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Axel Schock (Hg.)

Der schöne Mann ist tot

Beiträge zum Literaturpreis der schwulen Buchläden

kartoniert, 232 Seiten
14,90 € (D) / 15,30 € (A) / 25,90 CHF
ISBN 3 935596 19 7

Pressestimmen

Leseprobe

  Der schöne Mann


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

"Mittelgroß, mittelschlank, mittelschwul":
Erzählungen frisch aus dem schwulen Leben

Der Literaturpreis der Schwulen Buchläden und der Sammelband mit den besten Einsendungen sind inzwischen zu festen Einrichtungen geworden. Alle zwei Jahre präsentieren wir interessante Debuts junger Autoren, die aus dem aktuellen schwulen Alltag heraus berichten und dabei auch literarisch neue Wege erkunden.

Mit Beiträgen von Peter Nathschläger, Marco Martin, Daniel Klaus, Holger Siemann, Karl Kilian, Stefan Pokroppa, Marcus Brühl, Stefan Blome, Thorsten Wiesner, Corinna Waffender, Jörg Krohmer, David Mitzenheim, Albrecht Piper, Johan Peter, Taddeus Schmidt.

Ausgezeichnet wurde der Text "Fräulein Michael geht aus" von Holger Siemann, die ironische Geschichte um einen "mittelgesunden, mittelgroßen, mittelschlanken, mittelschwulen" Mann, der aus seinem langweiligen Alltag immer wieder in Tagträume flieht und zu allem Überfluss in einen Kriminalfall verwickelt wird. Die Jury schreibt in ihrer Laudatio: "Ist man ein schwuler Mann, erkennt man in ‚Fräulein Michael geht aus' das Leben so, wie es ist! Wenn wir in unseren Tagträumen Violinen spielen hören, hallen sie. Oder sie schluchzen. Unsere strahlenden Blicke tauchen Räume in überirdisches Licht (das kommt bei uns besonders oft vor), Worte rauschen, Straßen sind grau. Kleiner machen wir es nicht! Und unsere Geschichten gehen gut aus! Auf unsere Katastrophen folgen Happy Ends!"

Entdeckungsreise, Überblick und Bestandsaufnahme der schwulen Literatur in Deutschland und sicher eines der besten Bücher, die momentan zu haben sind.
Paul Schulz in Du & Ich

Wie Herausgeber Axel Schock leicht kritisch schreibt, thematisieren alle Autoren Innerlichkeit und das Privateste, ohne Schwulsein in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Damit, so Schock, würden sie voll im Trend liegen. .... Ist der schöne Mann also wirklich tot? Mitnichten, hoffentlich!
Männer aktuell

Zu den (wenigen) Lichtblicken gehört Holger Siemanns "Fräulein Michael geht aus", der Gewinner 202, eine Erzählung um einen "mittelgesunden, mittelgroßen, mittelschlanken" Mittelschwulen, die sich von autobiographischem Outing-Geplänkel oder zäher Einsamkeitsreflexion erfrischend abgesetzt.
Eurogay 3/2003

LeserIn verharrt bis zuletzt in der Schwebe zwischen Neugier und Bangen darüber, was wohl die nchste Geschichte bringen wird. Das macht den Reiz dieses Buchs aus.
gay-Thueringen.de

Nur selten öffnet sich die Perspektive; der schwule Blick ist auch auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge gerichtet.
Axel Limberg in Hinnerk, Juni 2003

Es gibt also eine deutsche schwule Literaturszene, die sich durchaus mit der amerikanischen messen kann - und das, obwohl sie kleiner ist. Ganz klare Leseempfehlung!
Zauberhut Münster, 9/2003

Hier werden alle etwas finden: Wie das schwule Leben hat auch dieser von Literaturprofi Axel Schock herausgegebene Band mit 15 Texten die unterschiedlichsten Facetten. Wer einen Einblick in aktuelle schwule Befindlichkeiten haben will, hat hier seinen Zugriff. Der schöne Mann ist tot - es ist ein erfreuliches Zeichen von Kreativität und Leben, dass so viele junge Schwule sich literarisch äußern.
Egbert Hörmann in Siegessäule 8/2003


MAX
von Daniel Klaus

Die erste Erinnerung, die ich mit Max verbinde, ist, dass ich zu ihm aufschaute. Max war größer als ich, und das war ungewöhnlich. Ich weiß nicht mehr, warum und über was wir geredet haben, aber ich weiß noch, dass ich zu ihm aufgeschaut habe und dass es nach einer der Lateinstunden gewesen sein muss.
Danach kannte ich sein Gesicht, wir grüßten uns, wenn wir uns in der Mensa sahen, und irgendwann saßen wir in den Lateinstunden nebeneinander. Wir machten Witze über den Dozenten, lästerten über unsere Kommilitonen und bekamen vom Unterricht nur wenig mit. Wir beschlossen uns einmal die Woche zusammenzusetzen und die einzelnen Lektionen nachzuarbeiten, aber daraus wurde nichts. Ich hatte angefangen zu studieren, um Zeit zu gewinnen.
Mein Leben hatte sich dadurch kaum verändert. Ich musste morgens früher aufstehen, das war alles. Ich blieb zuhause wohnen, rauchte an den Wochenenden unzählige Joints, hörte Bob Marley und die Stones-Platten meiner Eltern und fuhr, wann immer ich Zeit hatte, Skateboard. Ich war im September zwanzig geworden, führte eine komplizierte Beziehung mit Anna und wartete ab, was passieren würde. Anna war das aufregendste Mädchen, das ich kannte, und sie war meine Freundin. Ständig hatte sie neue Ideen, sprang vor Aufregung von einem Fuß auf den andern, wollte am liebsten alles auf einmal und sofort erleben, und ich kam kaum mit ihr mit. Anna war ein Bündel an Energie, sie war neunzehn Jahre alt, und wir lagen uns dauernd in den Haaren.
Irgendwann im November fragte mich Max, ob ich Lust hätte, mit ihm ins Kino zu gehen, und ich hatte. Wir trafen uns gegen halb sechs im Atrium, die Sonne fiel in den Innenhof, und wir sammelten gemeinsam die letzten Strahlen ein, bevor es dunkel wurde und der Film begann. An diesem Abend fing ich an, Max zu mögen und mir über ihn Gedanken zu machen. Ich wusste beinahe nichts über ihn und erzählte ihm von Anna, ihren blauen Augen, die die Farbe wechseln konnten und ihrem hellen Lachen. Ich sprach von ihrer Schönheit und von den unnötigen Streitereien, die wir hatten. Max hörte zu. Er blickte mich beinahe traurig an, und ich fragte, ob er eine Freundin habe, und er verneinte.
Es dauerte nicht lange und es war Winter.
Annas Atem stieg auf wie Rauch, wir trugen Schals, steckten die Hände in die Taschen und setzten uns im Bus in die Nähe der Heizung.
Weihnachten kam und ging vorbei, und dann war der 31. Dezember. Ich stand mit Anna auf dem Dach unseres Hauses, um das Feuerwerk besser sehen zu können.
Das Feuerwerk tobte über den Himmel, und all die Sterne und Planeten dort oben schienen gemeinsam mit den Krachern zu explodieren. Anna nahm mich in den Arm und schwieg. Ein neues Jahr hatte begonnen.
Die nächsten Wochen gehörten Max. Wir gingen zusammen ins Kino und ins Theater, ich zeigte ihm meine Skatevideos, spielte ihm Bob Marley vor, und er sprach von dunklen Kellergängen, in denen man Theaterstücke inszenieren konnte. Max wusste genau, was er wollte. Und zwar Regisseur werden. Ich wusste nie, was ich wollte. Ich wusste immer nur, was ich nicht wollte. Für Max hingegen war die Sache sonnenklar, und darum beneidete ich ihn.
Er war auf eine unaufdringliche Art intelligent. Stundenlang konnte er vom Theater erzählen. Stundenlang konnte ich zuhören.
Wir waren fast unmerklich Freunde geworden, und ich schätzte die Beiläufigkeit, mit der dies geschehen war.

Und dann passierte etwas, das sich schon seit längerem angekündigt hatte. Ich hatte geahnt, dass es kommen würde, aber ich hatte nichts getan, um es zu verhindern.

Anna rief mich an und sagte, sie erwarte mich im Café.
Ich sah sie schon von weitem, sie saß mit ihrem grünen Pullover am Fenster, rauchte eine Zigarette und spielte mit dem Feuerzeug. Ich ging zu ihr hinein, sagte: "Hallo", küsste sie auf den Mund und setzte mich.
Anna machte es kurz, und sie machte mit mir Schluss. Es lag etwas Endgültiges in ihrer Stimme, das keinen Widerspruch duldete. Ich unternahm erst gar nicht den Versuch, sie umzustimmen. Es wäre zwecklos gewesen. Ich ging wie betäubt nach Hause und legte mich aufs Bett. Ich schlief über diesem Tag ein, ohne ihn berührt zu haben. Ich wollte ihn ungeschehen machen, aber als ich aufwachte, war es dunkel, und Anna war nicht da.
Anfangs glaubte ich, daran zugrunde gehen zu müssen, und in den leeren Tagen danach war ich froh, dass es Max gab. Er hörte mir zu, er nickte mit dem Kopf, während ich pausenlos von Anna erzählte, nahm mich in den Arm und sagte, dass es vorbeigehen würde. Der Februar tauchte auf und wieder ab, ein verlorener Monat, mit dem ich noch nie etwas anfangen konnte. Die Zeit verging, und der Schmerz blieb. Ich erholte mich nur langsam.
Max hatte eine Regieassistenz am Theater bekommen, es machte ihm großen Spaß, und er erzählte mit Begeisterung von all den neuen Dingen, die er dort lernte. Der Frühling kam. Zuerst waren es nur einzelne Tage, an denen man bei blauem Himmel spazieren gehen konnte, bis es endlich Mai war. Ich holte meinen Kopf zwischen den Schulterblättern hervor, vorsichtig wie eine Schildkröte, warf den Frauen ein paar zaghafte Blicke hinterher und befand mich auf dem Weg der Besserung.

Max verliebte sich. Er verwechselte rechts mit links, fiel mir zur Begrüßung um den Hals, wollte mir nicht verraten, wer es war und fand alles großartig, was man ihm erzählte. Ich war mir sicher, dass es jemand vom Theater sein musste, aber aus Max war nichts herauszubekommen. Das ging mehrere Wochen so. Ich begann, mich über seine Geheimniskrämerei zu ärgern, schließlich waren wir Freunde, und ich fand sein Verhalten ziemlich albern.
Als ich es erfuhr, war es schon zu spät.
Ich war um vier Uhr morgens von einer Party wiedergekommen, und um zehn klingelte das Telefon. Meine Mutter weckte mich, sie sagte: "Es ist für dich."
Es war Max, seine Stimme hörte sich sonderbar an. Ich fragte, was los sei, und Max begann zu heulen. Eine Stunde später saß ich in seiner Küche, durch die Jalousien fiel kaum Licht, ich dachte an Anna.
Er weinte leise vor sich hin, hatte kaum ein Wort gesagt, seit ich da war, und ich versuchte, ihn zu trösten.
Ich sagte: "Du kannst mir wenigstens verraten, wie sie heißt."
Max schaute mich an, er sagte: "Es ist ein Mann, David, ein Mann, keine Frau."
Mehr sagte er nicht.
Ich fühlte mich überrumpelt, wagte nicht weiterzufragen, nach einem Namen oder sonst etwas, ich war völlig verwirrt. Mir war viel durch den Kopf gegangen, aber darauf wäre ich nicht gekommen. Ich sagte: "Max, du meinst, du ...", und dann brach ich wieder ab.

Draußen schien die Sonne, als wäre nichts geschehen. Mir war das unbegreiflich. Als ich nach Hause kam war niemand da, ich lief durch alle Stockwerke, in meinem Kopf war ein großes Durcheinander. Ich murmelte Max Namen vor mich hin, "Max, Max", schüttelte dabei den Kopf und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich setzte mich auf die Terrasse, rauchte eine Tüte um mich zu beruhigen, aber es half kein bisschen. Ich schnappte mir schließlich mein Skateboard und ging zur Rampe. Ich versuchte mir den Mann vorzustellen, in den sich Max verliebt hatte. Ich überlegte, ob er mir ähnlich sah, und dann stürzte ich. Ich kam ins Krankenhaus, mein Bein war gebrochen. Ich durfte zwei Wochen lang nicht auftreten.
Tagsüber betrachtete ich mein eingegipstes Bein und dachte an Max. Ich stellte mir tausend Fragen über unsere Freundschaft, und es gab niemand, der sie mir beantwortete. Nachts konnte ich wegen der gleichen Fragen nicht schlafen, ließ mir Tabletten geben und fiel in traumlosen Schlaf. Ich zögerte, überlegte lange hin und her und nach vier Tagen rief ich Max schließlich an. Ich war froh, dass sich nur sein Anrufbeantworter meldete, erzählte, was geschehen war und legte wieder auf. Am nächsten Tag stand Max vor der Tür.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war Nachmittag, das Fenster war gekippt, und draußen hörte man ein paar Vögel und Autos. Es war nicht warm, doch der Himmel war blau und die Birken an der Straße warfen Schatten.
Max schaute hinaus, er sagte: "Bald ist Sommer", mehr zu sich selber, als zu mir.
Ich dachte, das fängt ja gut an. Andererseits war ich froh, dass er überhaupt etwas sagte. Ich hatte noch kein einziges Wort herausgebracht, ich starrte ihn einfach nur an.
Max drehte sich zu mir um, er fragte: "Wie geht es dir?"
Schon besser, dachte ich, und sagte: "Beschissen. Das siehst du doch."
Max grinste, er sagte: "Mir geht es genauso", und dann begannen wir beide zu lachen.
Die restliche Zeit im Krankenhaus verging schnell. Max besuchte mich fast jeden Tag, das Essen war erträglich, meine Knochen wuchsen gut zusammen, und ich kam früher als erwartet nach Hause. Es dauerte nicht lange und ich lief auf Krücken schneller als Max ohne. Ich stellte ihm all die Fragen, die mir durch den Kopf gegangen waren, und Max beantwortete jede einzelne von ihnen. Mit einer Frage zögerte ich. Ich war mir unsicher, ob ich sie stellen sollte oder nicht, aber sie war hartnäckig, verlangte nach einer Antwort und ging mir nicht aus dem Kopf. Schließlich fragte ich ihn.
Max war nicht überrascht, es schien, als habe er mit dieser Frage gerechnet, so als ob er gewusst hätte, dass ich sie ihm stellen würde, irgendwann. Als er antwortete, hatte ich das Gefühl, dass die Sätze schon seit langer Zeit in seinem Kopf waren und nur darauf gewartet hatten, ausgesprochen zu werden.
Max sagte: "Du bist mir sofort aufgefallen, damals, in der ersten Lateinstunde. Ich habe dich angesprochen, weil ich dich kennen lernen wollte. Und wenn du nicht gleich von Anna erzählt hättest, wäre es wohl um mich geschehen gewesen."
Max schaute mich an, die ganze Zeit, während er sprach, und mir fiel das erste Mal auf, dass er blaue Augen hatte. Wie Anna.

Der Sommer, von dem Max gesprochen hatte, war da. Morgens um zehn wurden schon fünfundzwanzig Grad gemessen, im Radio lief plötzlich Reggae, überall fanden Straßenfeste statt, und es war der wärmste Juli seit Jahren.
Wir saßen oft am Fluss anstatt in die Uni zu gehen, ließen die Füße ins Wasser baumeln, und Max verbrannte sich die Schultern, weil er den Geruch von Sonnencreme hasste.
Am Wochenende gingen wir auf Gartenpartys, zwischen unseren Füßen blühten Blumen, wir tranken Wein aus Flaschen, und alles erschien so einfach. Ich hatte das Gefühl, egal, was ich mir vornahm, es würde gelingen. Alles war möglich in diesem Sommer.
An einem Samstagabend saß ich mit Max unten am Fluss. Wir waren auf einer Party gewesen, die uns nicht gefallen hatte und waren wieder gegangen. Zwischen uns stand eine Kerze, die Max von der Party mitgenommen hatte, es war spät, und es war sehr still.
Wir sammelten ein paar Steine und ließen sie abwechselnd über die Wasseroberfläche springen. Ich versuchte, das andere Ufer auszumachen und überlegte, ob ich es bis dahin schaffen würde.
Max sagte: "Es ist schön, mit dir Zeit zu verbringen."
Ich betrachtete sein Profil von der Seite, er hatte kurzgeschnittene, blonde Haare, nur das Deckhaar fiel ihm ein wenig in die Stirn. Mir kam ein unmöglicher Gedanke, und ich dachte, nein, David, vergiss das, und in dem Moment drehte sich Max zu mir um. Er blickte mir lange in die Augen, und dann griff er nach meiner Hand. Ich zog sie nicht zurück. Ich wusste, jetzt konnte alles geschehen.
Max sagte irgendetwas. Ich hörte nur seine Stimme, verstand aber nicht, was er sprach, und schließlich ließ er meine Hand wieder los. Mein Puls schlug in den Ohren, mir war schwindlig, obwohl ich saß, in der Nacht lag plötzlich ein hoher Ton, so wie in manchen Filmen, wenn etwas passiert.
Ich bog meinen Arm nach hinten um einen Kiesel über das Wasser zu werfen und ließ ihn wieder sinken. Dann ging die Kerze aus, wir saßen im Dunkeln.

Es war nichts passiert, nichts Greifbares, trotzdem hatte sich etwas verändert, ich wusste nur nicht was. Ich sah Max jeden Tag, so wie vorher auch. Die folgenden Wochen waren wie die vorangegangenen, mit einem kleinen Unterschied, den ich nicht benennen konnte. Es gab niemanden mit dem ich darüber sprach, ich hätte auch gar nicht gewusst, über was ich hätte reden sollen.
Die Hitze blieb. Ich ließ nachts das Fenster offen, schlief ohne Decke und zählte die Sterne am Himmel. Ich erwischte mich, wie ich mir morgens den Nacken streichelte und mir im Spiegel Küsse zuwarf. Ich kam mir vor wie vierzehn, ich war hilflos und glücklich und verzweifelt zugleich. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Mir blieb nichts anderes übrig, als es geschehen zu lassen.
Ende August packte ich meinen Rucksack, das Zelt, Schlafsack und Isomatte zusammen und fuhr nach Südfrankreich.
Ich blieb einige Tage in Poitiers, wo meine Cousine studierte, übernachtete bei ihr und zog dann weiter Richtung Montpellier. Etwas außerhalb fand ich einen Campingplatz direkt am Strand. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Wasser war blau und klar.
Meinen Geburtstag verbrachte ich alleine, aß eine Dose Thunfisch und Weißbrot und blickte auf das Meer hinaus. Es gab niemanden, der mir gratulierte. Es war fast so, als würde ich mir meinen Geburtstag nur einbilden. Ich dachte an Max, so wie man sich an das Glück erinnert. Er fehlte mir.

Die Tage fielen wie Herbstlaub von den Wochen herab, zwei Jahreszeiten gaben sich einen langen Augenblick die Hand, und ich fuhr nach Deutschland zurück.
Die Stadt war unter einem regennassen Schleier versunken.
Ich saß im Café und wartete auf Max. Wir waren um halb sechs verabredet, und ich war eine halbe Stunde zu früh, draußen brannten die Straßenlaternen, ich blätterte in einer Zeitschrift und schaute immer wieder zur Tür.
Kurz nach halb ging sie auf, und Max kam herein.
Er zog seine Jacke aus, strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht und setzte sich zu mir an den Tisch. Wir hatten uns über einen Monat nicht gesehen.
Max hatte einen Freund. Er erzählte mir von Philipp, seinen roten Lippen, die voller wurden, wenn man sie küsste und seinem unwiderstehlichen Lächeln. Er sprach von den kleinen Streitereien zwischen ihnen und erzählte mir fünfmal wie und über wen sie sich kennen gelernt hatten. Ich hörte zu. Seine Stimme hatte den Klang einer fernen Melodie. Ich blickte Max traurig an, und er fragte, ob ich wieder eine Freundin habe, und ich sagte: "Nein, zur Zeit nicht."

 
 


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