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Peter Rehberg

Fag Love

Roman

ISBN 3 935596 71 5
kart., 208 S.,
€ (D) 17,00

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

 


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Die Liebe in Zeiten der Globalisierung

Felix ist ein typischer Repräsentant jener Dreißigjährigen, die trotz hoher Qualifikation ohne feste Anstellung und auf der Suche nach einem Leben sind, das sich zu leben lohnt. Die Verwurzelung in der europäischen Kulturtradition ist ihm abhanden gekommen, Bildungsbürgertum rettete schließlich nicht vorm Faschismus. Er muss sich sein Weltbild selbst erfinden, und dazu bedient er sich der Popmusik als tatsächlicher Leitkultur des 21. Jhdts: Lieder für jede Gelegenheit, zum Verlieben und Entlieben. Seine Sehnsüchte sind dementsprechend ein Gemisch aus ganz einfachen, konkreten Bedürfnissen und großem Pathos, das vor keinem Hollywoodkitsch zurückschreckt.

Als ihn ein Job nach New York bringt, verliebt sich Felix sofort in die "schwulste Stadt der Welt", sein Berliner Boyfriend Anton rutscht auf Platz 2 der Prioritätenliste und muss sich mit einer Urlaubsbeziehung begnügen, was auf Dauer nicht gut geht. Als der Traum von einem Leben geplatzt ist, in dem alles möglich scheint und nichts einen Preis hat, rückt plötzlich der Alltag ins Blickfeld. Der Einkauf im Ostberliner Aldi wird für Felix genauso zum Alptraum wie die Kneipenabende in Chicago, wo die Gäste die ganze Nacht nur auf Fernsehbildschirme starren. Während die einen ein Leben abseits jeder Fantasie führen, sind die anderen in ihrer gefangen. Als Felix kurze Zeit später Jack trifft, bahnt sich eine neue Liebesgeschichte an. Der global player hat seine Sehnsucht nach dem Glück zu zweit noch nicht verloren. Gibt es sie also doch noch, die große Liebe? Aber Jack hat ein Geheimnis.

"Fag Love" ist der stilistisch präzise gestaltete Ausdruck eines Lebens, das die postmoderne Popkultur vorbehaltlos bejaht und ihre Versprechungen ernst nimmt. Rehberg beschreibt nicht, sein Text liest sich, als stände Felix mit einem Bier an der Bar und erzählte seine Story. Die Einheit von Sprache und Geschichte erzeugt eine Intensität, die jeden in den Bann zieht, egal, ob man sich mit dem Helden identifiziert oder einem die Sorgen und Nöte dieser Generation bisher nur als plakative Lifestyle-Fragen erschienen sind. Ohne es zu wollen, ist "Fag Love" damit ein klassischer Bildungsroman geworden, der auf zeitgemäße Art seine eigenen Perspektiven auf die Gegenwart entwickelt.

Pressestimmen

Irgendwie cool, nicht in ganzen Sätzen zu schreiben. Oder dann doch wieder nicht. Und nicht eine Geschichte zu erzählen, sondern eher so Gedankensplitter, die dann doch irgendwie ein Ganzes ergeben. So wie die Sache mit Felix eben. Und Sven und Anton und Jack. Die kommen alle ganz originell daher samt den großen schwulen Themen, inklusive Hiv. Da wird Philosophie plötzlich in den kleinen Dingen des Alltags greifbar. Das funktioniert. In "Fag Love" zumindest, zwischen Chicago, New York und Berlin. Und wer Musik für jeden Anlass sucht - besonders von en Pet Shop Boys - , findet am Ende sogar eine Liste.
Martin Weber in Lambda-Nachrichten Juli, August 2006

Felix lebt in New York, verliebt sich in Berlin, doch als er seines Freundes wegen dorthin zurückkehrt, geht die Beziehung in die Brüche. In Chicago geht das Leben weiter. In Chicago geht das Leben weiter. Diesen plötzlichen Umschwüngen vom Glück in die Traurigkeit, von gemeinsamen in einsame Stunden, gibt Rehbergs manchmal bewusst rauer, unebener Sprachfluss eine starke Unmittelbarkeit, vergleichbar den intensiven Handkamerabildern der Dogma-Filme. Die Reise ins Innere der Liebe, der Lust und des Lebens zwischen Sex, Beziehung und moderner Lebensgestaltung wird kontrapunktisch mit diversen Popsongs durchsetzt: Ein Lied kann eine Brücke sein.
Christoph Dompke in Hinnerk 3/2005

"Fag Love" ist schwule Popliteratur vom Feinsten. Die Einheit von Sprache und Geschichte erzeugt eine Intensität, die jeden mitreißt, egal, ob man sich mit Felix identifiziert oder einem die oberflächliche Generation der Lifestyle-Gays auf den Keks geht.
Christian Scheuß in Die Besten

Was soll eine heterosexuelle Frau bei einer Lesung der lesbsichwulen Kulturtage? Zuhören - und feststellen, dass die Gedanken- und Gefühlswelt eines homosexuellen Mannes streckenweise gar nicht so weit von der einer Hetero-Frau entfernt liegt. Um genau zu sein: Peter Rehbergs Gedanken- und Gefühlswelt in seinem Roman "Fag Love", den er Im Göttinger "Roses" vorstellte. ... Bemerkenswert ist vor allem die Intensität, mit der Rehberg seinen Protagonisten Felix die Dinge erleben lässt, sein Nomadendasein zwischen Berlin, New York und Chicago. Die Liebe und die Suche danach, seine Sehnsüchte, Trennungschmerzen, Szeneleben, Freundschaften. ... Und eben auch der Hang zu Romatik und Mut zum Kitsch - immer gerade so, dass es nicht anfängt zu kleben.Allerdings wäre dazu auch gar keine Zeit. Denn die Handlungen, Dialoge, Gedankengänge wechseln rasch und stilistisch treffsicher. Sind gewürzt mit witzigen Passagen wie der Beschreibung, wie schwules Strandleben am Wannsee funktioniert oder der Erkenntnis,dass Hetero-Männer nichts als Sex wollen, wenn sie fragen "Wollen wir was trinken?" Stellten hingegen Homos diese Frage, sei der Sex schon um, und dann ginge es um mehr.
Karola Hoffmann in Göttinger Tageblatt, 1. November 2005

Erfrischend, unverblümt, reflektiert und intelligent.
Egbert Hörmann in Siegessäule

"Fag Love" kann vielleicht als der erste postmoderne Roman gelten, der eine schwule Liebesgeschichte mit einer verhalten experimentellen Sprache erzählt.
Rolf G. Klaiber in Up-Town

Witzig, sexy und intelligent. Außerdem liefert er kluge Einsichten in das (schwule) Leben in Amerika und Europa.
Du & Ich

Eine intensive Lektüre, deren Unmittelbarkeit mitreißt und einem immer wieder die Gretchenfrage stellt: Wie sieht in heutigen Zeiten der totalen Globalisierung die moderne schwule Lebensgestaltung aus?
Männer aktuell

Die Einheit von Sprache und Geschichte erzeugt eine Intensität, die jeden mitreißt, egal, ob man sich mit Felix identifiziert oder einem die oberflächliche Generation der Lifestyle-Gays auf den Keks geht.
Box

Unkonventioneller Liebeskummer-Roman.
Alexander Diehl in taz hamburg


Leseprobe

schneekönig

Aus den ersten Tagen, Wochen, Monaten mit Anton wurden schnell

eins
zwei
drei

Jahre. Hin und her zwischen New York und Berlin, das hatten Anton und ich drei Jahre so gemacht. New York, New York, Berlin, New York. Seine letzte Email bevor ich das letzte Mal im Flieger nach Berlin saß ging so:

Ich freue mich wie ein Schneekönig.

Anton.

Als er dann in Tegel wirklich vor mir stand, sah ich dummerweise, dass das gar nicht stimmte: er freute sich nicht. Sondern stand da noch kaputt von letzter Nacht simsend am Pfeiler rum.

Im Auto drin, redete er nicht wie sonst auf mich ein. Und auch wenn ich die Ruhe nach dem Flug genossen habe, an und für sich ein schlechtes Zeichen. Denn die Anfangseuphorie des Wiedersehens führte bei Anton normalerweise zur Übersprungshandlung des Vielquatschens.
Damals nicht.
Ich durfte reden.
Ich musste reden.
Einer muss ja reden.
Ich war so überrascht, dass mir nix einfiel. So als kannten wir uns gar nicht, als wollten wir uns gar nicht kennen lernen. Als müssten wir uns nur ein Taxi teilen, weil wir zufällig im selben Viertel wohnten und Geld sparen wollten. So wie in New York, von JFK nach Manhattan.

"Du siehst müde aus," sagte ich. Mit so einem Nulldialog konnte ich ja gleich wieder einpacken. Immer wenn Anton die Arbeit des Quatschens am Anfang nicht übernahm, ging es einfach nicht. Ich konnte das nicht. Ich konnte das nicht mit ihm. Er nur, wenn ers selber machte. Er wollte aber nicht.
"Ich war aus."
"Weil ich so aufgeregt war."
"Dass du kommst."
Süße Antwort eigentlich.
Aber ich glaubte kein Wort.

Im Radio lief die neue Single von den Pet Shop Boys. "Ich habe zwei Karten fürs Konzert morgen Abend," sagte Anton und gab mir schnell einen Kuss. Ich hatte zwar Always On My Mind* als Maxi Single seit zehn Jahren im Umzugskarton bei meiner Mutter im Keller liegen, aber im Prinzip die Pet Shop Boys erst zusammen mit Anton entdeckt. In dem Sommer, als wir uns in der Sauna getroffen hatten. Zur Begrüßung heute in Berlin lief Home and Dry* im Radio. Hatten die Pet Shop Boys extra für uns geschrieben:

There's a plane at JFK to fly you back from far away all those dark and frantic transatlantic miles

Anton und ich. Seit drei Jahren ein Paar. Dreimal im Jahr flogen wir hin und her. Hatte ich was nicht mitgekriegt beim letzten Mal? Wann das war. Im Januar in New York. Jetzt war Mai. Die letzte Nacht zusammen im Flughafenhotel, Holiday Inn. Weil Antons Flug überbucht war und er sich immer wie ein Schneekönig (was war eigentlich ein Schneekönig?), weil er sich also immer wie ein Schneekönig freute (und warum freuten sich Schneekönige so?), wenn ihm dreihundert Dollar extra und eine Nacht im Hotel angeboten wurden, auch wenn man nicht wirklich wusste, was an dem Extratag und der Extranacht im Hotel noch so toll sein sollte. Damals schon, hatten wir gedacht. Das hieß im Winter in New York nämlich: wir sehen uns noch einen Tag und noch eine Nacht, eine Menge, wenn man sonst weniger als hundert Tage im Jahr zusammen war, weil man auf zwei verschiedenen Kontinenten lebte.

Tagsüber durch Chelsea laufen. Sextoys ankucken, anfassen aber nicht ausprobieren. Schließlich war Anton mit einem schwarzen Lederarmband am rechten Arm nach Hause gegangen.

Die geschenkte Nacht.

Ich schlafe so gerne in Hotelzimmern. Weil meine Wohnungen nie so schön sind, seit ich in New York war. Weil es Filme, die in Deutschland noch nicht im Kino liefen, auf Pay TV gab. Die Nacht im Hotel. Erster Streit: Ob wir noch Fernsehen wollten. Zweiter Streit: Was wir sehen wollten. Dritter Streit: Weil ich 20 Minuten später einschlief, obwohl ich derjenige gewesen war, der noch was gucken wollte. Aber es war neben dir im Bett auf einmal so schön. Hast du nicht verstanden. Streiten, Streiten, Streiten. Streiten bis zum Schluss. Zum Abschied Versöhnungssex gabs nicht. Bisschen Versöhnungskuscheln bloß.

Wiedersehenskuscheln kein Wiedersehenssex gabs jetzt vier Monate später wieder in Berlin. Nicht mehr streiten. Nicht mal mehr streiten? Erstmal einschlafen zusammen. Konnte mich tagsüber sowieso nie länger als sechs Stunden im Stück wach halten. Auch ohne Jet Leg nicht. Nachmittags bisschen Ruhen, wie Dorothea ein Leben lang, auch als die Kinder noch klein waren. Dass ich in dem Moment ausgerechnet an meine Mutter denken musste. Beim letzten Treffen in New York hatte Anton mir kurz vor dem Abflug auf dem Flughafenklo trotz Videoüberwachung im toten Winkel der Kamera noch schnell vor dem Pissbecken einen geblasen. Das einzige Mal in dem Jahr, dass wir zusammen Sex hatten. Langsam machte ich mir Sorgen, wegen meinem nichtvorhandenen Sexualleben mit meinem Boyfriend.

Aber alle andern Homopaare, die ich kannte, hatten nach zwei Jahren Beziehung auch keinen Sex mehr. Keinsex, schwules Tabuthema Nummer Eins. Wer alles mit wem keinen Sex mehr hatte. Hätte ich gern immer noch, sone sexlose Beziehung mit Anton.

Es hätte mich nach dem Mittagsschlaf schon stutzig machen müssen, dass in der neuen Wohnung im Prenzelberg meine Sachen unausgepackt in zwei Pappkartons, nicht mal richtige Umzugskartons, beiseite geschoben, in der Ecke, hinterm Sofa abgestellt waren.

Dabei sollte es unsere Wohnung werden.
Es sollte doch jetzt unsere Wohnung werden.
Anton und ich, wir wollten zusammen in Berlin bleiben.

"Ich komme nach Berlin," hatte ich ihm gemailt.
"Ich komme zurück nach Berlin."
Dann hatte ich etwas gezögert aber schließlich geschrieben: "Für immer."
Einen Tag später kam die Antwort:

"Ich freue mich wie ein Schneekönig."

Drei Jahre hatte ich mit einer Entscheidung gewartet oder war was anderes wichtiger, ich wusste es nicht. Drei Jahre wollte ich beides: New York und Anton. Nach drei Jahren New York und Anton hatte ich mich für Anton entschieden. Aber wofür hatte sich Anton, der Schneekönig, in der Zwischenzeit entschieden?

In seiner alten Wohnung gehörte mir mitten im Wohnzimmer praktisch ein ganzes Regal. Mit einer kleinen Bücherecke unten links fing es an. Jeden Sommer kamen mehr dazu. Einen eigenen Schreibtisch hatte ich auch. In Neukölln kein Problem. Die Wohnung war sowieso zu groß für einen.

In der neuen Wohnung gabs auch neue Regale, in orange. Mein Freund mochte gern grelle Farben, wenn es um die Inneneinrichtung ging. Bisschen lesbisch, fand ich. Auf denen war aber gar kein Platz für meine Bücher. Langsam kam ich dann drauf: War hier kein Platz für mich mehr?

Aber das Schlafzimmer, mit der himmelblauen Bettwäsche. Hier wollte ich nicht wieder weg. Die schöne himmelhellblaue Bettwäsche und die schönen schneeweißen Vorhänge. Ein Schlafzimmer für Schneekönige. Nur halb so groß wie vorher. Das alte Bett passte noch rein, unser Bett. Dann war das Zimmer aber auch schon voll. In letzter Minute hatte Anton den Platzmangel bemerkt und nachts vorm Ausgehen, sagte er, noch schnell zwei Regalbretter für meine Sachen an die Wand genagelt. Sahen so schief aus wie in Lisas Studio in New York. Obwohl Anton ein super Handwerker war, eigentlich.
Wahrscheinlich fanden die Heimwerkerarbeiten erst am Morgen nach dem Ausgehen statt. Im Schlafzimmer vom Schneekönig, wo sonst alles so schön war, störten die billigen Bretter deutlich. Nicht nur optisch, mein ich, nachts als ich aufs Klo musste, stieß ich mich dran.

"Bist du blöd," sagte mir Sven am nächsten Morgen am Telefon.
"Du weißt nicht, was ein Schneekönig ist?"
"Warum er sich so freut, der Schneekönig?"
"Worüber denn,"
"Ein Schneekönig,"
mein Schneekönig,
"Ist ein Kokser."

 
 


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