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Uwe Jahn

Weit raus

Erzählungen

Klappenbroschur,
176 S., EUR 16,00
ISBN 987-3-939542-29-2


Pressestimmen

Uwe Jahn im Interview mit Radio eins/ ORB

Leseprobe



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Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Rainer und Christian verbringen ihren Urlaub in einem italienischen Bergdorf. Den haben sie nötig, denn ihre Liebe ist etwas in die Jahre gekommen. Rainer ist erleichtert, endlich wieder einen Job gefunden zu haben, aber Christian kann nicht vergessen, dass er seinen Freund viele Monate lang so mutlos und apathisch erlebt hat. Sein Bild von Rainer hat einen Riss bekommen. Ausgerechnet da trifft er auf Robert, mit dem er schon seit Jahren flirtet. Aber was nützt der schönste Seitensprung mit einem Trottel, und wie erneuert man ein Eheversprechen?

Die anderen Helden dieser Erzählungen stehen ähnlichen Herausforderungen gegenüber: Söhnke scheitert an seiner Opferbereitschaft und Alexander nimmt die Suche nach Grenzerfahrungen allzu wörtlich. Ove hat den Mann fürs Leben gefunden, rechnet aber täglich mit der Beziehungskatastrophe; Martin kann es gar nicht leiden, nur als Gatte des erfolgreichen Matthias wahrgenommen zu werden. Wie verhält man sich in intimen Beziehungen? Wie schützt man die Zuversicht vor den Zumutungen des Alltags? Das lernt man nicht in der Schule.

Zehn Geschichten um Wünsche und Leidenschaften, die überraschende Wendungen nehmen. Die Protagonisten sind unentschlossene Hedonisten mit mehr Vergangenheit, als ihnen lieb ist. Die einen haben sich für eine Partnerschaft entschieden, was ihnen nicht immer gut bekommt. Die anderen sind Singles geblieben und es geht ihnen auch nicht besser, weil mit den Jahren die Hoffnung knapp wird. Alle mussten Federn lassen und würden gerne ewig jung sein, sie fürchten sich vor ihren Erinnerungen und vor dem Alter, sind empfindlich geworden, nervös, leicht zu kränken,
und wenn einer es nicht ernst mit ihnen meint, wird es ungemütlich. Der Autor beobachtet seine Figuren mit fürsorglichem Blick und lässt ihnen ihre Geheimnisse, auch wenn er ihre Gefühle zu erkunden versucht. Sein trockener Humor rückt auch das gelegentlich auftretende Pathos ins rechte Licht.

Uwe Jahn wurde 1964 im Wendland geboren. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Regionalreporter in Brandenburg; heute lebt er in Berlin und arbeitet als Hörfunkredakteur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zahlreiche Glossen und Erzählungen sind in Anthologien und Zeitschriften erschienen. (Foto: Boris v. Brauchitsch)


Pressestimmen

Die Helden sind allesamt im Umbruch. ... Entsprechend ist denn auch die Grundstimmung eher melancholisch als euphorisch. Dem Berliner Journalisten Uwe Jahn gelingt in seinem Debüt allerdings eben diesen Erzählton zum eigentlichen Ereignis zu machen. Es sind oft nur kleine Randbemerkungen, Dialogfetzen, Gesten oder Szenen, die beim Leser sofort die entsprechende Atmosphäre und Gefühlslage hervorrufen.
Axel Schock in Hinnerk

Was Judith Hermann für die Heterowelt geschafft hat, gelingt dem Berliner Schriftsteller mit seinen melancholisch-heiteren Episoden für das schwule Leben: dem Alltag die poetische Seite abzugewinnen. Aus seinen sehr genau und sprachlich souverängearbeiteten Szenen ergibt sich am Ende vielleicht eine verblüffende Einsicht: Wichtiger als sexuelle Abenteuer oder die große Liebe ist die Freundschaft zwischen Männern.
Peter Rehberg in Männer


Leseprobe

Nordlicht

Feiertage sind nicht gut für Singles. Schon gar nicht nach einer Trennung. Zwar hatte ich Weihnachten halbwegs überstanden, aber sturmreif fühlte ich mich doch. Spätestens der Jahreswechsel würde mir den Rest geben. Ich griff zum Telefon und rief Hubert an:
"Was tut man Silvester, wenn man von seinem Freund verlassen worden ist?"
Durchs Telefon hörte ich ihn atmen. Dann sagte er:
"Mein Gott, Martin, das ist jetzt ein Jahr her."
"Ja, und? Es fühlt sich trotzdem an wie am ersten Tag."
Huberts Seufzen kam aus der Tiefe seiner Atemorgane:
"Norwegen."
"Wie, Norwegen?"
"Du brauchst Tapetenwechsel."
"Quatsch, wenn ich in dieser Verfassung allein nach Norwegen fahre, dann komme ich in einer Kiste zurück. Wenn überhaupt. In meinem Zustand kann ich unmöglich über Silvester irgendwohin fahren. Vergiss es."
"Fahr zu Ove."
"Komische Idee. Wir sind uns nur einmal begegnet, und das war bei deinem Geburtstag vor zwei Jahren. Meinst du das reicht, um jetzt nach Norwegen zu fahren, bei ihm zu klingeln und zu sagen: ‚Hallo Ove, mir geht's beschissen, wo ist dein Gästebett?'"
"Ove feiert mit ein paar deutschen Freunden in einem einsamen Hüttendorf, das heißt Oerterstoelen, ich war schon mal da, ganz reizend. Ursprünglich wollten René und ich fahren, aber jetzt, wo seine Mutter im Krankenhaus liegt, wird nichts draus. Ich melde dich bei Ove an."

Hubert war aufgeräumter Stimmung, als ich ans Telefon ging.
"Alles in Ordnung. Ove freut sich", krähte er mir ins Ohr.
"Worauf freut er sich? Auf mich? Hat er eine blasse Ahnung, in was für einem Zustand ich bin?"
"Er weiß Bescheid. Und jetzt mach kein Theater. Ich bring dich zur Fähre. Ove holt dich ab. Und dann geht's auf die Skihütte. Er hat dich gemocht damals, du ihn doch auch, oder? Habe ich dir überhaupt erzählt, dass Ove seit zwei Jahren glücklich mit Arne zusammen ist? Ein netter Typ übrigens, ich glaube Physiotherapeut, er spricht auch deutsch."
"Hast du mir nicht erzählt."

Am Telefon sagte Ove:
"Wir freuen uns. Du bist herzlich willkommen. Berichte uns, was sich in eurer Stadt verändert hat, ja? Wir waren lange nicht mehr dort."
"Was soll ich mitbringen? Handtücher, Bettwäsche, Skier?"
"Das hab ich schon mit Hubert besprochen. Wenn du magst, einen Rotwein, der dir schmeckt. Sonst nichts. Hier ist von allem da, bloß Tageslicht haben wir nicht so viel. Dafür aber Schnee."

Um sicher zu gehen, dass ich auch wirklich fahre, brachte Hubert mich direkt bis zum Fähranleger. Und weil er mir noch immer nicht so ganz traute, wartete er, bis ich im Bauch des Schiffes verschwunden war. Das letzte, was ich von ihm sah, war seine wie immer zu bunte Winterjacke und ein gutgemeintes Winken. Wahrscheinlich atmete er auf. Als das Schiff ablegte, war ich an Deck und sah zu, wie das Land hinter uns zurückblieb, Türme kleiner wurden, die Förde sich weitete. Neben mir auf dem Seitendeck stand ein älteres Paar in teuren Outdoorklamotten, sie eine hellhäutige Blonde mit schmalen Lippen, er ein Brillenträger mit lichtem Haar und kalten Augen. Beide um die fünfzig und wahrscheinlich aus Hamburg. Der Brillenträger sah nach vorn, mit gerunzelter Stirn in die graue See, dem Urlaub entgegen. Ihr Blick ging zurück, über das aufgewühlte Wasser hinweg Richtung Stadt.
"Puh", sagte sie‚ "endlich Ruhe."
Er stellte sich taub und starrte weiter aufs Wasser, als hätte er mit der Frau an seiner Seite nichts zu tun oder würde sich wenigstens wünschen, es wäre so. Sie schaute eine Weile auf seinen Hinterkopf und wartete. Dann kapitulierte sie vor seiner Gleichgültigkeit und winkte genervt ab. So viel Ruhe hatte sie nun auch nicht gewollt.

Ich ging nach vorne. Der Wind pfiff mir um die Ohren, und ich zog die Mütze tiefer ins Gesicht, darüber die Kapuze. Die Fahrt ging in die verhangene See, vorbei an Leuchttürmen, Sporthäfen, Ferienhäusern, Marineanlagen und einem Ehrenmal. Schließlich passierten wir das Denkmal für gefallene Seeleute in Laboe, dessen Turm sich mit elegantem Schwung in den grauen Himmel reckte. Des bösartigen Ostwindes wegen und auch, weil die Feuchtigkeit auffrischte - das ist ein speziell norddeutsches Phänomen irgendwo zwischen Nebel und Regen -, ging ich fröstelnd nach drinnen, putzte mir Salzwasser von der Brille und suchte meine Kabine. Die hatte weder Bullaugen noch Fenster, gedämpft war das Wummern der Schiffsmaschinen zu hören, und während ich aus meinem Rollkoffer Schlaf- und Waschzeug hervorkramte, fragte ich mich, was ich in den zwanzig Stunden, die diese Überfahrt dauern würde, mit mir anfangen sollte.
Wenigstens war ich hier vor Gunnar sicher. Gunnar, der Mann, der es gewagt hatte, mich erst zu betrügen, dann zu belügen, dann zu verlassen. Oder erst zu verlassen, dann zu belügen und dann zu betrügen? Ich wusste nie, in welcher Reihenfolge ich es denken sollte, aber vielleicht war auch alles dasselbe und überhaupt ganz egal. Zuhause lebte ich in der ständigen Angst, Gunnar zu begegnen. Was hatte ich nicht alles unternommen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Ich war in einen anderen Bezirk gezogen, hatte Stammkneipen und das Sportstudio gewechselt, hatte ihm schließlich mitgeteilt, welche Orte er in Zukunft bitte meiden möge und versprochen, mich künftig von seinen Lieblingsplätzen fernzuhalten. Trotzdem war die Angst immer da. Und tatsächlich, zweimal bin ich ihm seit unserer Trennung schon in die Arme gelaufen. Beide Male habe ich es erst so spät gemerkt, dass es kein Zurück mehr gab.
Das erste Mal war an einem Septemberabend. Gunnar ging bei Rot über die Ampel und ich hätte ihn fast mit dem Fahrrad überfahren. Er sah mich mit aufgerissenen Augen an, und ich konnte vor Schreck keinen klaren Gedanken fassen. Stattdessen dachte ich nur: ‚Unrasiert sieht er scheiße aus'.
Er stammelte Sorry, er sei in Gedanken gewesen und freue sich, mich zu sehen. Außerdem stünde mir der neue Kurzhaarschnitt gut. Als meine Starre sich löste, sagte ich schnell:
"Ich muss weiter."
Dann stieg ich aufs Rad, rutschte beim ersten Versuch von der Pedale ab, fuhr schließlich los und dachte ‚Arschloch'.
Zuhause angekommen stellte ich fest, dass ich mich an der Pedale verletzt hatte, Blut klebte an der Socke und der Knöchel schmerzte. In der Nacht lag ich mit Herzrasen wach.

 
 


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