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Gregorio Ortega Coto

Untaugliche Indianer

Erzählungen

ISBN 3-935596-77-4
gebunden, 120 S.,
€ (D) 16,00

Pressestimmen

Leseprobe

 


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Im Gefängnis der Wünsche

Erstkommunion in Spanien, Liebeskummer in Berlin, Therapiesitzung in New York: die südliche Herkunft Ortegas prägt seine Wahrnehmung des Lebens im kalten und nüchternen Norden. Die Erinnerungen an Bilder und Worte nehmen in seinen Erzählungen die Gestalt verwunschener Welten an, deren Bewohner in ihren eigenen Vorstellungen gefangen sind oder Unfassbares erleben. Oft entscheidet ein kleiner Moment, ob sie über sich hinauswachsen oder scheitern. Ortega Cotos Helden sind stolze Kinder im provinziellen Mief Franco-Spaniens, verliebte Matrosen, lächerliche Außenseiter oder einfach zwei Menschen auf einem Berliner Bahnsteig morgens um halb drei. Wenn der Moment vorbei ist, sitzt die Geschichte im Kopf.

Gregorio Ortega Coto wurde 1946 als Sohn spanischer Auswanderer in Marokko geboren, wuchs dort auf und kam mit zwölf Jahren nach Spanien. Durch mehrere Zufälle gelangte er 1973 über die kanarischen Inseln und England nach Berlin, wo er seitdem lebt und als Sozialarbeiter arbeitet. Er verfasst seine Geschichten sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch. Zahlreiche Lesungen, meist zweisprachig, in Kneipen, Kulturvereinen und multikulturellen Salons in Berlin; Veröffentlichungen in Anthologien, unter anderem bei Männerschwarm in Im Paradies.  

Pressestimmen

Lakonische Momentaufnahmen aus verwunschenen Welten.
Egbert Hörmann in Männer aktuell 11/2005

Fantastische Geschichten von Menschen, die für ihr Glück kämpfen.
Peter Rehberg in Siegessäule 10/2005

Oh Melodram, ihr zerzausten Stehaufmännchen aus Almodóvars Kintopp - keine schlechte Verwandtschaft. Bei diesem Autor fließt vieles zusammen.
Michael Sollorz in Hinnerk 3/2006

Erotische Literatur, ohne explizit zu sein - wunderbar.
Mario Reinthaler, XTRA 3/2006

Glück und Gewalt liegen in diesen schönen Geschichten nur ein paar Sätze auseinander: melodramatische Momentaufnahmen.
Du & Ich 10/2005

Mit viel Berliner Lokalkolorit wird die LeserIn in ganz unterschiedliche kleine Welten entführt.
Ansgar Drücker in Lespress


Leseprobe

Der tätowierte Anker

Trotz der üblichen Verbote und Drohungen der Mutter, unterstrichen durch Schwüre bei der Seele ihres verstorbenen Mannes, wagte Josep es erneut, in Begleitung eines Kollegen aus der Schiffsmannschaft zu Hause zu erscheinen.

Dídac, der zurückhaltende Benjamin der Familie, freute sich im Gegensatz zu seiner Mutter, wenn er hörte, dass der Frachter mit seinem älteren Bruder an Bord angelegt hatte. Seine Stimmung heiterte sich auf, die Lust aufs Reden kehrte zurück und die Akne neben den Koteletten und auf dem Rücken verschwand wie verzaubert -, zumindest so lange der Besuch des Bruders andauerte. Außerdem war er hingerissen von den faszinierenden Erzählungen über die Seeabenteuer des Bruders und spitzte die Ohren besonders, wie könnte es anders sein!, wenn Josep von Besuchen in fernen Ländern und von deren Bewohnern berichtete.

Von den vielen Begleitern des Bruders, die bei ihm zu Hause ein- und ausgegangen waren, erinnerte sich Dídac mit besonderer Zuneigung an den vietnamesischen Steuermann, an den brasilianischen Oberdeckoffizier, an den Radarbeobachter aus Guinea und an den russischen Obermaat.

Von ihnen hatte Dídac aufregende Dinge über andere Länder gehört, mit ihnen konnte er in unterschiedlichen Lebensweisen herumschnuppern, seine angeborene Neugier beleben und seinem alten Wunsch ein Stück näher sein, die Wogen zu pflügen und in Valparaiso, Manakara, Yokohama, Hamburg, Kapstadt, New York Anker zu werfen, wenn auch als Schiffsjunge.

Diesmal kam Josep in Begleitung eines Deutschen, eines Seewolfs mit schwermütigen Augen und kargem Lächeln, der vor kurzem in Bremerhaven an Bord gegangen war, um sich eine aufdringliche und unerträgliche Mutter vom Leibe zu halten und nebenbei eine enttäuschte Liebe zu vergessen, die seine mentale Gesundheit untergrub und aus ihm einen scheuen, verschlossenen und schweigsamen Menschen gemacht hatte.

Unter allen Arbeitskollegen von Josep war ohne Zweifel der Norddeutsche mit dem melancholischen Gesicht und den hellen Augen derjenige, der Dídac am meisten imponierte. Trotz Liebeskummer war der Deutsche stets geduldig mit Dídac, entschlüsselte mit einer freundlichen Miene dessen noch mangelhaftes Englisch und surfte unermüdlich mit ihm im Internet auf der Suche nach Arbeit auf einem Frachter. Der Deutsche war auch derjenige, der schüchtern lächelte, wenn Dídac schallend lachte, der sich auf seine Gesellschaft und Konversation freute und der ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit heimlich beobachtete.

Währenddessen machte die Mutter dem Deutschen jederzeit deutlich, dass er genauso wie alle anderen vor ihm ein unwillkommener Gast sei. Von der Unhöflichkeit der Mutter, von ihrer Schroffheit, ihrer Ungastlichkeit, ihren boshaften Bemerkungen hatte Josep die Schnauze gestrichen voll und er begriff, es sei vernünftiger, bis zum Auslaufen seines Schiffes einfach abzuhauen und mit dem Deutschen seiner verwitweten und kinderlosen Lieblingstante Mercedes einen Besuch abzustatten. Die Landluft, die ausgezeichnete Küche der Tante und der hervorragende Wein der Region würden außerdem die prekäre Stimmung des Deutschen heben, dachte Josep und versprach sich, nie wieder ins mütterliche Haus zurückzukehren: weder in Begleitung noch allein. Als Dídac von Joseps plötzlichem Aufbruch erfuhr, weinte er bitterlich und flehte den Bruder an, die beiden begleiten zu dürfen, er würde sich gut benehmen, wer wüsste schon, ob sich beide jemals wieder sehen würden. Josep blieb nichts anderes übrig als nachzugeben.

Josep fühlte sich prächtig im Landhäuschen von Mercedes. Er war stets entzückt über den Duft des Grases und das Plätschern des Baches hinter dem Haus. Ihn faszinierten die Birken, die riesengroße Schwarzpappel und die Maulbeerbäume. Er genoss die Freiheit in Begleitung Braulios, des Mischlingshunds, und die Sonnenuntergänge hinter den sanften Berggipfeln, die ihn magisch anzogen -Genüsse, auf die er bei seinen langen Überfahrten auf Gottes Ozeanen leider verzichten musste.

Von Josep überredet machten sich die Drei gleich am ersten Tag auf, die Gegend zu erkunden, und sie erfreuten sich an dem bunten Panorama, das die Natur im Herbst anbot. Nach dem strapaziösen Tagesausflug, bei dem sie sich sogar getraut hatten auf dem Rücken eines Esels zu reiten, gingen die drei jungen Männer früh und erschöpft ins Bett.

Wie bei anderen Gelegenheiten, sei es aus Nettigkeit oder aus anderen Motiven, nahmen Tante Mercedes und Braulio mit dem Sofa des benachbarten Wohnzimmers vorlieb. Sie überließ den Neffen und dem Deutschen ihr Ehebett für die Nachtruhe; das Bett, dessen andere Bestimmung, die lustvollere, sich seit dem Tod ihres Mannes vor fünf langen Jahren nie wieder erfüllt hatte. Zu dem riesigen Bett aus geschnitztem Mahagoniholz passten Nachttische und Kleiderschrank von ebenfalls außergewöhnlichen Maßen. Über dem Bett beherrschte ein großes Kruzifix aus imitiertem Elfenbein den Raum seit ewigen Zeiten.

Die Dunkelheit verfeinerte die Sinneswahrnehmung derart, dass der nahe Bach unmittelbar unter dem Bett hindurchzurauschen schien. Weißes Niemandsland und eine Kluft voller Vermutungen dehnten sich zwischen den Seeleuten und Dídac aus. Obwohl die Tür zu dem benachbarten Wohnzimmer geschlossen war, konnte man von dort das monotone Ticken der Wanduhr hören. Es hatte gerade ein Uhr geschlagen, als der Deutsche in seiner Sprache und sehr leise Josep fragte, ob er meinte, es wäre genügend Zeit vergangen.

"Ich denke schon", antwortete Josep. Gleich danach glitt die Hand des Deutschen unter das weiße Laken und streichelte langsam aber begierig Joseps Rücken, bis er an den Gummizug des Slips stieß, eine Hürde, die er dennoch meisterlich überwand.

"Leise bitte, sonst wecken wir ihn noch", flüsterte Josep.

Braulio bellte ohne ersichtlichen Grund. Außer dem Kläffen des Hundes vernahm Dídac noch andere seltsame Geräusche: dressierte Berührungen, Entwürfe von Stöhnen und das Pochen seines eigenen Bluts in den Schläfen. Dídac unterdrückte einen Schauder. Er befürchtete, dass eine falsche Bewegung, ein harmloses Schnauben sein Wachsein verraten würde. Vorsichtig rutschte er bis zur nahen Bettkante, krümmte den Körper zusammen, hielt sich die Ohren zu und senkte den Kopf in das Kissen. Er verkniff sich ein Schluchzen und bemühte sich Ruhe zu bewahren. Unbeabsichtigt zogen in seinem Kopf Fragmente aus dem Leben seines Bruders vorüber. Befremdlich für Dídac war stets Joseps Rastlosigkeit, seine außergewöhnlichen Freundschaften, dass keiner in der Familie über sein Liebesleben je ein Wort verloren hätte, seine blitzartige Einschiffung - eher eine Flucht, ohne Abschied. Und Dídac fragte sich, warum Josep trotz seines guten Aussehens, seiner pechschwarzen Augen, seiner Gutherzigkeit, seines Humors nie eine Liebesbeziehung zu einer Frau gehabt hatte. Ihm fielen jetzt die ständigen Vorwürfe der Mutter ein, ihre fürchterlichen Zänkereien, ihre drängenden Aufforderungen an Josep, endlich zu heirateten und sie mit Enkelkindern zu beschenken, nach denen sie sich so sehr sehnte. Mit zugehaltenen Ohren erinnerte sich Dídac an den inquisitorischen Blick, den die Mutter dem Bruder in diesen Momenten zuwarf, an ihre unerträgliche Hetze, an die unverschämten Vorwürfe, damit er ein für alle Mal von diesem zerrütteten und abenteuerlichen Leben Abstand nehmen würde, das ihn eines Tages ins Unglück stürzen werde. Dídac stand noch immer vor Augen, nun noch aufdringlicher, wie Josep bei einem seiner ersten Heimatbesuche mit dem vietnamesischen Steuermann sehnsüchtige Blicke ausgetauscht hatte, wie innig, wie gefühlsbetont die Umarmungen des russischen Obermaats stets gewesen waren. Er entsann sich, wie peinlich es ihm war, als Josep und der brasilianische Oberdeckoffizier am Strand herumtobten und sie gleich danach mit gestrafften Badehosen Abkühlung im Meer suchten, oder als auf dem Rücksitz des Motorrollers der Radarbeobachter aus Guinea mit seinen kräftigen schwarzen Armen Joseps Oberkörper leidenschaftlich umschlang und ihn dabei überall befingerte. Lauter alte Erinnerungen, die ihm wie Irrsterne durch den Schädel sausten; Bilder, die er längst verjagt zu haben glaubte.

Dídac nahm nicht Teil an dem Ausflug, den der Bruder und der Deutsche am nächsten Tag in die Berge unternahmen. Den ganzen Tag über war Dídac wie abwesend, benommen, vertieft in das Geschehen der vorigen Nacht - vertieft in die Vergangenheit. Er schenkte Braulio keine Aufmerksamkeit, probierte nicht mal ein Häppchen von Mercedes' köstlichem Fisch und blieb bis spät abends unter dem Maulbeerbaum am Bach in Begleitung eines Gedichtbands von Cernuda, Wirklichkeit und Verlangen, den er ungeöffnet ließ.

Die Dunkelheit des Schlafzimmers schien Dídac noch aufdringlicher zu sein als am Abend davor. Er konnte wieder nicht einschlafen. Die Wanduhr schlug zwei. Auf seinem vertrauten Platz an der Bettkante wartete Dídac darauf, dass das Flüstern endlich aufhörte, dass die aufdringlichen Laute verklangen, die Bettlaken um diese Zeit machen, dass die Zuckungen enden würden, die verhalten, aber trotzdem verräterisch waren. Er wartete, dass der unverwechselbare Geruch nach stummen aber leidenschaftlichen Küssen sich endlich verflüchtigte, dass sich diese Hitze, die aus den Laken drang, legen würde …

Man hörte das Knacken eines Feuerzeugs und roch den Rauch einer zu zweit gerauchten Zigarette.

Die Wanduhr schlug erneut.

Dídac hörte das Vorspiel eines Schnarchens, anfangs exaltiert, arhythmisch, dann ruhiger, aber nicht weniger dröhnend.

Er bemerkte eine Unruhe, eine hochjagende Atmung, die weit entfernt von der eines Schlafenden war und einen Körper, der sich an seinen Rücken schmiegte. Überrascht nahm Dídac wahr, wie feuchte Lippen seinen Rücken sehnsüchtig erforschten und eine nervöse und warme Hand langsam über seinen Körper wanderte.

Dídacs Herz schlug wild und seine Hände waren kalt wie Eis.

Draußen erfasste ein Windstoß den Jasminstrauch.

 
 


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