|
Wer gehorcht ist geborgen oder
Die Lust, ohne Willen zu leben
Dominik wohnt zur Untermiete in einer Villa am Stadtrand von Berlin und führt dem Besitzer den Haushalt. Bald stellt sich heraus, dass sein Arbeitgeber Vincent ihn total zu kontrollieren versucht, und Dominik merkt, wie sehr die Rituale von Überwachen und Strafen seinen heimlichen Bedürfnissen entsprechen. Er steigert sich in seine Rolle als Haussklave hinein, und allmählich fühlt sich Vincent von der Last der Verantwortung überfordert. Aber das Spiel lässt sich nicht mehr stoppen.
Dominik steht vor dem Abschluss seines Philosophiestudiums, als er eine Stelle als Haussitter bei dem gleichaltrigen Vincent annimmt. Vincent formuliert einen extrem pingeligen Arbeitsvertrag; drei Verstöße führen zur fristlosen Kündigung. Als es zur dritten Verfehlung kommt, stimmt Dominik zu, sich als Ersatz für die letzte Abmahnung körperlich züchtigen zu lassen.
Der Autor führt den Leser durch ein faszinierendes Gedankenexperiment: Was geschieht, wenn ein herrischer Besitzanspruch und das Bedürfnis auf Unterwerfung aufeinandertreffen, wenn aus einem erotischen Klischee alltägliche Wirklichkeit wird? Vincents Machtphantasien entspringen seiner Faszination durch den schönen Dominik, aber im Verlauf der Handlung spielt die sexuelle Dimension immer weniger eine Rolle. Der Autor interessiert sich für die psychologischen Mechanismen, die durch die gegenseitige Rollenübernahme freigesetzt werden. So steht zu Beginn Dominiks Unterwerfungsbedürfnis im Mittelpunkt des Romans. Als er seinen eigenen Willen aufgibt, wechselt die Perspektive. Jetzt rückt die Ratlosigkeit des Hausherrn in den Mittelpunkt, der immer weniger erkennt, wie er den Anforderungen seines Subjekts gerecht werden kann.
>
Arthur Knebel gelingt mit seinem ersten Roman eine unter die Haut gehende Studie einer SM-Beziehung, die psychologisch fundiert und glaubhaft die Entwicklung einer gegenseitigen Abhängigkeit nachzeichnet. Spannend daran ist, dass die Rollen von Sklave/Meister sehr dynamisch angelegt sind und darüber hinaus die "Randfiguren" raffiniert in die Geschichte verwoben werden. "Loswerden" ist damit sicher mehr als eine oberflächliche SM-Story: packende Literatur über menschliche Identität.
Rolf G. Klaiber in Sergej München, Oktober 2002
... und plötzlich merkt man, dass man es mag.
Klaus Kaindl in Siegessäule 7/2002
Die innere Reise dieser Selbstaufgabe wird im Romangeschehen in verschiedenen Perspektiven entfaltet. Besonders spannend an Knebels Buch ist die Darstellung einer S/M-Beziehung als Herrschaftssystem, in dem nicht immer der Meister die Macht hat.
Der Roman ist deftig und anregend. Es gelingt Knebel, die Charaktere durch ihre Handlungen lebendig zu machen. Der Erzählstil ist präzise und dabei zügig. ... Die Lektüre ist ein Rausch und ein Abenteuer.
Marcus Brühl in GayPress 5/2002
... eine spannende und prickelnde Geschichte.
Hinnerk 7/2002
Ein Roman voll brutal-schöner, schnörkelloser Bilder, knapp angebunden, ohne ein überflüssiges Wort.
Leonie Wild in Queer, April 2002
Mit "Loswerden" erschien endlich einmal wieder ein origineller schwuler Roman, dessen Protagonisten weder primär durch die Untiefen ihrer Midlife-crisis rudern noch im Coming-out das schwule Laufen lernen. Auch wenn in den letzten Jahren hervorragende Werke dieser beiden Entwicklungsstufen geschrieben wurden - Knebels Reihenhaus-Kammerstück um Herrschaft, Unterwerfung und Macht ist ein Werk von erfrischend individueller Themensetzung.
Siegfried Straßner in Nürnberger Schwulenpost Juni 2002
Puhh, ganz schön heftig. (...) "Loswerden" ist ein Roman, der realistisch und ohne Klischees Facetten sexueller Abhängigkeit beleuchtet. Wie weit dürfen Dominanz und Erniedrigung gehen, wo beginnen Ausbeutung und Selbstaufgabe? Man muss nicht auf SM stehen, um das erotische Knistern in diesem Buch zu fühlen. Letztlich aber geht es um Liebe, Sex und Selbstbestimmung. Ein ungewöhnlicher Roman. Atmosphärisch dicht, ungekünstelt und schlicht. Spannend und fesselnd, im wahrsten Sinne des Wortes.
Männer aktuell, Mai 2002
Es gibt zwar viele Sexszenen in diesem Buch, ... doch geht es hier zentral um Psychologie, um Mechanismen eines Unterwerfungsbedürfnisses.
Hamburg.gay-web.de
Ein sehr ehrliches und ansprechendes Buch... Die paar schwulen Klischees - der natürlich ebenfalls schwule und nicht so sympathische Nachbar trägt z.B. Eduschopullunder - konnte ich wunderbar überlesen, sie tun der Qualität dieses Buchs keinen Abbruch.
Schlagzeilen Nr. 65 (Sept. 2002)
... anrührend, abschreckend und faszinierend zugleich.
Sven Deutschländer in Schwulst
Kapitel fünfzehn
Am nächsten Mittag warf Dominik am Nachbarhaus ein paar
Kopien durch den Briefschlitz. Falls der Doktor genügend Englisch verstand,
dürfte Harry Frankfurt ihn noch mehr zum Zweifeln bringen, ob das ständige
Gärtnern – falls nicht eingebettet in einen größeren sinnstiftenden Zusammenhang
– sein Leben zu einem guten machte.
Das war Dominiks Rache für den gestrigen Abend.
Dann radelte er zum See. Der Himmel sah aus wie ein schmuddeliges
Betttuch. Der Strand war verwaist und Wind kräuselte das Wasser, als habe der
See eine Gänsehaut.
Dominik musste zügig schwimmen, um nicht zu frieren. Schließlich
drehte er sich doch auf den Rücken und spielte toter Mann.
Ein Satz, den er gestern Abend ganz kläglich gemurmelt
hatte, kam ihm in den Sinn: «Aber manchmal muss man Dinge doch einfach
ausprobieren, auch wenn man noch nicht weiß, wohin das führt …»
Mehrmals dachte er diesen Satz, dann sprach er ihn leise
aus.
Er war doch allein!
Er sprach lauter. Schließlich rief er: «Verdammt, warum soll
ich es denn nicht probieren?!» Wen er da anschrie, wusste er nicht.
Wütend schlug er auf die Wasseroberfläche. Noch mal, noch
mal. Er schlug und trat um sich, und schrie: «Scheiße! Scheiße! Scheiße!», Er
war doch ein freier Mensch! In einem freien Land! Er konnte tun, was er wollte!
Und es gab kein Gesetz, das Hingabe verbot! Und er schadete niemandem, indem er
sich hingab!
«Warum ist es so schwer?!», schrie er noch mal und gab dann
keuchend auf. Hoffentlich hatte ihn keiner gesehen. Instinktiv tauchte er
unter. Aber dort konnte er nicht bleiben, obwohl es angenehm war.
Den Kopf wieder an der Luft, drehte er sich einmal um die eigene
Achse. Da war kein Mensch. «Und wenn schon», fauchte Dominik böse. Vor Albrecht
war er so stark gewesen. Und er wollte auch stark sein, wenn Vincent nicht in
der Nähe war. Er durfte es nicht nur fühlen, wenn Vincent ihn dazu
zwang. Er musste es immer fühlen.
Zu Hause zerknüllte Dominik als Erstes seinen papierenen Bettvorleger,
und in Vincents Zimmer nahm er noch mal den Edding zur Hand. Das «Ich bin» übermalte er mit einem Balken
und schrieb: «Vincent ist»
darüber; das «eigener» strich er
ersatzlos.
Dann beschrieb er ein neues Blatt, dann noch eins. Wie im
Wasser steigerte er sich in einen wütenden Taumel hinein, bis der graue Teppich
in Vincents Zimmer mit Ausrufesätzen bedeckt war.
«Er ist mein Herr.»
«Ich will Vincent dienen.» «Ich will Ihm dienen.» «Ich will Dir dienen.» «Ich
bin Sein Diener.» «Ich bin Sein Sklave.» «Ich bin Sein Spielzeug.» «Ich tue
alles, was Er will.» «Ich bin für Ihn da.» Und so fort.
Schließlich stapelte Dominik die Bögen und riss sie in
kleine Fetzen. Nicht, weil er sich schämte. Er schämte sich gar nicht. Im
Gegenteil. Bloß schien ihm das alles nicht stark genug. Es klang hölzern,
verkrampft. Dann nahm er einen dünneren Stift und schrieb, gut leserlich in
schönster Druckschrift auf ein neues Blatt:
Ich will DICH bedienen.
Ich will DICH befriedigen, DIR zu Willen sein, wie auch
immer DU es haben willst.
Schlag mich, wenn DU willst, quäl mich und benutz mich
wie DU willst, wann DU willst, wo und wie oft DU willst.
Alles Maß ist DEIN Wille, DEINE Lust.
Ich bin DEIN ohne Pause, Tag und Nacht; DEIN Diener, DEIN
Sklave; immer da, DIR zu gehorchen.
Ich bin das, was DU willst.
Ich bin dein
Objekt.
Es las es laut und war zufrieden; las es sich vor, bis er es
auswendig wusste, es aufsagen konnte, wie ein Gedicht, ein Gebet; seine
Verfassung.
Dann faltete er das Blatt zweimal und legte es in sein Notizbuch.
«Ich muss», sagte er zu sich selbst. «Es lässt mich nicht los.»
-
Mitten in der Nacht stand Dominik auf. Er holte seine voll gestopfte
Souvenirkiste aus dem Schrank und kippte sie auf den Teppich. Unbeteiligt sah
er alte Photos an, las alte Briefe, dann warf er sie weg. Jonas hob er noch
auf; Jonas hatte jahrelang als Freund sein Leben begleitet. Auch ein paar alte
Bilder der Eltern, ein paar nette Karten, legte er zurück in die Schachtel.
Aber gerade, als er mit einem Bein schon wieder unter der Decke
war, packte ihn ein neuer Schub. Er stampfte den bunt beklebten Schuhkarton
platt und warf ihn komplett in einen neuen Müllsack, warf auch Unterlagen aus
dem Studium hinterher und Kleidungsstücke, deren Stoff besonders stark mit
Erinnerungen durchwoben war.
Etwas Neues fing an; die Relikte von früher hatten hier
nichts mehr verloren.
Gestärkt und befriedigt ging er rauf und zog Albrechts Bett
ab, rollte die nackte Steppdecke am Fußende zusammen.
Auch für Vincent würde etwas Neues beginnen.
Zum Schlafen ging Dominik nicht zurück in sein Zimmer. Er legte sich
auf Vincents Seite, legte den Kopf in sein Kissen und rollte sich in seine
Decke ein.
© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
|