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Moritz Pirol

Hahnenschreie

Ein Mosaik

Gebunden, 152 Seiten
17,50 € (D)
ISBN 3 935596 23 5

Pressestimmen

Leseprobe

  Pirol


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Fakten und Fantasmen - Geschichten über ein Mehrfachleben

Was hat ein Exhibitionist in der Sahara mit mittelmäßigen Opernsängern an deutschen Bühnen gemeinsam? Was haben sich ein legasthenischer Freak und Fritz J. Raddatz zu erzählen? Was ist lustiger: Ein Abend mit Boy Gobert oder die Beerdigung von Hubert von Meyerinck? Moritz Pirol hat eine faszinierende Mischung aus Freundschaften und Strichererlebnissen, fernen Ländern und deutschem Alltag, kulturellem Wissen und subkulturellen Erlebnissen zusammengetragen. Was auf den ersten Blick wie eine Collage aus kurzen Essays, Tagebucheinträgen und Briefen wirkt, entpuppt sich schnell als durchkomponierter Text, dessen Motive verblüffend gegensätzliche Lebensbereiche durchziehen.

Der Autor wird bei einem Thailand-Aufenthalt von einer Idee "überfallen": von der "Aufforderung, eine Art Saga zu schreiben, die sich aus den unvereinbar scheinenden Kontrasten einer zeitgenössischen, warum nicht auch meiner eigenen Biografie komponiert; nicht einfach das Doppel-, sondern das vielschichtige Mehrfachleben eines konventionell kultivierten und landläufig puritanisch verschreckten Intellektuellen; nach Saga-Art würden Fakten und Fantasmen miteinander verwoben, indem authentische Inhalte sich in fingierten Formen präsentierten." Mit anderen Worten: so etwas wie "Die Suche nach der verlorenen Zeit" in moderner Gestalt. Wer sich auf diese originelle Schreibweise einlässt, erlebt einen hochgradig unterhaltsamen, alltags- und bildungsgesättigten Text, der Erlebnisse aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verarbeitet.

Moritz Pirol wurde in den 40er Jahren geboren. Erst der Dreijährige fängt an zu sprechen, der Zehnjährige schenkt seiner Mutter einen eigenen Gedichtband, der Dreizehnjährige schreibt einen Schwank für sein Schultheater. Die weitere Entwicklung verläuft ebenso rasant: germanistische Dissertation, Bühnenstücke, Rundfunk- und Fernsehstücke, Übersetzungen, Essays und Vorträge folgen. In den letzten Jahren verlagert sich die literarische Tätigkeit ganz in den Bereich erzählender Prosa. So entstehen "Hahnenschreie" I + II, "Liebesbrief an fremden König" und "Nach oben offen. Reflexe". Moritz Pirol lebt in Hamburg.


Pressestimmen

Eine anspruchsvolle, aber lohnende Lektüre.
Box März 2004


Budivoj

Schon am ersten Abend einer hochtemperierten August-Exkursion in die nördlichen Ausläufer der Sahara sitzt Yan auf der sehr durchgelegenen und ominös gesprenkelten Bettstatt seiner kargen Kammer in einer Herberge, die sich hochtrabend als Hôtel de l'Oasis bezeichnet, aber wohl eher eine vormalige Karawanserei ist, und macht sich, bei Kerzenlicht und von großen gesprenkelten, reglos aufmerksamen Salamandern an den kahlen, gesprenkelt getünchten Zimmerwänden observiert, einige Notizen für sein Reisetagebuch. Später soll daraus ein Radio-Feature werden.

Aber die heutigen Notizen bleiben unveröffentlicht:

Von Zarzis, im Golf von Gabes, der später weltpolitisch so brisanten Kleinen Syrte, nahe der libyschen Grenze, vielleicht gar des legendären Atlantis gelegen, fahre ich per Omnibus nach Nefta und Tôzeur, den beiden Zwillings-Oasen im Bled El Dscherîd, jenem für seine nachmittäglichen Fata Morganas so berühmten Isthmus zwischen dem geologischen Graben des Schott El Dscherîd und seinem parallelen Gegenstück im Schott El Rharsa, das sogar noch unterhalb des Meeresspiegels liegt.

In den Senken dieses Tieflands verläuft sich das klassische Europa: hier liegt die südliche Begrenzung der römischen Provinz Africa und des Imperium Romanum überhaupt; hier ist das Ende der Welt.

Heute ist hier wahrhaft nichts mehr europäisch. Heute leben hier überwiegend dunkelhäutige und stark arabisierte Berber. Das Klima ist absolut saharisch, die Landschaft ist es, sobald man das numidisch-römisch-arabisch gesprenkelte Gafsa hinter sich läßt, nicht minder: jedenfalls für meine europäisch exotischen Augen, europäisch anachronistischen Begriffe und Kategorien.

Den Kartografen zufolge ist das hier zwar nur die sogenannte Berberei, also der Übergang vom Sahara-Atlas im Norden zur sehr viel weiter südlich erst vollends und unerbittlich zuschlagenden Haupt- und Staats-Sahara. Aber rechts und links der vollkommen einsamen, vollkommen pfeilgeraden Autopiste erstreckt sich bereits schier endlos ausgedehnte sandige Ebene. Sie gehört schon zum Dscherîd und sieht makellos just so aus wie die Sahara meiner Kindheitsfantasien. Hier wächst, so scheint unsereinem, nichts mehr. Hier lebt überhaupt, so scheint mir, nichts mehr. Ich sehe nur Sand und Steine und Salzkruste, am fernen saharischen Horizont gelegentlich die dünenhaften Erhebungen eines nicht minder saharischen Dschebel, neben der Straße mitunter das saharisch ausgetrocknete Flußbett eines Oued und überall saharisch schwirrende Hitze, saharisch tanzende Luft. Bald bin ich völlig, wiewohl ja noch Vormittag ist, auf eine erste saharische Fata Morgana gefaßt, nein: erpicht.

Schon glaube ich, tatsächlich eine zu erblicken. Aber das ist denn doch noch keine Fata Morgana, sondern ein veritabler Wegweiser, mitten in der Wüste, an einer Straßengabelung, wo ein falsches Abbiegen zweifellos die allerfatalsten Folgen hätte. Dieser Wegweiser ist eine solche Sensation in der hiesigen Einöde, daß ich den Busfahrer anzuhalten bitte. Ich fotografiere Gudrun vor der Kulisse dieses unglaubwürdigen Schildes, das mich doppelt, in arabischer und französischer Sprache und Schreibweise, darüber informiert, daß Kairo, Le Caire, von hier aus zweitausendfünfhunderteinundneunzig Kilometer hinter uns liege; bis Tripolis hingegen seien es nur noch zweihundertfünfundsechzig Kilometer zurück. Von eventuell näher gelegenen Ortschaften, gar vor uns, ist auf diesem fabulösen Wegweiser nicht mehr die Rede. Das ist bei einer Temperatur von mittlerweile 56 Grad Celsius nur noch so zu verstehen, daß einzig 265 Kilometer hinter uns, in Tripolis nämlich, der nächste lebende Mensch anzutreffen sei. Denn hier und vor uns, in dieser leeren Landschaft, die unser Omnibus in so verzweifelt anmutender Tapferkeit weiter durchhastet, als befände er sich auf einer Flucht um Leben oder Tod: hier kann es mit Sicherheit keinen Überlebenden mehr geben.

Und doch: plötzlich sehe ich einen, einen einzelnen Mann, weit vorn am rechten Straßenrand stehen. Unser Omnibus rast auf ihn zu. Der Mann schaut uns entgegen, scheint uns zu erwarten. Will er mitgenommen werden, in dieser unbarmherzig schattenlosen Mittagshitze? Ist er ein just verdurstendes Opfer der Sahara? Oder nun doch endlich die ersehnte Fata Morgana: in Mannsgestalt?

Nein, sehe ich beim Näherkommen, auch diesmal ist es keine Fata Morgana. Es ist ein Berber, ein wiederum ganz veritabler Hirte, von ein paar ebenso veritablen Schafen und Ziegen umgeben, die so gesprenkelt und gescheckt wie weiland Jakobs Herde sind, die er dem Schwiegervater Laban in solcher Landschaft abgelistet; rührend optimistisch suchen sie hier den gnadenlos krustigen Boden nach Futter ab.

Aber die sehr gespannte Aufmerksamkeit ihres Hüters ist ganz von ihnen fort, ganz auf den heranrasenden Omnibus gerichtet. Wie oft mag hier auch ein solches Fahrzeug vorüberkommen? Ist es vielleicht das erste, das dieser Mann zu Gesicht bekommt? Ist er darum so fasziniert von uns?

In so weltfremde, in so überhebliche Romantik versteigt sich meine Fantasie.

Wir rasen auf ihn zu.

Aber in jenem einen kurzen Augenblick dann, in dem unser Bus an diesem einsamen Berberhirten vorbeijagt, erkenne ich, im vorüberflitzenden Bruchteil einer Sekunde, daß er uns, mitten in diesem quasisaharischen Dscherîd, seinen völlig enthüllten, seinen nackten, seinen bloßen und jäh erigierten Phallos entgegenstreckt - seinen unglaubhaft dunkel ragenden arabischen Hirtenschwanz.

Also doch eine Fata Morgana?

Nein: ein Exhibitionist. Ein Exhibitionist in der Sahara.

Mein erster Reflex ist Unglaube, mein zweiter eine irrationale Solidarität mit diesem einsamen Mann. Ich fraternisiere mit ihm. Er ist mein Bruder im Fleische, sofort.

Und unverzüglich stelle ich mir vor, wie lange er oft warten muß, bis hier ein Fahrzeug mit potentiellem Publikum für seine Schau des Weges kommt - tagelang, wochenlang. Dann endlich sieht er es am Horizont auftauchen, sich in der saharisch tanzenden Luft der saharisch schwirrenden Hitze kristallisieren und nähern. Wenige Minuten bleiben, bis das Fahrzeug vorübergerast und alles wieder vorbei und wieder so leer und einsam ist wie vorher.

Einzig in diesen wenigen Warteminuten bekommt das Leben dieses Einsiedlers eine Spannung, einen Bezugspunkt, einen Partner, eine Art Sinn. Die seltene Chance, gesehen zu werden, zur Kenntnis genommen, wahrgenommen, beachtet und registriert zu werden - und zwar von einer hellblonden fetten Riesen-Schwedin mit schwappenden schwitzenden sommersprossigen Mammut-Titten, einem wabbeligen Enakiterinnen-Arsch und feuerrot wucherndem Buschwerk: das beflügelt ihn, das löst bei 56 schwedischen Celsius-Graden so viel Erwartung und Freude in ihm aus, daß sein bislang verklebter, dumpf und muffig verschrumpelter, stumpfer kleiner Stummel plötzlich aufwacht, in die Luft geht und hochknallt, aus der Dschellabah platzt. Er will gesehen werden, von dieser Elchstute Edda aus Jukkasjärvi - und wenn schon nur einen Augenblick lang, dann wenigstens so auffällig, so knallig und direkt wie möglich, ohne langes Brimborium, ohne Menkenke. Er baut sich auf. Die Spannung steigert sich rasend schnell und kulminiert. Dann zuckt das Fahrzeug vorüber. Die Spannung explodiert.

Der Berber kann nicht wissen, ob das skandinavische Monster Edda aus Jukkasjärvi diese Darbietung seiner Hingabe überhaupt zur Kenntnis nimmt. In unserm Omnibus gibt es auch gar kein solches Monster. In unserm Bus nehmen ihn nur zwei ältliche, diätetisch ausgemergelte und bis zum Lachverbot geliftete Amerikanerinnen einzig mit prüden Stößen ihrer spitzen Ellenbogen in die mageren nachbarlichen Rippen und mit puritanisch empörtem Wegschauen zur Kenntnis. Er aber, er glaubt fest und unerschütterlich an seine dicke Edda in unserm Omnibus.

Und einen Augenblick lang ist er nicht allein.

Dann heißt es wieder warten.

Zwar fickt der Hirt inzwischen seine jakobisch gesprenkelten Schafe und Ziegen, aber die halten nur still und nehmen ihn überhaupt nicht zur Kenntnis; sie sehen ihn nicht - mit zum Beispiel hellblau belustigten, vergleichenden und anerkennenden Glubschaugen aus Jukkasjärvi.

Unser Bus rast weiter durch die saharisch schwirrende Hitze, durch die saharisch tanzende Luft ...

Mir fällt ein Bariton ein, den wir an der Wiesbadener Oper haben, jener vielseitige und virile Sänger, der fast allabendlich auf der Bühne steht, aber immer nur mit kleinen, bestenfalls mittleren Partien: dem so brüdersuchenden Minister in "Fidelio", dem Heerrufer in "Lohengrin", dem Geisterboten in "Die Frau ohne Schatten". Und wenn er je einmal, in Gottes Namen, auch bedeutender exponiert wird, weil sein Vertrag ihm das juristisch ertrotzt, dann singt er da allenfalls den Giannino in "La Diavolessa" von Baldassare Galuppi oder halt jenen Budivoj, Befehlshaber der Wache am Hofe Wladislaws II. von Böhmen, zwischen dem ungleich tragenderen Titelhelden Dalibor, der nach seinem Herzens- und Busenfreunde Zdenko schmachtet, und jener Milada, die sich fideliohaft und effektvoll als Knabe verkleiden muß: inmitten derlei ist dann auch der justiziable Budivoj nur noch ein Nichts.

Solche Budivoj-Sänger sind gleichwohl jenes Salz der Erde, ohne das in einem Opernhaus gar nichts gedeiht. Doch in ihrer eigenen Seele stellt sich das anders dar. Schmerzhaft fühlen sie, daß sie nicht geliebt, daß sie ungerechter Weise mißachtet werden.

Darum wundert es mich weniger als die andern Mitglieder der Wiesbadener Intendanz, als eine vertrauliche Mitteilung der Polizei uns darüber informiert, daß besagter Bariton wiederholt im sonst so gepflegten Kurpark auffalle, wo er sich ahnungslosen, gar minderjährigen Passanten in schamloser Weise als Exhibitionist zur Schau stelle.

So groß ist die Not eines Menschen, der sich zeigen will, aber nicht gesehen wird. Im Kurpark einer hessischen Rentner- und Regierungsstadt ist das nicht anders als in der Sahara, und dieser Sänger muß weg.

Der Hirte kann bleiben. Denn unser Bus rast an ihm vorbei und weiter: durch die saharisch schwirrende Hitze, durch die saharisch tanzende Luft ...

Am späten Nachmittag richtig zeigt sich dann endlich auch eine echte Fata Morgana: ein riesiger See inmitten der Wüste, auch quer über den verschwimmenden Asphalt der Straße hinweg - ein unermeßlicher Augentrost ... ein unerreichbares, stetig verweigertes Labsal, das ewig zurückweicht ... ein Land Orplid, das wirklich nur ferne leuchtet ...


Yan gibt Gudrun diese tunesischen Tagebuchaufzeichungen zu lesen.

 
 


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