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Karl Friedrich von Linden

Die Süßen

Ein Berliner Roman

kartoniert,
272 Seiten,
10,00 EUR

ISBN: 978-3-939542-10-0


Pressestimmen

Leseprobe



"Berlin, die high society, das very sexy und very

arme Volk. Das Treiben im Tiergarten und die Bälle

im Ministerium. Du bewunderst Gräfin Rospine und

beneidest die Adjutanten. Wowi, das musst du lesen!"


Gayle Tufts

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Reich und verdorben - Berlin Ende des 19. Jahrhunderts

Berlin boomt - hässliche Mietshäuser und protzige Regierungsgebäude schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Oberschicht feiert rauschende Feste, während die einfachen Leute ums Überleben kämpfen. Eigentlich alles wie heute, dabei spielt "Die Süßen" Ende des 19. Jahrhunderts.

Auf einem Staatsempfang erfährt der Gardeoffizier Graf von der Mark, dass sein Geliebter, der Stricher Erich Selten, ermordet aufgefunden wurde - der junge Mann hatte offenbar noch andere Kunden. Die Polizei vermutet den Mörder in den "besseren Kreisen", nicht zu Unrecht, denn es war Geheimrat Bork, der seine Neigung zu jungen Männern sonst in einem Schlösschen auf Sizilien auslebt, der sich auf diese Weise einen Erpresser vom Hals schaffen wollte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe.

Linden malt ein opulentes, aber präzises Sittenbild vom Berlin der Kaiserzeit. Auf der einen Seite Offiziere und Industrielle, die diskrete Abstecher ins Strichermilieu unternehmen, auf der anderen Seite Geldheiraten, heimliche Liebschaften und uneheliche Kinder - hinter der sittenstrengen Fassade tobt das Leben. Im Zentrum der äußerst spannend erzählten Geschichte stehen der Graf von der Mark, ein Freund Wilhelms II. und Liebhaber schöner Jungs, und der Stricher und Erpresser Anton Pickert, auch "Columbine" genannt. Geheimrat Bork ist schnell als Krupp zu entlarven, und auch andere Figuren dieser Zeit sind hinter einer leichten Tarnung zu erkennen (Maximilian Harden, Fürst Eulenburg).

Die Süßen ist 1909 im Verlag von Carl Freund erschienen; wir legen eine leicht gekürzte Fassung vor. Über den Autor konnten wir leider nichts in Erfahrung bringen. (sachdienliche Hinweise erbeten!)


Pressestimmen

Dieser Roman ist psychologisch und dramaturgisch cleverer gestrickt als so manch aktuelle Veröffentlichung - und hat doch mehr als 100 Jahre auf dem Puckel. Faszinierender, fesselnder, fantastischer Lesestoff, der den Leser bis zur letzten Seite trotz des gesetzten Deutsches nicht loslässt.
Wolfram Saathoff in Schwulissimo

Wer immer sich hinter Karl Friedrich von Linden verbergen mag - er scheint sich in allen gesellschaftlichen Schichte des kaiserlichen Berlins bestens ausgekannt zu haben. In seinem 1909 erschienenen Roman "Die Süßen" blickt er in die Schlafzimmer der Mächtigen und hinter die Fassaden des sittenstrengen Kaiserreichs. ... So erweist sich Karl Friedrich von Linden einerseits als Meister der Kolportage, der fast tagesaktuell die schlüpfrigen Sexskandale des Kaiserreichs zum Stoff eines Romans macht, er liefert andererseits aber auch ein so stimmungsvolles wie detailgetreues Sittenbild der Preußenmetropole.
Axel Schock in Hinnerk

Für die damaligen Aktivisten (wie die Kreise um Magnus Hirschfeld) war dieser Roman nicht emanzipatorisch genug - heute erscheint uns die ungeschönte Beschreibung dieser Eskapaden allerdings durchaus realistisch und modern.
Egbert Hörmann in Du & Ich

Als literaturhistorisches Dokument ist "Die Süßen" spannend. Der Leser muss aber schon in sehr kaiserlicher Stimmung sein, um sich von der Sprache von Lindens fesseln zu lassen.
Oliver Lesky in Siegessäule

Das Zeitkolorit ist es, dass den Roman in höchstem Maße gerade heute zur Lektüre empfiehlt.
Siegfried Straßner in Blu Nürnberg

Durch diese Abgründigkeiten bewegt sich Anton Pickert, den wir getrost als den einzigen ehrlich arbeitenden Verbrecher des Romans hervorheben können. Ständig unterwegs, ständig auf der Lauer, völlig herzlos und brutal, sucht er seine Chance. Er ist der kleine Mann, der virtuos mit den Schwächen der Großen spielt - und am Ende folgerichtig als einziger seine gerechte Strafe empfängt. Denn nur Pickert geht es an den Kragen, alle anderen kommen ungeschoren oder mit einem blauen Auge davon.
Blog www.hinternet.de

Linden fasst schwule Liebe nicht als Ausnahme auf - eine erstaunlich moderne Herangehensweise.
Berliner Zeitung

Rezension und Diskussion bei Blog "Hinternet"


Leseprobe

Wer heute durch die Straßen von Berlin zieht, wer die trotz ihrer nicht immer geschmackvollen Architektur durch ihre Sauberkeit wirkenden Häuserfronten entlang wandert, dem fällt in dieser fast mathematisch gradlinigen Disposition der Straßenzüge, bei diesen neuen nach frischem Mörtel duftenden Konstruktionen, in denen strenge Polizeivorschriften die Erfüllung aller Forderungen der Hygiene und der Bequemlichkeit, nur nicht derjenigen des künstlerischen Geschmackes, zu erzwingen wußten, der absolute Mangel an jenen Winkeln und Ecken, jenen Vorsprüngen und alten grauen Giebeln auf, die die alten Stadtteile von Wien, Paris und London, vielleicht viel weniger gesund, doch unendlich viel pittoresker machen.

Aber einen anderen Vorteil noch bietet dieses ultra-moderne Berlin und zwar einen kriminal-technischen, um den die Kriminalisten der alten Kulturzentren ihre deutschen Kollegen lebhaft beneiden. Es ist eine sonderbare Tatsache; der metaphorische Ausdruck "lichtscheues Gesindel," mit dem man umfassend die ganze Verbrecherwelt bezeichnet, ist mehr wie eine Metapher, er darf wörtlich genommen werden.

Berlin hatte auch seine Schlupfwinkel und hat sie wohl noch, doch als die Häuserviertel, die krumme, winklige Gassen willkürlich und unregelmäßig durchschnitten, niedergelegt waren, und an deren Stelle sich die kalte, falsche Pracht der hellen und sauberen Neubauten erhob, da kehrten die alten Bewohner in dieses Viertel nicht mehr zurück. Sie wurden immer mehr hinausgedrängt an die Peripherie der Stadt, und es war vielleicht das einzige Verdienst der wüsten Bauspekulation, die seit nahezu einem Vierteljahrhundert in Berlin haust, jene zweifelhaften Elemente aus den Stadtmauern verdrängt zu haben.

Im Jahre 1887, im vorletzten Regierungsjahre des ersten deutschen Kaisers, zur Zeit, da die in dem vorhergehenden Kapitel beschriebenen Vorgänge geschehen, war es noch nicht so weit. Es stand noch ein erheblicher Teil des alten Berlins, des Berlins der Markgrafen von Brandenburg, auf seinen schwachen Mauerfüßen und hatte noch nicht überall der neuen Metropole der Bauspekulanten und der Börsenmatadore weichen müssen.

Vom Spreearm, der die Ostseite des Kaiserlichen Schlosses entlang zieht, bis zum Alexanderplatz zog sich dieser fast historische Stadtteil hin, in dem nur die entsetzliche Geschmacklosigkeit des Rathausgebäudes und die praktische Nüchternheit der Bahnhofs-Station Alexanderplatz wie die ersten Vorboten der kommenden Zeit erschienen. Doch jenseits des Alexanderplatzes, hinter dem baufälligen Gemäuer der Alexander-Kaserne, da lag das Dorado der Berliner Verbrecherwelt, das Scheunenviertel, das heute auch der Spitzhacke zum Opfer fällt. Altersschwache Häuser, die ihre schmalbrüstigen, schmutzigen Fassaden schmucklos und nur mit plump gemalten Reklameschildern bedeckt in den grauen Dunst der Armleut-Atmosphäre dieses Stadtteils ragen ließen, umsäumten die engen Straßen, die das Viertel durchkreuzten. Hinter diesen Fronten mußte das Elend hausen, das körperliche und das moralische. Aus den Kellerhälsen, die zu den lichtlosen dumpfen Souterrains hinabführten, drang der Pesthauch physischer und psychischer Verwesung. In diesen Gewölben, die ihren stinkenden Atem über die Kellertreppe hinauf auf die Straße sandten, faulten nicht nur der Lumpenvorrat und das Knochen-Gerümpel, die der Besitzer zusammenkaufte, hier faulten auch die Seelen und jedes bessere Empfinden der Menschen, die in dieser Umgebung zu leben verdammt waren. Das geschäftliche Treiben dieser Straßen schien sich in solchen Lumpenkellern und zahllosen Destillationen, von denen in jedem Hause fast eine zu finden war, zu erschöpfen. In einem Eckhaus hatte höchstens ein Kolonialwarenhändler mit falschem Glanz, buntem Papier und einigen grellen Plakaten versucht, seiner Auslage einen höheren Anstrich zu verleihen. Und manchmal fand sich ein kleines Weißwarengeschäft, ein enger, schmaler Laden, in dem beim matten Schein einer Petroleumlampe eine verhutzelte, verkümmerte Frau die spärlichen Herrlichkeiten ihrer Waren überwachte.

Doch die Destille überwog. Wie an allen Stätten des Elends wurden auch hier dem Tröster Alkohol die meisten Tempel errichtet. Und wie an allen Stätten des Elends strömten auch hier die Ausgestoßenen und Verkommenen in diese Tempel, in der Misere ihres Lebens die einzige freudige Unterbrechung suchend, die ihnen das widerliche Gebräu zu verschaffen vermochte. Das Innere dieser Kneipen entsprach den Erwartungen, die man nach dem Anblick der Straße hegen durfte. Schnapsdunst und Schmutz, Zigarrenqualm und rohe Schimpfworte, das war das Charakteristikum dieser Räume, in denen die niedrigsten Klassen der Prostitution, in denen die schmachvolle Existenz jener verkommenen Burschen, die von der Schande dieser Mädchen leben, ihre Erholungen fanden.

Und doch in einem Falle erwartete den bang und ängstlich Eintretenden eine Enttäuschung. Eine der Kneipen, die ein überraschend reines Schild anmaßend als Restaurant bezeichnete, schien schon durch die adrette Sauberkeit der weißen Vorhänge, die sechs Fenster der Straßenfront diskret dem neugierigen Blick des Draußenstehenden verhüllten und undurchdringlich machten, sich von dem Unrat der Umgebung abheben zu wollen. Der Eingang zu dem Restaurant befand sich im Hausflur, zu dem drei abgenutzte schmale Steinstufen emporführten, eine kleine, braune Tür, die ein Plakat als "Entree" bezeichnete, führte in einen hellen, warmen Raum, den jetzt am Abend eine überraschende Menge von Gasglühlicht-Körpern mit einem Meere weißen angenehmen Lichts erfüllte. Links in der Ecke befand sich ein Buffet, aus dessen zinnerner Tischplatte zwei Bierhähne emporragten. Daneben stand ein Spülapparat und auf der Etalage, die hinter dem Buffet sich an der Wand entlang zog, glänzten neben einer Reihe von Likörflaschen, Bier- und Weingläsern erstaunlicherweise auch vernickelte Teekannen und weiße Kaffeetassen friedlich nebeneinander.

Ein Tür-Ausschnitt, an dem kokett gerafft eine Portiere herunterhing, führte in einen kleinen Nebenraum, an dessen Längswand in der Mitte ein Klavier und ein Notenständer den Hauptplatz einnahmen.

Die Tische beider Räume waren mit weißen Tüchern sauber gedeckt, ein Umstand, der hier doppelt seltsam anmuten mußte. Doch was den angenehmen Eindruck dieses reinlichen, warmen Interieurs vollständig ins Bizarre verzerren mußte, das waren die Gäste, unter denen zuerst der absolute Mangel an weiblichen Wesen auffiel.

Dem Unbefangenen, der länger sich hier aufhielt, ward noch viel Gelegenheit zum Staunen geboten.

Der Wirt, ein großer, starker Mann, in dessen stark gerötetem Gesicht der buschige, schwarze Schnurrbart so unmotiviert wie möglich erschien, trug um den Mund einen ewig lächelnden, süßlichen Zug. Und wenn dieser Mund sich öffnete, so entströmten ihm die Worte in einem hohen fistelnden Diskant, als ob ein Weib gesprochen hätte.

Die Bedienung besorgte er selbst und seine Gaste riefen ihn "Mienchen".

Die Eigentümlichkeiten des Wirts wiederholten sich bei diesen Gästen, zum mindesten bei ihrem größten Teil.

Ein älterer Herr, reich gekleidet, saß vor dem geöffneten Klavier und blätterte in den Noten. Von Zeit zu Zeit trank er einen Schluck Tee aus dem Glase, das neben ihm auf einem Tische stand, und wenn er gefunden hatte, was er suchte, und dann zu spielen anfing und mit weichem, hellem Sopran irgend einen populären Schmachtfetzen von der ewigen Macht der Liebe oder ähnliche Trivialitäten vorsang, verstummte vollständig das schwache Geräusch, das die leise Unterhaltung der übrigen Gäste bisher verursacht hatte.

An einem Tisch im ersten Raum saßen vier Burschen, und wer den Leichnam des erschlagenen Epheben im Tiergarten gesehen hatte, konnte sich nicht im Unklaren darüber bleiben, wohin das feminine Gebaren dieser vier Jungen zielte. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und, über den Tisch gelehnt, führten sie eine leise Unterhaltung.

Einige andere Pärchen von gleichem Habitus und mit denselben weichen, weibischen Gesten saßen an den anderen Tischen verteilt.

Die leise Unterhaltung aller Anwesenden wimmelte von Diminutiven und Zärtlichkeiten. Wer Anton hieß, der wurde "Tonchen" genannt und Fritz verwandelte sich in "Rieke".

Der Alte am Klavier hatte eben wieder singend zu klagen begonnen:

"Ach, könnt' ich noch einmal so lieben,
Wie damals im Monat Mai ..."

als plötzlich die Tür, die vom Hausflur in das Restaurant führt, aufgerissen wurde.

Ein hagerer Bursche trat hastig ein, er war mit jener charakteristischen Eleganz gekleidet, die alle Anwesenden auszeichnete. Auf seinem Gesicht malte sich das Entsetzen und seine rechte Hand hielt ein Zeitungsblatt, die das Berliner Lokalblatt in den Straßen verteilen ließ. "Hört auf zu spielen," rief er, "Lieschen ist im Tiergarten ermordet worden."

 
 


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