Christopher Isherwood
Der Einzelgänger
Erzählung
Aus dem Englischen von Axel Kaun
Mit einem Nachwort von Gerd Hoffmann
gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
ISBN 3-935596-76-6
Vergriffen. Taschenbuchlizenz bei Suhrkamp!
Pressestimmen
Leseprobe
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Ein Tag im Leben eines alleinstehenden Herrn.
Isherwood beschreibt einen Tag im Leben des 58jährigen George, der das Verständnis für die schöne heile Welt des modernen Amerika verloren hat.
Die brüchige bürgerliche Gesellschaft war zeitlebens eines der wichtigsten Themen Isherwoods. Seine kultivierten britischen Helden beobachten die Berliner Halbwelt in "Cabaret" mit ähnlicher Distanz wie die Spießbürger im Alptraum der amerikanischen Vorstädte in "Der Einzelgänger" - der autobiografische Hintergrund ist leicht zu erkennen.
Das "Kindler Literaturlexikon" schreibt darüber:
Sein Außenseitertum und seine Intelligenz befähigen George, hinter die Fassade des "amerikanischen Utopia" zu blicken, sie verbieten ihm aber auch die offene Stellungnahme. So bedient er sich der Ironie, um die "Verständigungsmanie" in einer Welt, in der letztlich Verständnislosigkeit herrscht, und um die Bildungsbeflissenheit eines Systems, dessen Institute Fließbandfabriken gleichen, zu geißeln.
Seit dem Unfalltod seines Freundes und Wohnungsgenossen Jim hat er sein Einzelgängertum geradezu kultiviert. Die Umwelt wird von George nur dort akzeptiert, wo sie ihn bestätigt. In der gleichen Ichbezogenheit, in der er diesen Tag - und alle anderen - verbracht hat, beendet er ihn auch: er sinkt in dumpfen Schlaf, und dann setzt sein Herz aus.
Stimmen zu früheren Ausgaben:
"Das beste, das Isherwood je geschrieben hat."
(Tennessee Williams)
"Für mich sein bester Roman."
(Graham Greene)
"Bei Isherwood ist von Schuld nirgends die Rede, auch nicht von Sünde. Doch er gewährt seinen Geschöpfen das Recht auf Melancholie."
(Klaus Harpprecht in der "Süddeutschen Zeitung")
Christopher Isherwood wurde 1904 in Cheshire / England geboren. Seine Erlebnisse Anfang der 30er Jahre in Berlin lieferten das Material für "Leb wohl, Berlin" und zwei weitere Romane, die in der Bühnenbearbeitung "Cabaret" Weltruhm erlangten. Isherwood emigrierte 1939 in die USA. Er starb im Alter von 83 Jahren in Santa Monica, Kalifornien. |
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"Das ist leicht, elegant, melancholisch geschrieben ..."
Ulrich Greiner in Die Zeit, 8. Juni 2006
Durch die Schilderung eines einzigen Tages führt uns Isherwood durch den Kosmos eines alternden Schwulen in einer hochpolierten Welt. Dass er dabei nie den Zeigefinger hebt und erfrischend unsentimental bleibt, zeichnet ihn als Meister seines Faches aus.
Martin Weber in Lambda-Nachrichten Juli/August 2006
George ist bei aller Gewissheit, die dionysischen Dimensionen des Daseins hinter sich zu haben, noch immer sehr alive and kicking. Das führt zu zahlreichen lustvoll sarkastischen Beobachtungen seiner amerikanischen Umgebung, die der Literaturprofessor mit dem subtilen Snobismus des englischen Gentlemans registriert.
Tilman Krause in Die Welt vom 25. Januar 2006
Eines meiner Lieblingsbücher ... Schwer zu sagen, warum dieser Roman nicht deprimierend sein sollte, aber es ist so: Das Buch stimmt heiter. Das hat etwas mit dem Ton zu tun, mit der Gelassenheit, mit der Isherwood über das Alter schreibt. Auch wenn die Welt von George nicht perfekt ist, es klingt so, als ginge es ihm gut.
Peter Rehberg in Siegessäule 11/2005
Isherwood hatte für seine Umwelt wohl immer etwas Befreiendes und Direktes. Genauso wie in der Spiritualität lebte er in Sinnlichkeit und Selbstbefragung, und dieser Roman stammt zweifellos aus dem Kontinent des Zweifels.
Elmar Schenkel in der FAZ
... glücklich, wer ihn nun dank der überarbeiteten Neuausgabe erstmals für sich entdecken kann ... ein unaufdringliches und doch so großes Kunstwerk.
Axel Schock in Hinnerk 11/2005
Ein Genuss.
Mario Reinthaler in XTRA
Detailgenaue Beobachtungen des Lebens in amerikanischen Vorstädten, das geprägt ist von Neid, Missgunst, gescheiterten Träumen und unerfüllter Sehnsucht.
Hamburger Abendblatt 17. November 2005
Das Buch gilt bis heute als das beste schwule Buch aller Zeiten. ... Es geht um Dinge, die jeden Menschen ausmachen. Einsamkeit, Verlust des Freundes, das Verhältnis zum Altern... 40 Jahre nach seinem ersten Erscheinen liegt der Klassiker, mit einem schönen Nachwort von Gerhard Hoffmann versehen, nun wieder vor. Und ist tatsächlich Pflichtlektüre.
Du & Ich, 9/2005
George wahrt eine ironische Distanz zu seinemDasein, er (er)trägt das Alleinsein mit Humor, und er bezieht deutlich Stellung. Zum Außenseitertum und zum Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten.
Christian Scheuß in Die Besten
Präzise in seinem Witz und berührend in seinem Humor konfrontiert es das Innenleben dieses George mit seinen abenteuerlich-banalen Begegnungen mit Nachbarn, Studenten, Freundinnen und den Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit.
Kontakt 11/12 2005
Mit trockenem Humor und präzisem Blick.
Männer aktuell 8/2005
Ein ruhiger Morgen. Die Kinder sind fast alle in der Schule, bis zu den Weihnachtsferien vergehen noch zwei Wochen. (Beim Gedanken an Weihnachten läuft es George kalt den Rücken hinunter. Vielleicht wird er etwas ganz Extremes unternehmen, nach Mexiko City fliegen, sich dort eine Woche lang betrinken und sämtliche Bars unsicher machen. Das bringst du ja doch nicht fertig, nie im Leben, meldet sich eine Stimme mit ernüchternder Kühle.)
Ach, sieh mal an, da kommt Benny, hat den Hammer in der Hand. Er wühlt in den Abfalleimern herum, die zur Leerung bereit auf dem Gehsteig stehen, und zieht eine kaputte Badezimmerwaage ans Licht. Während George ihn beobachtet, fängt Benny an, mit dem Hammer auf die Waage zu schlagen und dabei lustvolle Schreie auszustoßen; er will den Eindruck hervorrufen, als schreie hier die vor Schmerz gepeinigte Maschine. Es ist kaum zu glauben, aber Mrs. Strunk, die stolze Mutter dieses Geschöpfes, brachte es fertig und fragte Jim mit bebendem Entsetzen, wie er es fertig bringt, diesen harmlosen jungen Schlangen etwas anzutun!
Da erscheint Mrs. Strunk auch schon auf der Veranda, gerade als Benny den Mord an der Waage vollendet hat und voller Stolz die herumliegenden Stücke betrachtet. "Leg sie zurück!", gebietet sie ihm. "Zurück in die Mülltonne! Gleich jetzt!" Dabei hebt und senkt sich ihre Stimme bewusst zu einem süßen Singsang.
Ihre Kinder anzuschreien, würde ihr nie einfallen, denn sie hat alle möglichen Bücher über Psychologie gelesen und weiß dementsprechend genau, dass Benny zurzeit seine aggressive Phase durchmacht - nichts ist normaler und gesünder. Sie weiß auch sehr genau, dass man sie um diese Zeit ganz deutlich unten auf der Straße hört, schließlich ist es ihr gutes Recht, gehört zu werden, denn dies ist ja die Stunde der Mütter. Als Benny dann endlich ein paar zerbrochene Stücke in die Tonne zurückgeworfen hat, säuselt sie: "So ist's recht!", und geht lächelnd ins Haus zurück.
Benny strolcht davon, um sich nun mit drei wesentlich kleineren Kindern zu beschäftigen, zwei Jungen und einem Mädchen, die soeben versuchen, ein Loch auf dem Grundstück zwischen den Strunks und den Garfeins zu graben. (Beide Häuser stehen frontal zur Straße und sind, im Gegensatz zu der privaten Zurückgezogenheit von Georges Höhle, nach allen Seiten offen.)
Auf dem freien Grundstück, unter dem riesigen alten Eukalyptusbaum, hat jetzt Benny das Kommando ergriffen. Er zieht den Anorak aus und wirft ihn dem kleinen Mädchen zum Halten hin; dann spuckt er in beide Hände und ergreift den Spaten. Er spielt den nach vergrabenen Schätzen suchenden Helden vom Fernsehen. Das Leben dieser Kinder heutzutage ist nichts wie ein Sammelsurium aus solchen Nachahmungen, kaum können sie sprechen, fangen sie schon an und singen die Werbesongs nach.
Doch jetzt macht sich einer der Jungen - vielleicht weil Bennys Buddelei ihn in gleicher Art anödet, wie Benny die pfadfinderischen Projekte von Mr. Strunk anöden - selbständig und böllert mit einer Karbidkanone. Wegen dieser Kanone ist George schon verschiedentlich bei Mrs. Strunk vorstellig geworden und hat sie ersucht, doch der Mutter dieses Jungen gefälligst klar zu machen, dass dieses Spielzeug ihn langsam an den Rand der Verzweiflung bringe. Aber Mrs. Strunk hat nicht die Absicht, sich in die anarchischen Gesetze der Natur einzumischen. Ausweichend lächelnd erklärt sie: "Solange der Kinderlärm ein glücklicher Lärm ist, höre ich ihn gar nicht!"
Gewöhnlich hält die Stunde von Mrs. Strunks mütterlicher Allmacht bis in den frühen Nachmittag an, wenn die großen Jungen und Mädchen aus der Schule kommen. In gemischten Gruppen treffen sie ein, von denen sich fast alle Jungen sofort absetzen, um an der maskulinen Stunde des Ballspiels teilzunehmen. Lautstark und rau schreien sie sich gegenseitig an und stoßen, springen und fangen mit arroganter Anmut. Landet der Ball in einem Vorgarten, zertrampeln sie die Blumen, randalieren über Steingärten hinweg und brechen in die Patios ein, ohne dass ihnen auch nur der Gedanke käme, sich zu entschuldigen. Wenn sich ein Auto auf die Straße wagt, muss es anhalten und so lange warten, bis sie bereit sind, es durchzulassen - sie wissen ganz gut, wo ihre Rechte liegen. Die Mütter müssen jetzt alle kleinen Bälger drinnen und außer Reichweite halten. Die Mädchen hocken kichernd draußen auf den Veranden, die Augen beständig auf die Jungen gerichtet. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, unternehmen sie die absonderlichsten Dinge. Die Cody-Töchter zum Beispiel befächeln unaufhörlich ihren uralten schwarzen Pudel, als handle es sich um Kleopatra auf dem Nil. Aber sie bleiben trotzdem unbeachtet, sogar von ihren Freunden, denn dies ist nicht ihre Stunde. Die einzigen Jungen, die jetzt mit ihnen sprechen, sind artig und sanft, wie der hübsche, weichliche Doktorssohn, der dem Pudel bunte Bänder in die Locken bindet.
Als Letzte kommen schließlich die Männer nach Hause. Und das ist ihre Stunde, und das Ballspiel muss aufhören. Denn die Nerven von Mr. Strunk sind dadurch nicht besser geworden, dass er sich den ganzen Tag lang abgemüht hat, ein Stückchen Grundbesitz an eine launische reiche Witwe zu verkaufen, und die Stimmung von Mr. Garfein ist ungewiss nach all den Anspannungen in seiner Installationsfirma für Swimmingpools. Lärm können sie und alle übrigen Mitväter nicht mehr vertragen. (An den Sonntagen spielt Mr. Strunk schon mal mit seinen Söhnen Ball, doch das gehört eben in sein Programm für körperliche Ertüchtigung, und es wird höflich und ernst, aber ohne rechte Freude durchgeführt.)
Partys werden an jedem Wochenende veranstaltet. Man ermuntert die Teenager, auszugehen, zu tanzen und miteinander zu knutschen, auch wenn die Schularbeiten darunter leiden, denn die Erwachsenen brauchen dringend Entspannung und wollen alleine sein. In der Küche bereiten dann Mrs. Strunk und Mrs. Garfein Salate zu, während Mr. Strunk im Patio das Barbecue in Gang setzt, und dort, quer über die leer stehende Parzelle, kommt Mr. Garfein mit einem Tablett voller Flaschen und einem Shaker, um fidel im Ton alter Marine-Corps-Zeiten anzukündigen: "Martinis in Sicht!"
Und zwei, drei Stunden später, nach den Cocktails und dröhnenden Lachsalven, nach den ganz erstaunlich schmutzigen Witzen, den mehr oder weniger heimlichen Versuchen, die anderen Ehefrauen in den Hintern zu kneifen, nach den Steaks und dem Obstkuchen, und während die "girls" - so nennen sich Mrs. Strunk und alle übrigen amerikanischen Hausfrauen selbst und untereinander, bis sie neunzig sind - das Geschirr spülen, kann man auf der Veranda Mr. Strunk und seine Ehemannskameraden mit den Gläsern in der Hand und schwerer Stimme immer noch sprechen und lachen hören. Vergessen sind ihre geschäftlichen Sorgen, jetzt geben sie sich stolz und glücklich. Denn noch der Geringste unter ihnen ist ja Miteigentümer der amerikanischen Utopie vom Königreich des guten Lebens auf Erden - grob nachgeäfft von den Russen, verhasst bei den Chinesen, die nichtsdestoweniger bereit sind, für Generationen zu darben, zu hungern und sich politisch säubern zu lassen, in der hoffnungslosen Hoffnung, es zu erben. Ach ja, Mr. Strunk und Mr. Garfein sind in der Tat stolz auf ihr Reich. Doch wie kommt es nur, dass ihre Stimmen den Stimmen der Knaben gleichen, die sich beim Durchstreifen unbekannter dunkler Kellergewölbe gegenseitig Mut zurufen? Weshalb werden ihre Stimmen lauter und lauter, dreister und dreister? Ob sie sich wohl bewusst sind, dass sie Furcht haben? Nein. Und doch fürchten sie sich sehr.
Wovor fürchten sie sich?
Sie fürchten sich vor dem, was sie irgendwo im Dunkel umlauert und jeden Moment im objektiven Licht ihrer Taschenlampen auftauchen kann, etwas, was sich dann nicht mehr ignorieren und wegerklären lässt: der böse Feind, der nicht in ihre Statistiken passt; das Gorgonenantlitz, das ihre Schönheitsoperationen ablehnt; der Vampir, der das Blut in hörbar unkultivierten Schlucken schlürft; das übel riechende Tier, das keinen Gebrauch von ihren Deodorants macht; das Unaussprechliche, das trotz aller Vertuschungsversuche darauf besteht, dass man es beim Namen nennt.
Abgesehen von vielen sonstigen Schreckgespenstern, sagt sich George, fürchten sie auch meine Wenigkeit.
Mr. Strunk, so vermutet George, würde ihn nur allzu gern mit einem einzigen Wort festnageln: schwul. Aber weil wir ja mittlerweile das Jahr 1962 schreiben, darf wohl auch von ihm der Zusatz erwartet werden: Mir persönlich ist es ja egal, was er treibt, solange er mich in Ruhe lässt. Selbst die Psychologen sind sich nicht einig darüber, welche Rückschlüsse aus so einer Bemerkung für die vielen Mr. Strunks dieser Welt zu ziehen sind. Tatsache allerdings ist, dass Mr. Strunk, einer Fotografie nach zu urteilen, die ihn als Collegestudenten im Football-Dress zeigt, ausgesehen haben muss wie ein Zuckerpüppchen.
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