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Reise nach Marokko

Roman
Aus dem Französischen von J. Schlegel

Geb., € 16,00
ISBN 3 928983 95 4

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

Hervé Guibert: Reise nach Marokko


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

"Ich wage nicht, das zu schreiben: Scheißreise, Scheißkinder. Der Anfang einer Lüge: es niederzuschreiben hieße, auf den Roman zu verzichten."

"Reise nach Marokko" ist kein Reiseroman im üblichen Sinn. Zwei schwule Männer fahren mit zwei Jungs nach Marokko in Urlaub. Guiberts Interesse gilt den Beziehungen der vier Personen zueinander. Die Reise durch das Land, Hotelsuche und das Faulenzen am Strand sind die Kulisse für die Beschreibung von Menschen in einem irritierenden Ausnahmezustand.

Wie nehmen Erwachsene Jugendliche wahr, wenn keine elterlichen Gefühle im Spiel sind? Wie verhalten sich fünfzehnjährige Jungen, wenn keine Respektspersonen dabei sind? Hervé Guibert berichtet von den Erlebnissen dieser Reise mit der für ihn typischen Mischung aus präziser Beobachtung, bewußten Fälschungen und wildwuchernder Phantasie.Die Jungs probieren Rum, Zigaretten und Shit; Guibert und sein Freund fragen sich, ob diese "Scheißkinder" nun schon Männer sind, und wie sie überhaupt mit ihnen umgehen sollen. Dabei kommen immer wieder auch erotische Phantasien ins Spiel:

"Gestern abend hat mich das keusche Kind gefragt, ob es mir eine magnetische Massage machen darf, ich hab ihm geantwortet, das würde ihm verfrüht ein Geheimnis offenbaren. Es fragt mich, ob ich drei Brustwarzen hab oder eine Narbe über den ganzen Körper. Vorhin hat das hübsche Kind darauf bestanden, daß ich mit ihm baden geh, und möchte den Grund meiner Weigerung wissen. Zu anderen Zeiten, in anderen Zivilisationen, hätte man mich schon gefoltert."

"Reise nach Marokko" ist gewissermaßen die Vorgeschichte zu Guiberts Erzählung "Verrückt nach Vincent", die vor einem Jahr in unserem Verlag erschienen ist. Die zum Teil begeisterten Reaktionen auf diesen frühen Text eines Autors, der in Deutschland erst durch sein Aidstagebuch "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" bekannt wurde, haben uns ermutigt, nun auch diese faszinierend vielschichtige Erzählung herauszubringen.


Pressestimmen

Die zunächst irritierenden Stilbrüche ... erweisen sich nachträglich als raffinierte Erzählabsicht: Wir folgen den poetisch-surrealen Träumen. lassen uns von den erotischen Wünschen selbst verführen, um dann umso brutaler auf dem Boden der Realität zu landen. Das Spiel von Fiktion und Fakten ist gerade deshalb so gelungen, weil sich hinter vordergründigem Tabubruch reale Trauer verbirgt.
R.J. Poole auf Amazon.de

Die Sprachverliebtheit des Autors fasziniert immer wieder, dominiert den Roman jedoch stellenweise zu sehr, so dass am Ende viele Bilder im Gedächtnis bleiben, die sich jedoch nicht zu einer Einheit verbinden lassen.
Lamda-Nachrichten 3 / 2001

Fazit: Vielschichtig, verstörend, poetisch-surreal.
Our Munich, September 2001

"Der schillernde und mit erotischen Fantasien gespickte Text ist ein Wechselbad aus Traum und Wirklichkeit und beschert allen ein faszinierendes Lesevergnügen, die beim Thema Knabenliebe nicht gleich die Schotten dicht machen."
gaypress.de 7/8 2001.

"... verströmt Hervé Guiberts Bericht eine berückende Unschuld, auch darin den schönsten Märchen verwandt."
Michael Sollorz in Hinnerk, Juli 2001

"... in sehr poetischer Reisebericht ..."
Männer aktuell, Mai 2001

"Dem Verlag MännerschwarmSkript unter der Leitung von Joachim Bartholomae (ist das so?, fragt der Webmaster) gebührt Anerkennung und Lob für seinen verlegerischen Mut. Einen auf den ersten Blick als eher schwierig zu vermittelnden Autor wie Hervé Guibert im allgemeinen Programm anzubieten und dem traditionell eher experimentierunlustigen, auf traditionelle Erzählformen fixierten deutschen Lesepublikum nahe zu bringen, stellt ein gehöriges ideelles und finanzielles Risiko dar. (...) Hoffen wir also, dass der Verlag den Mut hat, uns, seine wilden Leser, auch weiterhin mit solchen exquisiten und formidablen Leckerbissen zu versorgen und zu verwöhnen. Für solch ein opulentes, obsessives Menü ist man(n) auch gerne bereit, ein paar Mark mehr als üblich für einen dünnen, schmalen Band auszugeben."
Mimikry Juni/August/September 2001

In jüngster Zeit denken wir schnell an sexuellen Missbrauch, wenn wir ein Buch wie das vorliegende in den Händen halten. Das hohe literarische Niveau und die äußerste Ernsthaftigkeit des Autors können den Kopf frei machen für andere Gedanken, die wichtig sein können im Sinne eines vorurteilslosen Austauschs von Meinungen in einer brisanten Thematik.
Die andere Welt, 2/2002


Freitag, 19. März

Seit mir B. den Vorschlag zu dieser Reise gemacht hat, projizierte ich meinen Körper zwischen die Wüste und das Meer. Aber vor allem - und das verschaffte mir ein ganz besonderes Vergnügen - stellte ich mir meinen Körper in einer bestimmten Haltung vor, ich stand etwa aufrecht auf einem Felsvorsprung oder einer Düne, zwischen dem Meer und der Wüste, denen mein Körper sich nacheinan-der zuwandte, hoch über den beiden Kindern, die ich et-was unterhalb von mir an anderen Beobachtungsposten dachte (in dieser reduzierten Landschaft beschäftigten die Kinder sich vielleicht damit, auf das Schlüpfen winziger Tiere zwischen den Sandkörnern zu lauern). Vor allem aber stellte ich mir meinen Körper auf ganz neuartige Wei-se bekleidet vor: Natürlich nicht in der halben Nacktheit einer Badehose, sondern in der Leichtigkeit einer einzigen Lage Stoff, direkt auf der Haut, und einer Gleichgültigkeit den Blicken gegenüber, denen mein Körper in seinen ver-schiedenen Positionen ausgeliefert sein könnte, kein Kunstgriff würde versuchen, seine Formen zu verwischen, es wäre nichts als ein nackter Körper in einem Stück Klei-dung, einer, der seine Kleidung eventuell eintauschte gegen ein Stück Tuch, mithin kein Körper mehr, den seine Klei-dung versteckte. Also Leinwand oder Baumwolle, weiß, weit, der Wind könnte sie hochblasen, denn in keinem Fall würde die Hitze drückend sein, und ein paar Farbkleckse auf einer Krawatte oder einem Halstuch, einem über die Schultern geworfenen Pullover, ein paar Farbtupfer in den Worten, ein Sombrero. Lautlosigkeit (hätte man den Kin-dern die Stimmbänder gekappt? aber nein doch, sie sollten ja singen, sollten lachen können). Meine geistige Projektion verbannte in dieser ersten Zeit den anderen Erwachsenen aus der Landschaft.


Samstag, 13. März (denn ich suche nach der Vorgeschichte)

M., bei dem ich heute abend gegessen habe, erzählt mir prompt eine schreckliche Geschichte: in Montpellier fällt ein stinknormaler, unauffälliger Mann ("Das sind die schlimmsten" meint meine Großtante, der ich tags darauf den Vorfall berichte), ein Klempner, auf der Straße über einen Dreijährigen her, den er sodomisiert und danach erwürgt. Er trägt die Leiche dann zu sich nach Hause und präsentiert sie seiner Frau und seinen beiden Kindern mit den Worten: "Schaut her, was ich angestellt habe, ihr müsst mir helfen." In Gemeinschaftsarbeit verstaut die Familie den Kadaver in einem Plastiksack, der Sohn (ich stell mir vor, er ist 14, tatsächlich ist er aber 18 Jahre alt), der Sohn also soll ihn verschwinden lassen. Er packt ihn hinten auf sein Fahrrad, vertäut ihn ganz verbogen und zusammenge-drückt auf dem Gepäckträger. Daraufhin fährt er auf einer einsamen Straße die Böschung entlang. Er weiß, dass er den Leichnam möglichst weit von zu Hause abladen muss, ein Knirschen in seinem Rücken schreckt ihn jedoch plötz-lich auf. Des Kindes Fuß hat das Plastik durchbohrt, und das übermäßig zusammengepresste, bläulich angelaufene Bein hängt nun heraus. Der große Junge verliert den Kopf, er wirft den Kleinen auf der Stelle in den Straßengraben und schüttet nur ein klein wenig Laub und Erde darüber.
Was uns an dieser Geschichte am heftigsten frappiert, mich und M., ist die Tatsache, wie die Familie das Verbre-chen des Vaters in die Hände genommen hat, das Gesetz der Familiensolidarität ist so mächtig, dass es sogar einen Kadaver zu beseitigen vermag (ich sehe darin so etwas wie einen Saft oder eine Säure, von einem Insekt ausgeschie-den, um seine Beute zu lähmen bevor es sie verspeist, oder nachdem es sie zur Hälfte aufgefressen hat: eine unauflös-bare Urgemeinschaft). Meine Mutter allerdings, der gegen-über ich diese Bemerkung mache, meine Mutter, die doch für die Todesstrafe ist, verwundert es kaum und sie sagt: "Wenn du so etwas tätest, würden wir auch mit allen Mit-teln versuchen, dich zu retten."

 
 


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