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Wann ist der Mann ein Mann?
Nachdem die kritische Männerforschung zeigen konnte, dass Männlichkeiten keinesfalls ahistorische und transkulturelle Kategorien darstellen, sondern immer in historisch und kulturell spezifische Normierungs- und Herrschaftsverhältnisse eingebunden sind, konnten zahlreiche vermeintliche Selbstverständlichkeiten dekonstruiert werden. Dabei wurde bisher jedoch übersehen, dass selbst die Queer Theory keine klare Auskunft darüber gibt, was sie unter Männlichkeit oder Maskulinität genau versteht. Angesichts einer Situation, in der die Kategorie des biologischen Geschlechts die alleinige Definitionsmacht verloren hat und Transpersonen Männlichkeit sich aneignen oder ablegen, gewinnt diese Frage an Brisanz.
Inhalt
- Vorwort
von Stefanie von Schnurbein
- Männlichkeit ist für alle da. Aber was ist Männlichkeit?
Einleitung der Herausgeber
- Nina Degele
Männlichkeiten queeren
- Andreas Kraß
Der Lieblingsjünger und die Folgen
Vom Johannesevangelium bis zu Dan Browns Sakrileg
- Andreas Heilmann
Die Verteidigung der Männlichkeit
Das Identitätsdilemma schwuler Männer
zwischen Militär und Coming-out
- Sven Glawion
Sauberkeit und Sozialismus
Heteronormativität, Männlichkeit und die DDR:
Ein Blick in Siegfried Schnabls Mann und Frau intim
- Renaud Lagabrielle
Penetrierende Männlichkeiten
Zum brüchigen Verhältnis von «Männlichkeit»
und «(Homo-) Sexualität» in der zeitgenössischen
frankofonen Maghreb-Literatur
- Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe
«I Want To Be A Macho Man»
Schwule Diskurse über die Aneignung von
Männlichkeit in der Fetisch- und SM-Szene
- Peter Rehberg
«Homoskin» – Weder Dramaqueen noch Klon
- Josch Hoenes
KörperBilder von Transmännern
Visuelle Politiken in den Fotografien Loren Camerons
- Anne Eßer / Kymberlyn Reed
Der «weibliche» Blick auf «Männlichkeit» in Slash-Literatur
- Robin Bauer
«Daddy liebt seinen Jungen»'
Begehrenswerte Männlichkeiten in Daddy/Boy-
Rollenspielen queerer BDSM-Kontexte
- Uta Schirmer
«Ich will kein Mann sein wollen»
Drag Kinging, Männlichkeit und Strategien
der «disidentification»
Modernisierungsgewinner und –verlierer
- Michael Gratzke
Mythos Afrikasöldner
Modernisierung, mann-männliches Begehren und
männliche Subjektbildung in der deutschsprachigen
Literatur des 20. Jahrhunderts
- Sebastian Scheele
«Schwul leben – heterosexuell lieben»
Metrosexualität als homophobe Modernisierung
hegemonialer Männlichkeit
- Maxime Cervulle
Die Kings des Geschlechts und der Vorstadt
Frankoarabische Männlichkeitsperformanzen
in Frankreich
- Renate Lorenz
Merkwürdige Produkte
Männlichkeit und Kohletransport
- Elahe Haschemi Yekani
Transgender-Begehren im Blick
Männliche Weiblichkeiten als Spektakel im Film
- Elke Heckner
Ost-westliche Verführungsszenarien
Inszenierung von Geschlecht unter dem Zeichen
der Kapitalismuskritik
- Andrea Rick
Femmes, Fans, Freundinnen
Femininitäten nur in Nebenrollen? Konstruktionen von
Cross-Maskulinitäten/-Männlichkeiten durch den
Ausschluss von Femininitäten/Weiblichkeiten
- Literaturempfehlungen
- Autor_innen
Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.
Eine Menge spannender Aufsätze über das Problem "Männlichkeit" in Zeiten der nachhaltigen Auflösung geordneter mann-weiblicher Verhältnisse - von schwuler Skinheadkultur bis hin zu Frauen, die im Internet "homosexuelle" Erotica veröffentlichen. Dass der Begriff "Männlichkeit" jedem in der Alltagsverwendung plausibel ist, einem aber bei jedem Versuch einer wissenschaftlichen Definition zwischen den Fingern zerbröselt, macht die Soziologin Nina Degele gleich eingangs klar. Von arabischem Machismo bis zur Selbstdarstellung von Lesben kommt danach so ziemlich alles zur Sprache, worüber derzeit im Feld der Männlichkeitsforschung und der Queer-Studies debattiert wird.
Catherine Newmark in Berliner Zeitung
Interessante und vielseitige Einblicke
Freiburger GeschlechterStudien 21
Der lesenswerte Sammelband widmet sich der Frage, wie Männlichkeiten hergestellt, angeeignet oder umgearbeitet werden, wenn nicht sex als Grundlage genommen wird, sondern normative Männlichkeitspraktiken im Mittelpunkt stehen. Eine gelungene Verknüpfung von ‚Szenen' und wissenschaftlicher Analyse wird dadurch erreicht, dass diese Diskussion auch empirisch geführt wird, indem Interaktionen, Inszenierungen und Diskurse in den Blick genommen werden.
Jürgen Budde in Querelles-Net
Wie das präzise Vorwort des Sammelbandes hervorhebt, liegt eine wichtige Qualität des Buches in der selbstreflexiven Haltung, mit der die untersuchten Männlichkeitsproduktionen daraufhin befragt werden, ob sie heteronormative Herrschaft de- oder restabilisieren.
Johanna Schaffer in Weiberdiwan Herbst/Winter 07
Gerade im breiten Spektrum liegt der Reiz des Bandes. Die einzelnen Texte zeichnen sich aber auch dadurch aus, dass praktische Erfahrungen und Beobachtungen relevant und normkritisch Beachtung finden.
Siegfried Straßner in Blu Nürnberg
Männlichkeit ist für alle da.
Aber was ist Männlichkeit?
Krise oder Wiederkehr der Männlichkeit?
Wenn man die Beiträge dieses Bandes liest, scheint eines festzustehen: Nicht nur im gesellschaftlichen Mainstream hat Männlichkeit ungebrochen Konjunktur, sondern scheinbar selbstverständlich auch zunehmend in den Communitys von Lesben, Schwulen, Trans*-Menschen und anderen Queers: Schwule orientieren sich an Idealen heterosexueller Männlichkeit, sei es der Sportler, der Skinhead oder der Cowboy aus Brokeback Mountain. Drag Kings zelebrieren ihrerseits Inszenierungen von Männlichkeit auf den Bühnen queerer Subkulturen. Gleichzeitig schreiben heterosexuelle Frauen schwule Pornos, während die Figur des Metrosexuellen, die Werbeplakate und Fernsehshows des westlichen Mainstreams bevölkert, Elemente schwuler Kultur aufgreift. Wie ist die Allgegenwart dieses Männlichkeitshypes zu erklären? Erleben wir etwa das Ende der vielbeschworenen «Krise der Männlichkeit»? Aber welche Männlichkeit ist überhaupt in der Krise?
Vermutlich haben die Herausgeberinnen der Feministischen Studien ähnliche Überlegungen geleitet, als sie ihr Heft 2/2006 der «Wiederkehr des Mannes» gewidmet und die vermeintliche Tatsache einer Krise der Männlichkeit in Zweifel gezogen haben. Denn oft genug diene gerade die Rede von der Krise einer «männlichen Resouveränisierung» (Forster 2006). Wie lassen sich diese vielfältigen Umgangs-, Inszenierungs- und Existenzweisen (Maihofer 1994) von Männlichkeit darüber hinaus aus einer queeren und heteronormativitätskritischen Perspektive bewerten? Finden sich hier Aspekte einer kritischen Umarbeitung hegemonialer Männlichkeit, die zu einer Veränderung der bestehenden patriarchalen Macht- und Herrschaftsverhältnisse beitragen können? Oder werden hier Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit angeeignet und reproduziert, die zwar den jeweiligen Akteur_innen zu mehr Anerkennung und Privilegien verhelfen, die jedoch keine Einsprüche gegen herrschende Machtverhältnisse erheben und letztlich zulasten von Weiblichkeiten, Femininitäten und Frauen ausfallen?
Feministische Kritik hat immer wieder betont, dass (weiße, heterosexuelle, Cis- usw.) Männlichkeit als unmarkierte Norm fungiert, indem sie sich wie selbstverständlich als allgemeingültiges Maß aller Dinge setzt. In der Folge haben die Frauen- und Geschlechterforschung sowie die kritische Männerforschung damit begonnen, spezifische Normen als männlich zu markieren. Insbesondere Robert (mittlerweile Raewyn) Connell (1999) hat mit seinem Konzept der «hegemonialen Männlichkeit» eine Grundlage dafür geschaffen, Männlichkeit nicht länger als monolithischen Block zu betrachten. So existiert eine Vielzahl von untereinander hierarchischen Männlichkeiten, die sich in spezifischen historischen und gesellschaftlichen Kontexten situieren. Feministische Forschung und kritische Männerforschung thematisierten nicht nur die Beteiligung an patriarchalen Herrschaftsverhältnissen, sondern auch, inwiefern Heteronormativität die Existenzweisen von Männern prägt und diese mit unterschiedlichen, z.T. widersprüchlichen Rollenanforderungen konfrontiert (vgl. z.B. Badinter 1993). Angesichts einer Vielfalt real existierender Männlichkeiten und deren historischer Wandelbarkeit begründeten soziologische Untersuchungen die Fortdauer und Nachhaltigkeit männlicher Herrschaft (Bourdieu 2005) mit dem Beharrungsvermögen habitueller Einschreibungen und der Bedeutung gesellschaftlicher Institutionen für die Aufrechterhaltung heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit (Mosse 1997; Meuser 1998; Hirschauer 1999).
Was jedoch bisher unzureichend berücksichtigt wurde, ist die Frage nach sexuellen Praxen und Identitäten sowie die Untersuchung von Männlichkeiten/Maskulinitäten, die sich nicht an einen als männlich definierten Körper knüpfen. Meistens handelt es sich bei der Männerforschung, die sich infolge der feministischen Kritik in den letzten beiden Jahrzehnten an bundesdeutschen Universitäten etabliert hat, um die Beforschung heterosexueller Cis-Männer durch heterosexuelle Cis-Männer, ähnlich wie die sogenannte Männerbewegung stark heterodominiert und nicht frei von Homophobie ist. Die grundsätzliche Zweigeschlechtlichkeit von Geschlechtskörpern scheint hier nicht infrage zu stehen. Queere Perspektiven ziehen dagegen auf der Basis queerer Existenzweisen die enge und zwangsläufige Verbindung von Männlichkeiten und Weiblichkeiten mit spezifischen Körpern in Zweifel (vgl. Silverman 1992; Halberstam 1998a; Troka u.a. 2002).
Allerdings untersucht die vorwiegend in den kunst- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen angesiedelte queere Forschung in erster Linie diskursive und visuelle Repräsentationen von Geschlecht und arbeitet daher schwerpunktmäßig mit Konzepten der Maskerade, Performance und Inszenierung. Alltägliche Verkörperungen geraten daher weniger in den Blick, sodass die Wirkmächtigkeit des anatomischen Geschlechts (engl. Sex) häufig als beliebig vom sozialen Geschlecht (engl. Gender) überformbar erscheint. Die feministische Naturwissenschaftskritik (Haraway 1995; Bauer 2006) und der ethnomethodologische Ansatz des doing masculinity (Meuser 2002) betonen dagegen die Gleichzeitigkeit der sozialen Konstruktion und der materiellen Realität des Geschlechtskörpers. Eine Herausforderung, der sich queere Politiken und Theorien stellen müssen, liegt daher darin, die eigenen Axiome zu reflektieren und Widersprüche auszuhalten, die sich zwischen unterschiedlichen Disziplinen ergeben. Es scheint außerordentlich schwierig, beide analytischen Kategorien (Sex und Gender) gleichzeitig im Fokus zu behalten und zwischen ihnen keine Hierarchie herzustellen.
Welche Männlichkeit?
Was macht Männlichkeit aus? Wie der Titel bereits nahelegt, kann auch dieser Band darauf keine Antwort geben. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, aus einer queeren Perspektive von «Männlichkeit» zu sprechen. Denn damit werden Zuschreibungen reproduziert, die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit weiter verdinglichen (vgl. dazu Degele in diesem Band). «Männlichkeit» dient uns daher nicht als essenzielle, sondern ausschließlich als heuristische Kategorie, die wir in einem umkämpften gesellschaftlichen Machtfeld verorten. Männlichkeit konstituiert sich dabei immer im Zusammenspiel und in Überschneidung mit weiteren Machtverhältnissen. So ist innerhalb westlicher Gesellschaften hegemoniale Männlichkeit immer auch eine körperlich «unversehrte» und leistungsfähige, weiße Mittelklasse-Männlichkeit. Zusammenfassend lässt sich allenfalls sagen, dass Männlichkeit eine umkämpfte, vermeintlich knappe Ressource mit großer gesellschaftlicher Wirkmächtigkeit ist (vgl. Hale 1998; Halberstam 1998b; Engel 2000). Die folgenden Beiträge werden verschiedene (normative) Definitionen von Männlichkeit in unterschiedlichen Kontexten analysieren. Je nach Kontext erkennen sie sowohl in der Destabilisierung als auch in der Restabilisierung von Männlichkeit queere Strategien. Diesen Widerspruch gilt es unseres Erachtens als produktives Spannungsfeld queerer Politiken und Theorien auszuhalten.
Die Zusammenstellung der folgenden Beiträge erhebt nicht den Anspruch, alle Diskursfelder vorzustellen, in denen um Männlichkeit gekämpft wird oder in denen Männlichkeit unterminiert wird, und damit gegenwärtige Praktiken, Szenen und Diskurse erschöpfend abzubilden. Wir betrachten die einzelnen Beiträge als Fragmente eines heterogenen und auf unterschiedliche Disziplinen verteilten Forschungsfeldes, das erstmals aus einer spezifischen Perspektive angesteuert wird: Dieses Buch sucht nach der Schnittmenge zwischen feministischer, queer-theoretischer und kritischer Männerforschung. Es untersucht queere Männlichkeiten und richtet eine queere Perspektive auf normative Männlichkeiten.
Die Beiträge dieses Bandes
Unter der Überschrift «Aufarbeiten» versammelt der Band zwei Beiträge, die sich mit dem historischen Bestand und dem gesellschaftlichen Erbe von Männlichkeitskonzepten befassen. Nina Degele wendet sich gegen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Definition von Männlichkeit und schlägt stattdessen eine theoretische Konzeption als relational, habituell und multipel vor. Anhand der Analyse empirischen Materials zur Bedeutung von Schmerz stellt sie Männlichkeit als Begriff des Alltagswissens heraus, der nur in Abgrenzung zu Weiblichkeit funktioniert. Angeregt von Dan Browns Bestseller Sakrileg, verfolgt Andreas Kraß anhand von christlichen Darstellungen von Jesus und seinem Lieblingsjünger Johannes den historischen Wandel von Heteronormativität und der damit verbundenen Männlichkeitsvorstellungen seit dem Mittelalter. Die Auseinandersetzungen um diese Darstellungen bieten unterschiedliche Interpretationen für das Liebesverhältnis der beiden Männer, die es in einem mal mehr, mal weniger sexuellen Licht erscheinen lassen.
Den Widersprüchen und Konflikten, die sich aus diesen je unterschiedlichen Konfigurationen von Heteronormativität ergeben, widmen sich drei Aufsätze unter dem Schlagwort «Abarbeiten». Andreas Heilmann untersucht lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Soldaten der Bundeswehr und der NVA, die den Konflikt zwischen schwuler Identitätsfindung und militärischen Männlichkeitsvorstellungen verarbeiten. Darüber hinaus wäre aus einer queeren Perspektive selbstverständlich die Armee in ihrer Funktion als patriarchaler Männerschmiede einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen. Diese Leerstelle können wir leider erst in späteren Publikationen füllen. Renaud Lagabrielle geht anhand zweier Romane der Frage nach, wie sich Sex zwischen Männern zu heteronormativen Vorstellungen von Männlichkeit in den muslimischen Gesellschaften des Maghreb verhält, in denen der Begriff der Ehre eine zentrale Rolle spielt. Lagabrielle zeigt, wie Männer diesem Anspruch gerecht werden, ohne auf sexuelle Handlungen zwischen Männern zu verzichten und arbeitet heraus, wie einerseits Brüche mittels erzählerischer Strategien «gekittet» und andererseits heteronormative und eurozentrische Vorstellungen unterminiert werden. Am Beispiel von Ratgeberliteratur der DDR verdeutlicht Sven Glawion, wie Konflikte zwischen Homosexualität und Männlichkeit in hegemonialen Diskursen bearbeitet werden. Er untersucht, wie über Sexualität geschrieben wird und zeigt, in welcher Weise das sozialistische Leitbild «neuer» Männlichkeit heteronormativ strukturiert und von Vorstellungen der Machbarkeit geprägt ist.
Um die Frage der Machbarkeit drehen sich auch die unter der Überschrift «Erarbeiten» versammelten Artikel. Sie verfolgen die Fragen, wie sich aus einer schwulen bzw. trans*männlichen Position traditionelle Männlichkeit aneignen lässt. Volker Woltersdorff betrachtet in seinem Beitrag den sogenannten butch shift, eine Vermännlichung im Erscheinen und Verhalten schwuler Männer, und zeichnet nach, wie dieser insbesondere in der schwulen Leder- und SM-Szene erlebt und diskutiert wurde. Dabei erörtert er die widersprüchlichen Implikationen einer Sehnsucht nach hegemonialer Männlichkeit. Peter Rehberg untersucht ein besonders umstrittenes Beispiel schwuler Männlichkeitsaneignung: den schwulen Skinhead. Seiner Ansicht nach erregt diese Begehrensikone erotisch und politisch, weil sie auf den Neonazi verweist und zugleich diesen Bezug verwischt. Dieser Versuch, der homophoben Aberkennung von Männlichkeit zu entgehen, wird von Rehberg in seiner ganzen Zwiespältigkeit diskutiert. Josch Hoenes untersucht schließlich, wie es dem Transmann Loren Cameron in drei Aktfotografien gelingt, trotz der sichtbaren Abwesenheit eines Penis die Evidenz von Männlichkeit zu vermitteln. Mit dem Bodybuilder wird hier eine weitere zentrale Figur moderner westlicher Männlichkeit verhandelt, die Fragen nach den Verknüpfungen von Weißsein und Männlichkeit sowie ihrer Bedeutung für Trans*diskurse aufwirft.
Während sich diese drei Beiträge an hegemonialer Männlichkeit und ihren Zugangsschranken orientierten, betrachten die Artikel der Sektion «Umarbeiten» subkulturelle Praktiken, die sich darum bemühen, Männlichkeiten neu zu entwerfen bzw. Positionen der Uneindeutigkeit zu entwickeln. Anne Eßer und Kimberly Read stellen das Genre Slash vor, in dem überwiegend heterosexuelle Frauen von schwulen Sex-Fantasien erzählen. Bekannte Männer, wie Aragorn aus der Verfilmung von Tolkiens Der Herr der Ringe, dienen ihnen als Vorbilder für Traumpartner. Thematisiert werden sowohl Beziehungs- und Männlichkeitsideale als auch das Potenzial, weibliche sexuelle Lust am männlichen Körper zu feiern. Die Ideale von Vater- und Sohnschaft sind Thema des Beitrags von Robin Bauer, der sich Daddy/Boy-Rollenspiele in queeren BDSM-Szenen ansieht. Seine empirische Untersuchung von lesbischen+/Trans*-Communitys analysiert die Verschränkungen von Männlichkeit mit Alter, Verwandtschaft und Sexualität und fragt danach, inwiefern Beziehungs- und Männlichkeitsideale über Rollenspiele umgearbeitet werden können. Uta Schirmer betrachtet die Konstruktionen von Männlichkeiten in der bundesdeutschen Drag-King-Szene. Anhand narrativer Interviews zeigt sie, dass sich die Inszenierungen und Verkörperungen von Drag Kings entgegen einer geläufigen Annahme nicht auf ein lustvolles Spiel mit Geschlechtercodes reduzieren lassen. Vielmehr wird deutlich, wie geschlechtlich unterschiedlich strukturierte Räume erst bestimmte Identifizierungen ermöglichen bzw. erzwingen und King-Männlichkeit prekär bleibt.
Unter dem Titel «Modernisierungsgewinner und -verlierer» versammeln sich Artikel, die die Verknüpfungen von Geschlechterverhältnissen mit Kapitalismus und Kolonialismus in den Blick nehmen. Michael Gratzke zeichnet anhand dreier literarischer Texte, die sich mit Söldnern in der französischen Fremdenlegion beschäftigen, den Einfluss gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse auf männliche Identitäts- und Intimitätsentwürfe an der Peripherie dieser Modernisierungsprozesse nach. Davon ausgehend stellt er die Frage, welche Stellung schwule Identitäten und Queer Theory zur neoliberalen Deregulierung einnehmen und prognostiziert ein Verschwinden von Heteronormativität im Neoliberalismus. Verschiebungen in hegemonialen Männlichkeitsbildern untersucht auch Sebastian Scheele anhand des Diskurses um Metrosexualität, gelangt aber zum gegenteiligen Ergebnis. Vor dem Hintergrund einer «Krise der Männlichkeit» erörtert er das subversive Potenzial der medialen Figur des Metrosexuellen und urteilt, dass sich darin Spielräume für heterosexuelle Männer und Konsummärkte erweitern, während Homophobie beibehalten wird. Vor dem Hintergrund rassistischer, kapitalistischer und homophober Verhältnisse in französischen Vorstädten analysiert Maxime Cervulle frankoarabische Männlichkeitsinszenierungen am Beispiel des Rappers Joe Gay Star und des Pornofilm-Labels Citébeur. Beide greifen rassistische und heterosexistische Klischees auf, eignen sie sich an und arbeiten sie mithilfe künstlerischer Mittel von Hiphop und Camp um. Sie ringen dabei um eine schwule migrantische Position, der es gelingt, sich gegen Marginalisierungen zur Wehr zu setzen.
Der letzte Teil des Buches setzt sich mit dem Einziehen und Überschreiten von Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit auseinander. Renate Lorenz schildert anhand der Diskussion um ein Arbeitsverbot für Frauen in Kohleminen des viktorianischen Englands, wie Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen als gesellschaftliche Leitbilder durchgesetzt werden. Den Aufwand, der vonnöten war, um zeitgenössischen Weiblichkeitsanforderungen zu genügen und den Vorwurf einer angeblichen Vermännlichung der Arbeiterinnen abzuwehren, beschreibt Lorenz mit dem analytischen Begriff der «sexuellen Arbeit». Elahe Haschemi Yekani diskutiert anhand der Kinofilme The Crying Game und Lola und Bilidikid die Möglichkeit der Darstellung eines «Transgender-Begehrens», das ohne dichotome Zuschreibungen geschlechtlicher und sexueller Identitäten auskommt. Die Entwürfe von Trans*weiblichkeit und von männlicher Femininität in den Grenzgebieten zwischen Geschlechtern, Hautfarben und Kulturen bleiben dabei prekär und werden immer wieder in herrschende Dichotomien eingemeindet. Elke Heckner untersucht die Musicalverfilmung Hedwig and the Angry Inch, in der die/der Protagonist_in Hedwig in Ost-Berlin von einem GI zur Übersiedlung in die USA und zu einer «Geschlechtsumwandlung» verführt wird, die aber nicht zur Zufriedenheit gelingt. Hedwigs mühevolle Suche nach einem Leben zwischen der Geschlechterbinarität mündet in eine mythologische Vision authentischer Ganzheitlichkeit, die von Heckner kritisch unter die Lupe genommen wird. Im letzten Beitrag problematisiert Andrea Rick den gegenwärtigen Männlichkeitsboom innerhalb queerer Subkulturen im Hinblick auf den Umgang mit Femmeness. Die Aufmerksamkeit, die den Männlichkeiten von Butches, Trans*männern und Drag Kings entgegengebracht wird, marginalisiert die queere Femininität von Femmes, während sie deren Unterstützungsarbeit ausbeutet. Rick plädiert für einen solidarischen Umgang, der Geschlechterrollen und geschlechtliche Arbeitsteilung nicht erneut festschreibt.
Ausblicke
Wir betrachten den vorliegenden Band lediglich als einen ersten Forschungsbeitrag auf dem Feld queerer und heteronormativitätskritischer Perspektiven auf Männlichkeiten. Zu einigen uns wichtig erscheinenden Aspekten konnten wir leider keine Artikel einwerben. Diese weitgehend noch offenen Forschungsfragen wollen wir im Folgenden kurz anreißen.
Wenn man, wie Connell (1999), Gewalt als einen konstitutiven Aspekt von Männlichkeit betrachtet, dann stellen sich aus heteronormativitätskritischer und queerer Perspektive u.a. folgende Fragen: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Männlichkeit und homophob sowie transphob motivierter Gewalt (Pascoe 2005)? Wie sind feministische Theorien zu häuslicher und sexualisierter Gewalt von Männern gegen Frauen für Gewalt in schwulen (und queeren) Beziehungen zu modifizieren? Sind Trans*männer spezifischer Gewalt von Cis-Männern ausgesetzt? Welche Konsequenzen hat sexualisierte Gewalt gegenüber Jungen bzw. Mädchen im Hinblick auf die Herausbildung einer männlichen, schwulen oder trans*männlichen Identität?
Im Hinblick auf die geschlechtliche Identität bzw. Queerness von Kindern und Jugendlichen, z.B. sogenannter Sissy Boys, müsste die erziehungswissenschaftliche Diskussion zu Möglichkeiten einer nicht-identitären Bezugnahme auf Heranwachsende vertieft werden (Krabel/Stuve 2000, Tervooren 2004).
In ähnlicher Weise steckt die Forschung zu Möglichkeiten nicht-heteronormativer Männlichkeiten von erwachsenen Heterosexuellen noch in den Anfängen (Heasley 2005). Hinsichtlich männlicher sexueller Handlungsstile stellt sich die Frage, ob und wie heterosexuelle (Cis- und Trans*-)Männer nicht-heteronormative Sexualität praktizieren (können). Auch Elemente schwuler Sex-Kultur müssten auf die darin verhandelten Vorstellungen von Männlichkeit überprüft werden, wie anonymer Sex, Sexdrogen sowie Barebacking und Safer Sex (Junker 2005; Ridge 2004). In diesen Bereich fallen auch Selbstbilder von (queeren) Männern in Bezug auf sexuelle (Im)Potenz und den Gebrauch von Viagra. Wie gestaltet sich darüber hinaus sexuelle Interaktion mit trans*männlichen Körpern in Abwesenheit eines biologischen Penis, und wie wird Männlichkeit dabei umgeschrieben (Schleifer 2006)? Welchen Einfluss hat die zunehmende Sichtbarkeit von Trans*körpern und -identitäten auf die Identität und sexuelle Praxis von Cis-Männern? Thematisiert man queere Sexualität und Männlichkeit im Kapitalismus, rückt u.a. die Analyse der Sexindustrie in den Blick: Welche Rolle spielt schwule und queere Pornografie bei der Konstruktion von Männlichkeiten (Joshi 2003)? Welche Rolle spielen Männlichkeitsbilder für Sexarbeiter und ihre Kunden?
Alte und neue Beziehungs- und Verwandtschaftsformen bedürfen ebenfalls einer Analyse der in ihnen implizierten Männlichkeitskonzepte. Zu nennen wären hier u.a. schwule Vaterschaft, trans*männ--liche Schwangerschaft und Vaterschaft, die Homoehe sowie Mono- und Polygamie (Adam 2006, Clarke/Kitzinger 2005). In diesen Zusammenhang gehört auch die Analyse von Männlichkeit und Eifersucht.
Überdies müssten die Ausschlüsse (z.B. von Weiblichkeiten) und Normierungen (z.B. im Jugend- und Schönheitskult) der schwulen Community sowie die Widerstände dagegen zum Gegenstand weiterer Untersuchungen werden. Besonders im sexuellen Kontext werden Trans*männer ausgeschlossen. Trans*frauen werden an den Rand der Community gedrängt, während die sexuelle Präferenz ihrer Partner als anrüchig gilt. In Anzeigentexten heißt es außerdem häufig: «Tunten zwecklos». Umso schmerzlicher vermissen wir einen Artikel über Tunten auch im vorliegenden Buch. Können darüber hinaus subkulturelle Identitäten, wie die des schwulen «Bären», zur Kritik an Körpernormen beitragen, oder verbleiben sie einer Fetischisierung und zunehmenden Segregierung von Teil-Communitys verhaftet (Hörmann/Baker 2004)? Das Problem der sexuellen Fetischisierung trifft auch andere marginalisierte Gruppen der Schwulenszene, wie rassisierte und «behinderte» Männer. Schließlich müsste auch der Umgang in der Szene mit Pflegebedürftigkeit, Krankheit und Tod im Hinblick auf Männlichkeitsbilder untersucht werden.
Ein Feld, das trotz des interdisziplinären Anspruchs in der Geschlechter-, Männer-, und Queer-Forschung generell zu kurz kommt, bleibt auch in diesem Band unberücksichtigt: die Naturwissenschaften und ihre Kritik. Untersucht werden könnten hier z.B. Diskurse zu Männlichkeit und Testosteron, biologistische und soziobiologische Erklärungen von Männlichkeit, Homosexualität und Transsexualität. Schließlich sind auch diejenigen Themengebiete, zu denen wir bereits Beiträge gewinnen konnten, bei Weitem noch nicht erschöpfend behandelt. Vielmehr betrachten wir sie als Eröffnung einer Diskussion, deren wesentliche Fragen sich um den Zusammenhang von Männlichkeiten, Begehren, Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität drehen. Ob das Ziel einer solchen Auseinandersetzung darin besteht, dass Männlichkeit verschwindet oder dass sie für alle da ist, die sie wollen, können und möchten wir hier nicht vorwegnehmen. Viel gewonnen wäre schon, wenn sie zur Anerkennung verschiedener Männlichkeiten führen würde und sich somit erweiterte Spielräume nicht nur der Reflexion, sondern vor allem auch des Handelns für alle – und damit auch für den «ganz normalen Mann» – eröffnen würden.
(Anmerkungen und Nachweise im Buch!)
© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach
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