Blog
«Schwule Literatur«


Suchen
Ebooks
Frühjahr 2012

Herbst 2011

AutorInnen A - Z

Belletristik

Sachbuch / Wissenschaft

Comic / Ralf König / Kunst

Erotik

SM / Pauls Bücher

Taschenbuch
Bibl. rosa Winkel

Ed.Waldschlösschen

Invertito

Queer Lectures
Verlag rosa Winkel
Download-Center






Der Männerschwarm Verlag
ist Mitglied im
Freundeskreis der
Kurt-Wolff-Stiftung


Männerschwarm Verlag

Home   Lesungen   Presse   Bestellungen   Verlagsportrait   Kontakt & Impressum   Buchladen 

Michael Sollorz

Piratenherz

Erzählungen



Klappenbroschur
136 Seiten
14,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-96-4



Pressestimmen

Der Autor

Leseprobe

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Im Zeichen der Sehnsucht

In der Titelgeschichte fabuliert ein Seebär von Mythen wilder Liebe auf weiten Meeren, die nie zur Ruhe kommt, und in der Erzählung "Der Amerikaner" sind zwei junge Männer auf der Suche nach ganz spezielle Kicks. Michael Sollorz erkundet, wie sich Menschen gegen die Banalität ihrer Existenz behaupten. Ein Funke genügt, und plötzlich nimmt die Sehnsucht überhand, romantische Träume überlagern die Realität.

Ob es am Ende gut ausgeht oder nicht, spielt dabei keine Rolle; seine Helden wollen das Leben spüren. So wie Rüdiger, dessen Muttergefühle für den Asiaten im Hinterhaus aus dem Ruder laufen, wie Volker, der im Labyrinth der Sauna die Orientierung verliert, oder wie David, der Ende Fünfzig noch einmal jung wird. Sollorz destilliert die Sehnsucht und das Glück seiner Helden zu Kabinettstücken von großer Intensität.

In diesen neun Erzählungen zeigt sich Michael Sollorz wieder einmal von einer anderen Seite. Während seine Kolumnen in der Regel an kleinen Alltagsereignissen aufgehängt waren, kommen diese Erzählungen sehr viel eigenständiger daher, man könnte sagen: "freischwebend", und das durchaus auch im Sinn von "surreal". Fast immer spielen Übergangsphasen in der Biografie der Figuren die entscheidende Rolle, Momente des Aufbruchs und des Ankommens, immer verbunden mit der Frage nach dem "Warum" und der Sehnsucht nach dem Anderen.


Die Erzählungen im Einzelnen

In Quälgeist fährt der junge Autor Michael aufs Land, wo er den Neffen der Krämersfrau kennen lernt, der seinerseits neugierig darauf ist, was zwei Jungs wohl miteinander anfangen können. Wir schreiben 1989, es sind die letzten Tage der DDR, die hier noch einmal mit vollem Einsatz von Ambiente zum Leben erweckt wird.

Hung ist nicht englisch auszusprechen, es handelt sich um den Namen eines Vietnamesen, der mit Frau und Kind in einem Berliner Hinterhof eingezogen ist. Seine fremdartige Erscheinung weckt das Interesse eines älteren Mannes, der sich in eine einseitige Liebesgeschichte hineinsteigert und schließlich zu Weihnachten eine Essenseinladung vorbereitet, mit selbstgemachten Kohlrouladen. Natürlich kommt alles anders als geplant, aber die Ereignisse bringen den Liebenden seinem wahren Ich ein wenig näher.

Minz und Maunz erzählt von zwei Freunden, denen die Liebe verloren gegangen ist, und die auch durch eine große Krise nicht wieder zueinander finden. Dieser Handlungsstrang setzt sich fort in Die Zeit danach, als einer der Freunde seine ersten Versuche unternimmt, nach den erlittenen Verletzungen die Fühler neu in die Welt hinein auszustrecken.

In Der Aufenthalt verliert der Held in einer Sauna-Wunderwelt die Orientierung, nach und nach verliert die Welt draußen jede Bedeutung für ihn, und alles dreht sich ausschließlich um seinen Körper und dessen Bedürfnisse.

Es ist wieder ein Schriftsteller, der in Bollenhagen neue Stufen des Umgangs mit sich selbst erklimmt. Bei einer scheinbar unbedeutenden Lesung begegnet er seinem älteren und reiferen Ich, und die Konkurrenz dieser beiden Identitäten kreist nicht zuletzt um einen sehr freundlichen türkischen Taxifahrer.

Ein vollends fantastischer Reisebericht ist Piratenherz. Ein alter Seebär erzählt in einer finsteren Spelunke aus seinem Leben, und wenn es sich dabei auch ganz offensichtlich um Seemannsgarn handelt, so sagt es doch viel über ganz reale Sehnsüchte und Träume.

Die Sehnsüchte und Träume der beiden Helden aus Der Amerikaner sind monströs, auf der Suche nach dem wahren Gefühl fließt hier das Blut literweise, nicht umsonst ist die Erzählung Dennis Cooper gewidmet.
Tsunami schließlich erzählt von der Begegnung eines jungen Mannes in den Zwanzigern mit einem über fünfzigjährigen Mann. Was für den Jungen zunächst eine reine Sexgeschichte ist, um seine Eitelkeit zu befriedigen, entwickelt unaufhaltsam eine Eigendynamik, und vielleicht haben sich am Ende ja die Rollen der beiden vertauscht.


Pressestimmen

Seine Sprache ist packend und bewahrt sich einen Rest träumerischer Poesie; seine Figuren sind aus Fleisch und Blut und in ihrer drängenden Sehnsucht nach wilder Liebe und Veränderung stets umgeben von einer hoffnungsvollen Melancholie.
Axel Schock in Hinnerk

Darf ich eintreten in dieses Buch? Bin ich überhaupt erwünscht am "anderen Ufer", wo Männer mit Männern im Gebüsch verschwinden? ... Wenn Literatur dazu da ist, etwas über andere Leben zu erfahren, dann ist dieser Erzähband von Michael Sollorz für mich wichtiger als anere Bücher. ... Er hat Szenen arangiert, die man womöglich nie vergisst, so grell, und doch im Zwielicht des Zweifels.
Irmtraud Gutschke in Neues Deutschland

Kurzweilig, unterhaltsam und bisweilen überraschend schockierend.
BLU

Einfühlsam zärtlich, drastisch realistisch und liebevoll lebensnah. Ein "stilles" Buch, das dennoch aus vollem Herzen nach Liebe schreit.
Mario Reinthaler in XTRA

Sollorz kann es. In der kleinen Form ist der Autor von Anfang an zu Hause.
Rolf G. Klaiber in GAB

Kabinettstückchen von großer Intensität.
Fresh

Schön erzählt.
RIK

Ein kleiner, feiner Leseband.
Pride


Leseprobe

Hung

(Auszug)


Im Spätsommer waren die Fremden im Seitenflügel eingezogen. Rüdiger hatte davon nichts mitbekommen, er war gerade bei seiner Mutter in Görlitz gewesen. Sie kränkelte häufig in letzter Zeit, und Rüdiger war ein paar Tage länger geblieben als geplant. Pflichten riefen ihn keine; er musste bloß runter in die Zelle, mit dem Amt telefonieren und um Terminverschiebung bitten. Kein Problem, der Schwule war in Ordnung und hatte eh nichts für ihn.
Die Diebelschütz nahm seine Post raus, und als er seinen Schlüssel zurückholte und nach den Neuen fragte, wusste sie für ihre Verhältnisse wenig. Wozu hing sie denn den ganzen Tag am Fenster? Früher hatte sie das Hausbuch geführt, mit dem ABV gekungelt und wichtiggetan, und jetzt wollte sie nicht mal einen Möbelwagen gesehen haben? "Als ob sie bei Nacht und Nebel angerückt sind, überhaupt, wie Schatten", sagte sie, und dann, fast flüsternd: "Fidschis!"

Rüdiger wohnte im Hinterhaus, zweiter Stock. Über Eck lag seine Küche neben dem Wohnzimmer der Neuen. Solange er zurückdenken konnte, hatte dort früher zu jeder Tages- und Nachtzeit ein junger Mann an seinem Schreibtisch gehockt wie ein krankes Tier, und kam mal Besuch, dann immer nur Männer. "Alles Hinterlader", versicherte die Diebelschütz. Am Abend lauerte Rüdiger hinter seiner Küchengardine. Drüben ging Licht an, aber sie hatten schon Vorhänge, und die waren zugezogen. Von wegen Schatten, gar nichts. Aber Montag sah er die Frau mit dem Kind. Sie kam über den Hof. Rüdiger stand bei den Mülltonnen. Nach kurzem Zögern grüßte er zuerst, obwohl sie seine Tochter hätte sein können. Andererseits, als Frau, und er wollte nicht unhöflich sein, grade bei denen - sie konnten ja nichts dafür. Die Frau nickte wie dressiert. Sie war winzig und blutjung. Das Baby trug sie in einem Gestell auf dem Rücken, es saß nach hinten raus, die Ärmchen wippten überm Rand, und als er ihr hinterherschaute, sah es aus, als winkte ihm das Kind mit beiden Händen zu.
Dass es sich anscheinend um eine kleine Familie handelte, beobachtete er am nächsten Tag hinter seinem Küchenfenster. Sie verließen zu dritt den Seitenflügel, die Frau, das Kind auf dem Arm, und neben ihr der Mann, in einem dunkelgrünen Samtjackett, das nicht billig aussah, und schmalen Halbschuhen. Sie klackten leise auf der Betondecke des Hofes. Später kamen Rüdiger Zweifel. Eigentlich hatten sie nicht ausgesehen wie Vater, Mutter, Kind. Schon wie der Vietnamese alleine vorneweg gelaufen war, schwebend fast und ganz für sich, als wäre er höchstens der Bruder der Frau. Die Zigarettenhändler am S-Bahnhof sahen nicht so zart und zerbrechlich aus, eher wie rauflustige Bauern, mongolisch, ein kriegerisches Kaliber. Rüdiger wusste nicht mehr, ob er die Zigarettenhändler schon rauflustig gefunden hatte, bevor alle Zeitungen schrieben, dass ihre Regierung sie nicht zurückhaben wollte, und wie sie mit Macheten aufeinander losgingen, von den Bandenkriegen und Hinrichtungen vor der Kaufhalle. Oder war es das grüne Samtjackett? Sah der neue Nachbar deshalb anders aus als die Zigarettenhändler, weil er nicht mit Zigaretten handelte? War er eine Art Prinz, auf der Flucht vor den Kommunisten? Wie war das mit den Kommunisten? Hatten die Kommunisten die Amerikaner besiegt und herrschten jetzt? Und die Chinesen? Waren die nicht auch Kommunisten? Weshalb erinnerte er sich dann aber noch an eine unbezahlte Sonderschicht, weil die Chinesen in Vietnam einmarschiert waren?
Rüdiger besaß noch seinen Schulatlas, Gotha 1950, man klappte die Innenseiten auseinander, Thailand, Kambodscha und rechts daneben Vietnam und das Meer. Ein Lexikon, das ihm seine Mutter zur Gesellenprüfung geschenkt hatte, half auch nicht weiter. Eine ganze Seite winzig gedruckten Textes, das Land sei geteilt, viel über Tabak, Kautschuk und Kokospalmen, am Ende etwas von Terrorangriffen der USA. Wie die Sache ausgegangen war, wusste das Buch noch nicht zu sagen.
Nach ein paar Tagen merkte Rüdiger, dass er nicht bloß die Zigarettenhändler am S-Bahnhof mit wacheren Augen zu sehen begann. Auch sein Nachdenken über Kommunisten, Amerikaner, chinesische Akrobaten und seine jahrzehntelang sorgfältig in kleine Hefte geklebten FDGB-Soli-Marken endete immer wieder bei dem neuen Nachbarn. Am späten Vormittag verließ er meistens das Haus, ohne Eile, eher wie ein Spaziergänger, und ohne Zigarette. Er rauchte Marlboro, aber mit Steuerzeichen; Rüdiger entdeckte leere Schachteln im Hausmüll. Wohin zog es den Vietnamesen vormittags um elf? Vertrat er sich vielleicht nur die Beine? Aber wovon bezahlten sie dann ihre Miete? Schien die Sonne und er ging über den Hof, erkannte man von oben schon, wo sein Haar dünner wurde, ein hellerer Kranz am Hinterkopf, der Rüdiger rührte. Nur ein einziges Mal sah er den neuen Nachbarn zusammen mit Landsleuten, drei Männern, die neben ihm untersetzt und verschlagen wirkten, schlecht gekleidet. Zwei flankierten ihn, einer lief hinten, als führten sie ihn ab. Oder waren sie seine Leibwächter und begleiteten ihn zu einem Geschäftstermin? Das Bild verstörte Rüdiger. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, wie der Mann das Kind gezeugt haben sollte - darauf lief eigentlich alles hinaus. Warum hörte er niemals Gestöhne von nebenan, wenn er bei Nacht leise sein Fenster öffnete? Er stand oft dort in seiner dunklen Küche. Gegenüber im Vorderhaus wohnten Studenten. Sie hatte fette Schenkel und wallendes rotes Haar, er war eher still und dünn. Manchmal ritt sie auf ihm, schrie und lachte; von ihm kam kein Mucks. Einmal hatten sie Besuch, ein Mädchen, das ein bisschen wie ein Junge aussah, und sie machten es zu dritt.
Daneben das Ehepaar Wimpel, die Frau drehte sich zum Schlafen zur Wand, und er onanierte auf dem Klo. Zusehen konnte man ihm nicht, weil er immer das Licht ausknipste, drei, vier Minuten. Dann zog er die Spülung. Aber dass er im Dunkeln schiss, hielt Rüdiger für unwahrscheinlich. Als die Frau einmal nach Harzgerode zur Kur war, brachte er jeden Nachmittag eine Arbeitskollegin mit. Sie blieb nie länger als bis halb sieben. Dass sie eine Arbeitskollegin war, wusste Rüdiger von der Diebelschütz. Die spitzte ihre Lippen, sobald der Klatsch schlüpfrig wurde, und erinnerte Rüdiger dann noch mehr an seine Mutter. Manche Nacht schien etwas in der Luft zu liegen. Aus vier, fünf Wohnungen zugleich flatterten die Seufzer raus ins Freie. Paarungszeit. Er gönnte den Leuten ihren Spaß. Aber wenn er an die Stille nebenan dachte, war er nicht sicher. Hätte er gerne etwas gehört, mit Erleichterung? Oder war es besser so? (...)

 
 


© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach