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Thomas Ott (Hg.)

Im Paradies

Beiträge zum Literaturpreis der Schwulen Buchläden

ISBN 3 935596 73 1
kart., 208 S.,
€ (D) 14,90

bei den schwulen Buchläden noch erhältlich, ansonsten vergriffen

Pressestimmen

Leseprobe

  paradies


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Den Körper ins Spiel bringen

Ganz nüchtern und unsentimental beschreibt Eric Hegmann in "Heldenfrühstück" eine Clique von Party-Homos, die auf der Suche nach echtem Gefühl und Liebe vornehmlich dem Konsum bewusstseinsverändernder Drogen nachgehen. Mit einem Lächeln und viel Charme lässt Cordula Scheifele in "Ein Hauch von Kaschmir" einen älteren heterosexuellen Familienvater die fremde schwule Welt ausgerechnet in der Umkleidekabine eines Kaufhauses entdecken. Und Gunther Geltinger erzählt die Geschichte eines Mafiakuriers, der seine Sexsucht exzessiv auf den Autobahntoiletten Deutschlands auslebt, in einer Sprache, die musikalisch wie eine Symphonie aufgebaut ist und sein Anliegen poetisch verdichtet.

"Text der Lust: Den Körper ins Spiel bringen" lautete das Motto des "Literaturpreis der schwulen Buchläden", der im Juli 2004 vergeben wurde - in München, nicht zufällig zeitgleich mit der Eröffnung der "Euro Games". Passend zur "olympischen Idee" dieser sportlichen Großveranstaltung wurde bei dieser 6. Ausschreibung des Preises erstmals ein inhaltliches Thema vorgegeben. 113 Autoren (darunter nicht wenige Autorinnen) haben Beiträge eingereicht. Drei Juroren, Knaur-Lektor Tim Sonderhuisken, der Schweizer Autor Philip Tingler und der Münchner Journalist Matthias Kuhn, haben die drei oben vorgestellten Beiträge zur Endausscheidung nominiert.

Die drei für den Preis nominierten Texte und darüber hinaus zehn weitere Texte hat Thomas Ott vom Buchladen Erlkoenig in Stuttgart für diese Veröffentlichung ausgesiebt, Erzählungen, die sich auf die Suche nach dem "Paradies" der schwulen Literatur begeben - ironisch, sexy, hintergründig, skurril, romantisch oder sportlich. Die Autoren (und zwei Autorinnen) leben in Bad Homburg, Bensheim, Graz, St. Gallen, Hamburg - unter den elf Städten ist Berlin lediglich mit einem spanischen Migranten vertreten. Ohne die sonst übliche "Hauptstadtlastigkeit" vermitteln die Erzählungen dieses Bandes eine lebendige Momentaufnahme schwulen Alltags und schwuler Befindlichkeiten.

Mit Beiträgen von Cordula Scheifele, Gunther Geltinger, Eric Hegmann, Gert Weihsmann, Thomas Kindermann, Jörg Feiertag, Maria Fangerau, Lukas Sommer, Corinna Waffender, Christian Lütjens, Gregorio Ortega Coto, Gunter Gerlach und Paul Kremp.


Pressestimmen

In allen dreizehn Texten brillieren auf ihre jeweils eigene Art Schreiblust und Fabulierfreude.
Siegfried Straßner in NSP 7/8 2005

... liegt nun vor.
Rolf G. Klaiber in Sergej München

Handwerklich solide bis literarisch ambitionierte Texte zu beliebigen Themen ... Andererseits: Im Paradies wird viel gefickt.
Volker Surmann in Siegessäule 5/2005

Allerdings sticht bei aller Unterschiedlichkeit in Stil, Sprache und Qualität der Texte doch eine Gemeinsamkeit ins Auge: In fast jedem dreht es sich um Sex.
Florian Frei in Hinnerk 5/2005


Leseprobe

Den Körper ins Spiel bringen

Paul Kremp

Ich bin neununddreißig Jahre alt, mehr oder weniger glücklich verheiratet, - aber meistens mehr - , und Schauspieler.
Und ich habe nichts gegen Schwule.
Warum auch?
Ich hab auch Schwule in meinem Freundeskreis. Als Schauspieler hat man doch ziemlich viel mit Schwulen zu tun.
Unser Maskenbildner hat mir dann von diesem Wettbewerb erzählt. Er war ganz außer sich vor Aufregung. Vor jeder Vorstellung hat er davon angefangen und dass man da doch unbedingt etwas machen müsse. Ich weiß nicht, ob er überhaupt schreibt; er hat jedenfalls nie darüber gesprochen. Vielleicht ist es ihm zu privat.
Obwohl ich ja manchmal den Eindruck habe, bei Schwulen ist nichts privat. Die reden über alles und machen alles überall. Und dann kommt er gestern mit dem Thema daher: den Körper ins Spiel bringen.
Ich musste so lachen, dass er mit dem Kajal verrutscht ist, quer über die Stirn - und wir waren sowieso schon spät dran. Er wollte unbedingt wissen, was ich so lustig finde, aber mir standen die Tränen in den Augen und ich bekam kaum Luft vor Lachen.
Die Rolle, die ich gerade spiele, ist kein alter Mann, sondern jünger; noch zehn bis fünfzehn Jahre jünger als ich. Also muss ich hoch spielen, wie wir im Theater sagen. Deshalb und weil wir sowieso schon spät dran waren, war das mit dem Kajal über der Stirn gar nicht gut. Zuerst wollte er eine Narbe daraus machen. Aber das geht ja auch nicht. Unsere Inspizientin wäre durchgedreht.
Die Vorstellung war gut, nicht ausverkauft - wir spielen das Stück immerhin schon seit Beginn der Spielzeit - aber immerhin gut besucht. Ich habe die ganze Zeit an dieses blöde Thema denken müssen. An zwei Stellen habe ich mich selber reden hören, schlimmer Fehler, denn dann ist man nicht in der Rolle. Prompt habe ich mich auch versprochen. Einmal kam mein Einsatz deutlich zu spät. Die Souffleuse hat schon gewunken.
Den Körper ins Spiel bringen?
Was ist denn das für ein Thema? Das haben Schwule doch schon immer gemacht.
Was denn sonst auch?
Aber jetzt auch noch Sport!
Schwule Olympiade.
Das ist für mich ungefähr so wie Travestie als Ausbildungsberuf für Heterosexuelle.
Ich find's paradox.
Aber ich hab nix dagegen.
Paradox eben.
Jetzt das auch noch, hab ich gedacht.
Bald gibt's auch noch Schwulenquoten im Bundestag. Nach allem, was man von unserem Maskenbildner hört, wäre die aber sowieso sofort übererfüllt.
Bei Frauen hat man ja eh nichts mehr zu melden. Schwule sind so empfindsam und fühlen bei allem mit und sind so verständnisvoll, - klar, das bin ich auch, wenn ich sonst nichts will - , und sind besser angezogen und riechen besser, sind so geschmackvoll. Klar, es geht ja auch um nichts. Man kann geradezu noch froh sein, dass sie überhaupt noch mit Heten-Männern schlafen wollen. Vielleicht ändert sich das auch noch.
Vor drei Jahren sind wir mal zufällig in Köln in die Schwulendemo reingerutscht. In der Stadt war's schlimmer als am Rosenmontag. Ehrlich gesagt hab ich mir das mit mehr Make-up und Federboas vorgestellt. Wenigstens haben sie an jeder Ecke geknutscht, um mein Klischee zu erfüllen. Mich stört das nicht, jedem das seine.
Am Güllichplatz war so ne Art Open-Air-Disco. Es war so heiß, da sind sie dann alle oberkörperfrei rumgelaufen. Das sollte ich mal machen, da kriege ich schon im Garten Ärger. Gisela hat sich aber gar nicht mehr eingekriegt bei den vielen Muskeln und ich muss sagen, ich war auch überrascht. Hätte ich nicht gedacht. Sie war völlig hin und weg. Gesagt hat sie nichts, aber ich hab ja gesehen wie ihr quasi die Augen übergelaufen sind. Die wollte überhaupt nicht mehr gehen. Appetit kann sie sich ja holen, aber gegessen wird daheim.
Manchmal kriegt man da echt das Gefühl, die Schwulen wären die besseren Männer.
Aber beim besten Willen: Sport und schwul geht bei mir nicht zusammen. Also ins Studio rennen und so mag ja noch angehen. Aber Sport? Ich meine richtigen Sport. Das ist Wettkampf.
Hallo?!
Wie soll denn das gehen?
Das ist doch ein Widerspruch in sich.
Ich kann doch nicht gegen das kämpfen, auf das ich steh!
Da geht's dann beim Hundert-Meter-Lauf darum, wer der Langsamste ist, denn der sieht die Anderen von hinten in ihren knappen Hosen.
Ich kann mir das nicht vorstellen. Das wäre ja, als wenn ich beim Bodenturnen der Damen - das sind ja meistens die ganz jungen, knackigen, die sich in engen Trikots, wo noch nichts wabbelt, so gegrätscht hinschmeißen, ...
Also das wäre jedenfalls genau so, als wäre ich beim Bodenturnen der Damen die Turnmatte.
Was ich noch entscheidender finde:
Olympia, Sport, das ist Wettkampf, das ist Konkurrenz.
Und mein Partner kann doch nicht gleichzeitig mein Konkurrent sein. Das gibt doch ein heilloses Durcheinander. Ich denke mir, das ist schon schlimm genug, wenn zwei auf denselben Typen stehen, aber im Wettkampf ist das noch mal ne andere Liga.
Ist ja auch ein Kampf.
Wie wollen die das hinkriegen?
Oder ist das so ne Art Schaulaufen, um den Zuschauern einzuheizen?
Andererseits kapier sogar ich manchmal was. Lief da neulich so ne Eiskunstlaufsendung im Fernsehen. Plötzlich war da ein Deutscher ganz vorne mit dabei. Es hieß dann, wenn er in der Kür auch noch so gut ist, wäre das die Sensation. An dem Abend hatte ich keine Vorstellung, bin an dem Sender hängen geblieben, weil Gisela mit einer Freundin weg war und ich mit Bier vorm Fernsehen: der Klassiker.
Jedenfalls war die Kür anscheinend spektakulär. Ich versteh ja nicht viel davon. Und danach gab's ein Interview mit dem guten Mann. Mann? Wenn der zwanzig war, war's viel. - Ach so vielleicht ist das ne Antwort auf diese Gay Games: Jugendkult zweiter Teil. - Der kam ganz abgehetzt vors Mikro, erzählt, wie schön das alles wär, dass er's nicht glauben könnt und so. Dann sind sie fertig, Moderator steht allein vor der Kamera und im Hintergrund rennt so ein strahlendes Mädchen auf den Eisläufer zu und fällt dem um den Hals, mit Blumen und allem. Der Moderator dreht sich um und salbadert, der schönste Preis für den Schlittschuhmann wär ja wohl, dass er jetzt der Traum aller Mädchen sei. Sagt's und lächelt blöd vom Bildschirm. Im Hintergrund verzieht sich das Mädchen und von der Seite, der Moderator kann's nicht sehen, kommt so ein Typ, ungefähr genauso alt wie der Sportler, auf den zu und nimmt ihn in den Arm. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob er den dann auch noch geküsst hat, aber da ist's sogar mir aufgefallen. Das war bestimmt dem sein Freund. Der hat den Moderator von der Seite gehört und sich gedacht: Moment, ich muss hier mal was klar stellen.
Dann gab's ‚n anderes Bild.
Ich wette um ne Kiste Bier, dass die Hand in Hand zusammen weg gegangen sind und befreundet. Ich hab ja keine Tomaten auf den Augen.
Na ja.
Also ehrlich gesagt, mir persönlich - also wenn's um mich ging, wenn mich einer fragen würde - mir wär's lieber, es gäb' nicht für alles und jeden was extra. Ich fänd's viel besser und spannender, wenn die in normalen Sportvereinen wären. Da könnten die doch viel mehr zur Verständigung tun. So richtig Arbeit an der Basis.
Dann käme man sich viel näher.
Ich meine ...
... also ...
wenn ich ehrlich bin, ...
könnt ich mir das vielleicht auch mal vorstellen.
Aber mich fragt ja niemand.

 
 


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