Joachim Bartholomae (Hg.)
Hamburg mit anderen Augen
Ein Stadtführer für Schwule
Klappenbroschur, 256 Seiten,
mit zahlreichen Abbildungen
vergriffen
ISBN: 978-3-939542-07-0
Pressestimmen
Leseprobe
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"Von der Natur des Hamburgers"
Mit diesem schwulen Stadtbuch wollen wir versuchen, Einwohnern und Besuchern ganz unterschiedliche Ansichten dieser schönen Stadt zu zeigen. Dabei stellen wir uns zunächst mutig den gängigen Klischees, präsentieren einen unverzichtbaren Sprachführer und erzählen davon, wie das heutige schwule Leben in der Hansestadt sich in den letzten 40 Jahren entwickelt hat. Im zweiten Abschnitt betrachten wir diejenigen Stadteile ein wenig genauer, in denen das schwule Leben tobt, und verraten schweren Herzens die zehn idyllischsten Plätze für Verliebte oder solche, die es werden wollen. Dem Nachtleben in seinen vielen Facetten ist der dritte Teil gewidmet, dann folgen Tipps zum Essen & Shoppen sowie ein Überblick über das kulturelle Angebot der Stadt. Damit die Seefahrerromantik des Hafens nicht zu kurz kommt, schließen wir mit der Erzählung "Piratenherz" von Michael Sollorz.
Hamburg mit anderen Augen - das ist kein Verzeichnis schwuler Kneipen mit Fotos lächelnder Wirte, wie man das aus den 80er und 90er Jahren kennt. Statt dessen bieten wir Hilfen zur Orientierung in der verwirrenden Vielfalt des Angebots und erlauben uns dabei durchaus subjektive Einschätzungen und klare Worte. Dem Mut zur Lücke im Auflisten schwuler Adressen steht eine große Auswahl von Tipps gegenüber, die solche Orte empfehlen, die für den schwulen Einwohner oder Besucher von Interesse sind, obwohl weder ihr Angebot noch die Betreiber hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung "schwul" sind - schließlich gehen Schwule auch in die Oper, kaufen schicke Klamotten und gehen gern gut essen.
Aus dem Inhalt
- Von der Natur des Hamburgers
- Schwules Platt für alle Lebenslagen
- Zwischen Staatsanwalt und Standesamt
- Gibt es ein Leben außerhalb von St. Georg?
- Die Quartiere zu Fuß
- Hamburger Nächte
- Die Lederszene
- Warm und dunkel
- Alternativen zur Szene
- Shoppen und Essen
- Zehn Plätze für Verliebte
- Werft euch in Frack und Fummel
- Von kinderlosen Kunstsammlern ...
- Michael Sollorz: Piratenherz
Beiträge von Dirk Anton, Monty Arnold, Mirko Bott, Trevor Coleman, Florian Frei, Jens von Häfen, Werner Hinzpeter, Peter Jungblut, Heinz Kaiser, Ulrich Luckhardt, Jörg Rowohlt und Tobias Völker ...
Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.
Herausgeber Joachim Bartholomae versammelt in seinem Buch profilierte Autoren, Journalisten und Schriftsteller, um sie mit ihren individuellen Eindrücken und Ansichten zur Alster-Stadt zu Wort kommen zu lassen. Das Ergebnis ist äußerst amüsant, was man Hamburgern ja gemeinhin nicht zutrauen mag, informativ - auch jenseits des Gaystreams - und zudem reich bebildert. Geschichte und Geschichten, Klischees und Alternativen und Tipps für das Nacht- und Tagleben runden das Buch gehaltvoll ab. Absolut lesenswert!
Spartakus traveler Juni / Juli 2007
... derart gelungen, dass sich manch konventioneller Reiseführer verschämt im Bücherregal verstecken sollte. ... "Hamburg mit anderen Augen" ist natürlich auch ohne eine Reise nach Hamburg lesenswert. Doch Vorsicht.: So manchen Leser könnte nach der Lektüre des Buchs die überraschende Sehnsucht nach Lange Reihe, Pulverteich und St. Pauli packen.
Siegfried Straßner in NSP
Für eine Stadt, die einen schwulen Bürgermeister, einen schwulen Fußballvereinspräsidenten und Deutschlands schrillste Drag-Queen zu bieten hat, ist solch ein Buch ein Muss.
Heiko Kammerhoff in Szene Hamburg
Das "Stadtbuch für Schwule" bietet einen mutigen Mix literarischer Formen und macht deshalb viel Spaß. (...) Ich lese und will mehr wissen - sofort! Charmanter Lesestoff wie die schwule Freibeutergeschichte "Piratenherz" von Michael Sollorz wecken Begehrlichkeiten.
Philip Eicker in Hinnerk
Auf lockere und leichte Art unterhaltsam.
Mario Reinthaler in XTRA
Von weitem hanseatisch: Hamburg kann auch anders
von Peter Jungblut
Kann man als Schwuler in Hamburg leben? Ich weiß es nicht. In Henstedt-Ulzburg soll es nicht möglich sein, wie mir ein glaubwürdiger Freund versicherte, und Winsen an der Luhe verbietet sich auch, wie ich von einem anderen, ebenso zuverlässigen Freund weiß. In der Nähe von Hamburg kann man es also nicht aushalten, aber auch in der Nähe von Hamburgern gibt's bekanntlich Schwierigkeiten. Wer es allerdings bis ins Herz eines Hamburgers schafft, soll manchmal sogar in der Stadt ankommen. Freilich ist das die große Ausnahme und soll drei bis vier Generationen dauern. Das ist also nichts für Leute, die morgens um fünf die Geduld verlieren und dann doch lieber mit dem Kerl aus dem TUI-Standort Hannover abziehen. Wer ernsthaft mit dem Gedanken spielt, Hamburg oder gar einen Hamburger zu erobern, muss zwei Bollwerke überwinden: Anstand und Abstand. Da beides außerhalb Hamburgs in völlige Vergessenheit geraten ist, lesen Kölner, Berliner und Münchener am besten ein gutes Buch, um sich näher zu informieren. Unbedingt abzuraten ist von Kurzschlusshandlungen wie Schunkeln, Schmusen und Schweinigeln - dabei läuft der Hamburger nur rot an und man ist keinen Schritt weiter.
Ich selbst kenne Hamburg hauptsächlich aus zwei Perspektiven. Aus beiden sieht die Stadt zwar nicht bedrohlich, wenngleich etwas unheimlich aus. Tritt man ins Foyer des Opernhauses, wird man unweigerlich mit monströsen Zuchtperlenketten konfrontiert. Fährt man mit der Fähre rüber nach Finkenwerder, fällt der Blick auf Dufflecoats. Es ist also völlig egal, aus welchem Blickwinkel man Hamburg betrachtet: Ausgelassen sind hier nur die Hunde. Positiv schlägt natürlich zu Buche, dass Modeerscheinungen konsequent ignoriert werden. Das Rauchverbot im Foyer eines traditionsreichen Hamburger Theaters zum Beispiel wurde nicht mal von einer schätzungsweise achtzigjährigen Besucherin eingehalten. Zwischendurch an ihrer langen, schwarzen Zigarettenspitze saugend erklärte sie mir, sie sei damals aus Ostpreußen geflüchtet, habe das alles mitgemacht und deshalb nicht die Absicht, jeden Unsinn zu befolgen.
Obwohl ich viel herumgekommen bin, in Westfalen, Oberbayern, München, Bonn, Köln und Berlin gelebt habe, ist mir überall dort kein einziges Mal ein Hamburger aufgefallen. Einmal, während einer kurzen, heftigen Affäre, hatte ich zwar so einen Verdacht, weil der Mann in der Tat zwölf dunkelblaue Anzüge, sechzig hellblaue Hemden und etwa hundert gedeckte Krawatten sein Eigen nannte, aber es stellte sich heraus, dass er aus dem Saarland stammte und sich nur aus übertriebenem Ehrgeiz wie ein Hamburger anzog. Einen echten Hamburger soll es in München allerdings auch mal gegeben haben, einen liebenswerten, älteren Herrn, dessen Leidenschaft junge Männer und Gucci-Schuhe waren. Die abgenutzten Männer stellte er morgens vor die Tür, die abgenutzten Gucci-Schuhe abends vor den Altkleider-Container, übrigens ohne Schnürsenkel, und freute sich vom Balkon aus, wenn ein Obdachloser vorbeikam und in den Dingern davonschlappte. Ob der Mann die Schnürsenkel aus Sparsamkeit, Perversion oder Prinzip behielt, ist nicht überliefert - vermutlich war es eine Mischung aus all dem, eine Mischung, die Hamburg bekanntlich zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Wer sich schwertut die Hamburger zu lieben, kann es ja immer noch mit Hamburg versuchen. Um mögliche Ängste zu zerstreuen, empfiehlt sich zunächst ein Blick auf die unbestrittenen Vorteile der Elbe-Metropole: kurze Fahrzeiten nach Berlin, lange Fahrzeiten nach München und drei Musicals im Nahverkehr. Zieht man den Fischmarkt und Dieter Bohlen ab, bleibt immer noch ein hübsches Sümmchen schwuler Lebensqualität übrig. Jüngere genießen die kurzen Wege, die man auch unter Drogeneinfluss jederzeit zurücklegen kann, wobei die Orientierung dadurch erleichtert wird, dass man an einem Ende der Langen Reihe vergiftet, am anderen Ende entgiftet wird. Fußläufig gelegene Krankenhäuser beruhigen zwar auch ältere Homosexuelle, sie wissen aber vor allem zu schätzen, dass man in Hamburg alle wichtigen Besorgungen im Sitzen erledigen kann: Die Sehnsüchte kommen an den Landungsbrücken, die Torten im "Café Gnosa" und die Männer an der Außenalster vorbei. Wer sich dort auf eine Bank setzt, wird staunend miterleben, wie der Hamburger der Nässe trotzt, egal ob sie von innen oder außen kommt. Weder beim Joggen noch im Regen trägt er kurze Hosen. Dabei mag eine Rolle spielen, dass er sich generell ungern auszieht, und schon gar nicht schnell.
Berliner scheuen die Arbeit, Kölner den Aschermittwoch, Münchener die Eile, Hamburger den Körperkontakt. Deshalb haben sie die Sexualität großteils auf die Reeperbahn ausgelagert. Dort wird sie in gesundheitlich unbedenklichen Portionen an Touristen verkauft. Für Schwule lohnt sich die Anreise nur in Ausnahmefällen, denn erstens bezahlen sie nicht für Sex, solange in Berlin noch ein Darkroom offen ist, und zweitens sind nackte Männer in dieser Gegend die ganz große Ausnahme. Man findet sie in den Umkleideräumen im Dachgeschoss der Davidwache, aber die sind nur von einigen wenigen privilegierten Wohnungen aus frei einsehbar. Die Mieten sind entsprechend. Auf lautes Kreischen, aufreizende Gesten und figurorientierte Komplimente reagieren die jungen Streifenbeamten in der Regel sehr sensibel, vor allem in Unterwäsche. Besucher der Aussichtsplattform sollten den Polizisten deshalb Gelegenheit geben, zunächst mit ihrem Slip ins Reine zu kommen. Andernfalls werden nicht die Hosen, sondern die Jalousien runtergelassen, und das nimmt einem Reeperbahnbesuch viel von seiner Anziehungskraft.
Abgesehen davon gibt es wenige Gründe, das schwule St. Pauli zu bereisen, außer man will damit das schwule St. Georg ärgern. Touristen sollten sich auf solche ideologischen Grabenkämpfe aber lieber gar nicht erst einlassen. Wie so was endet, sieht man in Berlin, wo viele Schwule ihren Kiez seit Jahren nicht mehr verlassen haben und von Tag zu Tag seltsamer werden, ja sogar feste Beziehungen eingehen. München hat für diese Art von Sesshaftigkeit zu viele Cabrios, Köln zu viele Paraden. Hamburg ist zum Wasser hin orientiert, weshalb man sich hier gern mit London und New York vergleicht, anders als Berlin aber nicht dafür hält. Mit Bescheidenheit hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Hamburger halten sich für ungemein weltläufig, wollen aber partout nicht verwechselt werden, nicht mal mit Übersee, allerhöchstens mit Sylt. Dort machen sie gern Urlaub, leiden aber furchtbar darunter, wie mir eine ältere Dame glaubwürdig versichert hat, die ich zufällig in der Oper traf. Seufzend gestand sie mir, demnächst wieder sechs Wochen in ihre Sylter Villa in die Sommerfrische zu müssen - eine alte Familienangewohnheit! -, dabei sei es dort entsetzlich langweilig. Ich heuchelte Verständnis, auf diese Weise kommt man in Hamburg immer noch am bequemsten durch.
Irritierend ist die Tatsache, dass Hamburger für Schmeicheleien völlig unempfänglich sind und sogar Orden ablehnen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sich der Hamburger automatisch unwohl fühlt, wenn er beachtet wird. Das macht speziell die erotische Annäherung nicht leichter. Ob man einen Hamburger überhaupt ins Bett bekommen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen behaupten, das könne nur gelingen, wenn man es schafft, den Hamburger aus Hamburg herauszulocken, am besten nach Köln, wo er in den Unmengen von guter Laune sofort die Orientierung verliere und zur leichten Beute werde. Andere vertreten die Auffassung, dass die Hamburger zwar nicht mit Auswärtigen, wohl aber untereinander durchaus sexuellen Verkehr pflegen, weshalb es wichtig sei, sich in Hamburg als Hamburger zu tarnen. Dazu müsste man allerdings wissen, was den Hamburger im Innersten ausmacht.
Da ich bis jetzt keinen Hamburger von innen kennengelernt habe, tappe ich weitgehend im Dunkeln. Ich habe mir aber sagen lassen, dass die bisweilen einschüchternde Heterosexualität fast immer rein äußerlich sein soll. Drunter trügen sie häufig nichts. Die immer wieder beklagten Orgasmusprobleme der Hamburger bekomme man mit dem Einlaufen der "Queen Mary 2" ohne Weiteres in den Griff. Manche würden dann sogar dabei reden und Fotos machen. Der eine oder andere brülle dann sogar lauter als der König der Löwen. Ob man diese Seite eines Hamburgers überhaupt entdecken will, muss jeder für sich entscheiden. Von Weitem sind sie natürlich irgendwie hanseatischer, aber das kann auch Einbildung sein.
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