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Peter Jungblut

Famose Kerle

Eulenburg. Eine wilhelminische Affäre

Gebunden, 312 Seiten
19,90 € (D)/ 33,90 CHF/ 20,50 € (A)
ISBN 3 935596 21 9

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

  Famose Kerle


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Preußen, wie es keiner kennt - Die Eulenburg-Affäre

Ein General, der beim Auftritt im Ballet-Röckchen am Herzschlag stirbt, ein Fürst, der in Witzblättern beim Sex mit dem Berliner Stadtkommandanten gezeigt wird, Ausgangssperre für Ulanen, um sie vor dem Zugriff geiler Zivilisten zu schützen, eine Hellseherin mit besonderem Gespür für den Enddarm: Es ist verblüffend, wie offen und ausdauernd im preußisch-zackigen Kaiserdeutschland über Homosexuelle in höchsten Kreisen geredet wurde; verglichen damit erscheinen die Pressereaktionen auf die Kießling-Affäre und Wowereits Selbst-Outing geradezu harmlos. Die in den Text eingestreuten "Simplicissimus"- und "Wahrer Jacob"-Karikaturen sind an Deutlichkeit nicht zu überbieten - wer würde heutzutage schon Soldaten mit Handtäschchen und Make-up oder Spitzenpolitiker beim Oralverkehr zeichnen?! Der Journalist Peter Jungblut hat sich mit viel Neugier und Lust am schrägen Detail in die Quellen des Eulenburg-Skandals hineingearbeitet, der das Wilhelminische Kaiserreich erschütterte.

Aus "Der wahre Jacob":
"Sodoms Ende" - der Pfeil aus der Armbrust von Harden trifft direkt in Moltkes ("Der Süße") Hintern. Daraus stinkt es qualmend, zum Unmut des preußischen Adlers, während sich der "Harfner" Eulenburg offenbar an seinem Gemächt herumspielen lässt. Oben links schauen Zeus und Ganymed lächelnd zu.
 

Eulenburg wurde gern als preußischer Seneca bezeichnet: ein Landadliger, der durch Kontakte eines Onkels zum Haus Bismarck in die Politik gelangte und durch seine Fähigkeiten als Alleinunterhalter und Musiker "einziger Busenfreund des Kaisers" wurde, mit Privilegien, wie sie sonst nur den Chefs regierender Fürstenhäuser zustanden. Jungblut stellt die tragikomische Geschichte vom Aufstieg und Fall dieses neuzeitlichen Favoriten erstmals ausführlich und zusammenhängend dar.

Aus "Lustige Blätter":
Nachtleben in Potsdam - die Soldaten locken im Dunkeln mit Handtäschchen und Schminke. "Na, Dicker, willst Du mitkommen?"
 

Alles beginnt mit der Pressekampagne des deutschtümelnden und kriegsversessenen Journalisten Maximilian Harden. Er hält Eulenburg und seine Freunde für Weichlinge, Frankreich-Fans und Fantasten. Ihr Einfluss auf den ist Kaiser ihm ein Dorn im Auge. Aus der politischen Intrige wird eine Schlammschlacht: Denunziationen, Duell-Forderungen, Beleidigungsprozesse, geheime Kripo-Dossiers - alles kommt zur Sprache. Urbayerische Zeugen bekommen in Preußen einen Dolmetscher. Ein Wiener Bademeister, eine tablettensüchtige Ehefrau, ein Leichtmatrose und schwule Offiziere packen aus, lügen und beeiden nach Kräften. Jungblut macht aus dem Material eine rosarote Preußen-Revue und beschreibt die verheerenden Auswirkungen des Skandals auf die damalige Schwulenszene.
Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.


Pressestimmen

Als Sittengemälde aus dem Wilhelminismus ist Jungbluts Buch unbedingt lesenswert.
Sven Felix Kellerhoff in Literarische Welt, 28. Februar 2004

Peter Jungblut erzählt detailliert und lesenswert eine unglaubliche Geschichte aus der Kaiserzeit. Die gesellschaftlichen Mechanismen des Skandals jedoch kommen einem merkwürdig vertraut vor.
Matthias Kuhn in Go München, März 2004

Eine Affäre Schill - von Beust nimmt sich dagegen völlig harmlos aus. Denn der Skandal, der 1906 seinen Anfang nahm, zog sich über ganze vier Jahre hin und sorgte bei den Zeitungen für enorme Umsatzsteigerungen. Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch des Boulevardjournalismus.
Axel Schock in der Berliner Zeitung

Ein sehr lesenswertes Buch und Pflichtlektüre für alle an der deutschen Homosexualitätsgeschichte Interessierte.
Gudrun Hauer in Lambda-Nachrichten

Gleichzeitig erschütternd und wahnsinnig komisch.
Lespress

Peter Jungblut hat nun mit "Famose Kerle" die erste Gesamtdarstellung geliefert. Sein Buch ist freilich nicht im wissenschaftlichen Ton geschrieben, sondern unterhaltsam und journalistisch. "Ich habe es mehr als historische Revue angelegt, aber alle Fakten stimmen". Jungblut ist daran gelegen, die Eulenburg-Geschichte "in unsere Zeit herüberzuziehen". Schließlich habe die Affäre uns auch heute noch etwas zu sagen über Klatsch, Schlagzeilen und Intrigen.
Hans-Hermann Kotte in Zitty 19/2003

Jungbluts Einschätzung mag vielleicht richtig sein, doch fühlt sich der Leser um das Recht auf die eigene Meinungsfindung betrogen und durch die ständige Überspitzung der Formulierung gegängelt.
Jo van Nelsen in GAB 7/2003

Eine besonders schwule Wundertüte, die er in amüsantem Plauderton wie ein Boulevardstück inszeniert. ... Wie ein Almodóvar -Film in echt.
Michael Prenner in Our Munich 11/03

Jungblut schildert den Skandal mit unbändiger Erzähllust.
Männer Aktuell 9/2003

... die Lektüre eine außerordentlich gewinnende ist. Schön, ja umsichtig, dass solche Bücher publiziert werden.
Taz 4. Oktober 2003

Von Jungblut hervorragend recherchiert und in kurzweiliger anekdotenhaften Art geschrieben, ist "Famose Kerle" das erste Buch über den Skandal von 1906.
Box 2/2004

.... Dass es aber wieder nur eine Geschichte ist von Menschen, die sich einfach nicht leiden können und deren Antipathie soweit geht, dass einer den anderen zerstören will, das lernt man mit diesem Band verstehen.
Adam 12/01 / 03/04

Insgesamt ist die Darstellung eines längst vergessenen Skandals aus Urgroßvaters Zeiten eine peinigend fesselnde Lektüre.
Dino Heikert in Hinnerk 10/03

Wahrscheinlich ist es sprachlich überaus unkorrekt, wenn ich das nächste Buch warm empfehle. Peter Jungblut hat über famose Kerle geschrieben...
Matthias Biskupek in Eulenspiegel 1/04


PROLOG
OLYMPISCHE FREUDEN, IRDISCHE LEIDEN


Wozu Anstrengen? Fürs Paradies reicht Schönheit. Ganymed musste nicht schuften und nicht fromm sein, um auf den Olymp zu kommen. Moral wurde von ihm nicht erwartet, eher schon gute Werke, vorzugsweise im Bett. Göttervater Zeus verwandelte sich in einen Adler, packte den bildhübschen Hirtenjungen mit dem Schnabel und beförderte ihn mit mächtigem Flügelschlag hinauf in die Wolkenburg der Unsterblichen. Ganymed, der wohl gewachsene Knabe, durfte fortan Nektar und Ambrosia schlürfen. Er wurde der Mundschenk des Göttervaters und versüßte dessen Nächte - denn Schönheit "macht einen sanfteren Schlaf".

Aber Vorsicht: Licht wirft Schatten. Unverdiente Glückseligkeit erzeugt Neid und Missgunst. Der arglose Hirte ist umzingelt von hässlichen Gesichtern und hässlichen Gefühlen. Blauäugig sieht Ganymed nur das falsche Lächeln der Neider - die scharfen Zähne der Konkurrenten bleiben ihm verborgen. Ein Flötenspieler schreitet über Krokodile. Zeus ist verheiratet und seine Frau Hera ist eifersüchtig, verachtet den schmucken Ganymed. An diesem weibischen Weichling möchte sie ihre Lippen nicht verunreinigen. Sie hasst ihn, weil der Junge nur schön ist und trotzdem Erfolg hat. Ungerecht ist die Welt und ohne Moral. Ganymed, die reine Unschuld, weiß nichts davon. Nie hätte er seine Schönheit gegen Privilegien verkauft - und doch sind alle davon überzeugt. Wer so viele Reize hat, macht sich verdächtig. Sprosse für Sprosse klettert der arglose Günstling auf der Himmelsleiter nach oben, genießt mit klopfendem Herzen die Aussicht. Er weiß: Die weniger Glücklichen warten nur auf die richtige Gelegenheit zur Rache. Dann ist alles aus. Die Leiter bricht, es folgt der Absturz, und man wird nicht einmal bedauert. Wer sich zu alt und unansehnlich vorkommt für eine Ganymed-Karriere, darf sich mit dem Beispiel des Fürsten Eulenburg trösten. Er hat bewiesen, dass man auch noch um die vierzig "entdeckt" werden kann - sogar mit lichtem Haar und ersten Falten. Er schaffte es als reifer Mann so mühelos auf den Olymp wie einst der pubertierende Ziegenhirte. Der volle Glanz der Gnadensonne traf Eulenburg verspätet, aber um so gleißender. Das Füllhorn der Vorteile und Bequemlichkeiten weiß man mit Lebenserfahrung sowieso viel besser auszukosten als in der Jugendzeit, wo große (und echte) Gefühle bekanntlich noch wichtiger sind als weiche Betten und teure Weine. Eulenburg brachte es in seiner zweiten Lebenshälfte zum Favoriten und Troubadour des deutschen Kaisers und preußischen Königs. Eine Soldatenkarriere sollte er ursprünglich machen, wie sein Vater. Doch die Musen waren stärker: Der empfindsame Eulenburg studierte Jura, wurde nebenbei Dichter, Sänger und Komponist. Er plauderte mit Richard Wagner, war Stammgast in Bayreuth und schwer beeindruckt vom nordischen Sagenkreis. Als Diplomat im Auswärtigen Amt verdiente er seinen Lebensunterhalt, reiste in der Weltgeschichte herum und hätte als unauffälliger preußischer Landedelmann seine Tage auf dem Familiensitz Schloss Liebenberg bei Berlin beschließen können - wenn nicht Bismarck und Kronprinz Wilhelm seine Bahn gekreuzt hätten. Der charmante Eulenburg wusste zu gefallen, und flugs mauserte er sich zum Berater, Tröster, Vermittler, Liebling und Freund des deutschen Monarchen. Bei Hofe stört sich zunächst niemand an den herumgeflüsterten Geschichten aus Eulenburgs Privatleben. Der Fürst selbst leistet sich eine luxuriöse Gedächtnisschwäche, ganz nach dem Satz, der hundert Jahre später dem österreichischen Pop-Sänger und Kokain-Opfer Falco zugeschrieben wird: "Wer sich an die achtziger Jahre erinnern kann, der hat sie nicht erlebt." Das scheint für jedes Jahrhundert zu gelten. Eulenburg hatte sich in den kulturell wild bewegten 1880ern ausgetobt, vorzugsweise auf seinem damaligen Dienstposten in München, Starnberg und Umgebung. Es gab Gerüchte über seine Männergeschichten, aber keine Beweise. Das Glück bescherte ihm unterdessen Karriere, Titel, Orden und einen auskömmlichen Landsitz. Als er sechzig war, brach alles zusammen, erschütterte ein Skandal ohne Gleichen das deutsche Kaiserreich. Wer von der Akte Eulenburg den Staub bläst, muss erst mal Ordnung in die vergilbten Papiere bringen. Es geht erstens um die feine Gesellschaft, zweitens um Sexualität und drittens um hohe Politik. Günstlingswirtschaft, Männerliebe und deutscher Größenwahn: Das waren die Grundstoffe für diese Affäre. Ein historisches Überraschungsei - randvoll mit Spiel, Spannung und Süßigkeiten.

Fälschlicherweise wird Eulenburgs Sturz oft immer noch als reiner "Homo-Skandal" abgehakt. Früher nannte man so etwas eine "pikante Angelegenheit". Damit schrumpft der Skandal auf eine erotische Randnotiz aus dem Jahr 1907. Man könnte sich somit ganz auf Eulenburgs Vorliebe für Starnberger Fischerknechte, Matrosen und Möbelpacker konzentrieren. Doch es war nicht etwa moralische Empörung, die ihm zum Verhängnis wurde, sondern politische Rachsucht. Der Blick durchs Schlüsselloch ist also nicht die richtige Perspektive.

Aus "Der wahre Jacob":
Empfang in Liebenberg - Eulenburg fährt mit der Harfe nach Hause, seine Bedienten recken die Hintern, auf den Fahnenstangen spreizen sich die Finger zum Meineid.
 

Das Auf und Ab des Philipp Eulenburg ist in den Geschichtsbüchern nur als Fußnote vermerkt. Sein Leben schnurrt dort auf die Frage zusammen: "War er eigentlich schwul?" Weil es dafür keine eindeutigen Quellen und Indizien gibt, bleibt es bei Spekulationen. Eulenburg war "immerhin Vater von acht Kindern", heißt es noch im Jahr 2002 entschuldigend in der "Neuen Zürcher Zeitung". Das stimmt zweifellos, aber damit ist das Rätsel leider nicht gelöst. Die Historiker reden sich gerne darauf hinaus, dass Philipp und sein bester Freund Kuno von Moltke "bisexuell" gewesen seien. Das lässt alle Möglichkeiten offen.

Ob er wirklich schwul war, ist in der Tat eine müßige und hundert Jahre später uninteressante Frage. Wie er runterfiel vom Olymp und dabei eine Lawine auslöste, das allein bleibt eine spannende, überraschende und skurrile Geschichte. Wer sich mit Suchstangen auf das Trümmerfeld wagt und hineinsticht, der trifft auf Nervenzusammenbrüche, Drogensucht, Hysterie und Geltungsdrang, auf Taschentücher, Riechwasser, Rouge, übergroße Ballettkleider und jede Menge andere Überbleibsel.

Mit Verspätung hatte Fortuna bei Eulenburg angeklopft, und sie verließ ihn erst, als eigentlich niemand mehr damit rechnete. Eulenburg war bereits Ruheständler, hatte gerade seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich, als er unvermittelt zu einer Gefahr für Deutschland, zu einem schuppigen Ungeheuer hochgeschrieben wurde. Der berühmteste Journalist der Zeit spielte den Drachentöter. Maximilian Harden, der Gründer und Herausgeber der "Zukunft", hielt Eulenburg für den Kopf einer rosaroten Verschwörer-Bande im Vorzimmer des Kaisers. Der Journalist fürchtete um die deutsche Männlichkeit, sah den Thron umstellt von pazifistischen Weichlingen. Nach Hardens Ansicht herrschte höchste Gefahrenstufe: Schließlich war Deutschland umzingelt von Feinden, die nur darauf lauerten, das Kaiserreich zu überrennen. Männer wie Eulenburg paktierten am Ende sogar mit Deutschlands Erzfeind, mit dem rachsüchtigen Frankreich. Das galt es um jeden Preis zu verhindern.

Eulenburg wurde 1847 geboren, kämpfte in Bismarcks Einigungskriegen und hatte sehr schnell die Nase voll vom Hämmern mit der eisernen Faust. Ganz anders der Promi-Schreck Maximilian Harden. Er war Jahrgang 1861, also vierzehn Jahre jünger als Eulenburg. Kein riesiger, aber ein markanter Altersunterschied. Harden hatte die drei Kriege von 1864 bis 1871 nur als unbeteiligtes Kind miterlebt. Seine Generation nahm die neue deutsche Herrlichkeit als selbstverständliche Pflichtübung der Geschichte und träumte vom deutschen Weltreich, von Kolonien, von Einfluss und Flotte. Deutschland hatte mindestens Weltmacht zu sein - sonst waren Männer wie Harden nicht zufrieden. Dieser maßlose Anspruch der jungen Wilden traf auf das Ruhebedürfnis der Helden von gestern. Der säbelrasselnde Harden störte sich zwangsläufig am geschmeidigen Günstling Eulenburg. Der Softie musste weg von der kaiserlichen Tafel, herunter vom Gipfel des allerhöchsten Wohlgefallens. Eine politische Abrechnung wurde fällig.

Auch wenn Eulenburg als geschickter Diplomat zeitweise außerordentlich mächtig war - er ließ sich von den Verhältnissen treiben, statt sie energisch zu verändern. Er war ein typischer preußischer Landjunker mit schon damals reaktionären Ansichten und einem zeitbedingt nationalistischen Weltbild voller mythischer Spinnereien. Zum Verschwörer und Machtmenschen fehlten ihm jedoch alle Voraussetzungen: die Kaltblütigkeit, das Sendungsbewusstsein, der Größenwahn. Zum Missionar und Visionär war er vollkommen ungeeignet. Stattdessen konnte er auf eine verblüffende Beobachtungsgabe und politischen Instinkt bauen. Seine größte Stärke war die Fähigkeit, die Wünsche des Kaisers mit feinem Gespür zu erahnen und frühzeitig danach zu handeln: "Insofern war er das Gegenteil eines kompetenten Beraters: Er bekräftigte den kaiserlichen Willen, statt ihn zu korrigieren", klagt der Historiker Wolfgang J. Mommsen. Eulenburg war somit nur in Hardens Einbildung eine Gefahr für Deutschland. Der Favorit des Kaisers blieb in Wirklichkeit immer Komödiant. Aber das bewahrte ihn nicht vor dem Abschuss.

Erst zielte Harden mit Schrot, dann mit Kugeln und schließlich mit Kanonen, bis der ganze Olymp qualmte und bedrohlich wankte. Der Kaiser musste um seine Autorität fürchten und handelte. "Ganymed" Eulenburg fand keinen Platz mehr am gedeckten Tisch und landete in der Abfallgrube. Damit seine Orden, vor allem der berühmte preußische "Schwarze Adler", nicht schmutzig wurden, musste er sie rechtzeitig herausreichen aus seinem Schlamassel. Die Lichtgestalt Eulenburg war ausgeknipst worden. Maximilian Harden war einerseits am Ziel - und scheiterte dennoch. Am Ende einer ganzen Reihe von Prozessen, in deren Verlauf er mehr als einmal gedemütigt worden war, hätte er den Fürsten gern im Gefängnis gesehen. Doch der, obwohl sogar des Meineids überführt, verbrachte keinen einzigen Tag hinter Gittern. Er war gesellschaftlich erledigt, aber nicht als Krimineller gebrandmarkt.

Die Affäre Eulenburg spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Pechschwarze Gewitterwolken ziehen über dem alten Europa auf. Deutschland isoliert sich mehr und mehr, während in Berlin alles über den Sturz eines verhätschelten Kaiserfreundes palavert. Klatsch und Tratsch ist in der Binnenwelt der höfischen Zelebritäten kein Freizeitvergnügen, sondern elektrisierender Lebensinhalt und Alltagsbeschäftigung. Die Schönen, Reichen und Berühmten haben mit sich selbst genug zu tun. Im Zeitalter viktorianischer Moral, der peinlichen Etikette, der komplizierten Hofordnung werden schon winzige Verstöße gegen Gewohnheit und Sitte zu ausgewachsenen Affären. "Die Intrigen, die lächelnde Maske der in Ehrgeiz und Hoffnungen aufgeblähten Figuren, die sich Menschen nennen", all dieses zeremonielle Gehabe ging Eulenburg auf die Nerven. Und doch war er selbst ein Meister hochadeliger Rollenspiele, ein Günstling aus Berufung.

Kurt Tucholsky schreibt deshalb zurecht über das jähe Karriereende Eulenburgs: "Dieser komplette Affentanz umeinander, gegeneinander, ohne einander - das soll Weltpolitik sein? Krisen wenn Eulenburg von Kanzlerkrisen spricht, denkt man an Nervenkrisen einer Romanfrau aus dem Jahre 1900, mit zerknautschten Taschentüchern und unbeherrschtem Geweine ... Das ist Politik? Das ist ein frecher Missbrauch von Staatsgeldern und Menschenkräften."

Der Fall Eulenburg ist somit eine Seifenoper vor dem Totentanz. Das letzte bittere Lachen einer Gesellschaft, die dem Untergang geweiht ist. Bevor die Kanonen donnern, freut man sich an diesem Melodram, diesem Kostümfilm. Alle Requisiten sind vorhanden: eine opulente Kulisse, ein Spieler, ein Gegenspieler, zahlreiche Mitspieler und eine Schwindel erregende Fallhöhe. Angst und Mitleid soll der dramatische Absturz des Tragödienhelden nach der antiken Theater-Theorie erzeugen, den Zuschauer dadurch reinigen, zu einem besseren Menschen machen. Doch nach dieser Aufführung kehrt man wenig geläutert nach Hause zurück: Das traurige Stück ist viel zu komisch. Das Publikum schwenkt fröhlich den Champagner-Kelch und genießt die schönste aller Freuden - die Lust am Schaden anderer. Vorhang auf für Eulenburg.

 
 


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