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Andreas Pretzel / Volker Weiß (Hg.)

Ohnmacht und Aufbegehren

Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik

Edition Waldschlösschen Bd. 9

Kartoniert
256 Seiten
20,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-81-0


Ebook im PDF-Format:
EUR 17,00


Pressestimmen

 


Buch portofrei oder als Ebook bestellen bei
www.gaybooks.de

Die 50-er Jahre

Verfolgung, Diskriminierung und Entrechtung - auch nach dem Ende des Nationalsozialismus prägte dies den Alltag homosexueller Männer. Gleichzeitig suchten sie sich auch schon in der frühen Bundesrepublik dagegen zu wehren. Trotz der übermächtigen Allianz aus Staat und Kirche stritten sie für gesellschaftliche Anerkennung.

Das Buch präsentiert neue Studien zum Schicksal Homosexueller nach dem Ende der NS-Zeit, zur Homophilenbewegung der 1950er bis hin zum Generationskonflikt am Ende der 1960er Jahre. Es wirft damit die überraschende Frage auf, ob nicht auch schon zu Beginn der 1950er Jahre eine "Bewegung" existiert hat, die in späteren Jahren wieder erstickt wurde.


Inhalt

I. Schatten der Vergangenheit

  • Stefan Micheler: " … und verbleibt weiter in Sicherungsverwahrung" Kontinuitäten der Verfolgung Männer begehrender Männer in Hamburg 1945-1949
  • Albert Knoll: "Wer ist Häftling? Die schwierige Suche der Dachau-Überlebenden nach einer neuen Identutät in der Nachkriegszeit
  • Andreas Pretzel: Wiedergutmachung unter Vorbehalt. Homosexuelle NS-Opfer und der Umgang mit ihren Anträgen auf Rehabilitierung und Entschädigung


  • II. Bewegung und Selbstbehauptung

  • Gottfried Lorenz: Hamburg- Homosexuellenhauptstadt der 50er Jahe. Die Homophilen-Szene und ihre Unterstützer für die Abschaffung des § 175 StGB
  • Jens Dobler: Schwules Leben in Berlin zwischen 1945 bis 1969 im Ost/West-Vergleich.
  • Christian Schäfer: Das Ringen um § 175 StGB während der Post-Adenauer-Ära - Der überfällige Wandel einer Sitten- zu einer Jugendschutzvorschrift.
  • Michael Bochow: Zwei biographische Skizzen.


  • III. Bewegung im Generationskonflikt

  • Raimund Wolfert: "Sollen wir der Öffentlichkeit noch mehr Anlaß geben, gegen die ‚Schwulen' zu sein?". Die Internationale Homophile Weltorganisation.
  • Martin Dannecker: Die Affirmation der Differenz und der glühende Wunsch nach Anerkennung. Anmerkungen zu den Unterschieden zwischen der Schwulenbewegung der siebziger Jahre und der Homophilenbewegung der Nachkriegszeit
  • Jan Feddersen: Gebrochene Prinzen. Ambivalente Blicke auf die Männer aus den 50er.

  • Pressestimmen

    Eine politische Bewegung homosexueller Männer in Deutschland existierte schon in den 1950er Jahren, ..., so der für viele LeserInnen sicher überraschende Befund der Autoren. ... Der sehr spannend zu lesende Sammelband ist somit ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung schwuler Geschichte des 20. Jahrhunderts und bietet für interessierte WissenschaftlerInnen viele Anregungen für eigene Forschungsarbeiten.
    Gudrun Hauer in Lambda-Nachrichten


    Leseprobe aus der Eonleitung von Andreas Pretzel und Volker Weiß

    In den Geschichtsbildern und Erinnerungsnarrativen der Schwulenbewegung wurde die zweite deutsche Homosexuellenbewegung der 1950er Jahre bis vor einem Jahrzehnt noch übergangen, als hätte es sie nicht gegeben. Diese Ausklammerung aus dem kollektiven Gedächtnis drückte eine Geringschätzung aus und begründete sich in einem Verdikt der Schwulenbewegten der 1970er Jahre über die Homophilen der 1960er Jahre. Denn die wenigen Aktivisten, die im Verlauf der 1960er Jahre noch immer für eine Reform des Homosexuellenstrafrechts stritten und sich informellen Netzwerken verbunden wussten, die als Einzelne oftmals hinter den Kulissen der politischen Bühne um Einfluss bemüht waren oder in juristischen Vereinigungen Überzeugungsarbeit leisteten, die als Experten die Meinungen der herrschenden Mehrheit umzustimmen versuchten, entsprachen nicht den nun geltenden Vorstellungen einer "Bewegung". Jedenfalls nicht den Vorstellungen, die die Studenten mit kollektivem Aufbruch, radikalem Veränderungswillen und schwulem Emanzipationskampf verbanden.

    Die Studenten nahmen jene bürgerlichen Intellektuellen, die Humanitätsappelle an Regierung und Öffentlichkeit richteten und kaum selbst zu sagen wagten, dass sie in eigener Sache sprachen, kaum ernst. Sie erschienen als Bittsteller auf verlorenem Posten. So beschreibt Rainer Marbach - stellvertretend für eine Generation von Schwulenbewegten - in diesem Band die Wahrnehmung damaliger Studenten. Ihre Ablehnung richtete sich gegen die angepassten Homosexuellen, die ängstlich um ihren bürgerlichen Ruf und Status besorgt waren, die nicht selten geheiratet hatten und auch im Berufsleben ein Doppelleben führten. So wollten die Studenten nicht sein, geschweige denn werden. Sie machten ihr "Schwulsein" öffentlich und zum Programm. Mit einem Wort, das Homosexuelle verächtlich machen sollte, verbanden die Studenten ein verstörend zur Schau getragenes Selbst- und Gruppenbewusstsein.

    Dagegen erschienen die bürgerlichen Homosexuellen, ihre propagierten Selbstbilder wie auch die überkommenen Verkehrsformen in der homosexuellen Subkultur so erbärmlich wie abstoßend. "Raus aus den Toiletten! Rein in die Straßen!", "Macht Euer Schwulsein öffentlich", "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", diese Slogans wurden mit dem gleichnamigen Film von Rosa von Praunheim (1971) studentische Kampfansagen, die sich vor allem gegen Homosexuelle der älteren Generation richteten. Der Film wirkte auf die Studenten wie eine Initialzündung, zahlreiche Gruppierungen junger Homosexueller im studentischen Milieu bildeten sich, aus denen im Verlauf der 1970er Jahre die Schwulenbewegung entstand. Doch dieser Film war eine Karikatur. Er überzeichnete, um zu provozieren. Die überwiegende Ablehnung, die dieser Film seinerzeit auf sich zog, lag nicht zuletzt daran, dass er weder um differenzierte Einsichten, noch um ein kritisches Verständnis bemüht war, sondern als schonungslos und schockierend, aggressiv und polemisch wahrgenommen wurde. Praunheims Film stellte das studentische Missfallen an den Zuständen in der Homosexuellenszene in den Vordergrund, beschämende Zumutungen und schmerzliche Enttäuschungen, mit denen junge Homosexuelle in der Subkultur konfrontiert wurden, um ihnen mit der Aussicht auf eine solidarische Wohngemeinschaft junger kampfesmutiger Schwuler schließlich einen Ausweg zu weisen.

    Dabei blieb ausgeblendet, dass sich auch viele Wortführer der Homophilenbewegung bereits in den 1950er Jahren von den Verkehrsformen in der Subkultur distanziert und z.B. die promiskuitive anonyme Klappensexualität kritisiert hatten. Es ging ihnen um ein vorzeigbares Homophilenbild, das in der Gesellschaft Anerkennung finden könnte. Und zugleich waren es lebhafte Auseinandersetzungen mit einem homophilen Selbstverständnis, die sich als zeitgenössischer Selbstfindungsprozess und kollektive Identitätsstiftung beschreiben ließen. Vor dem Hintergrund von Homophobie und Verfolgung hatte die Homophilenbewegung einen um Respektabilität bemühten idealisierten Verhaltenskodex entworfen, der einerseits Rücksicht auf die Umstände nahm, d.h. Anpassungsleistungen erforderte, und zugleich eine homophile Lebensweise anvisierte, d.h. Möglichkeiten der Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung einräumte. Doch dieses Arrangement mit den Umständen erschien den Studenten am Anfang der 1970er Jahre - als von der Homophilenbewegung kaum mehr etwas übrig war - als Zustand der Unfreiheit. Sie kritisierten die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zu Anpassungsleistungen nötigten, wollten die Umstände verändern. Statt Anpassung propagierten die Studenten eine radikale Veränderung gesellschaftlicher Strukturen, die zu den normativen Zwängen geführt hatten. Sie antworteten auf die Unterdrückung und Diskriminierung mit einer fundamentalen Gesellschaftskritik. Sie revoltierten mit einer Verbalattacke gegen den Staat, dessen kapitalistische Formationen bezwungen werden sollten, weil sie verantwortlich für Unterdrückung und Unfreiheit seien. Jenes Plakat, das Martin Dannecker 1972 auf einer Schwulen-Demo durchs katholische Universitätsstädtchen Münster trug - "Brüder und Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht" - veranschaulicht diese Kampfansage. Die schwulenbewegten Studenten begriffen ihren Aufbruch als Befreiungskampf und entwarfen eine revolutionär anmutende Vision, die sich bis zu den Formen des Zusammenlebens (in Gruppen und Wohngemeinschaften), öffentlicher Selbstpräsentation und Sichtbarkeit erstreckte. Damit begann aus Sicht der Studenten mit ihrer Schwulenbewegung unstreitig eine neue Epoche der Homosexuellenbewegung.

    Freilich war dies eine idealisierte Selbstwahrnehmung und Selbstüberschätzung. Der epochale Bruch, den der Befreiungskampf der Schwulenbewegung einleitete, gewann am Anfang der 1970er Jahre vor allem durch eine doppelte Abgrenzung in Form einer gesellschaftspolitischen und homopolitischen Differenzbehauptung an Kontur. Diese "Affirmation der Differenz" richtete sich nach außen wie nach innen und bildete als neues Selbstbewusstsein zugleich ein identitätsstiftendes Fundament der neuen Bewegung.

    Während die jüngere Generation als Schwule sichtbar sein wollte und mit ihrer revoltierenden Haltung den Fortschritt in Gestalt einer Kulturrevolution anzukündigen schien, verblasste angesichts dessen, was die Generation der Homophilen pragmatisch zu erreichen versuchten: unter den gegebenen Umständen einen respektablen Platz als gesellschaftliche Minderheit zu erlangen und zugleich interne Freiräume zu schaffen, die sich von der Subkultur abhoben und in denen Geselligkeit, Kunst und Kultur ein eigenes Selbstbewusstsein ermöglichen sollten. Für die aufbegehrenden Studenten schien dies so, als ob sich die Homophilen eingerichtet hätten in unfreien Räumen, die ihnen zugestanden wurden: ohnmächtig, abhängig und angepasst. Diese Kritik ist sicher nicht ganz falsch. Aber wird sie den Homophilen gerecht? Auch die Männer, die sich schon am Anfang der 1950er Jahre in Vereinigungen zusammen fanden, um sich gegen Verfolgung zu wehren, an Emanzipationstraditionen aus der Weimarer Republik anknüpften und sie den Freiheitsversprechungen der Demokratie anpassten, waren aufbegehrende mutige Akteure. Doch dieser Aufbruch der Homophilenbewegung geriet angesichts ihres Scheiterns in Vergessenheit und verblich in den Erinnerungsnarrativen der Schwulenbewegung

     
     


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