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Joachim Bartholomae (Hg.)

Prinzen unterwegs

Ein Lesebuch

kartoniert,
256 Seiten,
14,90 EUR

Ladenpreissenkung: ab 23. September 2010 EUR 10,00

ISBN: 978-3-939542-11-7


Pressestimmen

Leseprobe

 


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Heute Nacht im Dschungel

Wenn es dunkel wird, ist alles anders. Egal ob aus Unternehmungslust, oder einfach, um den Frust des Tages loszuwerden, machen die Männer und Jungs sich auf den Weg: Irgendwo da draußen tobt das Leben, man muss es nur finden. Und auch, wer "eigentlich" nur ein Bier trinken will, ist gespannt auf neue Gesichter, auf den Prinzen, der einem vielleicht gerade heute über den Weg läuft. Die Kneipe, Disco, Bar ist noch immer ein mystischer Ort, auch wenn man heute nicht mehr an der Tür klingeln muss, um eingelassen zu werden. Viele Geschichten haben an einem solchen Ort ihren Anfang genommen.

So schleicht sich der Schüler Benson mit seinem besten Freund im England der 1950er Jahre heimlich auf eine Privatparty, der Werbemann Carl sitzt genervt am Tresen, als plötzlich François neben ihm auftaucht, Kischnitz zieht es Nacht um Nacht in die Kneipe mit der "Negermusik", und Corey betritt mit fast dreißig Jahren zum ersten Mal eine schwule Disco - diese und elf weitere Erlebnisse werden in "Prinzen unterwegs" geschildert. Es ist einfach großartig zu lesen, was auf solchen Streifzügen alles passieren kann.

"Prinzen unterwegs" ist ein Lesebuch, zusammengestellt aus Romanen von Michael Carson, Victor Aadlon, Walter Foelske, Larry Ebmeier, Lutz Büge, Detlev Meyer, Joseph Olshan, Peter Tschiche, Christopher Isherwood und anderen - Highlights aus 15 Jahren Männerschwarm Verlag im Fokus eines Themas, das den Verlegern besonders am Herzen liegt.


Pressestimmen

... illustriert der Band in seiner eleganten thematischen Beschränkung die Vielfalt der Möglichkeiten, auszugehen, und gleichzeitig derer, darüber zu erzählen. Dafür kann man(n) gut und gerne mal einen Abend im Lesesessel bleiben.
Paul Schulz in Siegessäule

Ein Glücksfall! Herausgeber Joachim Bartholomae ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten gelungen, die Spaß macht, weil sie etwas für Herz und Verstand ist.
Du & Ich

Die gewählten Texte bilden ein "Best of" aus den Männerschwarm-Veröffentlichungen, die man gerne und mit Vergnügen auch ein zweites Mal liest.
Siegfried Straßner in Blu Nürnberg

Dem Männerschwarm Verlag ist es tatsächlich gelungen, die anspruchsvollsten schwulen deutschsprachigen Autoren bei sich zu versammeln. Die jetzt neu herausgebrachten alten Geschichten sind eine gute Visitenkarte für den Verlag und ein prima Einstieg in das Werk der Autoren.
Sirko Salka in Männer


Leseprobe

aus: Michael Carson: Das klebrige Glück

Sie verließen das Haus um sechs und nahmen einen Bus, um zu dem Haus zu gelangen, in dem die Orgie stattfand.

Benson hatte gar nicht aufbrechen wollen, und Clitherow hatte ihn regelrecht aus der Küche loseisen müssen.

"Sie mögen dich. Das merke ich sofort."

"Wirklich?" fragte Benson und fühlte sich ungeheuer geschmeichelt. "Ich mag sie auch. Mensch, du bist ein Glückspilz."

"Vermutlich hast du recht. Alles in allem sind sie nicht übel."

"Nicht übel! Sie sind wunderbar. Es gibt nichts, das du ihnen nicht erzählen kannst. Ach, ich wünschte, sie wären ..."

Er beendete den Satz nicht. Er hatte sagen wollen, er wünschte, sie wären seine Eltern. Das stimmte zwar, aber es hätte nach einem Verrat an Mama und Papa daheim geklungen.

"M"gen sie Bob Dylan?" fragte er stattdessen.

"Mama ja, aber Papa kann seine Stimme nicht ausstehen. Aber beide sind sie verrückt nach Joan Baez."

"Mann!" sagte Benson.

Sie saßen im Oberdeck des Busses in der allerersten Reihe und schauten aus dem Fenster.

"Zigarette?" fragte Clitherow.

"Ich hätte nichts dagegen."

Benson wurde erst wieder beklommen zumute, als der Bus sie in einer begrünten Straße zurückließ und Clitherow mit den Worten "Es müsste die erste Straße links sein" voranging. Fünf Minuten später bogen sie in die Einfahrt eines Hauses, das dem der Clitherows ziemlich ähnlich war. Clitherow ging geradewegs zur Tür und klingelte.

Ein mit Sportzeug bekeideter Mann mittleren Alters kam an die Tür.

"Kann ich euch helfen?" fragte er.

"Ja, Tim Edgar sagte, wir dürften kommen."

"Ihr kennt Tim Edgar gut?" fragte der Mann und säuselte dabei wie Andy.

"Ja. Sehr gut."

"Dann kommt rein."

Benson folgte Clitherow in die Halle. Dort lagen Berge von Kleidungsstücken auf dem Fußboden.

"Das macht fünfundzwanzig Shilling!"

"Für uns beide?" fragte Clitherow.

"Für jeden." Der Mann sah den erstaunten Blick von Clitherow und fügte hinzu: "Weißt du, Schätzchen, wenn es nach mir ginge, würden knackige Typen wie ihr umsonst reinkommen, aber Regeln sind Regeln. Nun ja, im Preis sind immerhin zwei Bier eingeschlossen. Alles andere ist umsonst."

Benson hatte gerade flüstern wollen: "Lass uns gehen!", tat es dann aber doch nicht, denn Clitherow zückte eine Fünfpfundnote und reichte sie dem Mann, der jedem von ihnen ein Handtuch gab. "Lasst eure Kleider hier. Seid unbesorgt, ich bin die ganze Zeit hier und passe auf."

Sie begannen, sich auszuziehen. Unterdessen ging ein fetter alter Mann durch die Eingangshalle. Er war nackt, und das weiße Fleisch hing wie Mehlbeutel an ihm herunter. Er schürzte die Lippen, als er sie sah, und sagte: "Hallo Jungs!" Dann verschwand er durch die Tür zur Rechten.

Clitherow schaute Benson an und gab ein Schnauben von sich.

Benson band sich das Handtuch um, bevor er Hemd und Unterhemd auszog. So machte er es immer, und er war leicht schockiert, als er sah, wie Clitherow sich bis auf die Haut auszog und das Handtuch lässig über die Schulter warf.

Benson registrierte, dass Clitherow sehr gut gebaut war und schwarzes, glattes Schamhaar hatte. Ihm wurde bewusst, dass er Clitherow bislang noch nie auch nur flüchtig nackt gesehen hatte.

Clitherow beobachtete, wie Benson die Socken auszog und dabei die ganze Zeit das Handtuch umbehielt. Er langte hinüber und riss ihm das Handtuch weg, wodurch er Bensons Erektion enthüllte.

"Ach, du meine Güte!" sagte er.

Benson brachte das Handtuch wieder an seinen Platz und warf Clitherow einen vernichtenden Blick zu.

Immer noch nackt, strebte Clitherow auf die Tür zur Rechten zu, und Benson folgte ihm. Sie kamen in einen Raum, in dem mehr als zwanzig Männer nackt und in verschiedenen Stadien der Auflösung umherstanden und Bier aus Flaschen tranken. Das Stimmengewirr wurde leiser, als die Männer die Neuankömmlinge erblickten. Clitherow ging zum Tisch hinüber und bat einen jungen Mann um zwei Bier. Eines gab er Benson, der als Einziger im Raum ein Handtuch umhatte.

"Nimm um Himmels willen das Handtuch ab!" flüsterte er.

"Ich ... ich kann nicht", flüsterte Benson zurück.

Er kippte das warme Bier hinunter und kam schließlich Clitherows Aufforderung nach. Er bemerkte, dass es eine Tür gab, durch die ein ständiges Kommen und Gehen war. Clitherow hatte die Tür schon gesehen und drängte Benson mit kleinen freundschaftlichen Stößen auf sie zu.

"Geht dort nur rein, wenn es euch ernst ist", sagte der dicke Mann, den sie vorher in der Eingangshalle gesehen hatten.

Clitherow erwiderte nichts. Er öffnete die Tür und zog Benson mit sich.

Als Bensons Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, das nur vom Licht einer einzelnen Kerze etwas aufgehellt wurde, sah er, dass der Raum voller schemenhafter Gestalten war. Die meisten dieser Gestalten standen entweder gegen die Wände gelehnt oder gingen langsam im Raum umher. Als er versuchte, Clitherow quer durch den Raum zu folgen, fasste ein Mann seinen Penis an und drückte ihn. Er war kurz vor einem Panikanfall, aber die beruhigende Wirkung des Biers und der undeutliche Anblick von anderen Männern in einem vergleichbaren Zustand der Erektion retteten ihn. Er ließ die Hände seitlich herunterbaumeln und sah, dass Männer sich vor ihm aufreihten, um ihn zu berühren. Bald hatte er Clitherow aus den Augen verloren und war, beide Hände voll und über und über von Händen berührt, auf sich allein gestellt.

Er drehte sich um, um die Männer zurückzuweisen, aber er fühlte ihre Hände auf sich, und sie streichelten ihn, bewunderten ihn und flüsterten ihm schmeichelhafte Sätze ins Ohr. Für einen Moment fragte sich Benson: Wie kann ich den "Geliebtesten Freund" in dieser Dunkelheit finden? Aber bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte ein Mann sich vor ihm niedergekniet.

"Pass auf mit den Zähnen!" warnte er den Mann.

Dann hatte er eine Vision von dem gut aussehenden Soldaten auf "Standhaft bis in den Tod", wie dieser sich umdrehte und auf die Szene blickte, die er bewachte. Sein Gesichtsausdruck verwandelte sich in Wut und Verachtung für Benson. "Habe ich dafür etwa mein Leben geopfert?" Und der Wachposten zielte mit seinem Speer ... aber Bensons Penis spannte sich vor Erregung, und er wollte sich nur auf seine Lust konzentrieren. "Dreh dich um und tu deine Arbeit!" befahl Benson dem Soldaten. "Glotz auf die geschmolzene Lava, wenn dir das Spaß macht! Ich bin anderweitig engagiert!" Er konzentrierte sich auf den schemenhaften Anblick der feuchten Schlange; dieser so problembehaftete Teil seiner selbst bewegte sich feucht glänzend und anschwellend in ständigem Wechsel in den Mund des Mannes hinein und wieder heraus, und der Soldat verschwand aus seinen Gedanken. Ich bin sexy, und ich bin ein schwules Arschloch, dachte Benson. Ich -- mit dem Kopf voll Jean-Paul Sartre und dem Katechismus der christlichen Glaubenslehre und den Heiligenfesten und Matthew Arnold, mit Idealen und Geschichtszahlen und Symbolen der amtlichen topographischen Karte und den lateinischen Namen von wildwüchsigen Blumen und schönen Kunstwerken wie "Standhaft bis in den Tod" und dem kompletten Textbuch von Bob Dylan und Simon und Garfunkel und Joan Baez und Judy Collins --, ich bin ein knackiges schwules Arschloch. Und er genoss das Gefühl, das dieser Gedanke ihm einflößte, denn er verscheuchte alle anderen Gedanken und machte ihn leer und bereit für die reine, dahinschmelzende Lust.

Zu schnell war es vorbei.

Der Mann unter ihm zog sich in die Menge der Männer ringsum zurück. Benson erhaschte einen Blick auf sein Gesicht. Er kannte dieses Gesicht und schmunzelte wissend in sich hinein. Dann ging er mit großen, arroganten Schritten im Raum umher und sonnte sich in der Wirkung, die sein immer noch angeschwollener Penis auf die anderen Männer hatte. Er hatte den Eindruck, sie würden alles für ihn tun.

Clitherow traf er wenige Minuten später in dem anderen Raum.

"Amüsierst du dich gut?" fragte Clitherow.

"Mmmm, ja", sagte Benson.

"Lass uns noch ein Bier trinken. Mir werden heute Abend die Augen geöffnet. Ich weiß jetzt, was du meinst! Einige dieser Männer sind echte Experten. Mein Typ nahm seine Zähne raus."

"Nein!"

"Doch! Ich glaube aber nicht, dass ich es gern bei jemand anderem machen würde, und du? Es ist herrlich, es gemacht zu bekommen, aber ich finde es leicht pervertiert, es selbst tun zu wollen."

"Hast du nicht gesagt, man solle sich allem im Leben "ffnen?"

"Ja", räumte Clitherow ein, "aber es gibt Grenzen."

Sie tranken ihr zweites Bier.

"Also, ich würde es dir gern machen, wenn es dir recht ist", sagte Benson ziemlich gelassen.

"Willst du das wirklich?"

"Ja, klar! Du bist schließlich mein bester Freund."

"Dann komm mit. Es gibt einen anderen Raum, der ruhiger ist."

Und Benson folgte Clitherow in diesen Raum. An der einen Seite lag ein Paar auf einer Matratze. Ansonsten war er leer.

Clitherow legte sich auf den Rücken, und Benson legte sich neben ihn. Sie spielten eine Zeit lang miteinander, und Clitherow küsste Benson auf die Lippen. Dann sagte er: "Zeig mir, dass du mein bester Freund bist."

Benson kniete sich über Clitherow und tat sein Bestes.

 
 


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