Kurztext
Der Roman hat alles, was ein Bestseller braucht: Liebe, Spannung, Intrige, Sex, Tod und einen mysteriösen Helden, dessen Spur der Leser nur allzu gern folgt. Und dabei scheint die Handlung so harmlos: Zwei Männer, Manuel und Jorge, haben nach langen Jahren den toten Punkt ihrer Beziehung erreicht; Jorge fährt auf der Suche nach dem klaren Kopf in Berge, und so beginnt eine Reise, die sich schnell zur Achterbahnfahrt entwickelt.
Man spürt der Atmosphäre von Traum und Wirklichkeit, Albtraum und Erwachen noch lange staunend nach und reibt sich darob verwundert die Augen. (Hinnerk)
Wahrheit ist zutiefst relativ und subjektiv, wenn es um Liebe und Gefühle geht, so das unausgesprochene Credo. (Männer)
Langtext: Tango in Bariloche
Jorge ist Literaturredakteur mit schönem Freund, schöner Wohnung und ausgeprägtem Ego. Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, hätte er Erdölingenieur werden sollen, aber diesen Plan konnte er unterlaufen. Also alles im Griff? Als er merkt, dass wieder ein anderer über ihn zu bestimmen versucht, gerät er in Panik, und seine kultivierte Existenz zerbricht.
Seit 17 Jahren lebt Jorge mit Manuel zusammen, den er während des Studiums kennen lernte und der ihm half, den Vater über den Wechsel des Studienfachs zu täuschen. Für Manuel war der Beruf des Erdölingenieurs ein Traum, doch der zerplatzt sehr schnell, als er erste Gehversuche in der Männerwelt der Ölindustrie unternimmt. Damit gerät auch die Beziehung der beiden aus den Fugen, und Jorge fährt für eine Woche nach Bariloche am Fuß der Anden, um über die Zukunft nachzudenken. Schon auf der Zugfahrt merkt er, dass ihm ein Mann folgt, und damit beginnt ihm die Kontrolle über sein Verhalten und seine Empfindungen zu entgleiten. Der "Tango" beginnt.
"Manuels Plan" ist eine Geschichte über beschädigte Identitäten und das Chaos jenseits der vertrauten Normalität. Am Ende steht Jorge vor einem Scherbenhaufen: zwei Männer sind tot, er selbst ist der Hauptverdächtige und wird in der Psychiatrie eingeschlossen.
Dort schreibt er den Bericht der zurückliegenden Ereignisse.
Literarisch ist Liskow ein Naturtalent. Sein leichter, geistreicher Stil bietet dem Leser immer wieder schöne Überraschungen, und das ohne jede Dandy-Attitüde oder Bildungshuberei.
Gerrit Liskow wurde 1967 in Hannover geboren. Nach einem Studium in Berlin lebt er seit 1996 in Hamburg, wo er in der Werbebranche arbeitet. Die Anfänge seiner literarischen Produktion verlieren sich im Dunkel der Kindheit, hervorzuheben sind zwei Musicals, "Das Haus im Moor" und "Suhlde 2000", die in Hannover aufgeführt wurden. "Manuels Plan" ist sein erster Roman. |
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Unterhaltsam und spannend, gut erzählt und durchaus aktuell.
Box
Pressestimmen zur Originalausgabe
Die atmosphärische Dichte und die geographische wie gesellschaftliche Detailliertheit des Romanerstlings von Gerrit Liskow überraschen und erfreuen ... So mag man also dem Autor ein Geschick für die Dechiffrierung schwuler Psyche ebenso bescheinigen wie für deren literarische Umsetzung. Sein Buch, in dem der Alltag im krisengeschüttelten Argentinien plastisch aufscheint, mag man als Weiterführung lesen von Colin Toibins großartigem Roman "Die Geschichte der Nacht."
Rolf G. Klaiber in Sergej München und GAB
... ein eindrucksvolles Gewölbe aus Eifersucht, gescheiterter Existenz und identitätsstiftender Schizophrenie. Wahrheit ist zutiefst relativ und subjektiv, wenn es um Liebe und Gefühle geht, so das unausgesprochene Credo. Ein stilistisch geistreicher wie leicht zu lesender Roman, der gleichermaßen fesselt wie Angst macht, weil er die Grenze zwischen Normalität und Chaos als Illusion entlarvt.
Männer aktuell
Schließlich ist "Manuels Plan" auch eine originell überspitzte Umsetzung der Treuefrage in Partnerschaften und ihrer möglichen Folgen, ein Roman um die Diskrepanz zwischen sexueller Treue und offener Beziehung ...
Siegfried Straßner in NSP
Spannend zu lesendes Beziehungs- und Erzählgeflecht.
Adam Plus 9/2004
Manuel
Ich hatte ihn schon ein paar Mal an der Uni gesehen, in der Mensa und am Institut. Er stach ein bisschen heraus, mit seinem T-Shirt vom Hockeyclub San Miguel. Er studierte Erdölingenieur, so wie ich, und hieß Manuel. Er war drei Trimester weiter als ich und machte die Einführung ins Rechnen für Ingenieure. Das war die einzige Veranstaltung, die ich regelmäßig besuchte, und das lag nicht an den Inhalten, sondern an ihm. Er schien sich jedoch überhaupt nicht für mich zu interessieren, jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass er nichts von mir wollte. Ich hatte mein Studium gerade erst angefangen und das mit dem Erdölingenieur war nicht meine Idee gewesen. Ich ging so gut wie nie hin, weil ich die meisten Veranstaltungen sterbenslangweilig fand. Abgesehen vom Rechnen für Ingenieure, aber das hatte wie gesagt andere Gründe. Meinen Studienplan stellte ich mir bei den Literaturwissenschaftlern zusammen und hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen deswegen.
Ich war der erste Akademiker in der Familie. Meine Schwester Maria Rosa hatte zwar einen Zahnarzt geheiratet, aber der zählte nicht, weil er nur angeheiratet war. Zumindest sah mein Vater das so und der war nun mal in derlei Angelegenheiten der wichtigste Bestimmer bei uns. Erdölingenieur, das war sein Traum vom irdischen Paradies; da konnte man mit einer amerikanischen Firma nach Comodoro Rivadavia gehen und Öl abbauen oder besser noch nach Venezuela. Dann war man ein gemachter Mann, dann wurde man steinreich. Mein Vater war Immigrant in der zweiten Generation und dachte sich das so. Sein Vater, mein Opa, war mit dem Schiff nach Argentinien gekommen. Er sagte atorrarse statt schlafen gehen. Mein Opa wusste sogar, warum das so hieß. Weil die Firma, die die Kanalisation in der Bundeshauptstadt gebaut hat, Torres hieß, und die Arbeiter sich in den Rohren schlafen legten, auf der Baustelle. Es gab zwar noch andere Erklärungen, warum es atorrarse heißt und nicht schlafen gehen, aber die waren Quatsch, fand mein Opa. Als wären alle Verdienste meiner Familie umsonst gewesen, wenn ich kein Erdölingenieur würde, ließ ich mich einschreiben.
Ich war überrascht, als ich Manuel eines Tages im Parque General San Martín sah. Er saß auf einer Bank am Eingang des Parks, gleich hinter dem verschnörkelten schmiedeeisernen Tor und der Leuchtreklame mit dem Wappen unserer Republik, und rauchte eine Zigarette. Es war später Nachmittag, die Sonne neigte sich den Kordilleren zu. Ich kam aus der Stadt und lief auf ihn zu, nicht weil ich ihn gesehen hätte, sondern weil mich der Hauptweg durch den Park zu ihm führte, präzise und von selber. Manuel guckte mich von der Seite an und hielt seine Hand an die Schläfe, vielleicht, weil die Sonne ihn blendete, vielleicht aber auch, weil er mich mit dieser Geste auf sich aufmerksam machen wollte. Mir zumindest schien es so zu sein. Er grinste von ziemlich weit unten zu mir rüber; die Bänke im Parque General San Martín waren auf eine geradezu absurde Art und Weise tief angebracht. So tief, dass man einem Dackel in die Nase gucken konnte, wenn man sich gesetzt hatte. Als ich vor ihm stand, blieb ich stehen, instinktiv. Er sah aus, als ob er etwas sagen wollte. Es wäre einfach unhöflich von mir gewesen, weiterzugehen. Aber er sagte nichts, sondern guckte mich einfach nur an, neugierig und ein wenig herausfordernd, und hielt die Hand an die Schläfe. Zeit verging, die Schatten wurden ein Stückchen länger. Er grinste zu mir hoch; ich stand noch immer da und fragte mich, was los war. Wollte er mich verarschen? Was geschah, was würde gleich geschehen, fragte ich mich. Unmöglich konnte ich ihn bitten mir irgendeine blöde Formel aus der Vektorenrechnung noch mal zu erklären, denn genau das hätte er getan und gedacht, mein Interesse an ihm wäre rein fachlicher Natur.
Weil mir nichts Besseres einfiel, fragte ich ihn, ob ich mich setzen dürfe. Er meinte: klar doch, grinste, rutschte etwas zur Seite und bot mir eine Zigarette an. Ich setzte mich und nahm seine Zigarette, obwohl ich das Rauchen verabscheute und auch nicht besonders gut vertrug, aber ich war froh etwas zu tun zu haben, noch dazu etwas, das mich ablenkte. Er hatte eine von den kleinen Zigarettenschachteln, mit zehn Stück drin, weil er nicht genug Geld für die große Packung hatte. Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich nun neben ihm auf einer Bank im Parque General San Martín saß, obwohl er mich im Tutorium meist ignorierte. Nachdem er mir Feuer gegeben hatte, wurde er redselig und erzählte von seinem Leben hier und in der Hauptstadt. Er wohne bei einer Familie, die ein möbliertes Zimmer an Studenten vermiete, im Moment habe er die Insektenplage, weil er ein Stück Brot unter seinem Bett vergessen hätte. Wenn man das Licht anschalte, raschele es und die Kakerlaken verschwänden im Wandschrank, sagte er und lachte. Es störe ihn auch nicht, dass seine Vermieter ihn abzockten. Obwohl er sich keine großen Zigarettenpäckchen leisten könne, sondern nur kleine, ginge er der Auseinandersetzung mit ihnen aus dem Weg. Porteño, der er war, sah er jeden, der jenseits des Riachuelo wohnte, als einen Provinzler an; mit so einem verbot sich die Auseinandersetzung, das wertete so einen nur auf. Ich fand seine Ansichten schräg, aber lustig und er nahm sich selber nicht ganz ernst, wenn er das sagte, zum Glück.
Sein Opa hatte als Vorsitzender am Kassationsgericht gearbeitet und bekam in den Siebzigern eine Handgranate in den Garten geschmissen, als sie eines Sonntags bei ihm waren und das asado machten. Die Handgranate riss die Erde auf und drückte das Fenster vom Esszimmer ein. Weil die Soldaten nun sicher sein konnten, dass Manuels Opa sie hörte, riefen sie, dass sie beim nächsten Mal mit einer Bazooka kämen, wenn der Opa weiterhin solchen Scheiß baue. Natürlich konnte Manuels Oma nur die Scherben im Esszimmer auffegen und neuen Rasen einsäen und am Montag eine neue Fensterscheibe bestellen. Manuels Vater war schon damals irgendein hohes Tier bei Sandoz und es war durchaus hilfreich, dass sein Chef mit dem Innenminister dicke war. Von den Camareris ist keiner verschwunden, keiner wurde von der Polizei entführt und zu einem Helikopterflug über den Río de la Plata eingeladen, einfache Fahrt, versteht sich, anders als die Leute aus meiner Nachbarschaft. Manuels Familie wohnte in einem Haus in San Miguel, mit Kamin. Sie hatten einen weißen Renault 16 und einen Swimmingpool im Garten. Genug Geld für eine Efeu-Uni in den Vereinigten Staaten war trotzdem nicht da, denn die Camareris hatten ihr Geld nicht im Ausland, und ihre fünf Kinder wollten alle studieren. Bei den Wahlen nach Videla hatten Manuels Eltern den Ortsverband der Radicales übernommen, gegen die Peronisten. Nebenbei streute er ein, dass sie immer ab Campo de Mayo mit der S-Bahn in die Stadt gefahren seien, wenn sie ins Kino wollten. Wahrscheinlich, damit ich ihn nicht für eingebildet hielt. "Ihr hättet allerdings auch nicht alle in euren weißen Renault 16 gepasst" war alles, was mir dazu einfiel. Wir blieben so lange im Parque General San Martín auf der Bank sitzen, bis es dunkel wurde und empfindlich kühl.
Ich erzählte ihm von meinem Vater, dem Fernsehtechniker mit seinem Laden in der Avenida Nazca, von meiner Schwester Maria Rosa, die mit einem Zahnarzt verheiratet war, den sie auf der Hochzeit einer Schulfreundin in der Boca kennen gelernt hatte und mit dem sie in Pilar wohnte, auch wenn seine Praxis in der Calle Florida war. Eine Praxis, die im Übrigen nicht lief, wie sich nach der Hochzeit herausstellte. Maria Rosa, nicht dumm, hatte sich ausbedungen den Führerschein zu machen und ein Auto zu bekommen, bevor sie mit Raúl nach Pilar zog. Ging auch alles klar; Raúl bezahlte ihr das Auto und den Führerschein und ein halbes Jahr lang fühlte sich Maria Rosa wie der glücklichste Mensch auf Erden: in Pilar, in ihrem Haus, in dem man sich vor lauter Porzellan und Vasen kaum bewegen konnte, mit ihrem Auto, einem japanischen Kleinwagen, mit dem sie in einer halben Stunde bei meinen Eltern in der Avenida Nazca sein konnte, und mit Raúl, obwohl ich den für einen ausgemachten Kotzbrocken hielt. Vielleicht war ich aber auch nur eifersüchtig auf das Glück, das meine kleine Schwester hatte, aber das wurde ohnehin bald fadenscheinig. Eines Tages kam Maria Rosa nicht mehr in die Stadt. Erst hieß es, das Auto sei zur Reparatur. Dann hieß es, die Ersatzteile kämen nicht. Am Ende fuhr Maria Rosa mit dem Bus zu meinen Eltern, mit dem vondi. Jetzt war eigentlich alles klar, aber nur um sicherzugehen, fragte meine Mutter noch mal nach. Stellte sich heraus, Raúl hatte ihren Nissan verkauft, weil die Praxis nicht lief, und Maria Rosa musste wieder mit dem Bus in die Stadt fahren, um zu sparen, scheiß auf die Absprache.
Ich mochte meine kleine Schwester. Maria Rosa war damals noch ein bisschen einfach im Kopf, aber sie hatte ein großes Herz. Später ging sie zu dieser Jungianerin und machte Kurse über die mujer salvaje, die Wildfrau, das Urweib oder wie das bei Jung hieß. Maria Rosa verdiente es nicht, von Leuten verarscht zu werden, vor allem nicht von solchen Typen wie Raúl. Schon gar nicht, weil sie mit ihm verheiratet war. Maria Rosa war eine geborene Schönheit. Wenn ich sie früher zum Einkaufen mitnehmen musste, in die Calle Florida, wurde sie ständig von Typen angequatscht. Das hat mich genervt, besonders wenn ich die Typen gut fand. Trotzdem war sie nicht eingebildet und kam mit allen Leuten super klar. Manchmal hatte ich mir gewünscht, selber ein bisschen mehr so zu sein wie meine kleine Schwester, die einfach sie selber sein konnte ohne lange darüber nachdenken zu müssen, wer das überhaupt war, sie selber. Wenn ich mit ihr einkaufen musste, habe ich ihr immer die Sachen ausgesucht, die ich selber gerne angezogen hätte, pinke Pullover mit Miezekatzen drauf, Schottenröcke mit Sprungfalten, Haarclips in Form eines Kirschenpaares. An Maria Rosa verwirklichte ich ein Bedürfnis nach Schönheit, dessen Umsetzung mir idiotische Geschlechterstereotype verwehrten. Ich konnte mich selber nicht ebenso hübsch anziehen, wie sie sich anzog. Klamotten für Jungen waren sterbenslangweilig; Jeans, Hemd, Pulli, in Blau, Braun, Grau. Grün war bereits ein Wagnis in den Achtzigern. Hinzu kam, dass ich ein Pummelchen war, eine unselige Veranlagung, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Meine Mutter stopfte mich mit empanadas und burritos voll und beschwerte sich bei meiner Oma, wenn ich nicht genug aß, zumal ich noch im Aufbau sei. Was dazu führte, dass ich bereits mit zehn Jahren fünfzig Kilo Lebendgewicht auf die Waage brachte und abrupt in den Hungerstreik trat, als ich eines Tages meinen Pipimann nicht mehr sehen konnte. Wenn das so war, lief irgendwas falsch bei uns zu Hause, fand ich; wollte meine Mutter mich kastrieren, indem sie mich mästete? Endgültig wurde ich meinen Babyspeck erst los, als ich nach dem Unterricht an jedem zweiten Tag zehn, später zwanzig Runden um den Sportplatz lief.
Als die Sonne hinter dem Aconcagua untergegangen war, wurde es ziemlich schnell kalt auf der Parkbank. Manuel fragte, ob ich am Abend noch etwas vorhabe. Ich sagte, nein, ich müsse zwar noch etwas lernen, aber das könne ich eigentlich auch morgen machen. Was gelogen war, denn ich lernte nie, schon gar nicht abends. Ich mochte mein Studium nicht besonders, von Anfang an war das so. Ich hätte viel lieber Literatur studiert. Damit ließe sich aber gar nichts anfangen, sagte mein Vater, der bei uns zu Hause der wichtigste Bestimmer war. Ich konnte mich damals nicht durchsetzen und mir fehlte der Mut für einen offenen Bruch mit ihm und meiner Mutter. Außerdem gab es Literatur in der Hauptstadt, im Gegensatz zum Erdölingenieur, für den ich nach Mendoza ziehen musste. Mein Vater war unwahrscheinlich froh, als er mich endlich jenseits der Stadtgrenze wusste. Er fand, ich sei ein Muttersöhnchen, das endlich lernen müsse sich im Leben zu behaupten, wie er das nannte. Damit hätte ich am besten zu Hause angefangen und Literatur studiert, in der Bundeshauptstadt. Manuel schlug vor, auf den kleinen Hügel hinter dem Sportgelände zu steigen, damit wir uns Mendoza von oben anschauen konnten. Gut, meinte ich, ich sei noch nie bei Nacht auf einen Hügel gestiegen und Mendoza von oben sei vielleicht die Mühe wert.
Wir gingen zu Manuel, damit er sich seine warme Jacke holen konnte, und bei dieser Gelegenheit überzeugte ich mich davon, dass er mit seinem unter dem Bett vergessenen Brot tatsächlich die Kakerlaken angelockt hatte. Ich fand es ziemlich eklig, dass Manuel sich sein Zimmer mit Insekten teilte, die sich in seinem Wandschrank vermehrten und für ihn das Frühstück beendeten. Aber es war Manuel wirklich zutiefst egal; es waren nicht immer so viele und sie hatten vermutlich mehr Angst vor ihm als er vor ihnen. Dann gingen wir zu meinem Zimmer im Studentenwohnheim, weil ich einen dickeren Pulli mitnehmen wollte. Unterwegs aßen wir auf der Straße empanadas und kauften im Supermarkt eine Flasche Fanta. In der Calle Mitre fuhr der Bus. Natürlich setzte uns der nicht auf dem Hügel, sondern unten am Straßenrand ab und wir mussten auf der Sandpiste nach oben laufen. Wir redeten erst im Porteño und dann im Lunfardo, dem Jargon der Einwanderer, Bettler und Stadtstreicher; es war ziemlich albern.
Als wir oben ankamen, waren wir heiser vom Staub und vom vielen Lachen. Ich hatte das Gefühl, als wäre Manuel der Bruder, den ich gerne gehabt hätte. Vielleicht könnte ich bei ihm endlich mal Maria Rosa sein und er wäre dann mein Jorge. Ich fühlte unsere Nähe beinah physisch, körperlich, als seien wir dabei, an einer verdeckten Stelle miteinander zu verwachsen. Meine Schuhe waren voll rotem Sand, und als wir oben ankamen, zog ich sie aus, um sie zu leeren. An meiner Hose hingen Kletten und abgerissene Dornen. Auf dem Hügel war nur ein Parkplatz mit ein paar Autos drauf, in denen Pärchen saßen und fummelten. Allerhöchstens bekam einer einen geblasen, provinziell eben. Wir setzten uns auf die Brüstung der Feldsteinmauer und schauten hinunter. Da unten war Mendoza. Die Lichter funkelten und glitzerten, aber wir fanden beide, das wäre überhaupt kein Ersatz für Buenos Aires. Unnütze Landschaft, sagte Manuel. Wir sprachen über das Lied von Elis Regina, das wir beide kannten, und uns packte die Schwermut. Wir hatten großes Heimweh nach zu Hause; ich sowieso und Manuel war es anzumerken, wenn er seufzte, sowie ich bestimmte Straßennamen in Buenos Aires erwähnte. Wir kamen uns vor wie antike Griechen im Exil, einfach tragisch eben.
Manuel machte die Fanta auf und bot sie mir an. Ich sagte zu ihm, das sei hier wohl lovers' lane. Er kicherte schelmisch und ein wenig unsicher. Er sagte, er habe ja keine Ahnung gehabt von dem, was hier abgehe, und klang ein bisschen tantenhaft. Ich sagte, wir könnten vielleicht auch ein bisschen fummeln, nur um uns an unsere Umgebung anzupassen. Manuel lachte und fragte, ob ich wisse, wovon ich rede. Nein, log ich, sah ihn ernst und ausdauernd an und hoffte, dass das Wort Lüge in brennenden Buchstaben auf meiner Stirn geschrieben stünde. Er wisse schon, was er meinte, und er sah ernst und ausdauernd zurück. Dann kicherte er, trank die Fanta und meinte, ich würde ihn angucken wie eine Kuh das Bolzenschussgerät, er habe doch nur Spaß gemacht. Er kniff mich in die Seite und meinte, als Liebhaber sei ich ihm außerdem zu pummelig. Ich verschluckte mich an der Fanta und kleckerte mir den Pulli voll. Natürlich war ich überhaupt nicht zu dick und Manuel wusste das genau. Es erschreckte mich vielmehr, dass er überhaupt in Erwägung zog, ich könnte sein Liebhaber sein, und sei es auch nur zum Scherz. Ich lachte, ließ mich von Manuel auskitzeln und bemerkte, dass ich einen Ständer bekam. Insgeheim wünschte ich mir, er hätte keinen Spaß gemacht und wüsste wirklich, was es mit dem Schwulsein auf sich hatte.
Wusste er auch, aber das stellte sich erst sehr viel später heraus. Er hatte mich angelogen, mich schon vor unserer ersten Nacht betrogen, aber darum ging es damals noch nicht. Schließlich hatte ich es genauso gemacht; weniger aus Scham, sondern weil ich fand, dass das Adjektiv schwul einen ganzen Menschen zur Plattitüde stempeln konnte. Als wir lange genug auf Mendoza geguckt hatten, stiegen wir den Hügel wieder runter, auf dem direkten Weg durch die Büsche. Wir kamen hinter dem Sportgelände an der Uni raus, mussten nur um das Stadion gehen und standen vor dem Studentenwohnheim. Es war Zeit, sich zu verabschieden, aber wir waren mitten im Gespräch über Literatur, die südamerikanische und die argentinische. Stellte sich nämlich heraus, dass Manuel vernarrt war in Jorge Luís Borges, den ich schon immer ziemlich zerebral fand, aber Manuel machte eben auch die Einführung in das Rechnen für Ingenieure. Diese Fixierung auf Borges konnte ich unmöglich so stehen lassen. Ich fand "El Túnel" damals das Beste, das je geschrieben worden war. Das wiederum fand Manuel geradezu lächerlich und er schien umso mehr vom missionarischen Eifer gepackt. Er wollte mich zu Borges bekehren. Also meinte ich: klar, er könne mit zu mir kommen, wenn er wollte, aber an meinem Literaturgeschmack würde das ganz sicher nichts ändern. Er kam mit und ich schrieb Jahre später meine Doktorarbeit über Borges.
Das Einzige, das wir in unserer ersten gemeinsamen Nacht verschütteten, war eine klebrige süße Brause, die gar nicht nach Orange schmeckte, obwohl das auf dem Etikett stand. Es war halb drei, bis wir sie alle durchgehechelt hatten, García Márquez, Ernesto Sábato, Alejo Carpentier, Adolfo Bioy Casares, Isabel Allende, Carlos Castaneda, und uns darüber geeinigt hatten, was ihre persönlichen Macken waren, was in ihrer Kindheit und Jugend schief gelaufen war und welche Konflikte sie in ihrem Werk und in ihrem Leben verarbeiten mussten. Das Psychologisieren war in Argentinien ein beliebter Volkssport, so wie in anderen Ländern das erwiesenermaßen dumm machende positive Denken. In keinem Land der Welt kamen mehr Psychologen auf einen Kopf als bei uns; wir erlaubten uns wirklich einen hemmungslosen Problemnarzissmus. Vielleicht, weil wir uns in unserer Verletzlichkeit so angenehm menschlich fühlten. Andererseits hatte es bestimmt auch etwas mit dem Katholizismus zu tun, dieses Bedürfnis, sich auszusprechen. Entweder war die Beichte nicht streng oder nicht wissenschaftlich genug oder es lag ganz einfach daran, dass sie kein Geld kostete. Den Psychologinnen und Psychologen jedenfalls wurden die Häuser eingerannt, doch ich schweife ab.
Es fuhr kein Bus mehr und ich wollte nicht, dass Manuel zu Fuß nach Hause ging. Vor allem wollte ich nicht, dass er überhaupt nach Hause ging. Die verdeckte Stelle, an der wir zusammenzuwachsen schienen, ahnte die Trennung und schmerzte schon jetzt, ein Phantomschmerz. Ich wollte auch nicht, dass er auf diesem Kakerlakenhaufen schlief, bei Leuten, die ihn abzockten. Ich wollte, dass er bei mir schlief. Der Platz in meinem Zimmer war zwar nicht gerade üppig bemessen, aber es musste gehen. Ich gab ihm meine Isomatte, die ich sonst fürs Joga nahm, und meine zweite Wolldecke, für die kalten Nächte. Er legte die Isomatte auf den Bettvorleger und wir redeten noch eine Weile. Irgendwann sagten wir Gute Nacht und ich wusste genau, dass ich so nicht schlafen konnte. Nicht, wenn neben mir einer lag wie ein Hund bei seinem Herrn; das ging gar nicht. Also sagte ich Manuel, ich könne nicht schlafen, solange er da unten auf der Erde läge. Ich rutschte so weit zur Wand, wie es eben ging, und er quetschte sich neben mich. Er meinte, er hänge mit der halben Pobacke draußen und könne so nicht schlafen. Also legte ich meinen Arm um seine Hüfte und zog ihn näher ran. "So besser?", fragte ich. Er meinte Ja und schob seinen Arm unter meiner Schulter durch. Ich sagte, wenn wir immer abwechselnd atmeten, müsse es wohl gehen.
Manuel hielt das für einen kapitalen Scherz und lachte so doll, dass wir beide aus dem Bett plumpsten. Es machte ein träges Dong auf dem Betonfußboden, der ganz dünn mit PVC-Belag überzogen war. Alle Gebäude der Universität Mendoza waren komplett aus Beton. Der Beton hatte hier wirklich jede erdenkliche Gestalt angenommen; jede, die er unter den Händen sachkundiger Betongießer nur annehmen konnte. Die Universität von Mendoza sah so aus, als wäre sie komplett aus einem Guss entstanden. Eines Tages mussten die Betonmischer angerückt sein, so an die zwanzigtausend, um sich auf einem Areal von der Größe eines mittleren Stadtviertels zu entleeren. Der Beton wurde in die vorbereiteten Formen gegossen und fertig war die Uni. Alles mit Krediten des Internationalen Währungsfonds finanziert; langfristige Kredite, versteht sich, Kredite, die wir später abbezahlen mussten. Das Beste daran: Die Hochbaumafia überwies sich für jede Kreditmillion das Doppelte an Guthaben auf ihr Nummernkonto in der Schweiz, wundersame Geldvermehrung à l'Argentine nannte sich das, aber zurück zum Thema. Nachdem wir den lautstarken und ein wenig schmerzhaften Kontakt mit dem Beton gewordenen Auslandsguthaben der mendocinischen Hochbaumafia gemacht hatten, alles aus einem Guss, dieselbe Mischung wie im Hörsaal, krabbelten wir zurück ins Bett. Manuel versprach mir, nicht mehr über meine Witze zu lachen, dann schliefen wir ein.
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