John Preston
Den Jungs geht's gut
Geschichten aus Provincetown
Deutsch von Volker Oldenburg
Klappenbroschur, 160 S., EUR 14,00
ISBN 987-3-939542-30-8
Pressestimmen
Leseprobe
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Niemals die Wut verlieren!
Dieses Buch, das in den USA erstmals 1983 veröffentlicht wurde, ist ein Rückblick auf die schwule Geschichte Amerikas. Die Handlung erstreckt sich von den 1950er bis in die Mitte der 1990er Jahre. Ort des Geschehens ist Provincetown, ein Ferienort, an dem schon seit Jahrzehnten viele Schwule den Sommer verbringen. Franny, eine "auberginenförmige Transe" und Mittelpunkt der Ereignisse, lässt sich in mittleren Jahren in "P-Town" nieder, um sich darum zu kümmern, dass es "ihren Jungs" gut geht, den vielen unerfahrenen jungen Schwulen, die von überall her anreisen.
So entsteht ganz zwanglos eine Geschichte der frühen amerikanischen Schwulenbewegung, eine zusammenhängende Sammlung von Episoden, die Preston jeweils aus der Perspektive der Protagonisten erzählt: vom Widerstand gegen das polizeiliche Verbot, dass zwei Männer miteinander tanzen, von ersten schwulen Arbeitsplätzen, von wütenden Jungen und versoffenen Alten. Er erzählt, wie manche auf der immerwährenden Party des schwulen Nachtlebens die Orientierung verlieren, und auch, dass man nicht schön und klug sein muss, um von den anderen geachtet zu werden. In einem Nachtrag beschreibt Preston den Einzug von Aids in diese schöne schwule Welt, ein großartiges und erschütterndes Stück Literatur, auch wenn dieser Text durch Prestons Tod unvollendet blieb.
"Den Jungs geht's gut" ist ein ur-amerikanischer Roman. Er ist Ausdruck des Glaubens, dass es für Menschen jeder Art eine "Community" gibt, die ein wenig Sicherheit in diesem chaotischen Leben garantiert und wo Menschen füreinander einstehen. Ein Buch wie ein Hollywoodfilm mit Helden, Tränen und ein bisschen Gerechtigkeit. In Amerika seit langem ein Klassiker, in Deutschland noch zu entdecken.
Franny gehört in eine Kategorie von Büchern, die in gewisser Weise darauf abzielen, sich selbst obsolet zu machen - und ich glaube, genau deshalb sind sie alles andere als obsolet, sondern verdienen einen festen Platz im schwulen Literaturkanon.
(Michael Lowenthal im Vorwort)
John Preston wurde in den 1950er Jahren in Medfield, Massachusetts geboren. Er begann seine Schriftstellerlaufbahn als Autor pornografischer Erzählungen in schwulen Monatsmagazinen, die ihn zwar als "Mr. S/M" schnell berühmt machten, aber auch als "Schmuddelkind" des schwulen Literaturbetriebs abstempelten. Als Mitherausgeber des renommierten "Advocate" und Herausgeber zahlreicher Anthologien erwies er sich in den späten 1980er Jahren als einer der fruchtbarsten schwulen Publizisten Amerikas. Preston starb 1994 an den Folgen von Aids.
Meilenstein-Literatur.
Rolf G. Klaiber in Rik
Die Aussage: Für jeden Menschen gibt es eine "Community", die ein wenig Sicherheit im Chaos verleiht. Eine Utopie? In Provincetown wurde und wird sie noch heute gelebt.
Spartacus Traveler
Witzig, amüsant und tragischkomisch erotisch. Herrlich!
Mario Reinthaler in Xtra
Der Autor John Preston hat seine Seele in dieses Buch hinein gelegt und muss sich beim Schreiben die Augen ausgeheult haben. Heute rührt Franny vielleicht nicht zu Tränen, aber sie macht klar, dass es uns hier und heute verdammt gut geht.
Männer
Unbedingt lesen!
Blu
Ein mittlerweile klassisches Stück Ermutigungs-Literatur, frisch und sehr unterhaltsam.
Fabian Kaden in Neues Deutschland
Durch die wechselnde Figurenperspektive sehr direkt und emotional.
Siegessäule
Ein Klassiker.
Box
Franny & ihre Jungs (die 1980er)
ISADORA:
In dem Sommer, als der Professor starb, beschloss ich, mich zur Ruhe zu setzen. Ich hatte mehr Geld als nötig, und ich stellte es mir nett vor, wie eine Lebedame auf der Veranda zu sitzen, Daiquiris zu schlürfen und mir die Männer anzusehen, die vorbeikamen. Ich war zwar nicht mehr die Jüngste, aber ich erntete immer noch jede Menge Blick, und außerdem fand ich, dass es langsam Zeit wurde, nicht dauernd durchs ganze Land zu hetzen. Ich hielt es für eine gute Idee, ein bisschen kürzerzutreten und mich von den Kerlen erobern zu lassen, solange sie noch hinter mir her waren.
Ich kaufte mir auch ein Haus in Provincetown. An den Sommernachmittagen saß ich mit Franny auf dem Balkon vom Crown and Anchor, und sie schleifte mich zum Tanztee ins Boatslip. Die Sommer waren schön mit Franny.
Allerdings kriegten wir uns ziemlich oft in die Haa-r-e – wegen dem jungen Gemüse. Ich fand, dass sie ein bisschen träge wurden und sich zu sorglos verhielten. Das Leben machte es ihnen zu leicht. Ich hatte Sorge, dass sie den Kampfgeist verloren.
Sie interessierten sich nur noch für Klamotten, ihre Muskeln und ihre Freunde, mit denen sie jetzt Hand in Hand auf der Straße gehen konnten. Ich machte mir einfach Sorgen, dass sie unvorsichtig wurden. Franny sagte nur: «Ach, Isadora, um meine Jungs brauchst du dir keine Sorgen machen. Denen geht‘s prächtig.»
FRED:
Ich ging mindestens zweimal am Tag an dem Haus vorbei, auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Rückweg. Franny saß fast immer auf der Veranda. Meine Mitbewohner und ich amüsierten uns oft darüber. Er war immer am Stricken. Also verpassten wir ihm den Spitznamen Madame Lafarge. Außerdem fiel mir auf, dass er unglaublich viele Kaftane besaß. Er musste für jeden Tag der Saison einen haben - gemusterte, einfarbige, gestreifte und was weiß ich nicht alles -, alle in grellen Farben, die das Sonnenlicht einfingen, das sich auf dem Wasser brach. Im ersten Sommer redeten wir nicht miteinander. Wir nickten uns bloß zu, wie es Leute tun, deren Bekanntschaft einzig darin besteht, dass sie sich oft begegnen.
Im Jahr darauf kam ich wieder nach Provincetown. In diesem Sommer war meine erste Begegnung mit Franny auch das erste Mal, dass er mit mir sprach. Er saß wie immer in seinem Schaukelstuhl. Er rief mir zu und bat mich, auf die Veranda zu kommen. Ich dachte, er wolle mir nur Hallo sagen und mich im Ort willkommen heißen.
Als ich auf der Veranda stand, streckte er die Arme aus und strich mit seinen kleinen Händen über meine Schenkel und befühlte meine Brust. Es war wie eine Untersuchung.
"Wo hast du bloß die vielen Muskeln her?", fragte er. "Letztes Jahr warst du noch dürr wie ein Gerippe."
Ich kicherte verlegen und gab nicht ohne Stolz zu, dass ich trainiert hatte. "Ich glaube, ich wollte einfach kein spilleriger Schwächling mehr sein, auf dem alle rumtrampeln."
Wir plauderten noch eine Weile, dann ging ich zur Arbeit. Ich hielt die Sache für erledigt. Aber am nächsten Tag rief er mich wieder zu sich und erkundigte sich nach meinem Trainingsprogramm. Es war mir peinlich, darüber zu sprechen, es klang ein bisschen zu narzisstisch, ihm jede Übung im Detail zu schildern. Aber er ließ nicht locker, und ich beschrieb ihm die Sit-ups, die Klimmzüge, Liegestütze, das Lauftraining und was ich sonst noch so machte. Er bemerkte mein Unbehagen und lachte nur noch mehr über mich: "Warum ist es dir denn peinlich, dass du dir einen schönen Körper zulegst?"
Am dritten Tag blieb ich von selbst stehen, um mich mit ihm zu unterhalten. Neben dem Schaukelstuhl stand ein großer Pappkarton. "Das ist ein Geschenk für dich", sagte er. "Joshua - er wohnt ein Stück die Straße runter - hat sich ein paar schicke neue zugelegt. Kein Grund, die hier verkommen zu lassen." Er klappte den Karton auf, und darin lag ein alter, aber noch brauchbarer Satz Hanteln. Eigentlich waren es Anfängerhanteln, aber trotzdem besser als die, die ich bisher gehabt hatte. Er sagte: "Wenn das dein Ding ist, dann mach's auch richtig." Damit war das Gespräch beendet.
Von da an erkundigte er sich regelmäßig nach meinen Fortschritten. Wie viele Kilos ich inzwischen stemmte, ob ich mich vernünftig ernährte, wie viel ich jetzt wog. Er hatte in der Zeitung ein paar Artikel über Kraftsport gelesen und sie für mich ausgeschnitten - lauter gute Tipps und Trainingsratschläge. Zum Ende der Saison kam er sogar einmal zu mir nach Hause und sah mir beim Training zu, trieb mich an, nicht nachzulassen und meine Muskeln bis zur Grenze des Menschenmöglichen aufzubauen.
Anfang September, kurz bevor ich zurück nach Boston fuhr, fragte ich ihn schließlich, warum er sich so für meinen Sport und meine Muskeln interessierte, wo das doch so fern von all seinen anderen Interessen zu sein schien.
FRANNY:
Ich weiß, dass du es tust, damit du dich gut fühlst und gut aussiehst. Daran gibt's auch gar nichts auszusetzen. Ich find's toll, dass du die anderen mit deinem Körper scharf machst. Aber eigentlich will ich, dass die Heteros einen Schwulen mit dicken Muskeln sehen. Sie sollen es sich zweimal überlegen, bevor sie sich mit einem von euch anlegen. Es wird ihnen guttun, wenn sie zur Abwechslung mal ein bisschen Schiss vor einem Schwulen haben.
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