Hans Peter Hauschild
Fluchtversuche
Das Leben des Miro Sabanovic zwischen Familienterror, Bahnhof Zoo und Ausländerbehörde
Taschenbuch, 200 S., EUR 12,00
ISBN 987-3-939542-32-2
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Die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo
Miro Sabanovic ist elf Jahre alt, als er mit seiner Familie aus dem bosnischen Bürgerkrieg nach Berlin kommt. Das ist 1992. Knapp zehn Jahre später, am 14. August 2001, wird er abgeschoben - nach einem Leben auf dem Strich, nach einer typischen Drogenkarriere, nach zahlreichen Jugendstrafen. Es war ein kurzes Leben am Bahnhof Zoo, das er in seiner Abschiebehaft zu Papier gebracht, das sein Betreuer Hans Peter Hauschild zu diesem Buch gemacht hat: Und es entspricht so gar nicht dem Klischee, das "Christiane F." und die "Kinder vom Bahnhof Zoo" vor 30 Jahren geprägt haben. Für Miro ist das Stricherleben nicht das Ende eines langen Abstiegs, sondern die schönste Zeit seines Lebens.
In der bosnischen Heimat war Miro von den Eltern zum Dieb erzogen und körperlich misshandelt worden. In Berlin erlebt er so etwas wie Freiheit und sogar die Zuneigung seiner Freier. Aber einerseits kann er sich auch in Deutschland nicht aus dem Bannkreis der Familie, seiner eigenen kriminellen Laufbahn befreien. Und andererseits er hat seine Rechnung ohne die Ausländerbehörden gemacht.
Auch Miros Geschichte ruft Klischeevorstellungen vom Leben der Roma oder vom Verhältnis deutscher Freier zu den Exoten auf dem Fleischmarkt hervor. Doch die Form der "Oral History", so Hans Peter Hauschild in seinem ausführlichen Nachwort, gelangt zu einer differenzierten Sicht auf das Einzelne jenseits von Klischees und Vorurteilen:
Miros Jungenleben ist randvoll mit extremen humanitären Härten, die bei ihrer bloßen Nennung eigentlich jedes Herz zum Schmelzen bringen müssten. Dass er dennoch keine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekam, liegt auch an den Härten, die er selbst seinen Mitmenschen zufügt. Denn Miro, das Opfer, ist bei Gott kein Engel, sondern eine Zumutung, eine Frechheit auf zwei Beinen. /(HP Hauschild im Nachwort)
Ein ergreifender Tatsachenbericht
Mario Reinthaler in Xtra
So gerät der Leser in ein Karussell aus Mitleid mit dem Opfer Miro und Verachtung für den Täter Miro. Eindrücklich und spannend bis zur letzten Seite.
Wolfram Saathoff in Schwulissimo
Es entspricht so gar nicht dem Klischee.
Box
Während ich hin und her lief, bemerkte ich einen Mann, der mich immerzu beobachtete. Zunächst dachte ich an einen Zivilbullen und hatte große Angst. Ich fürchtete, wenn er mich erwischte, brächte er mich zur Polizei und die Beamten schafften mich in mein verhasstes "zu Hause". Drum ging ich möglichst unauffällig weiter, aber er kam hinter mir her. Hinter einer Biegung konnte er mich kurze Zeit nicht sehen und ich rannte, was ich konnte. Zum Glück konnte ich den Kerl abhängen. Am späteren Abend verkroch ich mich auf dem Dachboden eines Treppenhauses und legte mich müde auf den Fußboden. Ich schlief eigentlich sehr gut ein, aber bald war mir etwas kühl und ich freute mich über die warmen Sachen, die ich aus dem Heim mitgenommen hatte.
Am nächsten Morgen ging ich wieder zum Bahnhof Zoologischer Garten und traf dort eine Menge Bekannte. Eigentlich hatte ich bislang nicht viel mit diesen Leuten zu tun, aber wir kannten uns, weil unsere Eltern einander in der Heimat besucht hatten. Von den meisten weiß ich eigentlich nicht einmal die Namen. Doch heute fragte ich sie, was sie so treiben und wie es ihnen geht. Viele sagten, es gehe ihnen ganz gut hier in Deutschland, fernab vom schrecklichen Bürgerkrieg. Einer sagte plötzlich zu einem anderen: "Schau mal, der Mann dahinten will was von dir!" Der gefragte Junge ging hin und die beiden unterhielten sich kurz. Ich wollte unbedingt wissen, was da los war, und erhielt zur Antwort: "Er will mit ihm gehen." Was sollte das um Gottes willen schon wieder heißen, "mit ihm gehen"? Und so fragte ich zurück: "Wohin denn?" Da merkte der andere Junge, dass ich keine Ahnung hatte und ließ mich allein.
(...)
Als wir wieder zurück im Bahnhof waren, sah ich wieder den Mann, der mich anfangs beobachtet hatte, und dem ich erfolgreich entflohen war. Ich befürchtete, er sei Zivilpolizist. Schließlich stand er direkt hinter mir und klopfte mir auf die Schulter. Mir klopfte das Herz bis zum Hals und ich drehte mich zu ihm um. Ich war ganz sicher: "Jetzt hat er mich!" Er fragte, ob ich Zeit hätte, doch ich wusste nicht, was er damit sagen wollte. Daher antwortete ich: "Nein, es tut mir leid, aber ich habe keine Uhr." Doch ich hatte ihn missverstanden und er wollte, dass ich etwas mit ihm trinken gehe. Dafür hatte ich gerne Zeit. Der Junge war nicht mehr bei mir, weil er auch mit einem Freier beschäftigt war. "Dann lass uns gehen", sagte der Mann. Wir fuhren zehn Minuten mit einem Taxi und stiegen bei einem Hotel aus. Zunächst ging's in ein Italienisches Restaurant auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Dort saßen wir in einer Ecke und der Kellner brachte uns zwei Speisekarten, als er fragte, was wir trinken wollten. Der Mann bestellte sich ein großes Bier und fragte mich, worauf ich Lust hätte: "Eine Cola" - "Wird gemacht!" Mit der Speisekarte in der Hand fragte er mich, ob ich nicht Hunger hätte und sagte, dann solle ich mir doch etwas aussuchen. Ich schämte mich, weil ich nicht lesen konnte, denn ich bin ja noch nie zur Schule gegangen. Er wollte wissen, warum und ich meinte das sei eine große Geschichte. Er wollte, dass ich sie ihm erzähle, aber ich mochte nicht, ließ es lieber bei meinen "großen" Andeutungen und er war zufrieden. Er bot mir an, die Speisen vorzulesen und ich sollte nur sagen, was mir gefällt. Als der Kellner mit den Getränken kam und die Bestellung aufnehmen wollte, waren wir noch nicht so weit. Ich entschied mich für Spaghetti Bolognese und der Mann nahm das Gleiche, was mich zum Lachen brachte. Dann sagte er, wir hätten uns ja noch nicht einmal vorgestellt, was wir gleich nachholten, aber ich habe seinen Namen längst vergessen. Ich schüttete die Cola herunter und er lachte: "Du musst aber Durst haben!" Ich lachte auch und bejahte seinen Eindruck. Als der Kellner zurückkam, bestellte er die Spaghetti und noch eine Cola für mich. Er wollte wissen, wie alt ich sei, und als ich "dreizehn" angab, wo ich denn wohnen würde. Ich meinte: "Nirgendwo", und er: "Na, irgendwo wirst du ja wohl wohnen." Da fing ich meine wahre Geschichte an, dass ich von zu Hause weggelaufen war, weil es mir dort schlecht ging und er wollte wissen, warum. "Das ist jetzt egal, ich möchte bitte nicht darüber reden." Und er ließ mich in Ruhe. Irgendwie fand ich ihn ganz nett. Schließlich gingen wir ins Hotel auf der anderen Straßenseite und ich wollte wissen, warum ein Hotel? Er erzählte, dass er für zwei Wochen Urlaub in Berlin sei und morgen früh wieder abreise. Dann stiegen wir in den Fahrstuhl, er drückte die Drei, öffnete oben mit einer Chipkarte die Zimmertür und bat mich, es mir bequem zu machen: "Fühl dich wie zu Hause." Ich zog die Schuhe aus und sprang aufs Bett. Er tat das Gleiche und ging zuvor noch an den Kühlschrank um für mich eine Cola und für sich ein Bier mitzubringen. Er wollte wissen, wie lange ich schon von zu Hause weg sei und ich sagte wahrheitsgemäß: "Etwa zwei Wochen." Auch, dass ich in einem Heim war und wiederum von dort weglief, als man mir dort den Besuch meiner Eltern androhte. Gestern hatte ich auf dem Boden in einem hohen Treppenhaus geschlafen, auch das erzählte ich ihm. Er wollte wissen, wo ich weiterhin nächtigen würde und ich wusste es nicht. "Bis morgen kannst du hier schlafen, aber früh um zehn muss ich dich rausschmeißen, denn mein Flieger geht um elf." Ich bedankte mich, aber das wollte er nicht. Aber er wollte wissen, warum ich gestern weggerannt sei. Er lachte, als ich ihm erzählte, dass ich ihn für einen Zivilbullen gehalten hatte. "Na siehst du, ich bin kein Polizist!" Aber das hatte ich auch schon mitbekommen. Er wollte noch wissen, wo ich so gut deutsch gelernt hätte und ich wusste nichts darauf zu antworten. Die Frage nach meiner Herkunft war leichter zu beantworten, auch, dass ich kein Bosniake bin, sondern Roma. Er wollte wissen, wie lang ich schon hier sei und ich sagte ihm, dass es fast zwei Jahre seien. Er fand, dass ich echt gut deutsch sprechen würde, obwohl ich keine Schule besucht habe. Da war ich ein bisschen stolz. So haben wir bis gegen dreiundzwanzig Uhr geredet und viel gelacht. Als wir dann schlafen gingen, rückte er ganz nah an mich heran, legte den Arm auf mich und auch ich umarmte ihn. Dann bin ich so schnell und tief eingeschlafen, dass ich gar nicht mehr wusste, wo ich war. Als ich am Morgen aufwachte, lagen wir noch immer umarmt im Bett. Auch er erwachte, wünschte "Guten Morgen" und fragte, ob ich gut geschlafen hätte. Das konnte ich mehr als nur bestätigen, was ihn freute. Er küsste mich auf die Stirn und wir standen auf. "Komm!", meinte er, "lass uns etwas frisch machen." Im Bad fragte er, ob ich duschen oder baden wolle und ich wollte baden. Er machte die Wanne voll mit Schaumbad und ich legte mich hinein. Er fragte, ob er meinen Rücken waschen solle, was ich ganz klasse fand. Danach ging er in die Dusche. Anschließend zogen wir uns an und gingen in die Hotelhalle zum Frühstück. Zurück im Zimmer packte er seine Koffer. In diesem Augenblick spürte ich Kummer in meinem Bauch. Er war so nett gewesen, so liebenswert und außerdem in einem Alter, dass er mein Vater hätte sein können. Er hatte überhaupt nicht verlangt, Sex mit ihm zu machen, obwohl er vielleicht schon gewollt hätte, sondern ganz einfach Liebe gesucht. Er war bestimmt zu hundert Prozent schwul, aber er ließ mich in Ruhe. Als er mit Packen fertig war, holte er seine Brieftasche heraus und gab mir den gesamten Inhalt, zwischen siebenhundert und achthundert Mark. Ich lehnte ab, aber er bestand darauf und sagte: "Nimm es an, denn du brauchst es. Kauf dir doch Klamotten davon und Schuhe." Als ich das Geld in meine Tasche gesteckt hatte, wuchs mein Kummer immer mehr. Doch er meinte: "Sei doch nicht so traurig, lach mal ein bisschen!" Er küsste mich noch mal auf die Stirn und sagte: "Komm, lass uns gehen." Ich ging noch zusammen mit ihm bis in die Hotelhalle, dann trennten wir uns und sagten: "Auf Wiedersehen". Als ich wieder alleine auf der Straße war, heulte ich wie ein Schlosshund. Viele Menschen kamen mir in Erinnerung, die ich so innig geliebt hatte. Aber das war der erste Mensch, der auch zu mir nett und lieb war.
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