus. Er schlief ein wie eine Eins. Um Viertel vor neun schüttelt ihn seine Mutter, will ihn zur Arbeit schicken, er kann nicht einmal mehr einen Finger bewegen, sie bringt ihn ins Krankenhaus. Am 27. November, benachrichtigt von Pierre, besuchte ich Vincent im Hospital Notre-Dame-du-Perpétuel-Secours. Zwei Tage später verstarb er an den Folgen eines Milzrisses.

Ich hatte Vincent 1982 kennengelernt, er war damals noch ein Kind. Er war es in meinen Träumereien geblieben, ich hatte zu akzeptieren, daß er ein Mann geworden war, liebte ihn aber weiter als das, was er nicht mehr war. Seit sechs Jahren okkupierte er mein Tagebuch. Einige Monate nach seinem Tod beschloß ich, ihn in meinen Notizen – in umgekehrter Zeitfolge – wiederzufinden.

Was war es? Eine Leidenschaft? Eine Liebe? Eine erotische Zwangsvorstellung? Oder eine meiner Erfindungen? Sah im Schaufenster eines Ladens für Zaubereiartikel eine schwarze Bakelitschachtel, in Form einer fliegenden Untertasse, die über Lupen und Spiegel ein Hologramm erzeugt. Man muß ein Objekt hineinlegen, zum Beispiel ein Goldstück oder einen Ring, damit es sich auf einer transparenten Fläche im Deckel dreidimensional widerspiegelt. Man glaubt, es wegnehmen zu können, es ist aber ungreifbar. Ich komme in Versuchung, das Ding zu kaufen, um etwas darin einzuschließen, das Vincent gehört hat und das mich durch diese eigenartige Illusion an ihn erinnert, aber kein Einfall (eine Haarlocke, ein Foto) entspricht meiner Lust auf den Apparat. Allenfalls für sein Geschlechtsteil wäre dieser Reliquienschrein der rechte Platz. Ich kämme mich nie. Ich reibe mein feuchtes Haar in einem Handtuch und fahre dann mit den Fingern hindurch, um es in Form zu bringen. Gestern, ich weiß nicht, warum, hab ich den kleinen Kamm bemerkt, den mir Vincent geschenkt hat, ganz vereinsamt auf dem Brett im Badezimmer (er hat mir so selten Geschenke gemacht), ich nahm ihn, kämmte mich damit, der Kamm wurde zum magischen Gegenstand. Vincent hatte in dem Kamm seine Zauberformel hinterlassen: «Wenn du mich eines Tages brauchst – nimm den Kamm, und ich komme!»

Ich spitze die Ohren, aber das Telefon klingelt nicht. Am nächsten Morgen: Ich kämme mich wieder, vielleicht bekommt der Kamm seine Zauberkraft erst beim zweiten Gebrauch. Tags darauf kämme ich mich noch einmal: Vielleicht wirkt er erst beim dritten Mal, usf.

Im hinteren Saal des Sélect, wo ich mehrmals den Platz gewechselt habe, bevor er kam, um so ungestört wie möglich zu sein, mache ich ihm eine Erklärung. Er senkt den Blick, lächelt ernst, ohne Verlegenheit, ohne Sarkasmus, mein Schmerz scheint ein Balsam für ihn zu sein in diesen Zeiten moralischer Verknappung. Wenn doch der Heldenmut, ohne zu jammern und zu klagen, ohne ihn anzurufen, das mehr oder minder erträgliche Gefühl der Entbehrung seines Körpers und einer Umarmung in sich zu bändigen, beim Gegenüber ein absolut unerträgliches Gefühl der Entbehrung dieser Umarmung hervorbrächte, wie eine Verwünschung mit umgekehrten Vorzeichen, die ihn dann zu mir triebe.

Er ging, ich hatte Eile, hatte ihn satt. Ich hatte Hans-Georg mit ihm im Bus zum Flughafen geschickt, um Hector abzuholen, hatte dafür gesorgt, daß dessen Ankunft mit Vincents Abreise zusammenfiel. Als ich in mein Atelier zurückkomme, finde ich ein paar Worte von ihm auf dem Schreibtisch, unglaublich liebevoll, mit einer Zeichnung, er nennt mich Guibertino und dankt mir, ihn ertragen zu haben. Er hat Farbe bekommen, sich ausgeschlafen, gut gegessen, kam gesundheitlich wieder auf den Damm, sagt mir, daß er Schluß machen will mit dem Koksen. Wir haben Hector zu einem Rameau-Konzert in Saint-Louis-les-Français ausgeführt, ich langweile mich, stelle mir Vincent im Flugzeug vor, wir beschließen, in der Pause zu gehen. Vincent taucht hinter einer Säule auf. In der ersten Sekunde ist er ein Gespenst. In der zweiten hat er sich entschieden, nicht abzufliegen, um mit mir in Rom zu leben. In der dritten hat man ihn nicht mitfliegen lassen. Ich hatte sein Ticket gestern bei der Reiseagentur bestä-tigen lassen. Er hat sein Gepäck auf dem Rücken, wir verlassen die Kirche. Das Flugzeug war überbucht gewesen, und der Pilot hatte ihn nicht in die Kabine nehmen wollen, als er sein Gesicht gesehen hatte. Vincent hat einen Angestellten der Chartergesellschaft bei sich, der ihn bis zur Kirche begleitet hat und ihm als Entschädigung eine Nacht in einem Luxushotel zahlen wollte, wir stecken ihn morgen früh in die erste Linienmaschine nach Paris, Vincent muß an dem Tag arbeiten, er weiß noch nicht, daß man ihn gefeuert hat. Hector fragt mich leise: «Wer ist das?» Ich antworte: «Vincent.» Er ruft aus: «Das ist Vincent?» Sein Ton will sagen: «Der da ist Vincent?»

Der erste Satz, den ich über ihn geschrieben habe, am Ende des Abends, an dem ich ihn kennenlernte: «Unter den Kindern will ich zu demjenigen gehen, dessen Reiz der verborgenste ist, und ich will ihm die Leberflecken im Antlitz abküssen, alle Muttermale seiner Hüften und seines Nackens.» Die letzte Nacht versuchte er eine geschlagene Stunde lang, in mich reinzukommen, auf dem Bauch, seitlich, mit Creme, ich rücklings unter ihm, mit einer anderen Creme, mit dem Öl, das ich für ihn aus der Küche holen mußte, im Stehen nicht, er ist zu klein. Ich wollte einen Präser, er war rosa und besaß ein Reservoir; als ich ihn aus seiner Verpackung schob, um ihn ihm überzustreifen, fragte ich: «Hat es einen Sinn?» Er sagte: «Man erschrickt ja geradezu, wie du dich da auskennst!» Er wollte den Präser abziehen, sagte: «Du hast echt Schiß, Aids zu kriegen, was?» Ich entschuldigte mich pausenlos, gab vor, daß mein Hintern zu eng sei, zu trocken. Ihm stand er nicht richtig. Einmal – er lag über mir und hatte meine Beine gepackt, um sie mit seinen Schultern hochzuhalten – flüsterte er: «Drück dich hoch!» Jetzt nur keinen Krampf bekommen, ich war ein Schlangenmensch geworden. Er stöhnte, er war drin, er suchte meinen Mund, seine Zunge stieß hinein, ich hatte den Eindruck, die Frau zu sein, mit der er schlief. Er küßte mich ein zweites Mal, hatte einen ganz trockenen Mund, sein Speichel tränkte mich, dieses kostbare Gut, das er auf der Straße ausspuckt.

Seltsam, an einem Buch weiterzuschreiben, das man schon vor einem halben Jahr seinem Verleger ausgehändigt hat, dessen Vertrag unterzeichnet ist: es auf fliegende Blätter zu schreiben, nicht abzutippen, und diese fröhlichen oder traurigen Seiten nach und nach dem Verleger zu überbringen oder zu schicken, eine Art, die Distanz zwischen sich und dem Buch zu verringern, noch näher an ihm zu sein, noch tiefer in seinem Innern, so, als ob man unmittelbar hineinschriebe in das Buch.

Als er erfuhr, daß ich den Brief dann doch geöffnet hatte, den Pierre ihm an meine Adresse geschrieben hatte, kein Vorwurf, sondern nur: «Jetzt weiß ich, daß du nicht ganz richtig bist.»

Ich hatte mich früh hingelegt, die anderen waren noch im Wohnzimmer, sie hörten das Klingeln nicht, ich war am Schlafen, stand auf, um abzunehmen, es war Vincent, ich erkannte seine Stimme nicht, so gut schien es ihm zu gehen, er fragte: «Ist es bei dir dieselbe Uhrzeit?» Er erklärte mir, daß er nicht gekommen war, weil er einen Job als Kulissenschieber bei einem Film gefunden hatte, sagte, daß Stars darin spielten, er irrte sich bei ihren Namen, erzählte noch, daß er zehn Kilo zugenommen hatte; er hat sehr lange geredet, ich legte mich ganz glücklich wieder hin, zog vor, ihn da unten in Hochform zu wissen als unwohl bei mir.

Im Prado, im zweiten Jahr, trennten wir uns am Ein- gang, damit jeder auf eigene Faust die Säle abwandern konnte. Als ich ihn am Ausgang in den Gärten wiederfand, war er in Begleitung eines Mannes, er hatte sich anmachen lassen von einem Pädophilen. Ich stürzte auf den Mann zu, rollte mit den Augen und knurrte wie ein Wolf; der Typ verzog sich, Vincent fragte mich, was denn in mich gefahren sei.

Ich gab die Droge dem Freund zurück, der sie mir verschafft hatte. Das war ein zu grausamer Vertrag: Um sich zu sehen, mußte es ihm schlecht gehen und mir gut. Vincent ist nicht gekommen. Es ist nicht nur die Entbeh-rung seines Fleisches, sondern der Zusammenbruch der Hoffnungen, dieser erträumten Reise, der wichtigsten Aussicht, die plötzlich furchtbar versperrt scheint. Heute morgen fühle ich mich wie das Opfer eines Unfalls.

Wenn ich einen Abend mit Vincent verbringe, ist das kleine Quantum Droge, das ich bei mir habe – auch wenn ich es nicht benutze – doch wie die Sicherheit einer Balancierstange, die es mir ermöglicht, das Drahtseil bis zum Ende zu gehen und seinen Leib zu erbeuten.
... ...

 
 


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