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Lust ohne Reue
Eine Geflügelschere mag bei manchen Menschen Kastrationsängste auslösen, doch Detlev Meyer sieht das ganz anders. Wer seinen "Bericht an einen fernen Freund" gelesen hat, wird in Zukunft nur mit versonnenem Lächeln nach diesem Gegenstand greifen. Acht Erzählungen enthält dieser Band, acht Autoren schreiben auf subtile Weise über Dinge, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, und außer Meyer gewinnen auch Walter Foelske, Lutz Büge und die anderen diesem Thema verblüffende Aspekte ab.
Die Autor und ihre Texte Pil Crauer: Goldfinger Pressestimmen
Da sitzt jeder Handgriff. LeseprobeAus:Nicht im Traum von Lutz Büge Der Urlaub ist natürlich mit Abstand die blödeste Zeit, um sich zu verlieben. Aber sonst kommt man ja nicht dazu. Allerdings, das muss ich gleich hinzufügen, wollte ich mich eigentlich gar nicht verlieben. Nicht wirklich. So was führt zu nichts Gutem, daraus entsteht nur Frust. Spätestens nach dem Urlaub, wenn wieder Routine einkehrt. Ich wollte mich nur ein bisschen amüsieren - Sex eben, unkompliziert und urlaubsmäßig. Griechisch. Und vielleicht wollte ich Jörg eins auswischen, so wie er mir mitunter. Er lag am Strand neben mir und ignorierte wie üblich alles um sich her bis auf mich. Selbst die Sonne schien ihm egal zu sein, und ins Wasser ging er nur mit mir zusammen. Ich hingegen spähte demonstrativ nach Männern. Wir waren zwar zusammen in diesen Urlaub gefahren und schliefen nebeneinander in einem Zelt auf dem Campingplatz in der Nachbarbucht; aber das war auch schon alles, was uns verband. Ach ja, unsere Beziehung hätte ich fast vergessen. Fünf Jahre inzwischen! Und trotzdem spielte Jörg sich auf wie eine Gouvernante. Dabei kannte er mich gut genug, um zu wissen, dass das nichts nutzte. Männer gab es hier genug, dies war schließlich ein Schwulenstrand. Noch dazu, untypisch für Griechenland, ein Nacktstrand. Für eine Weile hatte ich den blonden Jungen betrachtet, der richtiggehend interessant wirkte, vermutlich weil er als einziger eine Badehose trug; ansonsten war er einfach nur hübsch. Vorhin noch hatte er sich auf dem Rücken liegend gesonnt, aber dann hatte der ältere Mann - offenbar sein Mann - begonnen, ihm Brust und Bauch zu streicheln und die Brustwarzen zu zwirbeln und war ihm schließlich mit Fingerspitzengefühl über die Wölbung der Badehose gefahren, die während dieser Behandlung immer auffälliger geworden war. Und da hatte sich der Junge kichernd umgedreht, und der halbe Strand hatte enttäuscht geächzt. Es war so heiß, dass die Luft über dem Meer flirrte. Der Sand glühte vor Hitze, der Salzgeruch wurde überlagert von einer Wolke von Männerschweiß. Ich wollte gerade aufspringen und zum Wasser hinunterlaufen, um mich abzukühlen, als nur wenige Meter vor mir ein junger Mann aufstand, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Die Show mit dem Jungen in der Badehose war so spannend gewesen, da übersieht man schon mal das nächstliegende übersieht man eben oft. Aber wenn man's dann sieht, wird gleich Schicksal draus. Er war ein Schlacks und gefiel mir auf Anhieb. Ich stehe auf schlacksige Scheiteltypen. Allerdings habe ich mit ihnen immer Pech. Entweder sind sie in der CDU und/oder Juristen, oder sie spielen Cello, und man darf sie nicht richtig anpacken. Dieser Junge hatte keinen Scheitel, sondern kurze, fast schwarze Haare. Er war groß, schlank und braun gebrannt, und seine Hinterbacken waren so klein und rund und fest, dass ich sie augenblicklich in meiner Handfläche zu fühlen meinte. Er ging zum Meer hinunter. Ich konnte meinen Blick nicht mehr von ihm abwenden. "Lutsch ihm doch einen", hörte ich Jörg neben mir sagen. Meiner schlechteren Hälfte war natürlich nichts entgangen. "Gute Idee", gab ich zurück, stand auf und machte mich auf den Weg zum Wasser. Jörg folgte mir auf dem Fuß, aber er holte mich nicht ein. Der Schlacks stand bis kurz über die Knöchel im Wasser und fixierte einen Punkt am Meeresgrund einige Meter voraus, als ich zwei Meter neben ihm ins Wasser patschte. "Oh, là là", sagte ich. "Ganz schön kalt, wenn man so lange in der Sonne gelegen hat." Er wandte den Kopf, sah mich aus tiefblauen Augen an und sagte: "Nö." Dann sprang er ins Wasser und tauchte unter. Spätestens in diesem Moment war es um mich geschehen. "Soll ich einen Lappen holen?" fragte Jörg. "Du tropfst, meine Gute." Ich achtete nicht auf ihn, sondern warf mich entgegen den Ratschlägen aller Ärzte dieser Welt sofort ins Wasser, ohne mich vorher an die Temperatur gewöhnt zu haben. So war ich Jörg wenigstens eine Weile los. Er war viel zu vernünftig, um mir gleich zu folgen. Die Rechnung ging auf: Als ich auftauchte, stand er noch nahe am Ufer und klatschte sich Wasser um die Schultern. "Geht's dir gut?" rief er besorgt. "Warte, ich komme." Da es mir jedoch tatsächlich gut ging, tauchte ich sofort wieder unter und schwamm dicht über dem Meeresboden in die Richtung, in die der Schlacks verschwunden war. So konnte Jörg mir nicht so leicht folgen. Er war ein miserabler Schwimmer, noch schlechter als ich. Denn dass ich ein schlechter Schwimmer war, das merkte ich deutlich, als ich an die Oberfläche zurückkehrte und von meinem Ziel keine Spur entdeckte. Er war fort. Es dauerte eine Weile, bis ich ihn viel weiter draußen sah. Er kraulte wie ein Besessener. Ziellos trieb ich dahin, bis Jörg neben mir auftauchte. "Da siehst du mal, was ein Leistungsschwimmer ist", prustete er. "Willst du ihm nicht hinterher?" "Später", sagte ich und tauchte ab, zurück Richtung Strand. Es dauerte eine gute Weile, bis der Schlacks von seiner tour de force zurückkehrte. Er bot einen herrlichen Anblick mit den Hunderten von glitzernden Wasserperlen auf seinem sehnigen Körper. Da war ich beinahe schon wieder so aufgeheizt, dass ich auf der Stelle hätte baden gehen können. Aber ich beherrschte mich und versuchte, möglichst gewinnend zu lächeln. Und der Junge lächelte zurück, ehe er sich auf sein Handtuch legte und mich, wie mir schien, beim Zeitung lesen vergaß. "Warum bist du so blass?" fragte Jörg, zuverlässig wie immer. "Hast du vielleicht gerade entdeckt, dass er mit seinem Freund hier ist, so wie du?" "Sag mir, wo mein Freund ist!" erwiderte ich giftig. "Ich sehe nur die Jungfrau von Orleans." "Es geht halt nichts über passende Vorbilder." Man konnte über ihn sagen, was man wollte, aber die Regeln des Spielchens zwischen uns beherrschte er einfach souverän. Es stimmte, was er sagte: Der Schlaks hatte sich neben einem anderen Jungen niedergelassen, der viel kleiner und viel unauffälliger und überhaupt viel weniger attraktiv war als er. Die Parallele zu Jörg und mir war nicht zu übersehen. Trotzdem gefiel mir dieser Gedanke nicht sonderlich. Und weil ich wusste, wie ich mich für Jörgs spitze Kommentare rächen konnte, stand ich auf und ging hinunter zum Strand. "Schon wieder?" keuchte er prompt. Weitere Kommentare kamen nicht. Daraus schloss ich, dass er über meiner Verfolgung wenigstens für einige Sekunden vergessen hatte, den Schlaks im Auge zu behalten; denn der hatte mich gerade über seine Sonnenbrille hinweg gemustert. Und zwar intensiv gemustert! Dieser Blick aus blauen Augen warf mich schier um. Ich kühlte mich ab und kehrte an Land zurück, während Jörg noch damit beschäftigt war, sich Wasser auf die Schultern zu schaufeln. "Was denn nun!" schimpfte er, als ich sofort zu meinem Handtuch zurückkehrte und mich resolut niederwarf. "Geht's dir nicht gut?" "Weiß nicht genau", antwortete ich. "O Gott, es ist ernst", seufzte er. Normalerweise wäre ich hinübergegangen und hätte ein Gespräch begonnen, am besten, um eine Verabredung zu treffen. Stattdessen sah ich nur immer wieder zu ihm hin - und blickte schnell beiseite, sobald er aufsah und mich bemerkte. Sein lang und fast lasziv hingestreckter Körper war mir dabei fast nebensächlich. Ich hoffte nur, er möge wieder zu mir herschauen und mir so tief in die Augen sehen wie vorhin, über den Rand seiner selbsttönenden Brille hinweg, übrigens ein Modell der Marke "Pilot Oberspießig". Aber als er tatsächlich hersah, war ich derjenige, der rasch den Blick abwandte. "Komm, wir gehen was essen", schlug Jörg vor, nachdem er sich das eine Weile angesehen hatte. "Ich habe Hunger." "Ich nicht", sagte ich. "Geh du nur." Er brummte missgelaunt, doch das Wunder geschah: Er erhob sich und trottete Richtung Strandtaverne davon, und als er eine halbe Stunde später rundherum zufrieden zurückkehrte, hatte sich bei mir noch immer nichts ereignet, abgesehen davon, dass ich jetzt auf dem Bauch lag - und das nicht etwa, damit auch mein Rücken seine Portion UV-Strahlung abbekam. "Du schwitzt wie ein Stier", sagte Jörg. "Du solltest dich ein bisschen abkühlen." "Geht gerade nicht", gab ich zurück. © Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg |