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Mario Fuhse (Hg.)

19 Empfindlichkeiten

Reaktionen auf Hubert Fichte

Kartoniert
248 Seiten,
eine beigelegte Audio-CD
19,90 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-90-2



Vorzugsausgabe
70 nummerierte Exemplare
mit einer Originalgrafik von Daniel Richter
EUR 220,00
ISBN 978-3-939542-93-3
(vergriffen)

Pressestimmen

Der Herausgeber

Leseprobe

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

75. Geburtstag am 21. März
Der Herodot aus Hamburg-Lokstedt

Hubert Fichte war eine Ausnahmeerscheinung der Nachkriegsliteratur: als Archäologe der europäischen Kulturgeschichte wie als Chronist der Subkulturen der 60er Jahre, als Weltreisender ebenso wie als Pop-Literat. 1986 ist Fichte im Alter von nur 51 Jahren gestorben.

19 Empfindlichkeiten ist eine Hommage an Hubert Fichte aus Anlass seines 75. Geburtstags. 19 Autoren und Künstler reagieren auf die vielfältigen Themen und Aspekte der Geschichte der Empfindlichkeit, sein letztes und anspruchsvollstes Projekt. Sie lassen erkennen, welchen Einfluss das Werk Fichtes auf die zeitgenössische Literatur und Kunst hatte und weiterhin hat.

Mit Beiträgen von: Bernd Cailloux, Peter O. Chotjewitz, Frank Göhre, Günter Grass, Joachim Helfer, Katharina Höcker, Wolli Köhler, Brigitte Kronauer, Thomas Meinecke, Clemens Meyer, Wolf Wondratschek u.a.. Der Maler Daniel Richter beteiligt sich mit einer Serie von Originalarbeiten. Außerdem liegt eine Audio-CD von Christoph Ogiermann bei.

Langtext:
"Who the fuck is hubert fichte?"




Kathrin Röggla zählt in ihrem Beitrag zu diesem Sammelband die vielen Facetten des Autors Hubert Fichte auf:



2:Who the fuck is hubert fichte?

1: jedenfalls nicht irgendwer. und niemals in der einzahl. denn es gibt den st.pauli-fichte, den waisenhausfichte, den starclub-fichte, den kinderschauspieler-fichte, den synkretismus-fichte -

2: ethno-fichte?

1: den synkretismus-fichte! den palettenfichte, den gesprächsfichte, den hans-henny-jahnn- und daniel-caspar-von-lohenstein-fichte, den reportage-fichte.

2: jetzt hör aber mal auf!



Grafik von Sascha Hommer,
Auszug aus dem Buch

Ein merkwürdiger Fall: so vielfältig seine Interessen waren, so vielfältig sind seine Einflüsse auf Künstler der verschiedensten Gattungen - aber wer kennt heute noch Hubert Fichte? Sein stolzer Versuch, sich den Mechanismen des Buchmarkts zu entziehen und die Einzelbände seiner großangelegten "Geschichte der Empfindlichkeit" nicht nach und nach zu veröffentlichen, sondern in der Schublade aufzubewahren, bis alle 19 Bände komplett sein würden - dieser Versuch hatte leider zur Folge, dass er bereits weitgehend vergessen war, als die Edition dieses durch seinen Tod unvollendet gebliebenen Mammutwerks endlich begann. Wer jedoch das Glück hat, einem der vielen Fichtes zufällig über den Weg zu laufen, gerät schnell in Gefahr, süchtig zu werden und sich in weitere Verästelungen seines Schreibens vorzuarbeiten.

Wie August von Platen, den er gegen die gönnerhafte Verachtung in Schutz nahm, die dessen Rezeption stets kennzeichnete, blieb Fichte Zeit seines Lebens in Bewegung, sowohl geistig als kulturgeschichtlicher Autodidakt als auch physisch als Weltreisender. Sein Versuch, dieser Beweglichkeit sprachlich und textlich Gestalt zu geben, ist ohne Zweifel spektakulär zu einer Zeit - den 60er, 70er Jahren -, in der formale Weiterentwicklungen der Romanform nicht mehr erwartet werden. Dennoch fand Fichte zu Lebzeiten größere Aufmerksamkeit vor allem durch die Wahl seiner Stoffe. Als nach seinem Tode die Umrisse seines Hauptwerks erkennbar wurden, riefen diese ungewöhnlichen Konzepte mehr Ablehnung als Begeisterung hervor - unvergessen ist Reich-Ranickis öffentliches Verdikt über "Hamburg Hauptbahnhof". "Dieses Buch hätte niemals gedruckt werden dürfen." Wenigen Autoren ist es gelungen, so vollmundige Reaktionen hervorzurufen.

Aus Anlass seines 75. Geburtstags möchten wir zeigen, wie lebendig dieser Autor im Werk heutiger Schriftsteller und Künstler geblieben ist. Damit verfolgen wir ganz unverhohlen den Hintergedanken, Neugier für Hubert Fichte selbst und sein Werk zu wecken, auch wenn die Beiträge dieses Bandes natürlich keine anderen Zwecke verfolgen als die ihrer eigenen literarischen und künstlerischen Gestaltung.

Im einzelnen sind vertreten:

Texte
Udo Aschenbeck
Bernd Cailloux
Peter O. Chotjewitz
Frank Göhre
Günter Grass
Joachim Helfer
Katharina Höcker
Wolli Köhler
Brigitte Kronauer
Thomas Meinecke
Clemens Meyer
Sabine Peters
Kathrin Röggla
Wolf Wondratschek


Bilder
Jan-Frederik Bandel und Sascha Hommer (Comic)
HAWOLI (Fotos)
Daniel Richter (Zeichnungen)
Alfred Wäspi (Collagen)


Ton
(CD)
Christoph Ogiermann


    rechts:
    Radierung Daniel Richter
    Beigabe zur Vorzugsausgabe
    (32,5 x 44 cm)



Der Herausgeber

Mario Fuhse, geboren 1967, lebt und arbeitet in Hamburg. Veröffentlichungen zu Hubert Fichte u.a. in "Tage des Lesens", Rimbaud 2006 und "Hubert Fichte. Texte und Kontexte".


Pressestimmen

Eine kleine, feine bibliophile Kostbarkeit ... Vermutlich könnte dies Buch den gern zitierten Bürger mit dem gesunden deutschen Menschenverstand zum atemlosen Ausruf provozieren: Wassollnderscheiß!
Eulenspiegel

Bei etlichen Beiträgen muss man seinen Fichte schon gut kennen, um ihn wiederzufinden. Anderes macht Lust, ihn endlich m,al zu entdecken.
Rolf G. Klaiber in Leo


Leseprobe

Joachim Helfer

Hamburg steht im Novemberzwielicht da wie immer, unbeeindruckt vom Sturm der Welt und nicht sehr beflissen, irgendeinen Eindruck auf die Welt zu machen, ohne allzu viel Gesicht durch eine Geschichte durchgekommen, die immer anderswo gemacht wird, gut betucht, aber bemüht, es nicht zu zeigen, den Kragen des Backsteinmantels hochgeschlagen gegen Nieselregen und Atlantikböen. Florian hastet durch Sankt Georg, vom Hauptbahnhof zu Hans durch jene Lange Reihe, wo die steife Hansestadt beinahe Kiez wird: Asia-Märkte und Trödelläden neben altehrwürdigen Buchhandlungen und Apotheken, vergilbte Tavernen und Trattorien neben schicken Bistros mit Regenbogenfahne. Bei Sonnenschein betrachtet nur ein paar, und bei jedem Wetter zu wenige Schritte für eine Taxifahrt, die aber lang werden, wo es einem den Schirm aus der Faust windet und von unten in die Hosen regnet. Der Bär, in dessen Souterrainhöhle voller Teekisten und Wasserpfeifen, falschem Ethno-Schmuck und echter Airport-Art er nun endlich hinein tröpfelt, haut ihm zur Begrüßung auf den Rücken: "Alter Kalter! Sind euch die Fellmützen ausgegangen im Osten?" Als wir uns kennenlernten, denkt Florian fröstelnd, hast du mir immer noch auf den Hintern gehauen … Pierre konnte ohnehin unmöglich begeistert sein von dem Besucher, der bald nach der Eröffnung in die Galerie geschwappt war wie eine Sturmflut: Ein aufgeschwemmter Oberbayer in Cowboystiefeln und Lederweste, mit den hübschen Zügen von Hitlers kunstsinnigem Reichsluftmarschall und dem Organ eines Fischmarktschreiers, der alles ungefragt in die Pranken nahm und zu jedem Stück eine ungebetene Expertise abgab: Fand Florian. Pierre dagegen war von diesem Hans, der "Zeig mir mal dein zweitbestes Stück!" dröhnte, "Das Beste ist ja wohl der junge Mann hier …" durchaus angetan: Mochte er aussehen, wie er wollte, dieser Aussteiger der ersten Generation kannte nach drei Jahrzehnten auf dem Weg nach Shangri-La jeden Buddha und jeden Tempel zwischen Japan und Java, und wenn er eine Datierung anzweifelte, hatte er unfehlbar recht: "So, und du spielst hier also den House-Boy - aber du gehst doch auch schon auf die dreißig!" "Der Kerl kann gucken!" musste Pierre sagen, als er wieder draußen war - und hatte ihm seinerseits angesehen, was er bei Cohn & König wollte: "Habt ihr keine Gandara-Stücke?" - "Nein - hätten Sie welche anzubieten?" So kam man ins Geschäft. Freunde werden konnten Männer wohl nicht, die zeitlebens im gleichen Gefilde gejagt hatten - wenn auch nicht dasselbe. So jung die bartlosen Asiaten auch immer aussehen, die Hans den Laden hüten, während er sich in ihren Heimatländern herumtreibt, handelt es sich doch stets um Studenten: Bloße Tarnung wie der kleine Importhandel selber, die sichtbare, beinahe bürgerliche Seite einer abgründigeren Existenz. Pierres bis auf den heutigen Morgen in Berlin wiederkehrende Ausbrüche, "Und halt ihn dir vom Leib - hörst du? Dieser Teufelskerl kann Kontakte haben zu wem er will, wenn ich noch einmal sehe, wie er dich angrabscht, schmeiße ich ihn eigenhändig raus!", lustig wie sie angesichts der Körperverhältnisse von Pierre und Hans sind, haben nichts mit Eifersucht zu tun - so sehr sie Florian schmeicheln würde, und so wenig er dagegen hätte, ihr Grund zu geben ... Was Pierre rasend macht ist, wenn er zu sehen glaubt, dass der junge Mann, den er zum Partner gemacht hat, sich widerstandslos in einen weichen, willfährigen Knaben zurückverwandelt, kichernd wie unter den Kitzelhänden des großen Bruders, sobald so ein kindischer Grobian, von dem er sich lieber gar nicht vorstellen möchte, was er immer in Südostasien treibt, ihn knufft und in den verlängerten Rücken kneift; dass Florian trotz all seiner Liebe, Sorge, Strenge kein bisschen Rückgrat und Selbstachtung entwickelt habe. Wenn du wüsstest, denkt Florian an den Ahnungslosen, du müsstest dir ganz andere Sorgen um mich machen ... "Hast du das Baby? Nein, lass stecken, Liam braucht nicht alles zu sehen." So behutsam Hans mit empfindlichen Gegenständen hantieren kann, so leise kann er sprechen, wenn er will. Noch verblüffender ist der Gegensatz zu seiner Erscheinung, sobald er in eine Sprache wechselt, von der Florian nicht einmal zu sagen wüsste, ob es Thai, Malay oder Vietnamesisch ist. Der Angesprochene lächelt jedenfalls, fragt aber sicherheitshalber lieber auf Deutsch nach, ob der Chef heute noch einmal wiederkomme? Hans zuckt nur mit den Schultern, nimmt den Lederschlapphut vom Haken, hält ihm die Tür auf - und Florian, in der Tweed-Jacke unterm Trenchcoat ein Päckchen Tausendmarkscheine, macht ihnen beiden das Vergnügen, noch einmal so zu tun, als könnte er nicht aus seiner Kinderhaut, scheut auf der Schwelle also solange vor dem Schritt in die raue Welt zurück, bis er doch noch einen hinten drauf kriegt: "Zuckerpupperl! Das ist nur Wasser!"



Wolf Wondratschek

Danksagung an einen, der nicht mehr lebt



Ich kannte ihn zwei Stunden, dann mußte er los, die Reeperbahn runter
Den Jungen finden, mit dem er Sex haben wollte.
Hat zwei Stunden davon geredet, Sex zu haben mit dem Jungen.
Mit seiner Jugend, seinen Muskeln, seiner Kraft.
Seiner Scham, daß es einen gibt, der stärker ist als er.
Daß da etwas ist, stärker als Scham und Schweigen.
Reine schmutzige Liebe!
Redete, wie das ist, Sex zu haben!
Wie ist das für dich?
Was tust du am liebsten?
Am liebsten mach ich Liebe, Haschisch rauchen und Musik hören.
Das war Wolli, interviewt von Hubert Fichte, Sommer 1969.
Wir drei, Wolli, Linda und ich, machten gerade auch nichts anderes.
Wir waren nackt, ein Pornofilm lief, unten dröhnte die Reeperbahn.
Das Klingeln war kaum zu hören, aber Wolli hörte es.
Das muß Hubert sein, sagte er und schickte Linda aufmachen.
Es war mit einer Erektion einfach zu umständlich aufzustehen.
Und wohin mit meiner?
Wohin mit unserer kleinen, gemütlichen Orgie?
War Wolli verrückt geworden?
War das des Zufalls Teufelei?
Jedenfalls verdarb es mir den Geschmack, gleich einem Kollegen, noch dazu
einem viel berühmteren, die Hand schütteln zu müssen.
Oh, wie feige ich war, wie verwirrt, wie ängstlich!
Ich saß da wie naß gewordenes Feuerwerkspulver!
Und da stand er da, Hubert Fichte, zurück aus Lomé oder Dakar.
Heimgekehrt nach Hamburg von den Zaubermärkten der Welt!
Von den Sterbenden, den Toten, den zum Leben Verdammten!
Aus dem blauen Licht der Pest, der Verwesung, der blutigen Opfer!
Träumend von den Jungs in Puertorico, in Brasilien!
Dem Samen der Stricher auf seiner Zunge!
Stand da und betrachtete, was zu sehen sich ihm bot.
Vor allem mich, den jungen unbekannten Kollegen.
Kam meinem Körper mit interessierter Verwunderung nahe.
Machte meinem Schwanz, der stand, Komplimente.
Oh mächtige Droge!
Endlich einer, dachte ich, der nicht über Bücher redet, über seine und meine.
Ein Schriftsteller mit dem Körper eines Entdeckers!
Ein Liebhaber vieler Männer überall auf der Welt!
Laienbruder unter Kriminellen!
Verliebt in die Gefährlichkeit und Schönheit der Jungs, die ihm gefielen.
Die er haben wollte, die er nie müde wurde haben zu wollen.
Der die Welt absuchte nach ihnen.
Ein leidenschaftlicher, schließlich tödlicher Opfergang der Lust!
Aus der er dann jene Erkenntnisse destillierte, die er niederschrieb.
Bücher tragen seinen Namen.
Einst bin ich ein Knabe, ich bin auch ein Mädchen gewesen
Busch und Vogel und Fisch, der warm aus den Wassern emporschnellt!
So steht es auf des Dichters Grab.
Vor dem ich mich verbeuge

©Wondratschek

 
 


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