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Christian Klein

Schreiben im Schatten

Homoerotische Literatur
im Nationalsozialismus

mit einem Vorwort von
Prof. Dr. Gert Mattenklott
kart., 192 S.,
€ (D) 16,00
ISBN 3 928983 91 1

Pressestimmen
Vorwort
Leseprobe

Schreiben im Schatten


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Die Nationalsozialisten haben Homosexualität als Bedrohung für ihren "völkischen Staat" begriffen und sie mit tödlicher Konsequenz bekämpft. Die bloße Vermutung, dass unter diesen Voraussetzungen eine homoerotische Literatur weiterhin existieren und sich entwickeln konnte, galt bis heute als so abwegig, dass sich niemand mit diesem Thema beschäftigt hat. Und das, obwohl einzelne Autoren wie beispielsweise Friedo Lampe, Ernst Penzoldt, Josef Mühlberger, aber auch Wolfgang Koeppen durchaus bekannt sind.

Christian Klein gibt erstmals einen Überblick über das Thema und liefert darüber hinaus schlüssige Erklärungsmodelle für ein Phänomen, das - weil nicht sein kann, was nicht sein darf - sowohl in der Schwulenbewegung als auch in der Germanistik ausgeklammert wurde. Die Arbeit zitiert ausführlich aus heute nicht mehr lieferbaren Werken und enthält eine umfassende Bibliografie.

Christian Klein (geb. 1974) studierte Neue deutsche Literatur in Kiel und Berlin. Er ist Lehrbeauftragter am Institut für Deutsche Philologie der Freien Universität Berlin und promoviert über Fragen der Biographie und des Künstevergleichs in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.

Kontakt: E-Mail an Christian Klein

Christian Klein

Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.


"Christian Klein hat eine ganze Reihe derartiger Publikationen auch von bekannten Autoren wie Erich Ebermayer und Friedo Lampe bis Frank Thies und Hans Siemsen ausfindig gemacht und in seinem Buch 'Schreiben im Schatten' analysiert, die Schreibstrategien wie die Arbeit der Zensur untersucht. Sein besonderer Verdienst ist es, nicht nur einzelne Texte wiederentdeckt zu haben, sondern auch Autoren und deren zum Teil wechselhafte bis abenteuerliche Biografie, die er in zum Teil sehr spannend zu lesenden Portraits vorstellt."
Axel Schock in Hinnerk 2/2001

"Einen bemerkenswerten Beitrag zur Rolle von Homosexualität im Nationalsozialismus hat Christian Klein vorgelegt. ... Durch seine durchweg kritische Betrachtungsweise des Phänomens regt er an, sich mit einem lange noch nicht abgeschlossenen Kapitel der Literaturgeschichte auseinanderzusetzen. Ganz nebenbei ermöglicht Klein mit den Biografien schwuler Autoren aus dieser Zeit Einblicke in die alltäglichen Lebenszwänge unter einer Diktatur."
Andreas Mühlmann in Sergej 3/2001

"Ein auch für literaturwissenschaftliche Laien wie mich ausgesprochen lesenswertes Buch!"
Bernhard Fleischer in NSP 1/ 2001

Verschwiemelt. Dieses Wort fällt oft, wenn das Publikum über Beispiele homoerotischer Literatur aus der Zeit des Nationalsozialismus redet. Homoerotische Literatur im Nationalsozialismus? Das klingt paradox, ja, unvorstellbar. Und doch: Es gab sie. Diese Entdeckung verdankt die Germanistik dem Berliner Literaturwissenschaftler Christian Klein, und seinem Buch "Schreiben im Schatten".
Adrett gekleidet, fast wie ein Vertreter der Popliteratur, saß Klein vor den ungläubigen Zuhörern in der legendären Charlottenburger schwulen Buchhandlung "Prinz Eisenherz" und stellte die Thesen und Erkenntnisse seines Erstlingswerkes vor.
(...) Wenn ein Gedicht des NS-Hofdichters Herybert Menzel ("Wenn einer von uns müde wird,/ Der andre für ihn wacht.// Wenn einer von uns zweifeln will,/der andre gläubig lacht.") über die Kameradschaft im Krieg, die in der frauenlosen Wehrmacht zwangsläufig zwischen Männern bestehen musste, zur homoerotischen Literatur erklärt wird, dann wirkt dies zu weit hergeholt. Daran kann auch die Tatsache, dass die Schweizer Schwulenzeitschrift "Der Kreis" Menzels Gedicht abdruckte, nicht viel ändern. Zweifellos aber, dieses weist Christian Klein eindeutig nach, existierte eine schwule Literatur am Rande des völkischen Kulturbetriebes der Nationalsozialisten. Nur lesen, rät der leidgeprüfte Experte, müsse man sie nicht unbedingt. Zu verschwiemelt.
Kristian Teetz in Die Welt, 29. Dez. 2001


Es hat einige Zeit gebraucht, bis die Einsicht sich durchgesetzt hat, dass Homosexualität kein Motiv war, sich den Nazis anzuschließen, obwohl es homosexuelle Nazis gab. Wenn diese sich von der Nazikultur eine Beglückung auch ihrer sexuellen Natur versprechen wollten, dann mussten sie die Umleitung, Disziplinierung und Züchtigung ihres Begehrens in der paramilitärischen Kameraderie oder im ästhetischen Klassizismus dieses Regimes genießen können. Geraume Zeit muss offenbar wiederum verstreichen, bis durch Arbeiten, wie die hier veröffentlichte, deutlich wird, dass die Nazis homosexuelles Leben nicht generell und nicht mit der gleichen Ausnahmslosigkeit zu vernichten entschlossen waren wie vor allem jüdisches.
Christian Klein stellt ins Zentrum seiner literaturwissenschaftlichen Studie die Frage, unter welchen Voraussetzungen erotische Verhältnisse zwischen Männern bei den Nazis eine Lizenz erhielten: buchstäblich durch die Zensurbehörde und in übertragenem Sinn in der Literaturkritik. Eine Antwort sucht er mit der Untersuchung von einschlägiger Lyrik, Prosa und Essayistik der zwanziger bis vierziger Jahre. Einige der Autoren sind mittlerweile kaum mehr bekannt, andere stehen in dem zweideutigen Ruf "innerer Emigranten", bei denen das Spektrum von kaum bemänteltem Opportunismus und verdrücktem Mitläufertum bis zu camoufliertem Widerstand reicht: Paul Alverdes, Erich Ebermayer, Hanns Heinz Ewers, Manfred Hausmann, Friedo Lampe, Ernst Penzoldt, Hans Siemsen, Frank Thiess, Bruno Vogel und Ernst Wiechert.
Das Fazit: Männerliebe (ohne offen praktizierte Sexualität) ging durch, wenn sie quasi verpuppt vorkam: zwischen Knaben und antikisierend sowie im Milieu von Soldaten, naturnahen Vaganten oder von Künstlern. Dahingestellt bleibt, ob in solchen Fällen Unaufmerksamkeit, kaum bewusste Großzügigkeit, programmatisch geübte Konzessionsbereitschaft oder die notorische Zuständigkeitsanarchie der NS-Behörden den Ausschlag gab. Auf alle Fälle aber - ob bewusst oder unbewusst -, war eine Vorstellung von Ungeschlechtlichkeit im Spiel, die die Darstellung von Sexualität ausschloss. Christian Kleins Untersuchungen über Homo-Themen in der Literatur der dreißiger und vierziger Jahre bringen über den Charakter der Nazi-Phantasmagorik mehr zu Tage als wonach sie in aller Bescheidenheit fragen. Was auch immer Kulturpolitik, Literaturzensur und Propaganda zu konzedieren bereit waren, ‹Reinheit› scheint eine der Chimären gewesen zu sein, die am unerbittlichsten über Ausschluss oder Zugehörigkeit wachten. Der Tribut, den sie fordert, ist sexuelle Mündigkeit. Der Vorbehalt gleichgeschlechtlicher Praxis (und deren staatlich beaufsichtigte Symbolisierung im paramilitärischen oder ästhetischen Milieu) bringt die verschwiemelte Atmosphäre hervor, die für ausnahmslos alle hier zitierten Texte typisch ist.
Ein zuverlässiges Merkmal der NS-Kultur? Gewiss nicht. Viele der hier behandelten Autoren - nicht wenige aus dem Umkreis der Jugendbewegung - haben vor 1933 nicht anders geschrieben als danach und die meisten publizieren nach 1945 (sofern sie die Naziherrschaft überlebt haben) im selben Stil weiter, zum Teil noch bis in die sechziger Jahre hinein; ein Thema für Folgestudien. Damit wird aber auch einmal mehr deutlich, welche Bedeutung der Zäsur mit der sexuellen Revolution Ende der sechziger Jahre zukommt. Es gehört zu einem gewissen vornehmen Ton, darüber nicht ohne geschürzte Lippen und unmissverständliche Distanz zu sprechen. Welche Befreiung es bedeutet hat, dass in diesen Jahren die Schmutz- und Schundparagrafen sowie die ersten Bruchstücke des § 175 buchstäblich und in weiterem Sinn fielen, gerät dabei leicht in Vergessenheit.

Gert Mattenklott


AUSGANGSPUNKTE

Eher zufällig stieß ich vor einiger Zeit auf die Erzählung Die Pfeiferstube von Paul Alverdes, der als Herausgeber der einflussreichen Literaturzeitschrift Das Innere Reich eine exponierte Stellung im nationalsozialistischen Kulturbetrieb innehatte. Bereits nach wenigen Seiten Lektüre der Pfeiferstube wurde mir deutlich, dass dieser Text Männerfreundschaften in einer Weise beschreibt, wie ich es von einem von den Nationalsozialisten geförderten Autor nicht erwartet hätte. Der Schluss der Erzählung bestätigte schließlich, dass es sich bei der Pfeiferstube um einen Text handelt, der Liebe und Begehren zwischen Männern schildert. Dass ein Autor, der (wiewohl manchmal aneckend) in einer Schlüsselposition innerhalb des NS-Literaturbetriebes saß, durch eine Erzählung bekannt geworden war, die mann-männliche Liebe thematisiert, brachte meine Vorstellung von nationalsozialistischer Kulturpolitik durcheinander, hatte ich bis dahin doch angenommen, die Nationalsozialisten hätten Homosexuelle und auch jene, die nur irgendwie in dem Verdacht standen, Homosexualität vorurteilsfrei zu betrachten, unerbittlich verfolgt. Diese ursprüngliche Einschätzung anhand von Forschungsliteratur zu revidieren war zu diesem Zeitpunkt nur schwerlich möglich, da die literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich überhaupt der homosexuellen Literatur zwischen 1933 und 1945 annehmen, an einer Hand abzuzählen sind und eben die unter dem Nationalsozialismus publizierte Literatur auch noch vollständig ausblenden. So nennt Wolfgang Popp in seinem Buch Männerliebe zwar ein Kapitel "Schwule und Faschismus", aber die Autoren, die er dann betrachtet, sind entweder deutsche Schriftsteller, die gleich 1933 ins Exil gegangen waren, oder nicht-deutsche Autoren in Italien oder Spanien. Auch in Anthologien zur homoerotischen Literatur suchte ich nach Texten, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Deutschland publiziert wurden, vergeblich. (Eine Ausnahme hinsichtlich der Berücksichtigung der unter der nationalsozialistischen Diktatur publizierten homoerotischen Literatur bilden lediglich zwei kurze Beiträge in Ausstellungskatalogen.)
Ausgehend von der umschriebenen Verunsicherung und von der Forschungslage unbefriedigt, begann ich nun mit einer unsystematischen Durchsicht der im nationalsozialistischen Deutschland verfügbaren Literatur, die mir aus verschiedenen Gründen ‹einschlägig› erschien (zum Beispiel weil der Titel dies nahe legte). Im Laufe der Zeit verdichtete sich mein Eindruck, dass nicht nur Bücher mit homoerotischem Inhalt, die vor 1933 veröffentlicht worden waren, während der NS-Herrschaft wieder aufgelegt wurden, sondern dass auch Neuerscheinungen homoerotischer Literatur nach 1933 publiziert werden konnten. Deshalb ging ich nun der Frage nach, ob meine bisherigen Erkenntnisse lediglich nicht zu verallgemeinernde Einzeleindrücke seien, wie mir häufig entgegengebracht wurde, oder ob homoerotische Texte tatsächlich in größerem Umfang auch nach 1933 in Deutschland gedruckt wurden.
Verschiedene Äußerungen über den positiven Einfluss gesellschaftlicher Repressionen auf ‹homosexuelle Kunstwerke› könnten vermeintliche Gewissheit in Bezug auf diese Frage aufkommen lassen: So meint etwa Dominique Fernandez, dass "künstlerisches Schaffen von Zwängen lebt und in Freiheit stirbt. Im Bereich homosexuellen Schaffens scheinen mir Zwänge nicht nur wohltuend, sondern unerlässlich zu sein" .
Diese Auffassung legt, konsequent weitergedacht, nahe, dass die schwule Literatur im ‹Dritten Reich› eine Blütezeit erlebt haben muss. Allerdings wird jedem einigermaßen vorinformierten Leser klar sein, dass die homoerotische Literatur unter dem Nationalsozialismus, verglichen mit der vor 1933, verschiedenen Einschränkungen unterworfen war. Literatur war nach 1933 in Deutschland kein Instrument der schwulenpolitischen Auseinandersetzung mehr, sie konnte nicht weiter als Stütze auf dem Weg zur Emanzipation fungieren, da keine politische Bewegung zur Akzeptanz von Homosexuellen mehr existierte. Auch konnte nach 1933 schon deshalb nicht mehr so viel homoerotische Literatur in Deutschland erscheinen wie zuvor, da viele der etablierteren Autoren, die sich homoerotischer Inhalte annahmen, emigrierten und ihnen so der deutsche Markt verschlossen blieb.
Wenn ich im Folgenden also die während der Zeit des Nationalsozialismus publizierte homoerotische Literatur betrachte, dann nicht, um diese Veränderungen zu nivellieren oder um die nationalsozialistische Literaturpolitik liberaler darzustellen, als sie es war. Mir geht es nur um einen Nachweis der Existenz homoerotischer Literatur im ‹Dritten Reich› - unabhängig von der jeweiligen politischen Aussage oder der ästhetischen Qualität, wenngleich ich diese Aspekte auch immer wieder ansprechen werde.

Über die sich am Ende zwangsläufig stellende Frage, warum die nationalsozialistische Literaturpolitik die homoerotische Literatur kaum beachtete und in vielen Fällen erscheinen ließ, kann nur spekuliert werden. Mir scheinen drei Erklärungsansätze einleuchtend: In den allermeisten Fällen wurde die Homoerotik von den Zensoren einfach nicht wahrgenommen, dies dürfte nicht zuletzt auf die von mir darzulegenden literarischen Strategien zurückzuführen sein. Außerdem mag der eine oder andere Text durch die Zensur gelassen worden sein, damit das Regime auf diese Weise seine vermeintliche Liberalität darstellen konnte. Und schließlich funktionierte oft auch die Zensur nicht so lückenlos, wie es gern propagiert wurde (es konnten gar nicht alle Texte begutachtet werden); Zwistigkeiten im Zensurbetrieb taten gewiss ein Übriges.
Im Anschluss an die vorliegende Arbeit wäre es sinnvoll und sicherlich aufschlussreich, die Publikationsbedingungen homoerotischer Literatur für die unmittelbare Zeit nach 1945 zu betrachten. Die von den Nationalsozialisten verschärften Anti-Homosexuellen-Gesetze blieben immerhin bis 1969 unverändert in Kraft, auch änderte sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Homosexuellen nach dem Zusammenbruch des ‹Dritten Reichs› nicht sonderlich. Insofern liegt es nahe, dass die verschiedenen ‹Camouflage-Strategien› auch nach 1945 in Deutschland weiter angewandt wurden. Im Rahmen einer entsprechenden Untersuchung wäre zu überprüfen, inwieweit der Nationalsozialismus auf diese Weise in der Literatur nachwirkte - die schon häufig kritisierte These von den ‹Epochenbrüchen 1933 und 1945› würde womöglich noch weniger haltbar erscheinen. Interessant könnte auch ein Vergleich der Publikationssituationen in Deutschland und der Schweiz zwischen 1933 und 1945 sein.
Ferner könnten, angeregt durch die Ergebnisse dieser Untersuchung, die ja - als Einstieg in die Thematik sozusagen - eher den Charakter einer Kartographie hat, Studien entstehen, die sich eingehender mit einzelnen Texten auseinander setzen oder sich mit spezifischen Fragestellungen beschäftigen (Erzählstrategien, Ästhetik-Konzepte), die ich im Interesse der Übersichtsdarstellung hier nicht berücksichtigen kann.
Und schließlich wären vergleichbare Beschäftigungen mit den Bereichen Film und Musik sicher ebenfalls interessant. Es bleibt zu wünschen, dass, je differenzierter der Blick auf den Nationalsozialismus wird, die Mechanismen, die dieses menschenverachtende Regime sich durchsetzen und an der Macht halten ließen, durchschaubarer werden und dadurch jede gesellschaftliche Kraft, die auch nur annähernd eine ähnliche Entwicklung anstrebt, unmittelbar erkannt und zurückgedrängt wird.

 
 


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