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Tilman Janus

Magische Momente

Erzählungen

ISBN 3 935596 72 3
kart., 176 S.,
€ (D) 5,00



Pressestimmen

Leseprobe

  magische momente


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Rundum sorglos zum Sonderpreis

Sich einmal rundum verwöhnen zu lassen ist ein Bedürfnis, das wohl allen Menschen gemeinsam ist, und wer ins Träumen gerät, wünscht sich manchmal auch Dinge, die den Rahmen des Möglichen sprengen. Tilman Janus nimmt es mit der schnöden Wirklichkeit nicht so genau und stellt sich vor, was wäre, wenn sich die Grenzen der Realität ein wenig ausdehnen ließen. In dreizehn Geschichten tun sich unverhoffte Chancen auf, aber nicht immer sind die Glückspilze in der Lage, ihre Chance zu nutzen, und selbst wenn zunächst alles ganz perfekt aussieht, sollte man auch das Kleingedruckte lesen.

Der Einzelhandel eignet sich gut für die Suche nach magischen Momenten: ein Reisebüro, in dem die Kunden nur eine Tür durchschreiten müssen, um ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, ein Frisiersalon, den man als Skinhead betritt und mit wallenden Locken wieder verlässt, ein Computergeschäft, das ganz eigenartige Bildschirmschoner verkauft, oder natürlich die Boutique, deren Herrenslips über verblüffende Fähigkeiten verfügen. Manchmal sind es auch bekannte Figuren aus Geschichte oder Mythologie, die sich im Alltag nützlich machen, und die Erzählung "Zankapfel" schließlich verrät, was wirklich geschah, bevor Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden.

Tilman Janus verfügt über beides: das Wissen um die Sehnsucht und das Wissen um die schillernde Vielfalt der Warenwelt und ihrer Propheten. Und da er ausgesprochen elegant zu erzählen weiß, fördert er in seinen modernen Märchen immer wieder Hintergründiges zu Tage, das der Geschichte eine unerwartete Wendung gibt. So kann sich der Leser gleich zweimal angesprochen fühlen: zunächst durch Identifikation mit dem Glückspilz, und am Schluss schadenfroh, weil es eben doch nicht so richtig geklappt hat. Beste Unterhaltung ist garantiert.

Tilman Janus wurde 1949 geboren, Ausbildung als Biologe und Bibliothekar. "Tauchte die Gänsefeder wohl schon in die Muttermilch." Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

Pressestimmen

Eine neue Sparte tut sich auf: Fiction for gays - und nicht einmal schlecht erzählt.
Mario Reinthaler in XTRA 7/2005

Am Ende bleibt ein Augenzwinkern, manchmal die ‚Moral von der Geschicht' oder pure Schadenfreude. Amüsantes Lesevergnügen voll sanft prickelnder Erotik und bunt blühender Fantasterei. Magisch? Ohne Zweifel!
Jens Brodzinski in Männer aktuell

Die Pointen sind oft etwas abgestanden und vorhersehbar.
Friedemann Wiede in Hinnerk 7/05


Leseprobe

Auf dem Prüfstand

Eine Zeit lang hatte Philipp ziemlich viele Pornovideos gekauft. Dann war er davon abgekommen, weil ihm die - doch recht teuren - Filme nichts wirklich Interessantes bieten konnten. Trotzdem erhielt er viele Monate nach seiner letzten Bestellung von der Erotikversandfirma einen Brief, in dem die Kundenbetreuung ihm mitteilte, dass er für eine kleine Testreihe ausgewählt worden wäre und gewiss dabei mithelfen wollte, die Produkte der Firma weiter zu verbessern und den Wünschen der Verbraucher anzupassen. Beigefügt waren ein kleines Päckchen mit Kondomen, die er prüfen sollte, und ein Fragebogen für seine Testergebnisse.
Philipp war überzeugter Single mit immensem Kondombedarf und außerdem finanzschwacher Student, deshalb freute er sich über die kostenlosen Qualitätspräservative und war gerne bereit dafür auf dem Testbogen ein paar Kästchen anzukreuzen. Noch am selben Abend probierte er sie mit einem neuen Kommilitonen zusammen aus und war aufrichtig begeistert von dem hauchdünnen, schmiegsamen Material.
Gewissenhaft füllte er am nächsten Tag den Testbericht aus: Hatten Sie Gelegenheit, die Kondome zu verwenden? - ‹Ja!› - Wie viele der übersandten zehn Kondome konnten Sie verwenden? - ‹Alle!› - Was hat Ihnen an den Kondomen besonders gefallen? - ‹Sie waren so dünn, dass man das Gefühl hatte, völlig nackt zu sein.› - Was hat Ihnen an den Kondomen nicht gefallen? - ‹Nichts!› - Wenn Sie jetzt noch einmal über diese neuartigen Kondome nachdenken, wie würden Sie sie insgesamt beurteilen? - Es gab fünf Varianten als mögliche Antwort. Philipp kreuzte ‹Es sind die besten Kondome, die ich je benutzt habe› an. Zufrieden über seine Mithilfe am Funktionieren der Marktwirtschaft steckte er den Fragebogen in den beigelegten Freiumschlag und warf ihn in den Briefkasten.

Eine Woche später erhielt Philipp ein kleines, neutral aufgemachtes Päckchen mit einem fettfreien Gleitgel. Anschreiben und Beurteilungsbogen lasen sich ähnlich wie beim ersten Mal. Außerdem dankte ihm der Kundenbetreuer (Name unleserlich) für seine zuverlässige Mithilfe beim vorigen Test. Auch mit dem Gel war Philipp außerordentlich zufrieden. Besonders gefiel ihm der stimulierende Duft, der ihn zu sexueller Höchstleistung animierte - jedenfalls bildete Philipp sich das ein und erwähnte es lobend im Testbericht. Von da an schickte ihm die Firma regelmäßig Testprodukte zu. Philipp prüfte Lacklaken, Mini-Analduschen aus Edelstahl, sackartige Full-Save-Kondome (hier fiel seine Beurteilung ziemlich negativ aus), elektrische Intim-Trimmer und Gummihosen mit Abflussröhre. (Im Beischreiben wurde ihm empfohlen, Letztere nur in der Duschkabine zu erproben oder in Verbindung mit dem früher einmal übersandten Lacklaken.) Des Weiteren testete Philipp stachlige Silikon-Überzieher (mit denen er Markus, einen wirklich sehr gutmütigen Freund, ums Haar für immer vergrault hätte), Chrom-Analstöpsel zum Erhitzen, Vibrationsmanschetten und Power-Potenz-Pumpen. Das ‹Penis-Vergrößerungs-Set› wollte er eigentlich wieder zurückschicken, weil er so etwas beileibe nicht nötig hatte, probierte es dann aber doch brav aus - selbstverständlich ohne die geringste Wirkung - und kreuzte bei der Frage: Wenn Sie Gelegenheit hätten, dieses Produkt zu erwerben, würden Sie es für sich selbst kaufen? an: ‹Würde ich auf keinen Fall kaufen›. Weniger Spaß hatte er an einem Ganzkörper-Ledergeschirr nebst erheblich zu scharfkantigem Stahlhalsband und an dem ‹S/M-Startpaket für Anfänger› sowie einem ‹Lustseil mit Nippel-Clips›, das ihm beinahe seine hübsche Brust nachhaltig entstellt hätte.
Entzückt dagegen war er zunächst von einem vollautomatischen Dildo. Das imposant anzuschauende Gerät bot fünf Vibrationsstufen mit Zufallsgenerator, bewegliche Vorhaut, weich-griffige Cyberskin-Hoden, Verwöhn-Äderung, Saugfuß zum Aufstellen und Beleuchtung. Neu war - wie der Hersteller im Brief betonte - die naturgetreue Orgasmus-Simulation. Ein Rezept zum Zubereiten des entsprechenden Kunstspermas war ebenfalls beigefügt. Da Philipp am Kochen wenig Freude hatte, fiel die Gesamt-Testnote deutlich negativ aus. Etwas albern fand er eine Anal-Schmuckkette aus pinkfarben eloxiertem Aluminium mit Bärchenanhänger und ein handtellergroßes Plastik-Spermium zum Aufziehen fürs Büro. Im Allgemeinen jedoch hatte er sich an seine Warentester-Tätigkeit gewöhnt und betrachtete sie als kostenlose Bereicherung seines Sexuallebens.

An einem vorlesungsfreien Mittwoch erhielt er von seiner Versandfirma eine in ihren Dimensionen doch etwas ungewöhnliche Sendung. Zwei kräftige Spediteure schleppten mehrere große, offensichtlich sehr schwere Kisten in seine Wohnung. Als Philipp die Behältnisse öffnete, entdeckte er verschiedene vormontierte Bauteile, Gestänge, Kästchen und Kabel, außerdem eine Anleitung. Er konnte diesem umfangreichen Heft entnehmen, dass es sich bei dem neuen Testprodukt um einen ‹Lusthypertuner› zum Selbstaufbau handelte. Neugierig machte er sich sofort an die Arbeit. Da er als Maschinenbaustudent gewisse Vorkenntnisse hatte, gelang ihm die Konstruktion in knappen zwei Stunden.
Stolz betrachtete Philipp sein Werk, das er gleich neben seinen Schreibtisch platziert hatte. Das Ganze ähnelte einem überdimensionalen Zahnarztstuhl. Allerdings gab es für Hand- und Fußgelenke schellenartige Fesselungsmöglichkeiten, was bei Zahnärzten nur in Ausnahmefällen vorkommt.
Herzlichen Glückwunsch zum Erwerb des Lusthypertuners. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Stellen Sie vor der ersten Inbetriebnahme den Wahlschalter ‹Frau/Mann› nach Ihrem Geschlecht ein!, riet die Gebrauchsanweisung. Empfohlen wird die Benutzung des Lusthypertuners in unbekleidetem Zustand. Für Schäden jeglicher Art haftet der Hersteller nicht.
Philipp war außerordentlich auf das Lusthypertuning gespannt. Rasch zog er sich aus, stöpselte den Netzstecker ein, stellte den Wahlschalter auf ‹Mann› und ließ sich auf dem ergonomisch geformten Lederpolster nieder. Sofort sprang der Hypertuner an, vermutlich über einen Druckkontakt im Sitz. Wohlig lehnte Philipp sich zurück.
Eine äußerst angenehme Männerstimme begrüßte ihn und führte ihn durch das Programm. Gehorsam folgte Philipp den Anweisungen und legte Arme und Beine in die Schellenfesseln. Die stählernen Bänder schlossen sich fest um seine Gelenke. Leichte Panik stieg in ihm auf, doch beruhigte ihn die angenehme Stimme sofort.
Der gesamte Stuhl schien plötzlich leicht zu vibrieren. Romantische Musik ertönte. Philipp fühlte sich schwebend und schwerelos, alle Verkrampfungen lösten sich vollkommen. Ein großer Kunstphallus wurde vorgeklappt, strich weich und feucht über sein Gesicht und glitt behutsam zwischen seine Lippen. Philipp musste zugeben, dass er sich äußerst lebensnah anfühlte und bewegte und sogar verlockend nach echtem Mann duftete. Außerdem wurde die stimulierende Wirkung noch von der schönen Stimme unterstützt, die jetzt kleine Obszönitäten in sein Ohr flüsterte.
Zwei weitere Kunststoffpenisse samt Hoden schmiegten sich in seine Hände. Philipp begann vor Erregung zu schwitzen, während er zufasste und genoss.
"Hübsch siehst du aus!", hauchte der Unsichtbare. "Gleich werde ich dich spüren und du wirst mich spüren!" Das geht doch gar nicht!, dachte Philipp halb umnebelt, da fühlte er schon alles auf einmal: unglaublich geschickte Hände, einen warmen, nassen Mund, eine feste Zunge und schließlich einen gewaltigen, wie lebendigen Phallus, der sich bemerkenswert gefühlvoll in sein Inneres hineinbohrte. Zuletzt stülpte sich ein seidenweiches, künstliches Männergesäß auf Philipps eisenhartes Geschlechtsteil und zelebrierte perfekte Bewegungen.
Philipp war nicht mehr bei Sinnen. Er erinnerte sich nicht, jemals ein solches Lustmaximum erlebt zu haben. Gesamttestnote sehr gut!, konnte er gerade noch denken. Er zitterte, stöhnte und schrie, wand sich, bäumte sich in den Fesseln auf. Sein Herz raste. Gleich, gleich würde er es nicht mehr aufhalten können!
Auf einmal hielt der Lusthypertuner an. Nichts rührte sich. "Weiter!", keuchte Philipp, so gut er mit vollem Mund konnte. "Mach doch weiter!" Es gibt nur wenige Dinge, die schlimmer sind als das Ende kurz vor dem Anfang des schönsten Endes der Welt.
Die Maschine stand starr, auch die Stimme meldete sich nicht mehr. Es war gespenstisch lautlos im Raum.
Philipp versuchte, selbst die passenden Bewegungen auszuführen, aber er war an immerhin sieben Körperstellen weitgehend fixiert und konnte sich nur unbeholfen rühren.
Langsam verging seine Erregung. Er ließ die beiden Dildos los. Es gelang ihm trotzdem nicht, die Hände aus den Metallfesseln zu ziehen. Sein Penis erschlaffte, doch er rutschte nicht aus dem Kunstgesäß heraus, sondern wurde durch geheimnisvolle Adhäsionskräfte in dem engen Kanal festgehalten, so dass Philipp sich nicht bewegen konnte ohne schmerzhaft gezerrt zu werden.
Hilflos lag er da, schwer atmend, und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Niemand wusste von seinem Experiment, mit niemandem war er heute verabredet, niemand hatte Schlüssel von seiner Wohnung. Doch, ja, die Hauswartsfrau, noch vom letzten Urlaub her, aber die wohnte im Parterre und hatte nicht die geringste Ahnung, dass sie zurzeit das am meisten herbeigesehnte Wesen der Erde war. Das Mobiltelefon lag nur zwei Meter weit entfernt auf seinem Schreibtisch, doch er konnte es nicht erreichen. Er spürte nun wirkliche Panik, die bedrohlich wie eine Zwanzigmeterwelle auf ihn zurollte. Ruhig!, befahl er sich selbst. Ganz ruhig! Es gibt eine Lösung, ich muss nur nachdenken!
Zu gerne hätte er eine Zigarette gehabt. Auch die lagen in Sichtweite auf dem Tisch, gleich neben dem noch unausgefüllten Testbericht und der Seminararbeit, die er nächste Woche abgeben sollte.
Ich muss Schritt für Schritt vorgehen. Das Wichtigste sind die Hände. Wenn ich die frei habe, schaffe ich das andere auch! Fest spannte er die Armmuskeln an und versuchte die Metallschellen wenigstens ein bisschen zu verbiegen, damit die Hände herausschlüpfen könnten. Die Kanten ritzten seine Haut. Etwas Blut tropfte auf den Boden. Er fuhr mit dem Kopf hoch, um die Oralvorrichtung wegzudrücken. Dabei geriet der Kunstphallus so ungünstig in seine Kehle, dass Philipp würgte und sich übergeben musste. Warm lief das Erbrochene über seinen Hals. Der ekelhaft scharfe, säuerliche Geruch quälte ihn zusätzlich. Der Dildo in seinem Inneren drückte inzwischen unangenehm und verursachte dumpfe Schmerzen. Wenn er versuchte sich anzuheben, quetschte er seinen wund geriebenen Penis weiter in den Kunsthintern hinein, und wenn er ihn wieder herausziehen wollte, stieß ihm der Maschinenphallus grob ins Gedärm. Auch die Fußfesseln schnitten inzwischen in die Haut ein. Es verging eine Stunde, in der Philipps Gehirn langsam davonzuschwimmen schien. Seine Gedanken kreisten immer wieder um die kleinsten Details, ohne dass er zu einer Lösung kam. Er fror, so nackt auf dem lederbezogenen Stuhl.
In der zweiten Stunde begann sein Leben an ihm vorbeizuziehen. Er sah sich als kleinen Jungen an der Hand seines Vaters. Vor so vielen Dingen hatte er damals Angst gehabt, vor Gewitter, Feuerwerk und Flugzeugen, vor Nacht und Dunkel. Immer hatte der Vater ihn getröstet und ihm geholfen.
Eine weitere Stunde schleppte sich quälend dahin, und noch eine. Philipps Glieder waren erstarrt, sein Kopf glühte. Seine Blase hatte sich inzwischen gefüllt, vor Kälte und existenzieller Angst viel schneller als gewöhnlich. Irgendwann konnte er es nicht mehr halten. Hilflos ließ er es hinauslaufen und spürte die Nässe auf seinem Körper und auf dem Lederpolster, erschauernd in tiefster Scham und Erniedrigung. "Vater!", schrie er halb erstickt, spuckte Erbrochenes aus und biss ohnmächtig in den erbarmungslosen Oraldildo. "Vater!" Trotz halben Wahnsinns war ihm noch gegenwärtig, dass sein Vater seit Jahren tot war, aber alleine das Rufen nach ihm, das Hören des geschrienen Namens, half ihm ein winziges bisschen. "Vaaa-ter!", brüllte er lauter und lauter, hustete und röchelte. Dann verlor er seine Wahrnehmungsfähigkeit. Er wusste nicht mehr, wer er war, wo er war und was geschah.

Aus weiter Ferne drang ein Wort an sein Ohr. Er öffnete mit Mühe die verschwollenen Augen. Das Gesicht von Markus schien über ihm zu schweben. Erstaunlicherweise konnte Philipp Arme und Beine wieder bewegen.
"Phil!", hörte er undeutlich Markus' Stimme. "Was ist denn um Gottes willen passiert? Ich bin zufällig vorbeigekommen und hab im Hausflur dein Brüllen gehört." Markus kniete neben ihm auf dem Fußboden. Philipp spürte eine Hand, die ihm sanft über die Stirn strich.
Noch ein anderes Gesicht hing im Zimmer wie ein Vollmond - das von Frau Lohmüller, der Hauswartsfrau. Sie sah ihn mit einer Mischung aus Neugier, Mitleid und Abscheu an.
Langsam richtete Philipp sich auf. Seine Gelenke schmerzten von der langen Erstarrung. Jetzt nahm er den widerlichen Geruch nach Erbrochenem und Urin wahr. Dennoch durchflutete ihn unendliche Erleichterung. Er war frei!
"Danke!", hauchte er.
"Schönen Dank, Frau Lohmüller", sagte Markus. "Es geht schon wieder mit ihm. Ich bringe Ihnen den Schlüssel dann demnächst zurück."

Einige Zeit später saß Philipp am Schreibtisch. Er hatte geduscht, Kaffee getrunken, etwas gegessen, den beschmutzten Teppich zur Mülltonne gebracht, mit einem gewissen Widerwillen sogar den Hypertuner gesäubert und dann noch einmal geduscht. Markus hatte er weggeschickt. Er musste allein sein, nach dieser schrecklichen Demütigung.
Feindselig starrte er auf den Marterstuhl. Was sollte er mit dem Ding anfangen? Auseinander nehmen und zurückschicken? Oder zum Sperrmüll geben?
Er wandte sich der Seminararbeit zu, doch dafür hatte er an diesem Tag nicht den Nerv. Dann war da noch der Testbericht. Wenn Sie Gelegenheit hätten, dieses Produkt zu erwerben, würden Sie es für sich selbst kaufen?, las er erbittert. Wieder maß er den Hypertuner mit den Augen wie einen übermächtigen Feind. Besiegt und lächerlich gemacht von einer Maschine! Und das ihm! Welche Schmach!
Philipp stand auf. Er ging um den Tunerstuhl herum. Woran könnte es gelegen haben, dass alle Funktionen plötzlich ausgesetzt hatten? Ein Kurzschluss? Ein Kondensator durchgebrannt? Oder ein komplizierter Programmfehler? Er steckte den Netzstecker wieder ein und drückte auf eine Taste "Prog. Check". Nach einigem Summen und Blinken diverser Lämpchen kam auf dem Display die Meldung: "Prog. OK". Philipp hob das Sitzpolster an und kontrollierte den Druckkontakt. Der funktionierte jedenfalls nicht! Er nahm aus seinem Werkzeugkasten, der noch vom Zusammenbau her im Zimmer stand, einen Maulschlüssel und schraubte hier und da eine Mutter los, um die Funktionsweise zu studieren. Immer mehr Teile montierte er ab, dann wieder an. Um besser sehen zu können, holte er weitere Lampen und richtete sie von allen Seiten auf den Tunerstuhl, denn es war inzwischen Abend geworden. Verbissen suchte er weiter. Wenn es an der Mechanik und nicht am Programm lag, dann würde er den Fehler auch finden, das war einfach eine Sache der Ehre!
Nach rund einer Stunde hatte er alle Teile kontrolliert und neu zusammenmontiert. Mit den öligen Händen wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Er setzte sich - diesmal sicherheitshalber mit dem Handy um den Hals - auf das Polster. Nichts tat sich. Wütend sprang er hoch und gab dem Hypertuner einen heftigen Tritt. Da vibrierte der Stuhl kurz. Von einem etwas vorstehenden Ventil sprang explosionsartig die Verschlusskappe ab. Eine schwarze Ölfontäne spritzte heraus und ergoss sich über den Schreibtisch, über die Seminararbeit und den Testbericht. Philipp wollte das Leck dichten, doch das Öl sprühte ihm ins Gesicht und auf die Kleidung. Wie konnte überhaupt dermaßen viel Maschinenöl in diesem verdammten Kasten stecken? Wild entschlossen schüttelte Philipp die Faust.

"Du sollst mich kennen lernen, du verfluchter Folterstuhl!", schrie er. "Du hast deinen Orgasmus jetzt gehabt! Aber meinen, den bist du mir noch schuldig!"

Am nächsten Vormittag läutete es. Als niemand öffnete, wurde die Wohnungstür aufgeschlossen. Markus schaute besorgt ins Zimmer herein.
Da lag Philip schlafend auf dem kalten Linoleumboden, nackt, zusammengekrümmt und von Kopf bis Fuß ölverschmiert. Er drückte einen Dildo, an dem noch ein verbogener Scherenarm hing, im Traum fest an sich. Um ihn herum waren die übrigen Kleinteile des zerlegten Lusthypertuners verstreut. Der Stuhlkorpus ragte neben ihm auf wie ein drohendes Gerippe. Ab und zu hob sich gespenstisch ein Gelenkarmstumpf leicht an und sank wieder hinab. Aus dem offenen Ventil tröpfelte schwarzes Öl genau auf Philipps Lippen.

 
 


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