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Neue Erkenntnisse über die Liebe oder
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Andreas Marber wurde in Süddeutschland geboren. Er arbeitete als Dramaturg und Autor unter anderen an den Bühnen von Stuttgart, Bochum und am Hamburger Schauspielhaus. Seine bekanntesten Stücke sind "Die Nazisirene", "Der Lockruf der Bahnhofsmission verhallt ungehört", "Die Lügen der Papageien" und "Rimbaud in Eisenhüttenstadt". Marber lebt in Hamburg und Berlin.
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Marber beschreibt jene Momente mit schöner Sprache und einfühlsamen Bildern, in denen verpasste Chancen nachgeholt und letzte Chancen eingefangen werden. Und das mit weit über 40 und manchmal auch mit Happy end - muss es aber nicht. So ist das Leben. Lesenswert!
Sven Deutschländer in Rainbow Stuttgart
Marber entwickelt glaubhafte Figuren und lässt diese so offen und ehrlich über ihre Gefühle berichten, dass die Erzählungen den Charakter von intimen Beichten bekommen. ... Marber formuliert mit klarer Sprache immer wieder treffende Sätze, die einen nachsinnen lassen über die Menschen, von denen er erzählt. ... Wer sich auf seine Erzählungen einlässt, dem bieten sie Stoff zum nachdenken, auch über sich selbst.
Florian Frei, Hinnerk 2/2002
Bei aller Komik ist in den Erzählungen ein ernster Unterton nicht zu überlesen. Die Männer in den Geschichten sind nicht mehr jung und unbeschwert, das macht ihre Erlebnisse existenziell. Es geht meist um versäumte oder gerade noch erwischte Gelegenheiten: Um letzte Chancen, die Unschuld zu verlieren - oder die Liebe zu leben.
Eva Pfister im Deutschlandfunk, 9. Dezember 2003
Der vollständige Text im Deutschlandfunk
Andreas Marbers Erzählband "Verlorne Unschuld" ist allein durch seine Protagonisten eine fein dosierte Spitze gegen den schwulen Jugendkult und sexuelles Schubladendenken. Seine Helden - oder besser: Antihelden - sind oft in die Jahre gekommen, sind Verheiratete, Väter und Priester, sind vom Leben Verbogene, Verklemmte oder sexuell Vertrocknete. Doch Marber macht seine Männer nicht nieder, sondern gibt ihnen fast liebevoll durch Zufallsereignisse die Möglichkeit, ihrem Leben plötzlich eine völlig andere Richtung zu geben. ... Wer die Erzählungen von Elke Heidenreich liebt, wird an Marbers Texten doppeltes Vergnügen haben.
Siegfried Straßner in Nürnberger Schwulenpost Dezember 2002
Was sich zwischen diesen beiden Buchdeckeln findet, sind fünf Geschichten voller Menschlich- und Boshaftigkeit, ein virtuoser Sprach-Spaß, den man genüsslich liest. Tschüss, ihr Studios und Markenklamotten, ich pflege jetzt meinen Geist und meine Marotten und erwarte Schießer statt Calvin Klein ungeduldig den wiederholten Verlust meiner Unschuld.
Rolf G. Klaiber in Sergej München, November 2002
Und immer siegt hier der reiz des Unerwarteten.
gay-web.de
Es sind Geschichten von kurzen Ausbrüchen bis dahin verdrängter Phantasien. Mit ihnen verlieren diese heterosexuellen Männer scheinbar ihre Unschuld. Andreas Marber lässt das ganze jedoch feinsinnig nie in äußeren Konflikten enden.
Männer aktuell 10/2002
... spannend, irritierend, ermutigend - auch weil hier beiläufig klar gestellt wird, dass Sex nicht nur eine Angelegenheit der Jungen und Schönen ist. Über diese bravourös erzählten unspektakulären Geschichten dürften nicht nur Heteros - oder solche, die sich dafür halten - staunen.
Helmut Rohmann in Gay&Gray-Radio, Köln
Verlorne Unschuld
Eins ist wahr: Es fällt mir schwer, meinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen, ich habe darin kaum Übung. Jede Form von Sentimentalität ist mir zuwider, und darum ist mir vieles von dem, was heute gesprochen wird, suspekt. Aber mir selbst fällt oft auch nichts Besseres ein.
Meine Frau leitet die Stadtbibliothek Tiergarten. Ich war nie einer von denen, die kurz vor Schluss reinkommen und noch dringend was ganz Besonderes brauchen. Ich bin niemand für auf den letzten Drücker. Und ich denke ganz allgemein nicht, dass es erstrebenswert ist, bei jeder Gelegenheit über den eige-nen Schatten zu springen. Viele in meinem Alter entwickeln diesen späten Ehrgeiz, über die Stränge zu schlagen; ich nicht. Der Gedanke, dass der größte Teil des Lebens vorüber ist, unwiederbringlich, dieser Gedanke hat mich nie beunruhigt. Es ergab sich also keineswegs zwangsläufig, dass ich vor kurzem mit einem Mann geschlafen habe.
Offensichtlich wirke ich auf viele Menschen zugeknöpft, schroff und abweisend. Wenig herzlich, so lautet noch eine der freundlicheren Beschreibungen meines Wesens; sie stammt von Martina, unserer jüngeren Tochter. Unerbittlich, hat mal jemand gesagt, nicht aus der Familie. Sogar Yvonne, meine Frau, findet, ich könnte mich manchmal verbindlicher geben. Auch wenn sie zugibt, dass ich mit der Zeit - wir sind fünfunddreißig Jahre verheiratet - umgänglicher geworden bin. Aber als Kumpel, heißt es, bin ich nach wie vor ein hoffnungsloser Fall. Niete.
So ergibt es sich, dass ich nur wenige, dafür aber sehr gute Freunde habe. Richard ist einer davon. Wir haben zusammen Abitur gemacht, 1956. Zu der Zeit war so gut wie alles verboten. Was heute erlaubt ist. Danach haben wir uns ein wenig aus den Augen verloren. Er studierte in Berlin, ich in Heidelberg. Aber nach dem frühen Tod meines Vaters zog es mich und Yvonne ebenfalls nach Berlin. Unsere beiden Töchter sind hier geboren.
Gut.
Ich habe vor ein paar Wochen mit einem Mann ... ich habe mit Richard geschlafen.
Über Gefühle zu sprechen fällt mir, glaube ich, so schwer, weil: mein Vater war sehr lange in russischer Kriegsgefangen-schaft. Bis 1957, niemand hatte gewusst, dass er überhaupt noch lebt, er war seit 1944 vermisst gemeldet. Mein Vater war als stattlicher junger Mann in den Krieg gezogen und ist aus der Gefangenschaft sehr krank und vor der Zeit gealtert zurückge-kehrt. Er hat nie über diese Zeit gesprochen. Er wurde nur zornig, als mein jüngerer Bruder zum Wehrdienst einberufen wurde. Reichts denen immer noch nicht, schimpfte er. Er hätte mir nie erlaubt, in Berlin zu studieren. Von uns geht keiner mehr an die Front, basta. Also studierte ich in Heidelberg.
Ich halte nichts davon, sein Inneres in die Welt hinauszuposaunen. Aber ich weiß natürlich seit langem, dass Richard ... homosexuell veranlagt ist. Das war noch in Heidelberg, er gratulierte mir aus Berlin telefonisch zum Geburtstag. Es war die Zeit, als ich mich gerade in Yvonne verliebt hatte, über beide Ohren - wir haben dann ja auch geheiratet -, und ich bin wohl im Überschwang meiner Gefühle ziemlich ins Schwärmen geraten. Richard hat sehr lange nichts gesagt. Wir waren uns ja immer einig gewesen in unserer Ableh-nung von Gefühlsduselei. Und hatten uns darüber erheitert, wie andere ihre Empfindungen zur Schau stellten. Und nun schwärmte ich in höchsten Tönen von Yvonne. Von dem Gefühl, verliebt zu sein. Schließlich fragte ich, ob ihm das noch nie passiert sei. Wir waren ja beide schon an die dreißig. Wie es denn um ihn stehe. In Herzensdingen, versuchte ich ironisch zu sein. Auf keinen Fall wollte ich plötzlich auf der Seite der verachteten Gefühlsdussel stehen, und wenn, dann nicht alleine.
Er erzählte mir, dass er am Abend zuvor mit einem Mann nach Hause gegangen sei und bei ihm die Nacht verbracht habe. In allen Einzelheiten: wo er ihn getroffen hatte ...
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